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Die Rekordfrau

Die Notärztin Mag. Dr. Susanne Ottendorfer blickt auf ein langes Notarztleben zurück – und hat es mit ihrer Rettungsleidenschaft sogar ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.


Mag. Dr. Susanne Otten­dorfer mit einem Stück ihrer beeindruckenden Sammlung, einer handgemachten Rettungskutsche aus

Die einen sammeln Briefmarken, die anderen Münzen. Heiratet eine Notärztin einen Rettungssanitäter, was liegt dann näher, als Modelle von Rettungsautos zu sammeln? In über zwanzig Jahren haben Mag. Dr. Susanne Ottendorfer (52), stützpunktverantwortliche Notärztin im Landesklinikum Mödling, und ihr Gatte Siegfried Weinert tausende Rettungsfahrzeug-Modelle aller Art zusammengetragen. Ihre Sammel-Leidenschaft hat ihnen sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde verschafft: Sie haben die „Largest collection of model ambulances“ der Welt. Das bedeutet: Alles, was ein Rettungs-Logo trägt oder Patienten transportiert, wird von beiden zusammengetragen, kategorisiert und im Keller des Einfamilienhauses in Wiener Neudorf aufgestellt.

Bereits 11.700 Modelle

Autos, Hubschrauber, Züge, Motorboote, Kutschen – wohin das Auge blickt, fein säuberlich sortiert in Glasvitrinen, geordnet nach Herkunftsländern. Derzeit sind es etwa 11.700 Modelle. Beim Guinness-Buch-Eintrag waren es „nur“ 10.648 Stück, doch das Ehepaar hat fleißig weitergesammelt. Der Weltrekord als Anerkennung für jahrelanges Suchen, Stöbern, Internetdurchforsten und Sammeln sei „Freude und Ansporn zugleich“, strahlt Susanne Ottendorfer. Gesammelt werden hauptsächlich Fahrzeuge der verschiedenen Rettungsdienste wie Rotes Kreuz, Malteser, Johanniter, Samariterbund und viele andere. Doch neben Spieleautos finden sich hier auch ganz exotische Dinge wie Patschen, Vogelhäuserl und auch Seifenspender, „einfach alles, was mit dem Rettungswesen zusammenhängt“. Stolz ist die Notärztin besonders auf internationale Modelle, beispielsweise von den Philippinen, aus Indien, Japan, Neuseeland, Amerika und so weiter. Übers Internet und Tauschbörsen hält man Kontakt zu anderen Sammlern, hat schon Freundschaften verstreut über den ganzen
Globus geschlossen.

Ungewöhnliches Hobby

Wie kommt man zu diesem ungewöhnlichen Hobby? „Mein Mann hat damit begonnen“, sagt die Notärztin. Der Marketingexperte der Unfallversicherung AUVA und Präsident des Berufsverbands für Sanitäter besaß 500 Rettungsautos, als er vor zwanzig Jahren seine Notfallärztin kennenlernte. Sie war gleich voll dabei, brachte Ordnung und neue Rettungsautos. Jetzt, 11.000 Autos später, planen die beiden sogar die Urlaube nach der Leidenschaft, um die ganze Welt nach neuen Exponaten abzusuchen. Im Juni etwa war das Sammlerpaar in Paris auf einer Modell-Messe. Susanne Ottendorfer präsentiert stolz die neueste Errungenschaft von dort, ein Modell aus den 20er Jahren, hebt es behutsam aus der Glasvitrine: „650 Euro hat dieses Liebhaberstück gekostet. Es ist sehr gut erhalten, rostet nicht, alle Türen sind noch drinnen.“ Das älteste Stück der Sammlung, eine Rettungskutsche, stammt übrigens aus dem Jahr 1895. Noch ist Platz im Haus, es kann weitergesammelt werden – für Susanne Ottendorfer ein notwendiger Ausgleich zum anstrengenden Beruf: „Ich sehe so viel Schlimmes, muss im Notfall blitzschnell Entscheidungen treffen. Um abschalten zu können, reden wir zuhause nicht über den Rettungsdienst. Das Sammeln dient als Bewältigungsmechanismus, so ersparen wir uns den Weg zum Psychologen.“

Mickey Mouse & Co

Das Sammeln ist nicht die einzige Leidenschaft der sympathischen Notärztin, auch Walt Disney hat es ihr angetan: „Er war so ein kreativer Mensch, ich bewundere ihn sehr.“ Überall im Haus stößt man auf Mickey und Minnie Mouse, auf Postern, Pölstern oder Tassen – „unser zweiter großer Vogel“, sagt sie lachend. Gemeinsam mit ihrem Mann war sie schon in allen Disneylands, die Hochzeitreise ging ins Disneyland Tokio. Im Jahr 2006 war das Ehepaar bei der Eröffnung des Disneylands in Hongkong – und erregte sogar mediales Interesse: „Wir wurden dort für die Abendnachrichten interviewt, weil wir die ersten Europäer waren, die es betreten haben.“

Ärztin mit Leib & Seele

Doch ihre Hauptleidenschaft gilt nach wie vor ihrem Beruf. 1979 beginnt Susanne Ottendorfer als Sanitäterin im Rettungswagen, 1985 beendet sie in Mindestdauer das Medizinstudium, studiert während der Wartezeit auf einen Turnusplatz Handelswissenschaften auf der Wirtschaftsuni – „daher kann ich meinen Steuerausgleich selber machen“. Den Turnusplatz bekommt sie im Landesklinikum Hochegg, wechselt nach einigen Monaten nach Mödling. Auf der Unfallabteilung findet sie ihre Berufung: „Mir liegt das Manuelle wie gipsen, Verbände anlegen, nähen. Außerdem mag ich die Hektik, man muss schnell beurteilen und entscheiden – und dabei besonnen bleiben, denn man hat nicht die Möglichkeit, Sachen zu korrigieren. Mein Job ist immer aufregend, spannend und fordernd.“ Susanne Ottendorfer bezeichnet sich selbst als Adrelaninjunkie, fährt gern Hochschaubahn und Motorrad. Auch in der Freizeit mag sie’s hektisch.

Langes Notarztleben

Seit 1991 ist Susannen Ottendorfer nun Notärztin im Landesklinikum Mödling, mittlerweile für den Stützpunkt verantwortlich, erstellt den Dienstplan für die 14 Notärztinnen und Notärzte. In diesem langen Notarztleben hat sich viel Wissen und Erfahrung angesammelt. Ottendorfers Expertise war etwa gefragt, als vor etwa zehn Jahren die Rettungsleitstellen zusammengelegt wurden; sie hat maßgeblich an den neuen Strukturen von „144 Notruf NÖ“ mitgearbeitet, ist nun medizinische Leiterin.
Nebenbei arbeitet sie noch am Flughafen Schwechat in der Ambulanz, behandelt Patienten und Angestellte mit diversen Wehwehchen. Auch am Wiener Donauinselfest ist sie im Einsatz oder am GTI-Treffen am Wörthersee – vom Sonnenstich, Kollaps über allergische Reaktionen bis zum übermäßigen Alkoholkonsum reicht hier das Behandlungsspektrum.

Zigtausende Notarzteinsätze

Auch die Zahl von Susanne Ottendorfers Rettungseinsätzen ist mittlerweile rekordverdächtig und wäre einen Eintrag ins Guinness-Buch wert: 10.000 Einsätze nur im Notarztwagen Mödling; rechnet man noch die Einsätze im Notarztwagen Schwechat und Landstraße dazu – in denen sie früher auch Dienst versah – und die als Sanitäterin seit 1979, kommt sie auf unglaubliche 20.000 Einsätze. „Die vielen Einsätze sind nur eine Alterserscheinung“, meint sie bescheiden. Doch es sind auch viele Leben, die sie gerettet hat. Akribisch führt sie Buch über jeden Einsatz, hat alles genau aufgelistet, kann sich so jeden Einsatz ins Gedächtnis rufen. Ein Leben im Dienst der Rettung sozusagen – beruflich und privat. Ihr Sohn (28) arbeitet – wenig überraschend – bei der Wiener Rettung als Notfallsanitäter. Was würde sie gerne noch machen? „Ich wäre gern Rettungsdienste mit dem Hubschrauber geflogen, doch dieser Wunsch wird sich nicht mehr erfüllen, denn die Warteliste ist
zu lang“, meint sie nachdenklich. Der Klang einer Sirene unterbricht sie: „Sie spielen mein Lied“, sagt sie und macht sich auf den Weg zum nächsten Einsatz.

Landesklinikum Mödling

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