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Die Krise als Chance

Johannes Gutmann hat vor 23 Jahren aus einer persönlichen Krise heraus die Firma Sonnentor im Waldviertel gegründet – mit Tradition und Vertrauen als Formel für persönliche Zufriedenheit und wirtschaftlichen Erfolg.


In seiner Freizeit geht Johannes Gutmann gerne auf Flohmärkte und stöbert nach alten Dingen. In Sprögnitz, dem Firmensitz von Sonnentor, ver­bindet er Moderne und Tradition und hat beispielsweise eine alte Apotheke aus Graz ausgestellt.

Von roten Waldviertler Schuhen getragen, seinen Blick durch eine rote Brille geschärft, saust Sonnentor-Gründer Johannes Gutmann leichten Fußes durch seine Lagerhallen im Waldviertel, die bis unters Dach mit den verschiedensten Kräutern und Gewürzen gefüllt sind. Auf Schritt und Tritt wird der Geruchssinn von einem anderen Duft stimuliert. In 50 Länder werden die Kräuter aus dem Waldviertel exportiert, sogar die Japaner
stehen auf die Sonnentor-Kräuter – besonders nach dem Reaktorunfall haben sie das Bedürfnis nach reinen Lebensmitteln. 

Gutmann stammt aus einer Bauernfamilie mit vier Geschwistern, hat 14 Tage Welthandel studiert, arbeitete dann bei der Brauerei Zwettl, beim Waldviertel Management und kam dann zur Firma Waldland, die Kräuter und ähnliche Naturprodukte vertreibt. Als er gekündigt wurde, war er tief getroffen, entschied sodann sich selbständig zu machen, und sich so in eine völlig andere und bessere Richtung zu entwickeln. Eine Krise war der Motor für seinen heutigen Erfolg und seine Zufriedenheit. Er hat sich emotional von Konventionen und Zwängen befreit, wollte nicht mehr Dienst­nehmer und Diener eines fremden Systems sein.

Vertrauen und Wertschätzung geben

Der Mittvierziger schöpft seine heutige Zufriedenheit auch aus dem Umgang mit seinen Mitarbeitern. Ob Lagerarbeiter oder die Frauen am Packtisch – jeden grüßt Gutmann freundlich, fragt kurz, wie es geht, und es wirkt nicht aufgesetzt, sondern ehrlich interessiert. Vertrauen lautet das Zauberwort, das er seinen Mitarbeitern entgegenbringt, und das er im Gegenzug, wie eine reife Frucht, ernten kann: „Man muss Vertrauen aufbauen und das auch wirklich wollen. So bekomme ich mehr zurück, als ich gebe.“ Er hat erkannt, dass nur zufriedene Mitarbeiter gute Arbeit leisten und dem Unternehmen den vollen Einsatz bringen. Seine Mitarbeiter sind für ihn Mitunternehmer: „Als ich meinen Job verlor, war das für mich eine emotionale Kränkung“, gibt er offen zu. Emotionale Kränkungen führen zu Krankheiten: „Ein Grundgrant baut sich auf, den man Tag für Tag mitschleppt“, und dieser Grundgrant vergiftet. Grantige Chefs kenne er zur Genüge, die nur das Schlechte suchen. „Wer Dreck sucht, wird Dreck finden. Ich brauche Mitarbeiter um mich, die das wollen, was ich will.“ So einfach ist das.

Gemeinsam essen hilft

Er trägt für 161 Mitarbeiter die Verantwortung, 600 Produkte gibt’s im Sortiment und 100 Sorgen gilt es täglich zu lösen. Deshalb sorgt er in seinem Unternehmen für ein gutes Klima, das beginnt mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ und setzt sich zu Mittag mit einem gemeinsamen Mittagessen fort. Natürlich kann er nicht mit allen zu Mittag essen, aber die Tradition soll gepflegt werden, dass man sich gemeinsam an einen Tisch setzt, sich Zeit nimmt und isst. Der Spruch „was man isst, ist man“ habe schon seine Berechtigung, das vermitteln auch seine Produkte, die eine lachende Sonne als Logo tragen. Der Natur nimmt er nur, was sie selbst hervorbringt.
Gutmann ehrt das alte Handwerk, das alte Wissen und seine Symbole, darauf baut er auf, damit beantwortet er Fragen wie: „Wo kommen wir her?“ Er hat in seinem Leben versucht, zu erkennen, was man nicht braucht und wo die eigene Schmerzgrenze liegt. Krisen sind für ihn eine Chance, um sich weiterzuentwickeln, zu erkennen, was nicht mehr gut ist für einen, und sagen einem, wie weit man gehen soll: „Für mich ist eine Krise die Möglichkeit, mich selbst zu erkennen.“

Beständigkeit und Werte weitergeben

„In unserer Gesellschaft gehe es nur um Haben- und Mehr-haben-Wollen, „das macht unglücklich und unzufrieden“, sagt Gutmann. Das ständige
Steigerungsspiel beute aus und koste zu viel Kraft. Er vergleicht es mit einem Baum, den man zurückstutzt, damit er kräftig weiterwachsen kann. Der Stamm ist nicht nur Träger für die Äste, sondern eine Brücke, um die Baumkrone zu erden. Wachstum sei schon gut, aber nicht so viel, dass der Boden völlig aus­gelaugt wird und man zum nächsten Feld ziehen muss, um es auszubeuten. Diese Philosophie verfolgt er auch mit seinem Unternehmen, seine Kräuter und Gewürze stammen alle aus biologischem Anbau und sind handverlesen. „Da wächst die Freude“ – so lautet das Motto von Sonnentor.
Was in seinem Unternehmen verdient wird, wird investiert, soll der Allgemeinheit zugute kommen; der Mensch solle mit dem Geld arbeiten, nicht für das Geld. Für den dreifachen Familienvater in zweiter Ehe ist es ein wichtiges Ziel, Beständigkeit und Werte in die nächste Generation zu tragen. Familie ist dabei für ihn wie eine Tankstelle, wo er Kraft und Inspiration aufnimmt.

Management aus Bauch und Seele heraus

Seinen Firmensitz nach Wien zu verlegen, kam für ihn nie in Frage. Er bleibt im Waldviertel, wo seine Wurzeln sind: „Das ist authentisch, wir gehören hierher.“ Gutmann schätzt Managementlehren nicht, ist aber ein guter Stratege des Wandels: „Wir haben ein Leitbild entwickelt, hinterfragen dieses aber ständig, ob wir noch auf Kurs sind.“ Managen heißt für ihn, Entscheidungen auch aus dem Bauch heraus zu treffen, aus tiefster Seele. Kontrolle und Leistungsdruck vergiften Körper, Geist und Seele. Die ganzen Managementlehren seien veraltet, ein Umdenken deshalb dringend notwendig. „Wachstum kann nur aus Freude heraus entstehen.“
Auf die Frage, wie er mit seiner Bekanntheit umgeht, antwortet er schlicht: „Ich nehme es gelassen. Ich war es vorher nicht und es wird wieder eine Zeit kommen, wo ich es auch nicht mehr bin.“ Mit seinem gelassenen Umgang mit Ruhm ist der in Brand bei Zwettl aufgewachsene Gutmann sogar in seiner Heimat, dem Waldviertel, bekannt und anerkannt. Er schätzt die Ruhe und Lebensqualität des Waldviertels, würde nie in die Stadt wollen, bezeichnet sich selbst als „Biospinner“.

Säen und ernten sichern die Freiheit

Auf die aktuellen Krisen weltweit angesprochen meint er, „wer sich um seine Saat kümmert, wird immer zu essen haben.“ Alles darüber hinaus sei Luxus und nage an der Zufriedenheit und Lebenskraft des Menschen. „So viele erfolgreiche Menschen sind bekannt, vereinsamen aber in ihrer Bekanntheit.“ Für Gutmann ist Freiheit und Selbstbestimmung das oberste Gebot, das war auch der Antrieb, sich als 23-Jähriger selbstständig zu machen. Seine Lebensphilosophie: „Was man aussendet, das bekommt man zurück, in der Natur liegen die besten Rezepte für ein schönes und langes Leben, alles muss im Gleichgewicht sein, damit die Freude wachsen kann.“

FOTOS: Sandra Sagmeister

Sonnentor

Die Firma Sonnentor wurde 1988 gegründet und wurde damals von drei Bio-Kräuterbauern mit Mohn und Kümmel beliefert, heute sind es 150 Bio-Bauern. 1992 kaufte der Firmengründer Johannes Gutmann in Sprögnitz bei Zwettl einen alten Bauernhof und baute diesen zu einem modernen Produktions- und Verteilungszentrum aus. Trotzdem fördert Sonnentor die kleinen bäuerlichen Strukturen, wie sie im Waldviertel noch vorherrschen. Sonnentor ist in Österreich Marktführer im Fachhandel für Tee und Gewürze (in Deutschland Platz 3) und hat einen Marktanteil von 50 Prozent. Sonnentor-Produkte werden zu 80 Prozent exportiert, größtenteils nach Deutschland, Tschechien und in die Schweiz, aber auch nach Bali, Korea, Japan, Kuwait, Taiwan, Hongkong oder Neuseeland. Im Geschäftsjahr 2010/2011 erwirtschaftete Sonnentor einen Gesamtumsatz von rund 23,3 Millionen Euro, 6 Millionen wurden in den Ausbau des Standortes Sprögnitz investiert. Die Produktepalette ist groß, jährlich werden 20 neue Produkte entwickelt, da gibt es z. B. Sonnige-Grüße-Tee, Bio-Bengelchen-Babytee, Flower-Power-Gewürzblütenmischungen, Kraftsuppen, Zaubersalz-Gewürzmühlen oder die Wiener-Verführungs-Kaffeemischung.