„Die erste wirkliche Sexbombe“
Sigrid Marquardt spielte im Frühjahr mit ihren 87 Jahren noch Theater. Doch langsam muss sie mit ihren Kräften haushalten und hat sich in Baden ins Hilde-Wagener-Künstlerheim zurückgezogen. Dort blickt sie bescheiden auf ihre große Karriere zurück.
Üppige rote Rosen stehen auf dem Tisch, honigfarbenes Licht taucht den Raum in eine wohlige Vertrautheit und Geborgenheit. Die Schauspielerin Sigrid Marquardt sitzt elegant im grünen Ohrensessel. Neugierig blitzen ihre graugrünen Augen, ihr Körper bleibt erhaben und ruhig. Elegant reicht sie die Hand zum Gruß, perfekt passt die schwarz-weiß gestreifte Jacke zu den schwarz-weißen Schuhen. Eine angenehm tiefe Stimme erhebt sich, hebt an, um ein langes und aufregendes Schauspielerleben Revue passieren zu lassen. Buhlschaft am Salzburger Domplatz, Engagements in den großen deutschsprachigen Häusern – viel gibt es zu berichten.
Sexbombe und Star
Sie hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit Liz Taylor. Auf einem Flug musste sie einem jungen Steward einmal ein Autogramm geben, weil er sie für Liz
Taylor hielt, „ich konnte es ihm nicht ausreden“, sagt Marquardt, die über ihre vermeintliche Weltberühmtheit schmunzeln muss. Ein Kritiker bezeichnete sie als „vielleicht die legitime Nachfolgerin von Paula Wessely“. Und in einer anderen Kritik war zu lesen, dass sie die „erste wirkliche Sexbombe“ sei.
Altern ist nicht schön
„Ab 70 beginnt man zu altern“ und mit 80 sei man dann endgültig alt – „ich finde am Altern nichts Schönes“. So knochentrocken sieht das die 87-jährige Burgschauspielerin, die sich diesen Sommer ins Künstlerheim in Baden zurückgezogen hat. Sie lebte bis dato alleine in ihrer Wohnung in Wien, fand aber, dass es langsam Zeit werde, sich in fürsorgliche Hände zu begeben: „Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, mich behütet zu fühlen.“ Der Geist funktioniert ja noch tadellos, aber der Körper tut weh, hinkt dem wachen Geist hinterher – und das mache das Altern schwierig.
Trotzdem – das Alter habe schon auch seine schönen Momente und schützt auch nicht vor Eitelkeit; die Marquardt legt weiterhin großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres: Perfekt geschminkt, perfekt frisiert und perfekt gekleidet – so präsentiert sich die Schauspielerin in ihrer kleinen Dachmaisonette im Hilde-Wagener-Heim. Im Frühjahr hatte sie noch einen Bühnenauftritt, jetzt fühle sie sich nicht mehr stark genug, die Kräfte schwinden langsam. Auf der Bühne stehen ist anstrengend, es gilt, Probenzeiten einzuhalten, und dann die abendlichen Vorstellungen … Marquardt genießt lieber die Ruhe über den Dächern Badens.
Ein harter Weg – steil nach oben
Es ist fast wie ein leiser Abgang von der Bühne:
Marquardt zieht sich bedächtig aus dem Leben zurück, sucht die Ruhe, die Geborgenheit hinter den Kulissen. Eigentlich ist sie Autodidaktin, „ich bin eine ungelernte Handwerkerin“, sagt sie selbstsicher. Den Drang, Schauspielerin zu werden, hatte sie schon im Gymnasium, doch dachte sie damals: „Das wird immer nur ein Traum bleiben, ich reg mich ja schon beim Hinschauen auf.“ Mit 19 heiratete sie zum ersten Mal und musste 1945 als schwangere junge Frau die Heimat Schlesien verlassen: „Auf der Flucht hatte ich nur, was ich am Leib trug.“ Sie bekam ihren einzigen Sohn und nahm dann fast jeden Job an: Sie war im amerikanischen Sektor gelandet und verkaufte Coca-Cola-Flaschen in Hotels, wusch Windeln und Kochtöpfe. Dann arbeitete sie als Lehrerin und brachte den Soldatenfrauen Deutsch bei. „Ich lebte faktisch ohne Geld, aber diese schwere Zeit hat mir eine unglaubliche Stärke gegeben“, erinnert sie sich.
Den Traum erfüllt
Und immer noch geisterte in ihrem Kopf der Wunsch herum, Theater zu spielen. Ihr erstes Engagement war dann in einem Einzimmer-Theater in Bayern, wo bunte Abende für die Soldaten gegeben wurden. Die 24-Jährige übernahm als Einspringerin die Rolle, die ansonsten von einer 63-Jährigen gespielt wurde. Doch der steinige Weg war kurz, die Karriere steil: Sie schaffte rasch den Sprung an die größten Häuser des deutschsprachigen Raums. Viele Jahre war sie in der Josefstadt und im Burgtheater engagiert. Marquardt war 1960 bei den ersten Salzburger Festspielen im „Jedermann“ die erste Buhlschaft nach dem Zweiten Weltkrieg: „Wir haben uns damals noch die Seele aus dem Leib geschrien“, erinnert sie sich, die an der Seite von Walther Reyer spielte und ohne Verstärkung den Domplatz mit ihrer Stimme erfüllte. Sie war auch mit dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt auf Südamerika-Tournee und gastierte in New York, mit dem Burgtheater war sie in Japan.
Jungbrunnen Lernen und Neugier
Das Schauspielen und ständige Textlernen hat sie im Kopf fit gehalten und auch die Hingabe, die man in diesen Beruf legt, hält frisch und lässt den Horizont offen. Auf ihre Gesundheit habe sie nie wirklich geachtet, erst mit 50 hat sie aufgehört, zu rauchen. „Schauspielen ist eine Leidenschaft, ein anstrengender Beruf, besonders, wenn man was erreichen will.“ Marquardt hat viel erreicht, nichts versäumt, deshalb kann sie sich auch zufrieden in ihrem Ohrensessel zurücklehnen. Und zum Abschluss sagt sie leise, aber mit einer tragenden Stimme: „Ich hatte ein schönes Leben.“
FOTOS: Sandra Sagmeister, privat






