„Die Armut ist näher, als man glaubt“
Auch in Österreich gibt es Menschen, die mit nur 400 Euro im Monat auskommen müssen. Wo wirklich jeder Cent zählt, da helfen die Freiwilligen der Team-Österreich-Tafel, um Betroffene zumindest mit Lebensmitteln zu unterstützen.
Lässig lehnt Rudi auf einer Kiste voller Gemüse. „Wieder viele Waren heute“, sagt eine Helferin, die gerade 50 Becher Fruchtjoghurt hereinbringt. „Ja“, entgegnet Rudi, „aber auch viele Menschen, die sie brauchen.“ Rudi ist einer davon. Jeden Samstag kommt er zur Team-Österreich-Tafel im alten Gutshof in Strasshof, wo Lebensmittel an Bedürftige verteilt werden. Auf zahlreichen Tischen stapeln sich Kisten und Bananenschachteln voller Obst, Gemüse, Brot, Milchprodukte und Süßigkeiten. Aufkleber mit der Aufschrift „–25 Prozent“ oder „1/2 Preis“ kleben an den Verpackungen. Auch zwei Paar Schuhe und einige Stofftiere finden sich in einer Kiste neben den Getränkeflaschen. Insgesamt warten – so wie jedes Wochenende – etwa zwei Tonnen Lebensmittel auf neue Besitzer.
Vorreiter in Niederösterreich
Maria Schravogl und ihr Team vom Roten Kreuz Gänserndorf stellen bei der Team-Österreich-Tafel heute wieder kostenlose Nahrungsmittel und andere Produkte zur Verfügung. So wie jeden Samstag seit dem 14. November 2009. An diesen Tag erinnert sich Maria noch gut, denn damals waren sie, gemeinsam mit dem Roten Kreuz in Hollabrunn, die Ersten in Niederösterreich, die diesen Service angeboten haben. In diesem Jahr kam die heute 59-jährige Pensionistin durch eine Zeitungsannounce zum Roten Kreuz, es wurden Helfer für die Gesundheits- und sozialen Dienste gesucht. Erst später wurde daraus die Team-Österreich-Tafel.
Heute helfen mehr als 40 Freiwillige ehrenamtlich mit. „Wir arbeiten donnerstags und samstags, aber es kann auch zwischendurch immer wieder sein, dass man schnell reagieren muss, weil man eine Spende bekommt. Die holen wir dann natürlich gerne auch an anderen Tagen ab“, erklärt Maria. An Donnerstagen besucht das Team mit zwei umgebauten Krankenwägen Bauernhöfe und kleine Läden, die ihnen Waren zur Verfügung stellen – Waren, die nicht mehr verkauft werden können oder gespendet werden. An Samstagen fahren sie von Supermarkt zu Supermarkt, sogar bis zum Wiener Westbahnhof, um Brot und Lebensmittel kurz vor dem Ablaufdatum einzusammeln, die sonst im Müll landen würden.
820 Euro für zwei Personen
„Ich bin schon seit dem ersten Tag dabei“, erzählt Rudi. Hinter ihm fauchen zwei Heizkanonen, die etwas Wärme in die alten Gemäuer bringen sollen. Maurer war er früher, erzählt er. Jetzt, mit 66 Jahren, ist er im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er von 820 Euro Pension im Monat. „Wie soll das denn gehen?“, fragt er. „Deshalb ist das, was diese Leute hier leisten, wirklich phänomenal. Und jeder, der hier herkommt, geht am Ende mit einem glücklichen Gesicht wieder hinaus.“ Dann geht es los. Maria Schravogl vom Roten Kreuz nimmt ein Megafon in die Hand und begrüßt die Menschen, die heute gekommen sind. Sie alle haben ihren Ausweis der Team-Österreich-Tafel abgegeben, auf dem ihr Name, ihre Mitgliedsnummer und die Anzahl der erwachsenen Personen und der Kinder im Haushalt angegeben ist. Wie Lose werden die Karten nacheinander aus einer Dose gezogen und so die Reihenfolge ermittelt, in der die Leute sich einen der zahlreichen Einkaufswägen holen dürfen.
Klienten schämen sich
Im ehemaligen Stall des Gutshofs herrscht reger Betrieb. Wände und Holzpfeiler wurden weiß bemalt, Wandschmuck und einige Blumen lassen die Räume freundlicher wirken. Das Gebäude liegt ein wenig versteckt abseits der Hauptstraße. „Das ist wichtig“, meint Maria, „viele unserer Klienten schämen sich, dass sie auf Hilfe angewiesen sind. Oft stehen Leute bei einer Essensausgabe vor dem Gebäude und warten, bis wir sie ansprechen, weil sie sich nicht trauen, selbst um Hilfe zu bitten. Wir haben sogar einen ehemaligen Geschäftsmann aus Wien, der jede Woche extra nach Strasshof fährt, um sich seine Lebensmittel abzuholen, weil ihn hier niemand kennt.“ Ob die Menschen tatsächlich bedürftig sind, wird vom Roten Kreuz halbjährlich überprüft. Die Klienten müssen auch eine Einverständniserklärung unterschreiben, dass die Waren per Augenschein zwar von den Mitarbeitern des Roten Kreuzes auf ihre Qualität überprüft werden, diese jedoch keine Haftung übernehmen und nicht garantieren können, dass die Lebensmittel immer zum Verzehr geeignet sind – obwohl natürlich nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet wird. Erst dann bekommt der Klient eine Karte der Team-Österreich-Tafel, die er vorlegen muss, um Lebensmittel abholen zu können.
Sponsoren gesucht
Jeder Samstag steht unter der Patenschaft eines Sponsors, der die Benzinkosten der Abholfahrten übernimmt. Eine Familie aus der Gegend hat einmal ein Jahr lang die Benzinkosten für jeden zweiten Samstag übernommen. Die Sternsinger spenden meist die Hälfte ihrer eingesammelten Süßigkeiten an die Tafel, und beim Erntedankfest bittet die Pfarre Strasshof jedes Jahr um Lebensmittelspenden, um das Projekt zu unterstützen. Auch junge Firmlinge helfen immer wieder mit, wie heute etwa Raphael, der sich um die Milchprodukte kümmert. „Besonders berührt hat uns die gute Tat eines jungen Mannes an einem unserer Aktionstage in einem Supermarkt, an dem wir die Leute immer bitten, Lebensmittel zu kaufen, die sie uns dann mitgeben. Eigentlich wollte er nur einen Kaugummi, am Ende kam er aber mit einem vollen Einkaufswagen aus dem Geschäft, den er uns dann gespendet hat“, erzählt Gerhard
Wessely, der ebenfalls seit der ersten Stunde bei der Strasshofer Tafel mitarbeitet. An einem durchschnittlichen Aktionstag kommen so Lebensmittel im Wert von etwa 3.800 Euro zusammen.
Hilfe zur Selbsthilfe
Manche der freiwilligen Mitarbeiter kaufen sogar selbst manchmal ein wenig mehr ein, als sie selbst brauchen. „Vor allem Kraut, Knoblauch oder Öl kaufe ich oft mit ein“, erzählt eine Mitarbeiterin, „denn solche Sachen bekommen wir sehr selten und die Leute freuen sich, wenn ich sie mitbringe.“ Dennoch deckt die Tafel selten den Lebensmittelverbrauch für die ganze Woche ab. „Und das ist auch nicht der Sinn der Sache“, erklärt Gerhard Wessely, „unsere Aktion soll eine Hilfe zur Selbsthilfe darstellen, damit auch für andere Sachen Geld übrig bleibt. Die Essensausgabe soll kein vollkommener Ersatz für den Wocheneinkauf sein.“
21 Ausgabestellen
37.206 Klienten wurden im Jahr 2012 österreichweit mit kostenlosen Lebensmitteln versorgt. 21 Ausgabestellen gibt es derzeit alleine in Niederösterreich. Eine weitere soll bald in Wiener Neustadt eröffnet werden. „Die Armut ist näher, als man glaubt“, meint Maria Schravogl. „Die Leute müssen oft von 400 Euro im Monat leben und die Jungen haben das Problem, dass sie keine Ausbildung haben und deshalb keinen Job finden. Intakte Familien gibt es bei uns eigentlich kaum. Meistens kommen alleinerziehende Mütter mit mehreren Kindern her. Die Schicksale, die man von den Leuten hier hört, nehmen einen oft schon sehr mit. Zu einem großen Teil sind wir auch Seelsorger, denn die Leute wollen sich auch ihren Frust von der Seele reden“, erzählt sie.
Dennoch ist die Stimmung in dem alten Stall sehr gut. Die Leute grüßen sich höflich, scherzen miteinander, Rudi schäkert mit den Damen, nennt sie „Katzerl“ und sie streichen ihm über die Schulter und lachen herzhaft. „Man schließt die Leute schon ins Herz“, verrät Maria, „trotzdem ist es ein schönes Gefühl, wenn ein Klient uns den Ausweis zurückgibt, weil er einen Job gefunden hat und uns nicht mehr braucht.“ Drei Mal sei das bis jetzt passiert. „Den anderen werden wir so lange helfen, wie wir können“, sagt sie und blickt auf eine junge Frau und ihre drei Kinder, die mit einem vollen Einkaufswagen Richtung Ausgang fahren. „Schönes Wochenende!“, ruft ihr Maria Schravogl hinterher. Die junge Mutter hebt noch einmal die Hand zum Gruß, dreht sich um und sagt „Danke!“
Team-Österreich-Tafel
Die Team-Österreich-Tafel ist eine Initiative
des Österreichischen Roten Kreuzes und von Hitradio Ö3. Freiwillige Helfer sammeln Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden, und verteilen sie an Bedürftige.
Informationen:
Tel.: 0800 600 600 (kostenlos, täglich von 07:00–19:00 Uhr) und an jeder Rotkreuz-Dienststelle
Es besteht die Möglichkeit, auch online zu spenden: www.roteskreuz.at/mitmachen/spenden





