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Der erschöpfte Mensch

Burnout scheint eine richtige Volkskrankheit zu sein. Was steckt dahinter? Die niederösterreichische Expertin Univ.-Prof. Dr. Rotraud A. Perner spricht von einer „gesunden Reaktion auf ungesunde Zustände“.


„Erschöpfung bedeutet, dass jemand seine Ressourcen ausgeschöpft hat und daher Zeit, nicht nur zur Regeneration, sondern meistens zu völliger Neuorganisation benötigt.“ Univ.-Prof. Dr. Rotraud A. Perner, die Grande Dame der Seele in Nieder­österreich, widmet sich in ihrem neuen Buch der derzeit geradezu epidemieartig steigenden Zahl von Burnout-Erkrankungen in unserer Gesellschaft. Kein Magazin kommt derzeit ohne das Thema aus, Selbsttests über die eigene Gefährdung findet man überall. Doch was hilft?
Die Psychoanalytikerin und Juristin findet klare Worte zu der sogenannten Mode-Diagnose, die doch nichts anderes als der Aufschrei ist, dass es so nicht mehr weitergeht: „Burnout ist ein gesundes Signal auf eine ungesunde Lebenssituation. Ich definiere daher Burnout nicht als Krankheit, sondern als eine mögliche gesunde Reaktion auf gesundheitsschädliche Lebenssituationen. Es gibt aber auch andere Reaktionsmöglichkeiten.“ Nämlich, verkürzt gesagt, die Lebensumstände unter die Lupe zu nehmen und sie rechtzeitig und mit Nachdruck zu verändern. Mit Erholungswochen im Wellness-Hotel lasse sich der tiefen Erschöpfung nicht beikommen, da sich dadurch ja nichts an den krankmachenden Strukturen ändert.

Selbstwahrnehmung hilft

Perner plädiert für den kritischen Blick: Handelt es sich um normale Müdigkeit nach anstrengender Arbeit? Um das Ausgebranntsein bei Kreativberuflern (wie Schriftsteller, die „ausgeschrieben“ sind)? Oder um den Zustand, wenn man „verheizt“ wird – „dieser Zustand tritt immer häufiger auf, weil immer mehr Menschen in Situationen sind, in denen weniger Leute in weniger Zeit mehr Arbeit bewältigen sollen ... und dazu noch schlecht behandelt werden“, weiß Perner, und auch, dass sich Ähnliches in den Familien abspielt, auch in bäuerlichen. Viel, was uns schadet, tun wir aus der Grundangst heraus, nicht anerkannt, nicht wahrgenommen, nicht beachtet und geachtet zu werden, erklärt die erfahrene Therapeutin: „Diesem Grundbedürfnis, akzeptiert zu werden, wie man ist, steht die Grundangst vor dem Herausfallen aus der sozialen Gemeinschaft gegenüber – war sie doch in frühester Kindheit Voraussetzung für das Über­leben. Mit zunehmendem Alter sollte sie zunehmender Autarkie und Auto­nomie weichen. Sie führt andernfalls zu gesundheitsschädlicher Anpassung an fremdbestimmte Vorgaben, egal, ob sie aus der Familie, dem Beruf oder den Medien stammen, und frisst Energie, die man besser, nämlich zu sozialen Innovationen nutzen könnte.“

Und wie entkommt man nun dem negativen Stress, der viele Menschen letztendlich zum Ausbrennen bringt? Man müsse seine Gefühle und die Signale des Körpers wahrnehmen und ernst nehmen, rät Perner. Und sie nennt sieben Lebensbereiche, die gelebt werden wollen: Arbeit (und, aber nicht nur Beruf), soziale Kontakte, emotionale Bindungen,  intellektuelle Entwicklung, körperliche Gesundheit, Kunst, Kultur und Spiritualität.

Buchtipp

Rotraud A. Perner:
Der erschöpfte Mensch
208 Seiten
ISBN: 978-3-7017-3266-1
21,90 Euro
Zu bestellen unter
www.gesundheitsbuch.at

FOTO: istockphoto