„Den Sieg musst du im Kopf wollen“
Weltmeister Benjamin Karl (29) stand vier Nachwuchsjournalisten Rede und Antwort. Er sprach über seine beruflichen Erfolge, seine Motivation, seine Familie, seine Ernährung, Lebensweise und über den größten Feind des Erfolges – die Zufriedenheit.
„Es geht wieder aufwärts, ich hab das Tief überwunden“, ist Benjamin Karl, einer der ganz Großen im österreichischen Wintersport, zutiefst überzeugt. Der Snowboarder aus Wilhelmsburg gehört zur Weltklasse: Er ist dreifacher Gesamtweltcupsieger, Olympiazweiter in Vancouver 2010 und Olympiadritter in Sotschi 2014 – abgesehen von den vielen anderen internationalen und nationalen Siegen. Wie eben heuer, wo er am Kreischberg in der Steiermark bei der Freestyle Ski- und Snowboard-WM den dritten Platz holte und beim Snowboard-Weltcuprennen in Moskau, wo er im März den zweiten Platz belegte. Und gerade diese beiden letzten Siege geben Benjamin Karl die eingangs erwähnte Hoffnung zurück: „Nach drei bitteren Jahren bin ich wieder zurück. Sportlich will ich nie wieder zufrieden sein. Das Gift des Erfolgs ist die Zufriedenheit“, ist Benjamin überzeugt.
Sportliche Kindheit
Sehr zufrieden war Benjamin aber als kleiner Bub, als ihn seine Mama immer wieder mitnimmt: Hinauf auf den Berg! Zum Wandern im Sommer und zum Schifahren im Winter. „Das hat mir total getaugt“, erinnert sich der Wilhelmsburger an seine Jugend. Schon mit zwei Jahren stand er zum ersten Mal auf den Schiern und mit zehn fing er an zu snowboarden. Sein Talent war offensichtlich und wurde auch bald entdeckt – in der Familie und in der Theodor-Körner-Sporthauptschule in St. Pölten, wo ihn unter anderem der Sportpädagoge Ingolf Wöll unterrichtete und förderte. Der talentierte junge Mann wurde schließlich an die Schi-Handelsschule nach Schladming geschickt. Eine Zeit, wo praktisch alles andere dem Sport untergeordnet war.
An seine Kindheit und Jugend erinnert sich Benjamin Karl gern zurück. Und früh war für ihn klar, wohin er will. Schon als Bub notiert er auf einem Zettel drei Ziele in seinem Leben: „Ich will Olympiasieger werden, ich will der schnellster Snowboarder werden, ich will Weltmeister werden“. Alle seine Ziele hat Benjamin Karl erreicht – und das bereits im Alter von 24 Jahren. „Und dann kam das Motivationstief“, erinnert er sich zurück. „Ich stand am Start, mir fehlten für den Sieg nur vier Punkte, aber mir fehlte auch die Motivation, ich war nicht aggressiv genug. Für den Sieg aber musst du das sein, du musst den Sieg im Kopf wollen.“ In dieser Zeit lernt der Snowboarder das „Gift des Erfolges“, wie er sagt, kennen: die Zufriedenheit. Was im privaten Leben so wichtig ist, ist im Sportalltag der Profis offenbar gefürchtet. Drei Jahre kämpft Benjamin Karl gegen diese Zufriedenheit und gegen das Tief in seiner Laufbahn – bis er heuer endlich wieder am Stockerl stand. „Ich versuche, sportlich nie wieder zufrieden zu sein“, sagt er heute und betont: „Ich will mir das Ziel vor Augen halten und das heißt: gewinnen.“
Zufrieden & glücklich
Zufrieden und glücklich ist Benjamin Karl aber im privaten Leben. Seit vier Jahren ist er mit Nina Grissmann, der Tochter des legendären Schirennfahrers Werner Grissmann, verheiratet. 2012 kam ihre Tochter Benina zur Welt. „Kinder und Familie ist schon das Schönste im Leben“, gibt der Profisportler zu. Daraus schöpfe er seine Kraft.
Und das Geld? Wie wichtig ist das in seinem Leben, wollen wir wissen. „Das war am Anfang schon ein Antrieb, weil meine Mutter alleinerziehend war“, sagt Benjamin. „Wenn wir mit anderen in einem Hotel waren, dann haben die anderen Kinder Saft bestellt, aber ich durfte nur Leitungswasser trinken, weil kein Geld da war“, erinnert er sich an gewisse Erlebnisse zurück. Doch irgendwann, so der Profisportler, ist das Geld nicht mehr wichtig. Nämlich in dem Sinn, dass es nicht mehr motivierend ist, nur für Geld zu trainieren und gewinnen zu wollen.
Motivierend sind dann andere Dinge. „Wenn du einmal auf dem Stockerl gestanden bist, dann vergisst du dieses Gefühl nie wieder und du willst es wieder erleben“, sagt Benjamin Karl. Dennoch: Als seinen „schönsten Sieg“ nennt Benjamin Karl nicht den Weltcupsieg oder die tollen Ergebnisse bei den Olympiaden, sondern seinen ersten Sieg beim Weltcuprennen 2007. „Da wusste ich, dass ich bei der Weltspitze angelangt bin.“
„Das Geilste auf der Welt“
Würde Benjamin Karl jungen Menschen dazu raten, Profisportler zu werden? „Wenn man es aus tiefstem Herzen will, dann ist es das Geilste auf der Welt“, antwortet er ohne Umschweife. „Ich wollte immer Sportler werden, aber eines muss man auch wissen: Der Weg zum Erfolg führt über Misserfolge.“ Auch er habe das erlebt. Er hat einen Unfall gehabt, und Verletzungen, und hat sich mit eiserner Disziplin, Willen und Motivation an die Weltspitze trainiert.
„Wenn man es schafft, dass man vom Sport leben kann, dann hat man viel erreicht und man hat auch viele Freiheiten“, erzählt Karl. Sein Leben sei zwar von September bis März „total eingeteilt“ und voll dem Sport gewidmet. Aber jetzt in der Zeit bis zum Saisonbeginn genießt er seine Freiheiten. „Ich kann zum Beispiel entscheiden, wie lange ich schlafe und wann ich aufstehe“, sagt Benjamin und fügt dann schmunzelnd hinzu, dass das lange Schlafen „zurzeit kein großes Thema“ sei, weil Töchterchen Benina allmorgendlich schon früh auf den Beinen steht und er sich gerne und liebevoll mit ihr beschäftigt. Sport ist aber auch in den ,,freien Monaten“ für Benjamin Karl ein großes Thema. Täglich trainiert er und geht Rad fahren. „Das trainiert Ausdauer und Konzentration und beides ist wichtig im Snowboard-Fahren“, erklärt Karl. Fit hält er sich auch mit der Ernährung. „Ich war ein total Süßer und habe ein Packerl Gummibärchen auf einen Sitz weggeputzt. Das gehört jetzt der Vergangenheit an. Ich kasteie mich zwar nicht, aber ich versuche mich gesund zu ernähren.“ Aus diesem Grund ist der Speiseplan des Sportlers seit einem Jahr glutenfrei, laktosefrei und zuckerfrei. „Ich hab seit einem Jahr keine Pizza mehr gegessen“, sagt Karl und meint, dass das „gar kein Problem war“. Und wenn er Gusto auf Süßes hat, dann greift er zu einem Stück Schokolade mit 80-prozentigem Kakaoanteil. Eine ganz besondere Ernährung gibt es für Benjamin Karl übrigens während der Wettkampfzeit – „die Kost ist dann sehr eiweißhaltig und es gibt praktisch keine Kohlenhydrate, aber gute Fette“, berichtet er.
Journalismus-Akademie NÖ
Zu unserer Arbeit
Wir sind Teilnehmende der Journalismus-Akademie NÖ und durften beim Interview mit Benjamin Karl und beim Schreiben des Porträts über ihn hier in GESUND&LEBEN praktisch anwenden, was wir in der Theorie gelernt haben. Dafür danken wir Benjamin Karl, der sich für uns viel Zeit genommen hat. Wir durften einen Spitzensportler kennenlernen, der völlig frei von Allüren, bodenständig und total normal ist. Klasse fanden wir es auch, dass er uns anschließend geduldig für Fotos und Selfies zur Verfügung stand und dass er uns Einblicke gab, wie er Sportreporter in aller Welt erlebt. „Seid selbstbewusst und traut euch was zu“, gab er uns mit auf den Weg. Denn jeder Sportler will ja auch medial wahrgenommen werden. Was er nicht gut finde, seien Fragen, deren Antworten ja ohnehin offensichtlich seien. Wenn etwa ein Journalist nach einem verlorenen Rennen fragt, wie das Rennen war. Tipps, die wir uns gerne zu Herzen nehmen werden.
Das Interview fand im Rahmen der Pressekonferenz für den ,,Wings for Life Worldrun“ in der NV-Arena statt: Am 3. Mai 2015 gehen da in der ganzen Welt Läufer an den Start, um für querschnittgelähmte Sportler Spenden für die medizinische Forschung zu sammeln. Neben Benjamin Karl haben sich auch die Schwimmerin Mag. Sabine Weber-Treiber aus Mödling und der Motorsportler Reini Sampl aus dem Salzburger Lungau für Gespräche mit uns Zeit genommen. Beide Sportler haben bei den letzten Paralympics teilgenommen und nehmen im Rollstuhl am „Wings for Life Worldrun“ teil. Auch Benjamin Karl geht heuer wieder an den Start. Seine hervorragende Leistung vom Vorjahr von 35,5 Kilometern wird er wegen seiner derzeitigen Rückenprobleme nicht erreichen, dennoch möchte er 15 bis 20 km schaffen. „Für mich gehört zum Wohlbefinden, wenn man gut beieinander ist“, verrät er uns. Beim „Wings for Life Worldrun“ läuft er auch für jene mit, die es nicht mehr können. „So lange meine Füße funktionieren, werde ich sie gebrauchen. Ich benutze zum Beispiel nie einen Aufzug und gehe die Stiegen immer zu Fuß. Ich bin froh, dass es so ist, wie es ist, und dass ich alles machen kann.“
Raphael Nolz, Luana Gruber, Kathrin Wildpert und Sebastian Hieke





