Den Krebs mit Strahlen bekämpfen
Radioonkologen haben eine wirksame Waffe im Kampf gegen den Krebs zur Hand: Ionisierende Strahlung, mit der sie heute punktgenau und schonend heilen oder Krankheiten einbremsen können.
Krebs ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Österreich. 7.000 Menschen pro Jahr erhalten in Niederösterreich die Erstdiagnose Krebs. Das sind 400 pro 100.000 Einwohner. Krebs ist eine ernste und schwere Erkrankung, doch sie bedeutet schon lange nicht mehr das Ende. In den NÖ Landeskliniken arbeiten die Ärzte und Therapeuten auf dem neuesten Stand des
Wissens gegen den Krebs – mit immer besseren Ergebnissen. Österreich hat sehr gute Standards in der Krebsbehandlung, mit Krebs lebt man hier
länger als in anderen EU-Ländern.
Strahlen als Werkzeug
Es gibt immer mehr Medikamente und Methoden, um den Krebs zu bekämpfen, und ständig wird
weiter geforscht und Neues herausgefunden. Eine dieser Methoden ist die Strahlentherapie, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist und sich seither enorm weiterentwickelt hat – sowohl was die Technik der Linearbeschleuniger betrifft als auch das Wissen über Strahlenbiologie und die Kombination von Strahlentherapie mit radiosensibilisierender Chemo- oder Immuntherapie.
Derzeit gibt es zwei Abteilungen für Radioonkologie und Strahlentherapie in Niederösterreich, und zwar in den Landeskliniken Wiener Neustadt und Krems, beide geleitet von erfahrenen Ärztinnen. Im Landesklinikum Krems leitet Prim. Mag. Dr. Anja Bayerl die Abteilung für Strahlentherapie-Radioonkologie. Bayerl hat mit ihrem hochspezialisierten medizinischen Wissen und ihrer Erfahrung sowie mit den zwei Linearbeschleunigern und einer Brachytherapieeinheit (siehe Kasten Seite 24) wirksame Werkzeuge zur Hand, und dazu ein bestens geschultes und motiviertes Team aus Ärztinnen und Ärzten, Physikern, Radiologietechnologinnen und -technologen und Pflegekräften. Das Team versorgt Patienten aus dem Zentralraum und dem Norden Niederösterreichs.
Bayerl hat neben der medizinischen Ausbildung einen Magister in Pädagogik, Psychologie und Soziologie. Die engagierte Ärztin hat eine positive und fröhliche Ausstrahlung – und das, obwohl sie es jeden Tag mit schwerkranken Patienten zu tun hat. Doch „die Auseinandersetzung mit der Bewältigung kritischer Lebensereignisse hat mich schon immer interessiert“, sagt Bayerl. „Mir ist es, wie allen in meinem Team, ein großes Anliegen, Patienten in dieser oftmals sehr schweren Lebensphase zu helfen.“
Neue Methoden
Fersensporn, Tennisellenbogen und andere gutartige Erkrankungen können auch mit ionisierten Strahlen erfolgreich behandelt werden. Das geschieht in Niederösterreich vor allem im Landesklinikum Wiener Neustadt an einem dort vorhandenen Röntgentherapiegerät. Der allergrößte Teil der Fälle, die in den Abteilungen für Strahlentherapie-Radioonkologie therapiert werden, sind Krebspatienten. Der Tumor wird durch ionisierende Strahlen, die in Linearbeschleunigern erzeugt werden, zielgenau zerstört. Bei manchen Tumorerkrankungen wie beispielweise im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, bei Tumoren der Prostata oder der Lunge gilt die radioonkologische Therapie für einige Stadien als gleich wirksam und oftmals insbesondere bei älteren Patienten als weniger belastend als eine Operation. Bei vielen Tumorerkrankungen im lokal fortgeschrittenen Stadium ist die radioonkologische Behandlung oft die einzige Therapieform, die zur Heilung des Patienten führen kann.
Viele Patienten werden heute geheilt, viel ist möglich, weiß Bayerl: „Die Radioonkologie ist ein enorm dynamisches Fach, das sich insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten stark entwickelt hat. Wir arbeiten mit hoch dosierter Strahlung mit dem Ziel, auch die letzte noch teilungsfähige Tumorzelle zu zerstören. Durch die hohe Präzision der modernen Bestrahlungsgeräte (Linearbeschleuniger) kann eine höhere Dosis im Tumor eingestrahlt werden bei gleichzeitig besserer Schonung des umgebenden gesunden Gewebes.“ So können z. B. Linearbeschleuniger der neuesten Generation sogar schon den Strahl an die Atembewegungen der Patienten anpassen. Dies ist insbesondere in der Behandlung von Lungentumoren von Bedeutung. Eine weitere wichtige Methode in der Radioonkologie ist die Kontaktbestrahlung, die sogenannte Brachytherapie: Eine radioaktive Quelle wird mithilfe von speziellen Applikatoren unmittelbar in den Tumor oder in das zu behandelnde Organ eingebracht. Häufig wird diese Therapieform bei Patientinnen angewendet, die an einem Gebärmutterkrebs operiert wurden. Eine postoperative kurze lokale Kontaktbestrahlung verringert stark das Risiko, dass verbliebene Krebszellen einen Tumor erneut entstehen lassen. Eine weitere hochwirksame Behandlungsoption ist bei frühen Stadien des Prostatakarzinoms die dauerhafte Einbringung von kleinen radioaktiven Strahlern, sogenannten Seeds. Diese Methode wurde heuer am Landesklinikum Krems in Kooperation mit der Abteilung für Urologie als Alternative zur Operation oder zur Bestrahlung „von außen“ (Teletherapie) mittels Linearbeschleuniger etabliert.
Logistische Meisterleistung
An die hundert Menschen pro Tag behandelt Primaria Bayerl mit ihrem Team. Darüber hinaus erstellen sie und ihre Oberärztinnen und Oberärzte wöchentlich etwa 100 Befunde für Krebspatienten im Rahmen von Tumorboards der Region – das sind regelmäßige Treffen von Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen, bei denen für jeden Tumorpatienten interdisziplinär ein Behandlungsplan beschlossen wird. Die radioonkologischen Behandlungen sind komplex und für alle beteiligten Ärzte, Radiologietechnologen, Pflegekräfte, Medizinphysiker und -techniker nicht nur eine große logistische Herausforderung, berichtet Bayerl: „Diese Therapien sind oft sehr intensiv, und wir verstärken die Wirkung auch noch durch verschiedene Maßnahmen wie die gleichzeitige Gabe von systemischer Chemo- oder Immuntherapie. Der Arzt sowie die speziell ausgebildeten Onkologie-Pflegekräfte
kennen die Nebenwirkungen, auch aus den Erfahrungen, die sie Tag für Tag sammeln.“ Das bedeutet, dass sowohl in der Bestrahlungsplanung, in der Betreuung während der Therapie, aber auch bei den Nachsorgeuntersuchungen, die lebenslang durchgeführt werden sollten, zahlreiche Faktoren beachtet werden müssen. So hat die Abteilung in Zusammenarbeit mit der Apotheke spezielle Haut- und Mundpflegeprodukte für die Bestrahlungspatienten entwickelt.
Rundherum gut versorgt
Das Thema Schmerztherapie spielt in der Abteilung und insbesondere auf der Bettenstation eine sehr große Rolle. Denn kein Patient soll unnötig Schmerzen leiden müssen – gerade bei Krebserkrankungen ist das ein großes Thema.
Und nicht zuletzt sind die Psychotherapeuten ein wichtiger Faktor in der Zusammenarbeit: Wie kann die Patientin, der Patient mit seiner Erkrankung leben und Kraft zum Gesundwerden sammeln? Wie kann man sich zurechtfinden in einer lebensbedrohenden Situation? Psychotherapeuten gelten deshalb als wichtige Partner der Patienten mit Krebs, um sie bestmöglich zu stützen und zu unterstützen.
DGKS Michaela Weichselberger leitet die Station mit 22 Betten der Abteilung für Strahlentherapie-Radioonkologie und betreut mit ihrem Team in der Pflegeambulanz auch die ambulanten Patienten. Sie weiß: „Unsere Patienten brauchen sehr viel Zuwendung und Kontrolle, damit wir in Zusammenarbeit mit den Ärzten immer im Blick haben, wie es ihnen geht.“ Bayerl leistet mit ihrem hoch motivierten Team tagtäglich eine enorme Menge an Arbeit – und achtet darauf, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter immer den einzelnen Patienten als Menschen im Blick hat. Die Strahlentherapie als starke Waffe im Kampf gegen den Krebs, organisiert und begleitet von Menschen mit Herz und Einfühlungsvermögen – diesen Eindruck nimmt man aus dieser Abteilung mit: Man möchte sie nie nutzen müssen. Aber wenn es nötig sein sollte – hier ist man bestimmt in guten Händen.
Das Team der Abteilung für Strahlentherapie-Radioonkologie im Landesklinikum Krems unter der Leitung von Prim. Mag. Dr. Anja Bayerl versorgt seit 2006 Patienten aus dem zentralen und nördlichen Raum Niederösterreichs.
Im Landesklinikum Wiener Neustadt leitet Prim. Univ.-Doz. Dr. Brigitte Pakisch die Abteilung Radioonkologie und Strahlentherapie. Sie ist für die radioonkologische Versorgung von etwa 750.000 Einwohnern aus dem südlichen Niederösterreich bis Wien und westlich bis Lilienfeld zuständig und versorgt auch das mittlere Burgenland von Eisenstadt bis Oberwart.





