Das Tempo gibt das Kind vor
Die Eingewöhnung im Kindergarten ist für ein Kind keine Kleinigkeit, sondern braucht Zeit, Einfühlungsvermögen und ein gutes Zusammenspiel von Eltern und Pädagoginnen.
Es ist der Eintritt in eine neue Welt. Eine Welt mit Morgenkreis, Baubereich und Puppenküche. In der Lisa und Tim um den Bagger in der Sandkiste streiten, Julia mit Begeisterung Schmetterlinge aus Tonpapier ausschneidet und Lukas mit den anderen aus der Bärengruppe im Garten Radieschen pflanzt und erntet. Die Kindergartenwelt ist spannend und bunt, anfangs für ein Kind aber auch fremd und vielleicht beängstigend. Der Aktionsradius des Kindes, der bis dahin das eigene Zuhause mit Mama, Papa, in vielen Fällen Oma oder Opa umfasste, wird mit einem Mal größer. Und: Das Kind trennt sich, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, von seinen vertrauten Bezugspersonen. Eine Übergangssituation, die aufmerksam begleitet werden muss, damit sich das Kind im Kindergarten wohl fühlt und in seinem emotionalen Gleichgewicht nicht gestört wird.
Die Bedeutung einer guten Eingewöhnung ist weitreichend: „Dieser erste Übergang ist maßgeblich für alle weiteren, zum Beispiel auch für den in die Schule“, sagt die Kindergartenpädagogin Mag. Elfriede Glantschnig aus Grafenbach. Glantschnig, die auch an der Bundesanstalt für Kindergartenpädagogik in Wiener Neustadt angehende Kindergartenpädagogen unterrichtet, empfiehlt Eltern schon vor dem Start, den Kindergarten immer wieder zu thematisieren. Mit dem Kind darüber sprechen, ein Bilderbuch dazu anschauen oder gemeinsam Hausschuhe kaufen, bereite das Kind auf die Veränderung vor. „Gut ist auch, wenn die Eltern mit den Kindern oft schnuppern kommen.“ Das könne häufig und über mehrere Monate passieren, zumindest aber einige Wochen vor dem Kindergartenbeginn.
Rechtzeitig eingewöhnen
Was Eltern für die Eingewöhnung mitbringen sollen, ist in erster Linie Zeit. „Wir möchten dem Kind so viel Zeit lassen, wie es braucht“, sagt Glantschnig. Wie schnell oder langsam sich ein Kind eingewöhnt, sei sehr individuell. Das Tempo gibt das Kind vor. Manche Kinder würden rasch Vertrauen zur Pädagogin fassen und sich bald leicht von ihrer Bezugsperson trennen. Die, die mit größerem Trennungsschmerz zu kämpfen haben, fühlen sich längere Zeit nur mit der Mutter in der Nähe sicher. Eltern sollten für die Eingewöhnung deshalb genügend Zeit einplanen und rechtzeitig vor dem Wiedereinstieg ins Berufsleben mit dem Kind kommen. „Die Eingewöhnung ist auf keinen Fall in ein oder zwei Tagen erledigt“, gibt Glantschnig zu bedenken. „Es kann durchaus sein, dass ein Kind einige Monate lang schon nach drei Stunden wieder abgeholt wird.“Anfangs bleibt die Mutter im Kindergarten und trennt sich in den ersten Tagen und Wochen zuerst kurz, dann länger vom Kind. „Ganz wichtig ist eine bewusste Trennung. Es ist sehr schlimm für die Kinder, wenn sich die Mutter einfach davonschleicht“, sagt Glantschnig.
Was tun, wenn es beim Abschied Tränen gibt? „Das kommt darauf an.“ Oft lasse sich das Kind von der Pädagogin schnell trösten. „Wenn es sich nicht gleich beruhigen lässt, dann rufen wir die Eltern an.“ Keinesfalls sollte ein leidendes Kind in seinem Kummer allein gelassen werden.
Fotobuch mitbringen
„An der Fähigkeit zu trösten zeigt sich, wie tragfähig die Beziehung zwischen dem Kleinkind und der Kleinkindpädagogin bereits ist“, sagt Mag. Theresia Herbst. Für die Klinische Psychologin, die vor allem für Kinder unter drei Jahren eine besonders sanfte Eingewöhnung fordert, stellt die Beziehung zwischen Elternteil und Pädagogin im idealen Fall eine Brücke dar, auf der das Kind in beide Richtungen unterwegs sein kann. Ziel sei es, eine sichere Bindung zur Pädagogin herzustellen. Dann könne die Eingewöhnung als abgeschlossen betrachtet werden. Nicht alle Kinder würden ihren Trennungsschmerz durch lautes Weinen zeigen. „Manche zeigen ihren Kummer nicht deutlich und fallen kaum auf.“ Häufig gelten diese still leidenden Kinder fälschlicherweise als gut eingewöhnt, dabei bräuchten gerade sie intensive Zuwendung.
Um herauszufinden, wie es einem Kind wirklich geht, müsse es genau beobachtet werden, sagt Elfriede Glantschnig. „Ich setze mich viel zu den Kindern dazu, wir plaudern und schauen Bilderbücher an.“ Die Pädagogin holt die Kinder in der Garderobe ab, geht zum Jausnen mit und lässt sie bei sich am Schoß sitzen. „Viele kommen gerne kuscheln. Oft habe ich zwei oder drei auf mir sitzen.“ Sinnvoll sei ein Übergangsobjekt, also ein Kuscheltier oder eine kleine Decke, die das Kind mitbringt. „Wir empfehlen auch, ein Fotobuch von zu Hause mitzunehmen, das wir dann gemeinsam anschauen.“ Viele neue Eindrücke, ein hoher Lärmpegel – das stelle für den Kindergartenneuling eine große Belastung dar. Viele Kinder seien nach dem Kindergarten oft sehr müde. Auch Theresia Herbst betont: „Abschied und Neubeginn erfordern viel Kraft.“ Umso liebevoller müsse in dieser Zeit die elterliche Zuwendung zu Hause sein, damit das emotionale Gleichgewicht wieder ins Lot kommt.
Zusammenarbeit
Nicht zu unterschätzen sei die Rolle der Eltern bei der Eingewöhnung – vor allem dann, wenn das Kind dabei Schwierigkeiten hat. „Die Eltern kennen ihr Kind und den familiären Hintergrund am besten und können an den Reaktionen ihres Kindes zu Hause Hinweise einer Überforderung sehen“, sagt die Psychologin Theresia Herbst. In manchen Fällen könne es sinnvoll sein, die Eingewöhnung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Auch Elfriede Glantschnig weiß, wie wichtig die Eltern sind: „Wenn es den Eltern nicht gut geht, geht es dem Kind auch nicht gut.“
Eine Mutter, die sich nicht sicher ist, ob das Kind überhaupt in den Kindergarten gehen soll, könne ihre Unsicherheit auch auf das Kind übertragen. Um dem Kind einen guten Start im Kindergarten leichter zu machen, sei in jedem Fall die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Pädagoginnen wesentlich. Und dass Eltern den Start ins Kindergartenleben als positive Herausforderung für ihr Kind sehen können.
Krank im Kindergarten
Warum werden Kinder im Kindergarten so oft krank?
Dauerschnupfen, Husten, Feuchtblattern: Kinder fangen sich im Kindergarten – vor allem im ersten Jahr – allerhand Krankheiten ein. Das sei völlig normal, erklärt Oberarzt Dr. Heinz Silgoner, Kinderarzt im Landesklinikum Mödling. „Im Kindergarten kommen die Kinder mit anderen Keimen als in der Familie in Kontakt.“ Meist handle es sich dabei um sogenannte banale Infekte, die das Kind nicht sonderlich beeinträchtigen. „Im Gegenteil, sie sind wichtig für das Immunsystem.“ Acht bis zehn solcher Infekte pro Jahr seien normal. Wann soll das kranke Kind nicht in den Kindergarten? „Wenn das Kind fiebert, soll es zu Hause bleiben“, sagt Silgoner. Wenn es lediglich verkühlt, ansonsten aber fit ist, könne es in den Kindergarten gehen. „Sonst hätten wir im Winter ausgestorbene Kindergärten.“ Bei hochansteckenden Krankheiten wie Bindehautentzündung oder Feuchtblattern müssen Kinder allerdings daheim bleiben.
Landesklinikum Mödling
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Erfahrungsbericht einer Mutter
Mama Margit Freisinger berichtet: „Amy Lee Rose war zweieinhalb, als sie mit dem Kindergarten begonnen hat. Sie war von Anfang an mit Freude dabei. Die Kindergartenpädagogin hat dabei sicher eine große Rolle gespielt. Sie war sehr erfahren, hatte viel Geduld und hat den Kindern viel Freiraum gelassen. Die Eingewöhnung hat zum Glück super geklappt. Es war für mich gar nicht wirklich notwendig, dabei zu bleiben. Um zu sehen, wie sich Amy Lee Rose in der Gruppe verhält, habe ich sie unauffällig beim Abholen beobachtet. Im ersten Jahr war Amy Lee Rose oft krank und hatte einen Dauerschnupfen. Schwierig war für mich zu wissen, wann sie krank genug war, um zu Hause zu bleiben und wann ich sie wieder in den Kindergarten schicken konnte.“





