Das Katastrophendorf
In der NÖ Landes-Feuerwehrschule Tulln beteiligen sich jedes Jahr tausende Feuerwehrleute aus Niederösterreich und aller Welt an Schulungen und Übungen am riesigen Trainingsareal.
Beißend stinkende Rauchschwaden schwallen aus den Fenstern. Drinnen lodern Flammen aus einem Kochtopf, die auf die Kücheneinrichtung übergreifen. Vor dem brennenden Haus stehen Männer in dunkler Schutzkleidung mit Helmen und Atemschutzgeräten. Sie bereiten sich darauf vor, die Flammenhölle zu betreten. Das rotierende Blaulicht des Löschfahrzeuges vor dem Haus lässt in der Rußwolke in der Luft Schatten wild zucken. Die Situation wirkt bedrohlich, zu Unfällen kommt es hier aber selten. Denn der Brand wurde kontrolliert ausgelöst. „Im Brandhaus kommt es manchmal vor, dass nass gewordene Handschuhe plötzlich zu heiß werden, weil Wasser ein guter Wärmeleiter ist“, erklärt Brandrat Markus Bauer den Männern. Der 43-jährige Dürnsteiner steht seit 23 Jahren im Dienste der Feuerwehrschule Tulln, ist seit 2011 stellvertretender Schulleiter und für alle Ausbildungsbelange zuständig. „Die meisten Unfälle passieren nach dem Einsatz: Die Schüler ziehen die Ausrüstung aus und vergessen für einen kurzen Moment, dass sie noch heiß ist. Wenn man den Helm mit bloßen Händen abnimmt, kann man sich verbrennen.“
Große Verantwortung
Harald Haigermoser von der Freiwilligen Feuerwehr Weinburg absolviert an der Landes-Feuerwehrschule seine Ausbildung zum Gruppenkommandanten: „Das Beste ist hier, dass die Übungen so realistisch sind und der Praxisbezug so groß ist.“ Haigermoser hat schon an mehreren Kursen in Tulln teilgenommen. Da jede Wehr eine Körperschaft öffentlichen Rechts und somit unabhängig ist, tragen die einzelnen Kommandanten große Verantwortung: Sie sind für die Sicherheit ihrer Mannschaft verantwortlich und bilden neue Florianis aus. In der Grundausbildung mit etwa 80 Stunden lernt man den richtigen Umgang mit der Bekleidung und den Geräten sowie das richtige Verhalten im Feuerwehrhaus und beim Einsatz. Die erweiterte Ausbildung erfolgt in den jeweiligen Feuerwehrbezirken – 21 im ganzen Bundesland. Hier stehen die Themen Atemschutz und Funk im Vordergrund, außerdem lernt man das Zillenfahren.
25.000 Teilnehmende im Jahr
Speziellere Ausbildungen bietet die Landes-Feuerwehrschule Tulln, die auf eine mehr als achtzigjährige Geschichte zurückblicken kann. Seit dem Bau des neuen Standortes 2006 ist sie eines der modernsten Ausbildungszentren Europas. Feuerbekämpfer aus der ganzen Welt, vor allem aus Ost-Europa und dem Nahen Osten, kommen hierher, um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Seit 2007 lassen sich auch Mitglieder des Department of Safety & Security der Vereinten Nationen in Tulln ausbilden. Dabei begrüßen die 20 hauptberuflichen Ausbildner Gäste aus den USA, dem Iran und zahlreichen anderen Nationen. Jährlich etwa 25.000 Kursteilnehmende nutzen die Dienste der Landes-Feuerwehrschule. „15.000 bilden wir auf unserem acht Hektar großen Areal mit zehn Lehrsälen aus. Die restlichen 10.000 nehmen an Kursen in ihren Bezirken teil, die von uns organisiert werden“, erklärt Markus Bauer.
Das Brandhaus, in dem gerade die Flammen lodern, hat 30 Brandstellen, in denen per Knopfdruck Brände ausgelöst werden können. Kursteilnehmer können so jede nur erdenkliche Situation trainieren, damit im Realfall jeder Handgriff sitzt. Zu den Anlagen am Übungsareal gehört auch ein Turm mit Stiegenhaus und äußerer Treppe, an dem man das Abseilen üben kann. An der Kletterwand außen am Turm werden Einsätze in luftiger Höhe geprobt. Eine unscheinbare Halle dient als Tunnel-Simulator. „Hier können wir Verkehrsunfälle in einem Tunnel nachstellen“, erklärt Bauer, „es ist dunkel und aus den riesigen Lautsprechern kommen Umgebungsgeräusche wie Reifenquietschen oder Ähnliches. Das ist für das Feuerwehrmitglied, das vielleicht gerade mit der Bergung einer Person beschäftigt ist, natürlich ein Schreck und somit stressig.“ Ähnliche Effekte bietet auch die Schutzanzug-Trainingsstrecke: Bei Dunkelheit oder dichtem Rauch müssen die Auszubildenden zahlreiche Hindernisse überwinden, während Blitzlichter zucken oder Heizkanonen plötzlich heiße Luft beisteuern. Auch ein Übungsbahnhof mit Eisenbahnwaggon und ein Bauernhof mit Silo, Güllegrube und einer Kuh-Attrappe auf einem Spaltboden befinden sich auf dem riesigen Areal.
Realistische Übungen
Die Ausbildung an der Tullner Feuerwehrschule ist sehr praxisorientiert. Schulleiter-Stellvertreter Bauer erklärt: „Wir bilden zumeist Erwachsene aus, die nicht mehr im Lernprozess sind. Zu viel Theorie wäre da kontraproduktiv. Wir können hier fast alle Einsatzarten üben, die realistischen Szenarien bleiben den Kursteilnehmern lange im Gedächtnis.“ So steht für die Übungen beispielsweise auch ein großer Teich zur Verfügung, der bis zu fünf Meter tief ist. Er wird von Tauchern genutzt, für den simulierten Austritt von Öl in ein Gewässer oder zum Üben einer
Situation, bei der ein Fahrzeug nach einem Unfall von einer Brücke hängt und ins Wasser zu stürzen droht. Etwa 200 alte Autos pro Jahr verbraucht die Feuerwehrschule, die von der Feuerwehr – mit Zwischenstation Übungsgelände – zur Entsorgung geliefert werden.
Mithilfe eines Baggers werden die Autos verformt, um Überschläge oder Kollisionen nachzustellen.
1.719 Feuerwehren in NÖ
Wer wie Harald Haigermoser Kommandant seiner Wehr werden möchte, muss mehrere Kurse mit anschließender Prüfung in Tulln absolvieren. Die 1.719 niederösterreichischen Feuerwehren können ihre Leute hier gratis schulen lassen. „Die Mittel kommen aus dem Katastrophenfonds und der Feuerschutzsteuer, die in jeder Feuerversicherung enthalten ist“, erklärt Bauer. Damit werden die Kurse und der Standort selbst finanziert. Auf dem großen Areal arbeiten neben den 20 Ausbildnern weitere 40 Personen an der Instandhaltung, Organisation, Fahrzeugwartung und im Katastrophenlager. Die Küche mit Chefkoch Herbert Schreiblehner und seinem Team bietet – für die Schüler ebenfalls kostenlose – Menüs an, mit hohem Bio-Anteil. Auszubildenden, die von weit angereist sind, wird die Nächtigung von der Landesdienststelle finanziert. Die Ausbilder sind Landesbedienstete. Sie sind selbst meist seit ihrer Jugend bei einer Feuerwehr aktiv und haben sich dann entschlossen, als Lehrende tätig zu sein. Jeder Einzelne von ihnen ist ein Fachmann in einem bestimmten Gebiet und hat oder hatte eine Führungsposition bei seiner Feuerwehr inne. Das Curriculum zum Ausbildner an der Landes-Feuerwehrschule Tulln dauert fünf Jahre.
Sanitäter-Ausbildung
Spezieller Wert wird auf die Sicherheit der Florianis gelegt. Grundsätzlich muss jedes Feuerwehrmitglied eine Tauglichkeitsuntersuchung machen lassen. Die Atemschutztauglichkeit wird alle fünf Jahre, ab dem 50. Lebensjahr jedes Jahr überprüft. Die Kosten dafür teilen sich der Feuerwehrverband und die NÖ Landeskliniken-Holding. Die Tauglichkeit der Taucher und Schutzanzugträger, die bei Schadstoffalarm zum Einsatz kommen, wird alle zwei Jahre überprüft. Um die Versorgung der Freiwilligen kümmert sich der Feuerwehrmedizinische Dienst. Die Ausbildung zum Feuerwehrsanitäter, bestehend aus einem 16-stündigen Grundkurs und einem zweitägigen Lehrgang in der Landes-Feuerwehrschule dient in erster Linie der Kameraden-Hilfe. „Man versucht, so schonend wie möglich zu retten“, erklärt Bauer. „Obwohl das dann in der Hektik natürlich oft nicht wirklich schonend aussieht“, fügt er grinsend hinzu. Weiterführend kann man sich zum Sachbearbeiter FMD (Feuerwehrmedizinischer Dienst) ausbilden lassen. Diese Sachbearbeiter schulen andere Feuerwehrmitglieder und halten die speziellen Verbandskästen in den Fahrzeugen in Stand.
Größter Einsatz
Mittlerweile ist vor dem Brandhaus Ruhe eingekehrt. „Brand aus!“, dröhnt es verzerrt aus den Funkgeräten. Das Feuer ist gelöscht. Die Männer mit den Atemgeräten kommen unverletzt aus dem Gebäude. Beim Ablegen der Ausrüstung verbrennt sich niemand die Finger. „Oft passiert das ohnehin nicht“, meint Bauer. Ebenso wenig wie nicht bestandene Prüfungen. Die Feuerwehrschüler zeigen bei der Ausbildung an der Landes-Feuerwehrschule Tulln größten Einsatz und es gibt nur einige wenige, die das Training körperlich nicht schaffen.
Unsere Feuerwehren
Etwa 98.500 Freiwillige verrichten derzeit Dienst bei einer der 1.719 Feuerwehren in Niederösterreich. Ihnen ist es zu verdanken, dass meist bereits wenige Minuten nach einem Notruf ein Feuer bekämpft, eine verunfallte Person gerettet oder ein Schadstoffaustritt verhindert werden kann. Das System der Freiwilligkeit ist etwas ganz Besonderes. Es hat sich bis jetzt hauptsächlich im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Die freiwilligen Mitglieder verlassen im Notfall auch den Arbeitsplatz oder müssen spätnachts aus dem Bett. Annähernd 65.000 Einsätze bestreiten unsere Feuerwehren jedes Jahr und wenden dafür fast acht Millionen Arbeitsstunden auf.
Informationen:
www.feuerwehrschule.at





