< vorhergehender Beitrag

Das große Zittern

Sling-Training heißt die neue Wunderwaffe im Fitnessbereich. Mit der instabilen Seil-Schlaufen-Konstruktion stärkt man vor allem die Tiefenmuskulatur, trainiert aber auch Stabilisation und Koordination.


Foto: Wolfgang Danzer

Ein Seil, zwei Schlaufen, ein Haken an der Decke, und schon kann es losgehen. Ob Mann oder Frau, jung oder alt, Spitzensportler oder Sportanfänger – der Sling-Trainer ist für jeden das passende Fitnessgerät. Durch die frei hängenden Seile werden einfache Übungen wie Liegestütz, Seitstütz oder Kniebeuge zur wackeligen Herausforderung und zu einem höchst effektiven Muskeltraining, das trotz der Anstrengung viel Spaß macht, weil es im Vergleich zu üblichem Krafttraining sehr viel mehr Abwechslung bietet.
Einer, der auf die Wirkung des neuen Sportgeräts schwört, ist Mag. Wilhelm Müller. Der Wieselburger Turnprofessor ist Sportler durch und durch. Fußball, Skifahren und Speedskating sind nur einige der Sportarten, die der Begründer und Koordinator eines Sportschwerpunkts am Amstettner Gymnasium betrieben hat. Verletzungen blieben nicht aus. Knie, Bandscheiben und Schulter wurden in Mitleidenschaft gezogen und bereiteten immer wieder gröbere Probleme. Diese hat Müller mittlerweile in den Griff bekommen – und zwar mit dem Sling-Trainer. „Nach einem Sturz beim Inlineskaten hatte ich eine Schulterverletzung, die einfach nicht gut geworden ist. Ich hatte schon einen OP-Termin, aber mit gezieltem Sling-Training war das Problem nach kurzer Zeit weg“, erinnert er sich an seine ersten Begegnungen mit den Schlaufen. Regelmäßiges Sling-Training ist seither fix in den Tagesablauf integriert. „Jetzt kann ich wieder alles machen“, ist Müller von den Slings überzeugt, die er im Rahmen der staatlichen Fit-Lehrwartausbildung mit seinen Schülern kennenlernte.

Eine deutsche Erfindung

Im Gegensatz zu den meisten Fitnesstrends kommt Sling-Training nicht aus Amerika, sondern aus Deutschland. Erfunden hat es der Physiotherapeut und Reha-Trainer Hannspeter Meier. Wurde das Schlaufen-Training anfangs vor allem in der Therapie eingesetzt, so hat es mittlerweile auch im Breiten- und im Spitzensport Einzug gehalten. Was Sling-Training so besonders macht und warum es dem „normalen“ Kraft- und Stabilisationstraining dermaßen überlegen ist, ist schnell erklärt. Eine zusammengerollte Matte oder ein Wackelbrett bewegt sich nur in zwei Richtungen: nach vor und zurück sowie nach links und rechts. Der Sling-Trainer hingegen ist instabil. „Daher muss man in allen Bereichen ausgleichen und deshalb ist der Sling-Trainer am effektivsten“, weiß Wilhelm Müller.
Im Vergleich zu herkömmlichem Krafttraining stärkt man mit dem Schlaufen-Training auch ganz andere Muskelgruppen: Kräftigt man an Geräten oder mit Hanteln die Bewegungsmuskeln (= globale Muskeln), so wird beim Sling-Training durch die ständig notwendigen Ausgleichsbewegungen die Tiefenmuskulatur (= stabilisierende, lokale Muskeln) angesprochen. Das sind zum Beispiel die Muskeln der Rotatorenmanschette in der Schulter sowie die kleinen Muskeln zwischen den einzelnen Wirbelsegmenten bei der Wirbelsäule. „Diese Muskeln schützen gut vor Verletzungen“, weiß Müller aus eigener Erfahrung.
Zudem wird mit den Slings der sogenannte „feed forward“-Mechanismus automatisch mittrainiert: Er stabilisiert ein Gelenk durch die
Tiefenmuskeln vor der Bewegung, um Über­lastungen von passiven Strukturen wie zum Beispiel der Bandscheiben zu verhindern. Im Schultergelenk zum Beispiel sorgt die Muskulatur dafür, dass der Oberarmkopf in der Gelenkspfanne zentriert ist, bevor man den Ball wirft. „Sind die dafür notwendigen Tiefenmuskeln nicht vorhanden, dann funktioniert auch der ‚feed forward‘-Mechanismus nicht“, erklärt Wilhelm Müller, der sich am orthopädischen Spital in Speising auch zum Wirbelsäulenlehrer ausbilden ließ.

Wenn Bodybuilder schwach werden

Dass Tiefenmuskulatur und Bewegungsmuskulatur zwei Paar Schuhe sind, wird besonders deutlich, wenn Bodybuilder zu den Schlaufen greifen: „Wir haben einen Bodybuilder an der Schule, der kann Bankdrücken mit 150 Kilo, aber hängt zitternd in den Slings und weiß nicht, wie er seinen Körper koordinieren soll“, schmunzelt Sportprofessor Müller. Beim Sling-Training ist es nämlich wichtig, dass die Muskeln als Muskelkette zusammenarbeiten. „Die Muskeln müssen vom Fuß bis zur Schulter automatisch stabil sein, das muss man abrufen können. Das kann ein Bodybuilder mitunter nicht, weil er in den Geräten nur geführte Bewegungen machen kann und keine freien. Darum finde ich eine normale Kniebeuge gescheiter, als in der Beinpresse zu arbeiten“, meint Müller.
Da man kein Muskelprotz sein muss, um von den Slings zu profitieren, sind sie ein optimales Trainingsgerät für alle, die etwas für ihre Gesundheit und für eine bessere Haltung tun wollen. „Sling-Training ist für jeden und für jedes Alter geeignet und wäre für viele dringend notwendig. Für mich ist es eines der wichtigsten muskulären Trainings überhaupt“, bricht Wilhelm Müller eine Lanze für die neue Sportart, die in Österreich seit gut zwei Jahren bekannt ist. Je nach Trainingszustand kann man den Schwierigkeitsgrad der Übungen selbst wählen, denn die Position zu den Seilen und die Länge der Hebel bestimmen die Intensität der Übungen. Verschiebt man etwa seine Ausgangsposition vom Lot aus gesehen nach vorne, dann wird die Übung leichter. Verschiebt man sie nach hinten, wird die Übung schwieriger. Zudem sind die Übungen leichter, je kürzer die Hebel sind, mit denen man arbeitet. Anfangs sollte man sich also lieber mit den Unterarmen statt mit den Handgelenken in die Schlaufen stützen. Das Gleiche gilt für die Beine: Hat man die Schlaufen am Knie oder sogar am Oberschenkel, ist die Übung leichter; mit den Schlaufen an den Fußgelenken wird’s schwieriger.
Ein Seil, zwei Schlaufen, ein Haken an der Decke, und schon kann es losgehen. Auch in den eigenen vier Wänden. Wilhelm Müller hat in seinem Wohnzimmer schon für den Sling-Trainer Platz gemacht.

Informationen + Übungen:

www.b-l-austria.at
www.slingtraining.at
www.rehape.de