„Das Altern locker auf sich zukommen lassen“
Ingeborg Zweymüller könnte mit ihren 91 Jahren eine der ältesten Galeristinnen der Welt sein. Und sie ist eine Kämpferin: Auf einem Auge erblindet, ihre Beine sind auch nicht mehr so flott wie ihr Geist – aber man wird von ihr kein grantiges Wort hören.
Es könnte schon sein, dass sie die älteste Galeristin Österreichs ist, ja vielleicht sogar ganz Europas – ein Faktotum ist sie allemal, denn mit 91 Jahren organisiert Ingeborg Zweymüller immer noch zwei Ausstellungen pro Jahr und feiert heuer ihr 40-jähriges Galerie-Jubiläum. Wie viele Ausstellungen sie schon organisiert hat, kann sie beim besten Willen nicht sagen. Aber wer der erste Künstler in der „Kleinen Galerie“ am Hauptplatz in Baden war, das weiß sie noch ganz genau: Helmut Krumpel. Ausgestellt haben bei ihr auch klingende Namen wie Albert Paris Gütersloh, der 1973 in Baden starb. Dieser war mit Heimito von Doderer befreundet, den die Zweymüller ebenfalls gut kannte: „Die zwei haben zusammen gewohnt, gehabt haben sie nichts, außer ein Bett, einen Tisch und einen Sessel.“
Heute ist die Galerie Zweymüller in ihrem Wohnhaus am Kaiser-Franz-Ring 54 in Baden beheimatet und zu den Vernissagen drängen sich oft hundert Leute in ihrem Haus. Zwischen den Ausstellungen hat sie ständig Besuch von Künstlern und Kunstfreunden: „Mich rufen die Künstler einfach immer wieder an und wollen bei mir ausstellen.“ So könne sie halt nicht aufhören.
Keine Zeit zum Müdesein
Organisiert hat sie mit ihrem Mann, dem Buchhändler Carl Zweymüller, auch viele Jahre lang die
Niederösterreichische Landesbuchausstellung, eröffnet wurde diese noch vom Bundeskanzler
Leopold Figl, der bei ihr auch seine Bücher gekauft hat, genauso wie Bundeskanzler Julius Raab: „Alle waren sie da, ich sage Ihnen, ich habe schon so viel erlebt in meinem Leben, ich könnte tagelang erzählen“, schmunzelt Zweymüller, die mit ihrem Mann die 1864 gegründete Buchhandlung bis in die 1980er-Jahre führte. In den Gründerzeiten gab es in der Buchhandlung neben Büchern auch edles Schreibpapier und Bordeaux-Weine zu kaufen, und geöffnet war von Montag bis Samstagabend:
„Gearbeitet habe ich in meinem Leben wirklich viel“, sie sei irgendwie besessen. „Ich möchte halt noch etwas leisten, arbeite wirklich sehr gerne.“ Außerdem halte sie die Arbeit geistig fit und frisch. „Ich möchte nicht alleine zu Hause herumsitzen, nur essen, trinken und spazieren gehen“, sagt sie mit bestimmter, doch etwas müder Stimme. Aber Zeit zum Müdesein hat sie nicht, auch nicht zum Jammern: „Ich war immer ein Optimist und habe immer das Gute in den Dingen gesehen“, sagt sie, und sie erzählt davon, als sie in der Besatzungszeit Kinderlähmung hatte und kein Arzt kommen durfte, weil die Russen, die Besatzer, es verboten hatten. Auch eine schwere Gelbsucht hatte sie zu überstehen, noch heute muss sie zu ihrer Leber „freundlich“ sein. Zweymüller hätte also allen Grund zum Schwarzmalen, denn auf dem rechten Auge ist sie seit einer misslungenen Operation blind, und die Sehkraft des linken Auges ist mehr als stark eingeschränkt.
Untrüglicher Instinkt für gute Kunst
Aber Zweymüller weiß trotzdem ganz genau, was ein gutes Bild ist und was nicht, sie hat ein unglaubliches Gespür für zeitgenössische Kunst – besonders junge Talente „sieht“ sie; ganz nahe hält sie ihre Nase an die Bilder und Objekte und hat die Werke binnen kürzester Zeit analysiert, der Zweymüller ein X für ein U vormachen zu wollen ist sinnlos – sie durchschaut einen förmlich: „Mit mir nicht!“ ist einer ihrer typischen Sätze, denn sie weiß genau, was und vor allem wie sie es haben will. Geschickt hat sie sich ein Netz an Helferinnen und Helfern aufgebaut, denen sie bestimmt, aber stets höflich ihre „Anweisungen“ gibt.
Auch mit 91 täglich am Herd
Nur ihre Beine widersetzen sich ein wenig ihren „Anweisungen“, sie sind langsamer als ihr Geist, der noch topfit ist. Trotzdem rappelt sie sich mit ihren 91 Jahren noch täglich auf, wandert mit ihren Krücken in die Stadt, erledigt ihre Besorgungen, gegen Mittag geht sie wieder langsam nach Hause oder lässt sich ein Taxi kommen. Ihre Wehwehchen übergeht sie mit eiserner Disziplin: „Ich sage Ihnen, Schmerzen erträgt man ganz einfach, jammern werden Sie mich nie hören, ich will ganz einfach nicht über Krankheiten reden.“ Zu Hause angelangt kocht sie sich etwas, denn „diese Fertiggerichte sind ja scheußlich, selber kochen geht doch ganz schnell. Ich esse sehr viel, Sie werden es nicht glauben, ich bin eine echte Genießerin.“ Mit Freude gönnt sie sich auch ein Stück Torte, auf die Linie muss sie ja nicht schauen. Angst vorm Alter hatte sie nie: „Ich sage Ihnen, ich habe in meinem Leben alles auf mich zukommen lassen, man muss es locker sehen.“ Zweymüller ist wie ein Fernrohr in eine verblassende Welt – ihr Vater wurde 1881 geboren, „da regierte noch der Kaiser.“ Vorüber gegangen ist gottlob der Zweite Weltkrieg und auch die Nachkriegszeit. Zeit zum Nachdenken hatte man damals nicht, „wir waren mit dem Wideraufbau beschäftigt“. Und so blickt sie auch mit 91 Jahren mutig und wacker in die Zukunft, und erwartet jeden Tag mit Freude.





