Das Abenteuer ihres Lebens
Drei NÖ Radsportler im Alter zwischen 66 und 77 Jahren bestreiten im Juni das längste Radrennen der Welt. Mit ihrem Start wollen sie den Seniorensport salonfähig machen und Vorbild für Gleichaltrige sein.
4.800 Kilometer nonstop. Kräfteraubende 50.000 Höhenmeter. Vier Zeitzonen. Zwei Pässe mit 3.300 Metern Höhe. Hundert Kilometer geradeaus durch die nicht enden wollende Prärie. Temperaturen von 41 Grad Celsius am Tag, Kälte in der Nacht, eventuell Schnee in den Bergen. All das erwartet die Niederösterreicher Anton Gierer (77), Herbert Lackner (74), Josef Schalk (66) und ihren deutschen Staffelkollegen Lothar Färber (65) Mitte Juni beim schwersten und längsten Radrennen der Welt, dem Race across America.
Sportlicher Traum
Die Idee, als bisher älteste europäische Staffel am Traditionsevent teilzunehmen, kam von USA-Liebhaber Herbert Lackner. „Das Race across America als Einzelfahrer zu bestreiten ist grenzwertig, das würde ich nie machen. Staffeln gibt es viele, aber in unserem Alter ist es etwas Besonderes“, erklärt der Waldviertler. Mitstreiter für das Abenteuer zu finden, war für ihn nicht schwierig. „Wir haben uns von den Rennen her gekannt, er hat mich angeworben und ich war so dumm und habe ja gesagt“, scherzt Anton Gierer, mit 77 Jahren der Älteste im Bunde. Auch Josef Schalk musste nicht wirklich überredet werden. „Das ist einmal etwas ganz Anderes, ein Erlebnis, sicher auch ein Höhepunkt“, fasst er die Gründe für seine Teilnahme zusammen. Mit dem Race across America erfüllen sich die drei Pensionisten nicht nur einen sportlichen Traum, sie sehen darin auch eine Mission: Sie wollen den Seniorensport salonfähiger machen und Gleichaltrige animieren, Sport zu treiben. „Es muss ja nicht jeder Rennen fahren, aber jeder sollte sich zumindest ein wenig bewegen. Ein 30-Jähriger kann aber nie Vorbild für einen 70-Jährigen sein – das kann nur ein Gleichaltriger. Wir wollen Vorbildwirkung erzielen und die Öffentlichkeit aufrütteln, aktiv zu sein“, betont Herbert Lackner.
Professionelles Betreuerteam
Seit zwei Jahren spukt die Idee, quer durch die USA zu radeln, in Herbert Lackners Kopf herum. Nun wird sie Realität. Wenn das niederösterreichisch-deutsche Quartett am 14. Juni an der Startlinie steht, liegen monatelange Planung und Organisation hinter ihm. Schließlich ist es mit dem Radfahren allein nicht getan. Die vier tüftelten über die beste Aufteilung der rund 5.000 Kilometer und mussten vor allem eine gute Crew finden, die sie an den Wettkampftagen begleitet und betreut. Neun Mann werden sich in den USA um die Radsportler kümmern – darunter zwei Fotografen, zwei Mechaniker und zwei Physiotherapeuten. Die Mechaniker waren bereits bei der Tour de France im Einsatz, die Physiotherapeuten für den österreichischen Skiverband bei mehreren Olympischen Spielen aktiv. „Das sind Topleute und sie haben sich alle mehr oder weniger selbst gemeldet. Es hat mich überrascht, dass es so problemlos gegangen ist, ein gutes Team zu finden“, freut sich Herbert Lackner. Auch die Sponsorensuche entwickelte sich sehr erfreulich. Dass es in Europa noch nie eine Staffel mit einem Altersdurchschnitt von mehr als 70 Jahren gab, kam den Senioren zugute: „Deshalb sind viele Sponsoren aufgesprungen. Vor allem aus der
Pharmaindustrie“, lacht Lackner.
Die Crataegutt-Seniors
Drei Autos, ein Wohnmobil und einen 15-sitzigen Bus, der immer hinter dem gerade aktiven Radfahrer fährt, haben die Crataegutt-Seniors – so der offizielle Name des Teams – im Einsatz. Nur vier Betten stehen für die insgesamt 13 Personen zur Verfügung. Wer wann und wie viel schlafen darf bzw. wann und wie lange zu fahren hat, wurde im Voraus festgelegt. Zwei Zweierteams werden gebildet, von denen sich eines für vier Stunden im Wohnmobil ausruhen darf, während das andere vier Stunden im Einsatz ist. Ein Radsportler fährt eine Stunde, hat eine Stunde Pause, fährt wieder eine Stunde und hat dann wieder eine Stunde Pause, ehe das zweite Team an die Reihe kommt. Dieses Szenario wiederholt sich bis zum Ende des Rennens, so der Plan. Bewährt sich diese Aufteilung nicht, kann kurzfristig umdisponiert werden. „Wer wie viel fährt, ist vollkommen freigestellt. Es können sogar drei Fahrer ausfallen, einer muss halt ins Ziel kommen“, weiß Herbert Lackner.
„Wir wissen, was wir tun“
Die Gefahr, sich mit dem Langstrecken-Rennen körperlich zu übernehmen oder gar gesundheitliche Schäden zu riskieren, sehen die drei Herren im besten Alter nicht. „Wir sind kerngesund und
wissen, was wir tun. Wir sind alle Lizenzfahrer, und dafür brauchen wir ein ärztliches Attest“, nimmt Josef Schalk Kritikern des Abenteuers den Wind aus den Segeln. Auch der Teamälteste glaubt nicht daran, dass die Distanz von fast 5.000 Kilometern am Stück zur unüberwindbaren Hürde werden könnte. „Wenn man das durch vier teilt, ist das kein Problem. 1.200 Kilometer – die fährt der Josef normalerweise ja an drei Tagen“, verdeutlicht Anton Gierer den Trainingsumfang seines Teamkollegen mit einem Augenzwinkern.
Unter acht Tagen
Was nicht genau planbar ist und den Radsportlern daher am meisten Kopfzerbrechen bereitet, sind die unvorhersehbaren Witterungsverhältnisse, das andere Klima und der ungewohnte Wach-Schlaf-Rhythmus. Die Strecke deshalb nicht in den geforderten neun Tagen absolvieren zu können, ist aber trotzdem kein Thema. „Unser Ziel ist in erster Linie, das Ganze durchzufahren. Schön wäre es unter acht Tagen“, bringt Herbert Lackner die hohen Erwartungen an sich selbst und an seine Teamkollegen auf den Punkt. Vier Tage vor dem Start wird das 13-köpfige Team geschlossen vor Ort sein. Eine frühere Anreise, um sich zu akklimatisieren, hält man nicht für notwendig. „Zeitumstellung und Jetlag spielen keine Rolle. Es ist egal, ob die innere Uhr Mittag zeigt oder Mitternacht oder ob die Sonne scheint oder nicht. Wir müssen sowieso Tag und Nacht Radfahren“, meint Herbert Lackner.
Viele Herausforderungen
Zur Herausforderung wird für die Rennfahrer auch die Nahrungsaufnahme im Wohnmobil, wo mittels Mikrowellen- und E-Herd Fertigspeisen zubereitet werden können. Ob diese wirklich alle konsumieren werden, ist den Sportlern momentan noch nicht ganz klar, denn die Vorlieben und Geschmäcker sind grundverschieden. „Mir würde ja eigentlich Müsli reichen“, präzisiert Josef Schalk seinen Wunschspeiseplan. „Mit Müsli alleine komme ich sicher nicht durch“, widerspricht Herbert Lackner. „Ich esse das ganze Jahr über kein Müsli, ich brauche das nicht. Ein Schweinsbraten genügt mir“, kontert Anton Gierer lachend.
Einigkeit sieht also anders aus, aber zum Glück ist die Verpflegung der einzige Streitpunkt im Team. Dass sich die gesamte Mannschaft menschlich gut versteht, ist bei mehreren Tagen auf engstem Raum nämlich eine Grundbedingung. Das schaffen aber nicht alle. In der Geschichte des Rennens gab es nämlich schon mehrere Teams, die vorzeitig aufgeben mussten, weil sich die Crewmitglieder untereinander zerstritten und mitten auf der Strecke plötzlich das Handtuch warfen. „Solche Leute haben wir nicht dabei“, ist Anton Gierer überzeugt, das Ziel zu sehen. Damit das gelingen kann, heißt es für die drei Niederösterreicher bis zur Abreise aber noch besonders gut aufpassen. Eine Krankheit oder gar ein Radsturz im Training könnten den Traum vom Finishen nämlich sehr schnell zunichte machen.
Informationen: www.crataegutt-seniors.at
Die NÖ Staffel-Starter
Herbert Lackner
- Alter: 74
- Wohnort: Bärnkopf
Herbert Lackner war schon immer ein begeisterter Radfahrer. Durch zwei bekannte Radfahrer – Max Bulla und Ferry Dusika – kam der gebürtige Wiener mit 15 Jahren zum Radsport und fuhr dann gut zehn Jahre aktiv Rennen. Seit seiner Pensionierung trainiert der ehemalige Turnlehrer wieder professionell. Lackner ist dreifacher Weltmeister in der Mountainbike-
Orientierung und holte bei den World Masters Games in Turin 2013 Gold im Kriterium.
Josef Schalk
- Alter: 66
- Wohnort: St. Pölten
Vor 50 Jahren löste Josef Schalk seine erste Radlizenz. Als Hauptfahrer gewann er den großen Preis vom Österreichring in Zeltweg. Er nahm an der Österreich-Radrundfahrt teil, ging aber auch in seiner aktiven Karriere immer arbeiten. Den Weg zur Arbeit nützte er als Trainingseinheit. So brach er um halb fünf Uhr früh mit dem Rad zu seinem Arbeitsplatz in Wien auf. Er fährt im Jahr zwischen 27.000 und 33.000 Kilometern. Bei Senioren-Weltmeisterschaften und Europameisterschaften eroberte der ehemalige Werbeleiter bereits fünf Medaillen.
Anton Gierer
- Alter: 77
- Wohnort: Neumarkt/Ybbs
Im Radsport ist Anton Gierer ein Spätstarter. Erst als Kniebeschwerden den Laufsport unmöglich machten, sattelte der ehemalige Fahrlehrer auf den Radsport um. Damals war er 50. Der Ehrgeiz, an Rennen teilzunehmen, war sehr schnell sehr groß und auch die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Heute ist Gierer vielfacher Landes- und Staatsmeister, fünffacher Weltmeister im Zeitfahren und bei den World Masters Games, den inoffiziellen Olympischen Spielen für Senioren, eroberte er 2013 in Turin Gold im Zeitfahren.
Race across America
Das Race across America (RAAM) ist ein jährliches Radrennen von der Westküste der Vereinigten Staaten (Start: Oceanside in Kalifornien) zur Ostküste (Ziel: Annapolis in Maryland). Ziel ist, die Strecke von etwa 4.800 Kilometern bei einer Gesamtdifferenz von ca. 50.000 Höhenmetern möglichst schnell innerhalb eines festen Zeitlimits zurückzulegen. Für Einzelfahrer beträgt dieses Limit zwölf Tage, für Teams neun Tage. Wann, wo und wie lange die Fahrer Schlafpausen einlegen, ist ihnen frei überlassen. Die Einzelfahrer starten heuer am 10. Juni, die Teams am 14. Juni. Das RAAM wurde erstmals 1982, damals noch unter dem Namen Great American Bike Race, mit vier Teilnehmern ausgetragen. Im Laufe der Jahre wurde es um eine Damen- sowie verschiedene Team- und Alterswertungen (Senioren) erweitert. Der erfolgreichste Teilnehmer im Einzelrennen der Herren ist der Slowene Jure Robic, der das RAAM fünfmal gewann. Zur Legende geworden ist der Amerikaner Rob Kish, der bis zum Jahr 2005 20-mal an den Start ging, 19-mal das Ziel erreichte und dabei insgesamt drei Siege feierte. Ebenfalls drei Siege fuhr der Österreicher Wolfgang Fasching heraus. Der Rekordhalter kommt ebenfalls aus Österreich: Christoph Strasser gelang es 2013 als Erstem überhaupt, das Rennen unter acht Tagen zu beenden: Er benötigte für die 4.811 Kilometer insgesamt sieben Tage, 22 Stunden und 52 Minuten.
Informationen: www.raceacrossamerica.org





