Damit Lehrer nicht ausbrennen
Die Initiative »Tut gut!« unterstützt Schulen dabei, besonders auf Gesundheit und Burnout-Prävention der Lehrkräfte zu achten.
Lehrerinnen und Lehrer sind zwar insgesamt so gesund wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Wo sie aber stärker unter Druck sind, ist der Bereich der psychischen und sozialen Belastung. Laut einer 2013 veröffentlichten Studie des Ludwig-Boltzmann-Instituts „Health Promotion Research“ zeigt eine Befragung von 3.750 Lehrkräften ein beunruhigende Ergebnis: Im Alter zwischen 41 und 50 Jahren fühlt sich bereits ein Fünftel emotional stark erschöpft, zwischen 51 und 60 sogar jede dritte. Diese hohe emotionale Erschöpfung gilt als Vorstufe von Burnout, heißt es in der Studie.
Besonders wichtig ist das Thema, weil nur fitte und emotional nicht überforderte Lehrer optimal auf Kinder und Jugendliche eingehen können. Deshalb engagiert sich die Initiative »Tut gut!« im Rahmen der „Gesunden Schule“ in NÖ (siehe Kasten) für die Gesundheit und vor allem die Burnout-Prophylaxe. Als Schwerpunkt können sich Haupt-, Neue Mittelschulen und Allgemein bildende höhere Schulen, die am Programm „Gesunde Schule“ in NÖ teilnehmen, umfassend mit dem Thema auseinandersetzen, und zwar sowohl auf strukturell-organisatorischer Ebene als auch auf der Persönlichkeitsebene von Lehrpersonen und Schulleitung. Dabei geht es vor allem um Stressmanagement.
Die Initiative »Tut gut!« hilft den einzelnen Schulen bei der Erarbeitung und Umsetzung durch erfahrene „Gesunde Schule“-Beraterinnen, erklärt Mag. Alexandra Benn-Ibler, Leiterin des Bereichs Schule der Initiative »Tut gut!«: „Gesunde Lehrkräfte sind eine wichtige Voraussetzung für eine gute gesunde Schule. Darum schenken wir in den nächsten beiden Schuljahren diesem Kernthema besondere Aufmerksamkeit.“
Beim „Gesunde Schule“-Tag am 24. Februar 2014 wird der Arzt und Gesundheits-Entwickler Dr. Georg Wögerbauer aus Pernegg in NÖ (siehe Kolumne Seite 9) über das Thema Beziehungen in der Schule referieren. Denn die sozialen Interaktionen zwischen Lehrkräften und Schülern sowie den Eltern sind ein wichtiger Faktor im Schulalltag. Beziehung, das Wahrgenommen-Werden und das Gefühl, angenommen zu sein, tragen stark zu gegenseitiger Motivation bei und haben direkten Einfluss auf die Lernleistung der Schüler und auf die Arbeitszufriedenheit und Lebenszufriedenheit der Lehrer.
Achtsame Kommunikation
Eva Lackner, Direktorin der Aktiv-Hauptschule Hohenruppersdorf, hat bereits im September mit dem Lehrerkollegium und der „Gesunde Schule“-Beraterin der Initiative »Tut gut!« und den Gesundheits-Beraterinnen der BVA einen Dreijahresplan erarbeitet und ist dankbar für dieses Projekt: „Ich hatte immer wieder Sorge, dass meine Lehrerinnen und Lehrer irgendwann ausbrennen und bin froh über die Gesundheitsförderung, die bei uns in Kooperation mit der BVA läuft.“ In den kommenden drei bis vier Jahren ist für sie und ihr Team, insgesamt acht Stammlehrer, das Thema ein verbindlicher Schwerpunkt mit Hilfe von externen Experten. Schon der Start war vielversprechend, die drei bisherigen Workshops zeigen erste Erfolge. Dabei ging es um Themen wie Selbstmanagement, Stressmanagement, um eine „Tankstelle für die Seele“, um Kommunikation, aber auch um das Thema Essen. „Ich war nicht sicher, ob sich meine Kollegen vor den fremden Moderatoren überhaupt öffnen, aber in den Workshops ist wirklich viel herausgekommen.“ Und so verändern sich bereits Gewohnheiten in der kleinsten Hauptschule des Bezirks Gänserndorf – kleine Schritte mit großer Wirkung: „Wir fragen Kinder, die in der Pause etwas von Lehrern im Lehrerzimmer wollen, schon vor der Türe, ob es dringend ist. Wenn nicht, muss niemand seine Pause unterbrechen.“ Und sie selbst hat ein Körberl eingerichtet, in das alle, die etwas bei ihr deponieren wollen, es hineinlegen können. Wenn sie Zeit hat, arbeitet sie dann alles in Ruhe ab.
Der Schwerpunkt
Renate Reingruber, Projektmitarbeiterin „Gesunde Schule“ der Initiative »Tut gut!«, sieht all diese individuell erarbeiteten Maßnahmen als wichtige Bausteine: „Unsere Vision sind zufriedene Lehrkräfte. Deshalb verfolgen wir mit dem Schwerpunktthema die Ziele Sensibilisierung und Entdeckung der eigenen Gesundheitsressourcen und helfen unseren Schulen, strukturelle Verbesserungen individuell für den jeweiligen Schulstandort zu planen und umzusetzen, zum Beispiel in der Kommunikation, den Abläufen, der Aufgabenverteilung und Transparenz. Schulen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen und spezifischen Bedingungen und brauchen daher genau auf sie zugeschnittene Maßnahmen.“
Umsetzung für die Schulen
Mit den Kooperationspartnern BVA, ARGE Arbeitsmedizin, Fit2work, salutogene Tankstelle für Lehrkräfte setzen sich interessierte Schulstandorte mit dem Schwerpunktthema über zwei bis drei Schuljahre umfassend auseinander: Die Initiative »Tut gut!« bietet im Bereich der Persönlichkeits-bildung ab April 2014 in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule NÖ und dem Landesschulrat für NÖ zweitägige Seminare für Lehrpersonen und Schulleitungen an. Referent: Dr. Georg Wögerbauer
Informationen: »tut gut«-Hotline, www.noetutgut.at
„Gesunde Schule“ in NÖ
Das Programm „Gesunde Schule“ in NÖ ist ein Programm zur körperlichen, psychischen und sozialen Gesundheit im Bereich Schule der Initiative »Tut gut!«. Die Schulen werden vor Ort dabei unterstützt, eine Steuerungsgruppe zu installieren, die Aktivitäten zur Gesundheitsförderung und -vorsorge plant.
Informationen: „tut gut“-Hotline: 02742/22655, www.noetutgut.at
Wo Kommunikation gelingt, ist Beziehung
Dr. Georg Wögerbauer, Allgemeinmediziner und Gesundheits-Entwickler
Dr. Georg Wögerbauer, Allgemeinmediziner und Gesundheits-Entwickler, hat spezielle Seminare für Lehrkräfte entwickelt.
In seinem neuen Buch „Arbeit“ beschreibt der deutsche Molekularbiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer aus neurobiologischer Sicht sehr eindrucksvoll, was fehlende Wertschätzung im menschlichen Hirn auslöst.
Das menschliche Hirn nimmt fehlende Wertschätzung oder Nicht-gesehen-Werden als Schmerz gleich wie somatischen Schmerz wahr, und auf Schmerz reagieren Menschen mit aggressivem Verhalten. Das gilt nicht nur für Kinder, die ignoriert oder ausgeschlossen werden oder deren Leistungen nicht gewürdigt oder gesehen werden.
Das gilt genauso für Lehrpersonen, die von ihren Kollegen oder Vorgesetzten, Direktoren, nicht gesehen oder für das, was sie tun, zu wenig wertgeschätzt werden. Wenn solcher Art ausgegrenzte Menschen dann mit vermehrter Aggression reagieren, bringt ihnen das letztlich wieder noch mehr Einsamkeit, was ein zusätzlicher Stress-Faktor ist. Die Fähigkeit, aktiv zuzuhören, beim Zuhören in die Welt des anderen zu gehen und zu verstehen und dann als nächsten Schritt auch die Fähigkeit zur Empathie, das heißt auch fühlen können, was im anderen vorgeht, ist eine sehr sinnvolle Vorbeugemaßnahme in Bezug auf berufliche Überlastung. Das gilt auch in gleichem Maß für Schüler wie Pädagogen, und ich denke, dass die Kommunikations- und Dialog-Kultur im schulischen Umfeld geschult werden muss. Dort, wo Kommunikation gelingt, ist Beziehung. Und dort wo Beziehung ist, gelingt nachhaltiges Lernen. Beziehungsloses Lernen ist Lernen in Angst und unter Druck und löst wieder Stress aus. Es braucht einen Paradigmenwechsel im Bildungssystem, eine Verabschiedung von der alten und krankmachenden Leistungsdoktrin hin zur Gestaltung und Schaffung von Lernräumen, in denen Beziehung gelebt werden kann und Menschen angstfrei und kreativ gestalten,
lernen und entwickeln können.





