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Betten statt Bürokratie

Für viele Menschen, die aus Kriegsgebieten nach Österreich flüchten, stehen bei ihrer Ankunft keine Betten zur Verfügung. Sie leben als Obdachlose auf unseren Straßen. Der Verein „Guarantee on Tomorrow“ hilft.


Der Verein Guarantee on Tomorrow unterstützt Flüchtlinge wie Jamil aus Afghanistan (links) bei der Wohnungssuche.

In der kleinen Wohnung von Clara Beneder und Dominik Paireder dient ein Raum als Schlafraum für den Flüchtling Jamil und als Lagerraum für Materialspenden, die der Verein dann verteilt.

Jamil ist zuerst von Afghanistan nach Pakistan geflüchtet. Als die Anschläge auf sein Volk dort unerträglich wurden, machte er sich auf den Weg nach Europa.

Clara Beneder ist Mitbegründerin des Vereins Guarantee on Tomorrow.

Dominik Paireder ist Vereinsobmann des Vereins Guarantee on Tomorrow.

Im Zuhause von Clara Beneder und Dominik Paireder ist immer etwas los. Alleine heute sind zwölf Menschen im großen Wohnzimmer der ansonsten kleinen Wohnung. In drei verschiedenen Sprachen diskutieren, scherzen und lachen sie miteinander. Immer wieder klingelt es. Immer wieder verabschiedet sich jemand und die nächste Person kommt bei der Tür herein. Man spricht sich kurz ab, bringt Spenden vorbei und verabschiedet sich wieder. Für das Mittzwanziger-Pärchen mittlerweile eine Normalität. „Zurzeit ist es ruhiger“, erklärt Paireder, „das ist gut, denn es ging schon an die Substanz. Man will ja in seinen eigenen vier Wänden auch seinen Freiraum haben.“ Doch zurück zum Anfang: Im Radio hörten die beiden am Beginn der Flüchtlingskrise 2015 einen Aufruf, obdachlose Asylbewerber bei sich aufzunehmen. Daraufhin beherbergten sie einen Mann aus dem Irak für einige Zeit bei sich. Später fuhren sie nach Wien, um auf den Bahnsteigen des Westbahnhofs Mineralwasser an die unter den sommerlichen Temperaturen leidenden Menschen aus dem Nahen Osten zu verteilen. „Dann haben wir uns entschlossen, nach Ungarn zu fahren und dort zu helfen“, erklärt Paireder, „die Menschen saßen in Budapest und Debrecen fest. Wir haben Konvoifahrten für sie organisiert.“ So sozial war das Pärchen laut eigener Aussage schon immer. Paireder war schon als Entwicklungshelfer unterwegs und hat 2011 als Feuerwehrmann bei den Aufräumarbeiten nach dem großen Erdbeben im neuseeländischen Christchurch mitgewirkt. Eigentlich wollte er damals nur seine Freundin Clara besuchen, die das Land erkundete, doch nach dem Beben verlängerte er seinen Urlaub, um zu helfen. Es war für ihn und seine Lebensgefährtin selbstverständlich, im Zuge der Flüchtlingskrise aktiv zu werden.

Vereinsgründung

„Nachdem wir im Flüchtlingscamp in Rözke geholfen hatten, sind wir totmüde nach Hause gefahren. In St. Pölten haben wir dann zwei Menschen auf der Straße umherirren gesehen. Als wir sie ansprachen, erklärten sie uns, dass sie obdachlose Asylbewerber wären“, schildert Paireder. Das Pärchen brachte die beiden in einem Obdachlosenheim unter. Doch länger als eine Nacht durften sie dort nicht schlafen. „Deshalb haben wir sie dann eben aufgenommen“, erzählt Beneder. So entstand im Oktober 2015 die Idee für den Verein „Guarantee on Tomorrow“. Die beiden St. Pöltner wollten nicht akzeptieren, dass Menschen, die aus Kriegsgebieten kommen und vor Terror geflohen sind, in ihrer Heimatstadt im Freien übernachten müssen. Paireder: „Es war überhaupt keine Überlegung, ob wir helfen oder nicht. Man kann doch Leute nicht auf die Straße setzen. Das geht doch nicht.“ Seither ist der Verein auf 20 ständig aktive Mitglieder und noch weit mehr sporadische Helfer angewachsen, die nicht nur Flashmobs und Benefizveranstaltungen organisieren, sondern auch Schutzsuchende bei sich aufnehmen oder dafür sorgen, dass sie anderweitig Unterschlupf finden. Der Verein nennt das „Emergency Bed and Breakfast“. Der Hintergrund ist, dass die Asylanträge der Neuankömmlinge erst weiter bearbeitet werden, wenn sie eine Meldeadresse in Österreich vorweisen können. Diese sollen sie innerhalb von drei Tagen nach ihrer Entlassung aus der Schubhaft (siehe Box) bekanntgeben. Paireder erklärt: „Die Leute werden sich selbst überlassen. Deshalb bringen wir sie zumindest für diese drei Tage bei jemandem unter. Nach dieser Zeit können wir garantieren, dass sie entweder ein Bett in einem Notfallquartier bekommen, oder bei Privatleuten wohnen können.“

Zu wenige Betten

In NÖ gibt es zwei permanente Notfallquartiere in St. Gabriel und im Helenental; beide sind aber oft überfüllt, weshalb Flüchtlinge auch abgewiesen werden müssen. Mehr als 240 Menschen vermittelte der Verein bereits. Alle von ihnen waren zuerst einmal in der kleinen Wohnung von Dominik Paireder und Clara Beneder, wo sie ein Starterpaket mit Hygieneartikeln bekamen. 40 davon haben auch dort geschlafen. „Einmal hatten wir in einer Nacht neun Leute in der Wohnung“, erzählt Beneder mit einem Grinsen im Gesicht, „Wir mussten dafür extra Matratzen organisieren.“ Für die beiden berufstätigen Helfer bedeutet das einen riesigen Zeitaufwand. „Man kocht für sechs, sieben Menschen. Dann fährt man sie in ein Camp. Währenddessen sucht ein anderer Kleidungsstücke für sie und wäscht das Geschirr ab“, erzählt Beneder von ihrem neuen Leben. Nicht alles davon läuft über Spenden. Das Pärchen hat schon viel privates Geld in die Hilfe investiert. Geld- und Sachspenden wie Kleidung, Hygieneartikel und Nahrungsmittel werden aber natürlich gerne angenommen. Ein St. Pöltner Bioladen, der Suppen und Eintöpfe anbietet, spendet jeden Tag seine Reste an den Verein. Diese werden eingefroren und direkt in die Wohnung gebracht. „Dafür sind wir so wahnsinnig dankbar“, sagt Vereinsgründer Paireder, „vorher sind wir teilweise zu McDonalds gefahren und haben Veggie-Burger gekauft, um die Leute zu versorgen.“

Vertrauen

Neben dem Zeitaufwand verlangt die Flüchtlingshilfe aber auch viel Vertrauen von ihnen. Völlig fremde Leute schlafen in ihrer Wohnung und trotzdem gehen Beneder und Paireder am nächsten Morgen zur Arbeit. Probleme gab es bisher aber nur mit den Inländern. „Der Seitenspiegel unseres Autos wurde von einem Unbekannten beschädigt“, schildert Paireder, „wir glauben, dass solche Handlungen auf Unwissenheit basieren und haben den Täter über Facebook eingeladen, mit uns zu sprechen, um Missverständnisse aus dem Weg zu schaffen. Wir haben ihm garantiert, dass wir keine Anzeige erstatten. Es hat sich aber noch niemand gemeldet.“ Mit den neuen Gästen bespricht man bald nach ihrer Ankunft die Hausregeln, damit es gar nicht erst zu Konflikten kommt. „Viele sind die europäischen Toiletten nicht gewohnt, oder dass man bei uns das Klopapier mit hinunterspülen kann. Doch solche Dinge sind schnell aus dem Weg geräumt“, meint Paireder. Der Afghane Jamil Koshani lebt nun seit etwa zwei Monaten in der Wohnung. Er hat sein eigenes Zimmer und betrachtet Paireder und Beneder mittlerweile als Bruder und Schwester: „Als ich nach meiner einmonatigen Flucht nach Österreich kam, wurde ich nach St. Pölten gebracht und musste in einer Zelle übernachten. Am nächsten Morgen kam Clara vorbei und holte mich ab, weil ich sonst auf der Straße gestanden wäre. Anfangs war ich geschockt, dass ich in der Wohnung von fremden Menschen schlafen sollte.“

Flucht

Jamil gehört zum Volk der Hazara. Der drittgrößten ethnischen Gruppe in Afghanistan. Da diese Menschen in ständiger Angst leben müssen, weil sie Angriffen durch andere ethnische Gruppen ausgesetzt sind, flüchtete er zunächst nach Pakistan, wo es auch eine große Gruppe von Hazara gibt. Doch auch dort wurden zwischen 2008 und 2014 mehr als 500 Angehörige der Ethnie umgebracht. „Du gehst aus dem Haus und plötzlich fahren zwei Männer mit einem Motorrad an dir vorbei und erschießen dich. Oder du wirst von einer Bombe in die Luft gesprengt“, erzählt der 23-Jährige, „2015 war es so schlimm, dass wir nicht mehr in die Krankenhäuser gehen konnten oder an die Universität. Wir waren auch zu Hause nicht mehr sicher. Also beschloss ich, nach Europa zu gehen.“ Hier möchte er so schnell wie möglich eine Wohnung finden und weiter studieren. In Afghanistan studierte er Betriebswirtschaft und arbeitete als Wirtschaftsprüfer in der Firma seines Vaters. Von Österreich ist er begeistert und überrascht. „Wir waren mit Jamil in einem Restaurant“, erzählt Beneder, „und als die Rechnung kam, fragte er uns, ob wir für das Essen gerade Steuern bezahlt hätten, weil es so teuer war. Wir sagten ja. Da meinte er: ‚Dann gehen wir das nächste Mal in ein anderes Lokal.“ Jamil war nicht bewusst, dass man in Österreich mit jedem Kauf auch Steuern bezahlt: „Hier ist alles so gut durchstrukturiert. Wenn wir das in Afghanistan auch hätten, würde sich das Land auch so gut entwickeln, wie die europäischen Staaten.“

Dankbarkeit

Auch Yuri und Hiba sind heute zu Besuch. Das Ehepaar wurde bei ihrer Ankunft in Österreich vom Verein aufgenommen und lebt jetzt in Loosdorf. Die beiden Syrer sind Beneder und Paireder sehr dankbar für ihre Gastfreundschaft, erzählt Yuri: „Ich würde niemals fremde Menschen, von denen ich nichts weiß, alleine in meiner Wohnung lassen. Dominik und Clara haben das gemacht. Sie haben uns als Menschen behandelt. Ohne Vorurteile.“ Zu Hause in Damaskus hatten sie alles, was sie wollten. Ein Haus, ein Auto und gute Jobs. Hiba hat Sport studiert, arbeitete als Fitness-Trainerin und betrieb gleichzeitig ihren eigenen Friseur-Salon. Yuri hat drei Studienabschlüsse und war für die Flugplanung an einem Flughafen mitverantwortlich. „Die Menschen in Österreich sind überrascht, wenn wir ihnen erzählen, dass wir auch Mikrowellen, Züge und Handys in Syrien haben. Viele glauben, wir würden den ganzen Tag in der Wüste auf Kamelen herumreiten. Aber das ist nur das Bild, das in den Medien gezeigt wird. Ich habe 28 Jahre lang in Syrien gelebt und nie ein Kamel gesehen. Die sind nur für Touristen“, erzählt er. Geflüchtet sind die beiden, weil es zu gefährlich war, weiterhin in Syrien zu leben. „Wir wollten niemals Flüchtlinge sein“, erzählt Yuri, „im Internet habe ich gelesen, wie schlecht das Bild von Flüchtlingen hier in Europa ist. Wir sind nur gegangen, weil unsere Leben direkt bedroht waren. Vier Mal wurde bereits auf mich geschossen.“

Neues Leben

Um Probleme zu vermeiden, haben sich Yuri und Hiba dazu entschlossen, in der Öffentlichkeit niemals arabisch zu sprechen. Außerdem verzichtet Hiba auf die traditionelle Verschleierung und trägt stattdessen tief in den Nacken gezogene Wollhauben und Rollkragenpullover oder Schals. Sie wollen nicht direkt als Muslime erkennbar sein, woran der Islamische Staat eine große Schuld trägt, wie Yuri erklärt: „Es gibt einen Unterschied zwischen dem IS und den Muslimen. Dem IS geht es um Geld, Macht und andere Dinge. Sie verwenden die Religion, um ihre Taten zu legitimieren. Damit machen sie das Image aller Muslime kaputt. Wenn ich aber ein Terrorist oder Mörder sein wollte, würde ich in Syrien bleiben. Denn dort könnte ich den ganzen Tag morden. Ich bin geflüchtet, weil ich nicht töten möchte.“ Genauso wie Jamil sind sie zuerst in die Türkei und dann mit einem Schlauchboot nach Griechenland gereist. In der Türkei wollte niemand von ihnen bleiben. „Man wird dort auf engstem Raum mit unglaublich vielen Leuten untergebracht und unmenschlich behandelt. Dort hat man als Flüchtling keine Zukunft“, erklärt Yuri.

Vorurteile

„Wenn sie zu uns kommen, können sie zum ersten Mal nach ihrer Flucht durchatmen“, erklärt Paireder, “und sie kommen auch zum ersten Mal zum Nachdenken, was da eigentlich mit ihnen passiert ist und müssen das dann verarbeiten.“  Die kollektive Wut gegen Flüchtlinge, die aktuell wegen der Silvesternacht in Köln, in der Asylbewerber Frauen sexuell belästigt haben, herrscht, trifft ihn sehr. „Wir leben mit den Menschen zusammen und wissen, dass jede Art von Pauschalisierung falsch ist“, sagt er. Auch Yuri ist dieser Meinung: „ Natürlich kommen auch Leute, die keine guten Absichten haben. Aber die meisten Menschen wollen nur in Frieden leben. Wir Flüchtlinge sind alle Menschen. Genauso wie die Österreicher.“ Deshalb leben Beneder und Paireder nach dem Grundsatz, dass jeder Mensch es verdient hat, menschlich untergebracht zu werden. „Außerdem bekommt man ja wahnsinnig viel zurück. Es reicht schon ein ‚Danke‘. Man sieht ja, dass man Menschen in Notlagen wirklich hilft“, erklärt Beneder.

Zukunft

Auch wenn derzeit weniger Flüchtlinge Schlafplätze in St. Pölten suchen, ist „Guarantee on Tomorrow“ höchst aktiv. Ein Mitglied war bis vor Kurzem auf der griechischen Insel Kos und hat sich dort um Neuankömmlinge gekümmert, die die gefährliche Reise über das Meer angetreten sind. Außerdem sammelt der Verein unter dem Motto „Mützen schützen“ Hauben und Handschuhe, da diese Kleidungsstücke auf der Insel bereit komplett ausverkauft sind. „Die Vision ist, dass die Bewohner von Altersheimen neue Hauben stricken, die wir dann nach Griechenland schicken“, schildert Paireder, „wir wollen viele Menschen inkludieren.“ Derzeit ist der Verein auf der Suche nach einer Mietwohnung in St. Pölten, die als Schlafstelle für die Flüchtlinge dienen soll. „Es gibt viele Menschen, die helfen möchten. Sie würden zum Beispiel gerne für die Schutzsuchenden kochen. Wenn wir jetzt aber noch zusätzlich Menschen zu uns in die Wohnung holen, platzt unser Heim bald aus allen Nähten“, scherzt Paireder. „Außerdem würde ich mich gerne wieder mal alleine vor den Fernseher legen und Champions League schauen“, legt er nach. „Wenn kein Bedarf mehr an unserer Hilfe besteht, weil Stadt, Land oder Bund das regeln, sind wir die Ersten, die das den Profis überlassen. Aber derzeit ist das leider nicht der Fall.“

So können Sie helfen

Sie können den Verein bei verschiedenen Aktionen unterstützen:

Emergency Bed & Breakfast – Sie nehmen Schutzsuchende für bis zu drei Tage (oder auch dauerhaft) bei sich auf.
Taxi on Tomorrow – Sie bringen Flüchtlinge von verschiedenen Standorten in Niederösterreich zu ihren Notunterkünften in der Nähe von Wien.
Mützen schützen – Sie schicken dem Verein Mützen und Handschuhe für Erwachsene, der sie dann an Flüchtlinge in Kos weitergibt.Materialspenden können Sie an Dominik Paireder, Hamerlingstraße 6, 3100 St. Pölten senden oder nach telefonischer Voranmeldung auch persönlich vorbeibringen.

Geldspenden an:
IBAN:AT48 2025 6000 0097 2067
BIC: SPSP AT21 XXX

Informationen:
www.guarantee-on-tomorrow.at
got(at)guarantee-on-tomorrow.at
Tel.: 0676/7092263