Betroffene helfen Betroffenen
In der psychiatrischen Behandlung gehen die NÖ Kliniken neue Wege: Menschen, die selbst einmal in einer psychiatrischen Abteilung behandelt wurden, unterstützen psychisch Kranke.

Nach einjähriger Laufzeit wurde der Ausbildungskurs im November 2014 erfolgreich abgeschlossen. Für die Teilnehmenden war es eine intensive Zeit des Lernens und der Persönlichkeitsentwicklung.
Was sich bei den Selbsthilfegruppen seit Jahren bewährt, kommt nun auch Menschen zugute, die in einer psychiatrischen Abteilung Hilfe suchen: Menschen, die selber psychiatrische Krankheits- und Genesungserfahrung haben, sollen nach entsprechender Ausbildung an psychiatrischen Abteilungen mitarbeiten. Dr. Peter Denk, Leiter des Bereichs Psychiatrie-, Psychologie- und Psychotherapie-Koordination in der NÖ Landeskliniken-Holding, erklärt: „Es ist nachgewiesen, dass diese aktive Beteiligung von Psychiatrie-Erfahrenen die Qualität der Versorgung verbessert. Mit dem Modell EX-IN (Experienced-Involvement) begibt sich die NÖ Landeskliniken-Holding bei der psychiatrischen Versorgung auf neue Wege. Das Wissen der Betroffenen ist eine wertvolle Ergänzung zur professionellen Sichtweise.“ Gemeinsam mit seiner Kollegin Mag. Barbara Weibold, leitet er dieses Projekt, das auf dem EX-IN-Ansatz beruht. Sie unterzogen sich selbst der Ausbildung zum EX-IN-Trainer in Hamburg und Bremen. Das einjährige Curriculum, bestehend aus zwölf Modulen und zwei Praktika, wurde als Pilotprojekt der EU in sechs Ländern entwickelt. „Eine erfahrungsbasierte Didaktik ermöglicht, vom subjektiven Ich-Wissen über das Du-Wissen zu einem umfassenden Wir-Wissen zu gelangen“, erklärt Weibold. Als Kurstrainer konnten unter anderen Jörg Utschakowski und Gyöngyvér Sielaff, zwei renommierte EX-IN-Experten, gewonnen werden.
Bereits zu Beginn des Projekts gab es eine enge Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Tulln, berichtet Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin
Aigner, Leiter der Erwachsenenpsychiatrie in Tulln: „Schon bei den ersten Fokusgruppen zeigten sich die Patienten der Tagesklinik sehr interessiert, sie konnten sofort den Nutzen für sich erkennen. Dass Betroffene Betroffenen helfen können, erschien so plausibel, dass es keiner weiteren Erklärungen bedurfte.“ Die Selbsthilfeorganisationen für Betroffene (HSSG) sowie für Angehörige (HPE) waren von Beginn an eingebunden. Eines der Hauptmotive drückt die Kursteilnehmerin Doris Brauner so aus: „Diese Ausbildung gibt mir die Möglichkeit, meine Erfahrungen mit seelischen Krisen und mein Wissen über ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ mit Menschen in Krisen zu teilen und sie begleitend zu unterstützen, um damit Hoffnung auf Besserung zu wecken.“ Eine der Kurstrainerinnen, Gwen Schulz, erinnert sich ebenfalls an ihre Ausbildung: „Es war das erste Mal in meinem Leben, dass die Tatsache, dass ich viele Jahre in der Psychiatrie zugebracht habe und unter anderem mit der Diagnose Psychose versehen bin, kein Makel war, sondern Voraussetzung dafür, an dieser Fortbildung teilnehmen zu können.“ Nun werden ausgewählte Absolventen des EX-IN-Kurses im Universitätsklinikum Tulln Menschen in akuten psychischen Krisen begleiten.




