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Bergführer und Manager

Was treibt Menschen dazu, sich den Gefahren extremer Bergtouren aus-zusetzen? Bei Hubertus Johannes Lindner, Manager der NÖ Landeskliniken-Holding, ist es der Wunsch, andere Menschen glücklich zu machen.


H. J. Lindner in Seilschaft mit Adam Rys – Mayrlrampe, Großglockner Juni 2012

Sich auf Ängste und Ungewissheiten einlassen und sie überwinden, Hoch- und Tiefgefühle aushalten und sich dabei selbst begegnen – das sind große Themen für Mag. Hubertus Johannes Lindner. Er absolviert gerade die Ausbildung zum Österreichischen Ski- und Bergführer, eine harte Schule, die einen an die eigenen Grenzen führt. Sein Ziel: anderen Menschen helfen, sich ihre alpinistischen Träume zu erfüllen. „Die Amplitude der Empfindungen beim Bergsteigen ist sehr groß. In den Griff bekommt man das nur, wenn man seine Ängste überwindet und lernt, sich auf Unsicherheiten bewusst einzulassen.“ Denn man plant die Routen auf dem Papier, studiert sie gründlich. Aber natürlich kennt man die einzelnen Kletterzüge und die Verhältnisse am Berg noch nicht. Und dann gibt es Faktoren wie Wetterumschwünge und die mentale Tagesverfassung.

Nordwände statt Trampelpfade

Seit sieben Jahren lässt er sich auf Seilschaften ein, vertraut sich anderen Menschen an – am Berg. Der Alpinist schätzt nicht gerade die bekannten Trampelpfade, lieber sind ihm alpine Sportklettereien bis zum achten von neun Schwierigkeitsgraden: „Da, wo alle gehen, sind der Stressfaktor und die objektive Gefahr meist höher.“ Da gibt’s viel mehr Steinschlag. Anders ist es in den steilen, möglichst kompakten Fels- und Eiswänden sowie in den Nordwänden, die eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausüben – wie zum Beispiel die Eiger Nordwand, die ihn schon einmal zum Umkehren gezwungen hat: „Die schiere Höhe der Wand erdrückt dich mental, finster ist es, kalt, weil von der Sonne abgewandt, steil und abweisend. Aber oben kommt man an die Sonne heran und hat nach einem gelungenen Durchstieg ein unglaubliches Hochgefühl.“ Das sucht der erfahrene IT-Manager, das gibt Sicherheit und Selbstvertrauen.

Demut und Bauchgefühl

Demut und Respekt vor dem Berg – das sind die wichtigsten Grundlagen für Entscheidungen im Gebirge. Weitergehen oder umkehren? Lager aufschlagen oder sofort den Rückzug antreten? In die Wand einsteigen oder auf besseres Wetter warten? Ohne Demut und Respekt ist die Gefahr groß, die falsche Entscheidung zu treffen. „Berge und die momentanen Verhältnisse lassen sich nur grob in ein Schema einordnen. Ich habe viel gelernt, vor allem auch von meinen Seilpartnern: In komplexen und gefährlichen Situationen ist es überlebenswichtig, mit dem, was rund um dich ist und passiert, bewusst emotional in Beziehung zu treten, dem Bauchgefühl zu folgen. Natürlich gibt es Kriterien für Entscheidungen: Da spielt der Wind eine Rolle, die Sonne, das Licht. Aber ohne emotionale Intelligenz, Erfahrung und Bauchgefühl gehst du ein größeres Risiko ein. Das hab ich erst lernen müssen.“

Dienstleister für Ärzte und Pflege

Komplexität zieht den 36-jährigen an – die Komplexität all der Eindrücke, die es zu verarbeiten gilt, wenn man am Berg vor schwierigen Entscheidungen steht, genauso wie die Komplexität der beruflichen Herausforderungen: Hubertus Johannes Lindner leitet die Abteilung Organisationsentwicklung und IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien) in der Zentrale der NÖ Landeskliniken-Holding. Wenn er Dinge erklärt, zeichnet er Diagramme und Strukturen, damit der  Zuhörer begreifen kann, was er meint. Lineares Denken reicht hier ebenso wenig
wie am Berg. Mit seinem 20-köpfigen Team und den IKT-Experten in den 27 Standorten der NÖ Landes­kliniken verantwortet er alles, was in den Kliniken
mit Computern zu tun hat: Von der Sicherheit der Patientendaten über die elektronische Gesundheitsakte, bis hin zu den Datennetzwerken und all den Programmen für die medizinischen, pflegerischen und kaufmännischen Anwendungsbereiche, wie Laborsysteme, Radiologiesysteme, Buchhaltung, Materialwirtschaft und vieles mehr. Und das Komplexe und damit Spannende daran: Wenn ein Ablauf wie zum Beispiel die Patientenaufnahme und Anamnese neu aufgesetzt werden soll, dann geschieht das gemeinsam mit Vertretern aus Medizin, Pflege und mit Juristen. Denn die IT unterstützt die Anwender und hilft im Konzern Prozesse zu harmonisieren. Die Vorgaben und MIndestkriterien kommen aber immer von den Anwendern.

Loslassen lernen

Er hat gelernt, diese komplexen Aufgaben mit allen Sinnen anzugehen – wie am Berg, achtsam und aufmerksam. Achtsamkeit sich selbst gegenüber hat er erst erwerben müssen, denn Lindner hat lange über seine Grenzen gearbeitet, und auch über die geliebter Menschen. Und die Freude am Leben hatte sich dabei in den hintersten Winkel seiner Seele verzogen. Das ist schon eine Weile her. Dann kam das Berg­steigen wieder in sein Leben, eine alte Leidenschaft, die nahe liegend ist, wenn man in Göstling aufwächst. Doch die Hardcore-Tour mit der Bergführer-Aus­bildung hat den Körper intensiv gefordert und er musste erkennen, dass er Grenzen hat: Beim Schi­fahren fährt ihm jemand ins Knie und es dauert lange, bis er wieder fit ist. In dieser Zeit lernt er die Landeskliniken als Patient kennen. Und im Vorjahr bricht er sich beim Laufen etwas im Mittelfuß. Das bremst ihn erneut scharf ein, er muss stillhalten, das Gesund­werden rückt in den Mittelpunkt. Dabei lernt er sich selbst besser kennen. Er sieht, dass sein Team auch ohne ihn mehr als ganze Arbeit leistet, sie nicht nur die Stellung halten, sondern die Dinge weitertreiben. Auch wenn er die Hälfte der Zeit nicht da sein kann und müde ist von der Reha. Eine neue Erfahrung. Und er lernt in dieser Zeit seine Freundin kennen, mit der er sich nun am elterlichen Hof in Göstling eine Bleibe schaffen wird, raus aus der Stadt, nah an der Natur. Die beiden wollen Ende des Jahres heiraten.

Achtsam bleiben

Gerade die Fußverletzung war für Lindner ein Schock, hatte er doch geglaubt, mit der Bergführer-Ausbildung und der Fähigkeit, das Handy am Wochenende abzuschalten, endlich die eigenen Grenzen zu respektieren. „Aber ich hätte nicht die bisherigen Muster abgelegt, ständig zu arbeiten und alles kontrollieren zu wollen – das habe ich nur durch die Fußverletzung geschafft“, weiß er. Heute kann er beim Laufen die Gedanken „rauslaufen“, trainiert auch mit Yoga, achtsam und aufmerksam zu sein, liebt den inten­siven Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, Konzentration und Kraft und spürt trotz aller Hektik, die Arbeitstage und das große Lern- und Tourenprogramm mit sich bringen, genau, wie es ihm geht, denn: „Wenn ich leer bin, kann ich die nötige Körperspannung beim Yoga gar nicht halten.“
Konzentration und Fokussierung sind seine Werkzeuge – am Berg wie im Management. Er hört jetzt viel mehr auf seinen Körper und seine Seele. Der  Mönch Anselm Grün ist ihm ein Lehrmeister geworden. Will er als Bergführer arbeiten? Das stehe fest, sagt er, auch wenn die Arbeit in der NÖ Landeskliniken-Holding „mein Baby“ und ihm genauso wie die Menschen dort ans Herz gewachsen ist. „Im Hamsterrad zu laufen, das kannst du im Management eine Zeit lang tun, aber am Berg hast du sofort fatale Konsequenzen. Als Bergführer musst du zwangsläufig ganz auf dich hören, trägst eine extreme und unmittelbare Verantwortung.“ Menschen auf Berge führen ist seine große Leidenschaft und ist fixer Bestandteil seiner persönlichen und beruflichen Zukunft. Warum nicht nur für sich allein oder mit Freunden bergsteigen? Was reizt ihn an dieser zusätzlichen Verantwortung, an dieser ständigen Herausforderung? „Ich kann Menschen helfen und sie begleiten, damit sie sich ihre Träume erfüllen.“

FOTOS: gerald lechner, privat

Steckbrief

Mag. Hubertus Johannes Lindner, aufgewachsen in Göstling an der Ybbs, absolvierte die HAK, studierte an der WU Wien Informationswirtschaft und Wirtschaftsinformatik und arbeitete parallel bei einer Wiener Consultingfirma für Management und Informationssysteme. 2005 kam er als SAP-Projektleiter in die NÖ Landeskliniken-Holding und übernahm 2008 die Abteilung Organisationsentwicklung und IKT, die er seither leitet.