Aufregend, temporeich & strategisch
American Football: Was auf den ersten Blick wie eine wilde Rangelei aussieht, ist in Wirklichkeit ein taktisches Spiel, bei dem jeder, ob dicker oder dünner, schneller oder langsamer, einen idealen Platz findet – beim Spiel und im Team!
Zweimal elf Spieler in monströsen Dressen, breitschultrig, mit Helm, Mundgitter und diversen Schonern, ein Teil nach vorne gebeugt in Formation aufgereiht, Blick zueinander. Zwischen ihnen ein Ball in Form eines Ellipsoids. Der Rest der Mannschaft auf dem Spielfeld aufgestellt, auf den ersten Blick zufällig platziert. Alle angespannt, nur auf den Start
wartend. Dann geht es ganz schnell. Der zentrale Spieler, der Quarterback, erhält durch einen Spieler der ersten Reihe den Ball. Je nach geplantem Spielzug gibt er diesen an den Ballträger (Runningback) weiter oder spielt ihn einem Passempfänger zu (Receiver) – mit nur einem Ziel: ihn hinter die gegnerische Endzone zu bringen, den berühmten Touchdown zu erreichen. Das zu verhindern und den Ball zurückzuerobern ist nun Aufgabe der Gegner. Im Spiel gleicht diese sachliche Erklärung einer wilden Rauferei, ein Stoppen unter Einsatz des ganzen Körpers, extrem temporeich und kraftvoll. Und extrem gefährlich! Harte Jungs eben, nicht für den „Jungen von nebenan“. Eine häufige erste Einschätzung, gerade von Eltern, deren Söhne mit diesem Sport beginnen wollen. Und die doch weit von der Wirklichkeit entfernt liegt.
„Warum denn gerade Football?“
„Als der Erste meiner Söhne Football spielen wollte, war ich nicht wirklich froh und machte mir Sorgen wegen der Verletzungsgefahr und der Rüpel, die
ich dort vermutete“, erinnert sich Dr. Liselotte Bachinger an den Erstkontakt und muss herzhaft lachen. Denn mittlerweile spielen ihre vier Söhne bei der Mannschaft Generali Invaders St. Pölten AFC. Und die ganze Familie ist mit Begeisterung bei den Spielen dabei. Verletzungen gab es keine ernsthaften. Und „Rüpel“? Auch dieses Vorurteil war bald entkräftet. Ein Messen mit fairen Regeln, gut für Jungs im Heranwachsen und weit darüber hinaus. Kontrollierter Körperkontakt unter Jugendlichen gilt als extrem wichtig zur Gewaltvorbeugung. Eine Aussage, die sich beim Beobachten der Spieler bestätigt: Eben noch wild auf dem Spielfeld mit voller Kraft aneinander prallend, gehen die Gegner danach entspannt vom Feld. Ausgepowert und gesund müde.
Strategie beim „Rasenschach“
Das ist ein Aspekt dieser Sportart – der Körper ist gefordert, trainiert und ausgelastet. Was dem ungeübten Zuschauer nicht unbedingt sofort ins Auge springt, sind jedoch die Spielzüge. Der Versuch, den Ball in die Endzone zu bringen, ist vorab genau geplant. Unzählige verschiedene Varianten gibt es, die exakt trainiert werden und dann den Sieg bringen sollen. Jeder weiß, was er beim ausgewählten Spielzug zu tun hat, wofür er zuständig ist. So wird Football gerne als „Rasenschach“ bezeichnet. Strategie, schnelles Reagieren und spontanes Umsetzen sind Training für den Kopf, auf dem Spielfeld heißt es konzentriert sein, keine Sekunde mit den Gedanken abgleiten. Diese mentale Stärke wirkt sich auch auf das Leben neben dem Football aus – Konzentrationsfähigkeit, Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl steigen. Ein wichtiger Faktor im Heranwachsen von Jugendlichen und auch aktive Suchtvorbeugung.
Jeder findet seinen Platz!
Neben diesen positiven Auswirkungen gibt es aber noch einen anderen Punkt, der mit die Begeisterung für American Football ausmacht. „Wir sind ein tolles Team – am Platz und privat. Es macht einfach unglaublich viel Spaß, hier zu sein!“, erzählt der 15-jährige Severin Bachinger. Beobachtet man die Jungs beim Training, fällt der Gruppenzusammenhalt auf. Unterschiedlichste Typen sind es, die eine Mannschaft bilden. Mit Platz für jeden. Entgegen anderen Sportarten, wo nur die schlanken, schnellen Sportler Erfolg haben, gibt es beim American Football für jeden Typ die ideale Position. So wird der Zarte, Schnelle genauso gebraucht wie der Dickere, vielleicht etwas Langsamere. Nur gemeinsam gelingt der Erfolg. Gerade für die Jugendlichen, die auf den ersten Blick weniger sportlich wirken, ist es umso schöner, einen Sport zu finden, wo sie integriert sind und anerkannt werden, so wie sie sind. Und so nebenbei trainieren sie Kondition, Kraft und Geschicklichkeit – und werden damit fitter trotz eines zu viel an Gewicht. Die Verletzungshäufigkeit ist nicht höher als bei anderen temperamentvollen Sportarten.
„Buben ziehen einfach gerne in den Kampf, hier tun sie es mit festen Regeln und gut geschützt“, ist Invaders-Präsidentin Mag. Ulrike Zöchling, ebenfalls Mutter eines Spielers, froh über diesen sportlichen Rahmen, wo Jungen noch Jungen sein können. Insgesamt an die 100 Spieler sind bei den Invaders, von zehn bis 51 Jahren ist es eine bunte Mischung, aufgeteilt in die verschiedenen Altersgruppen. Bereits seit 1986 gibt es den Verein in St. Pölten. Mehrmals waren sie NÖ Landesmeister, 2010 folgte der Aufstieg in die höchste österreichische Spielklasse, der AFL. „Zweimal stellten wir Nationalspieler und 2010 den österreichbesten Widereceiver“, ist Zöchling stolz auf die Leistung „ihres“ Vereins.
„Das ist kein Tussi-Sport!“
Denkt man an American Football, dann meist im gleichen Atemzug an hübsche Mädchen mit bunten Dressen und lustigen Bommeln – die Cheerleader. „Zuerst dachte ich, das wäre ein Tussi-Sport und somit nicht meines, aber das ist anstrengend und anspruchsvoll, in jeder Hinsicht“, erzählt Elisabeth Schön, die – wie viele ihrer Kolleginnen – durch Freunde, die Football spielen, zu den Cheerleaders kam. An die 30 Mädchen ab zwölf Jahren und derzeit zwei Burschen sind es, die mit ihren Tanz- und Akrobatikeinlagen das berühmte Tüpfelchen auf dem I bei einem Football-Spiel ausmachen. Bei Cheerleader-Meisterschaften messen sie ihr Können. Zweimal die Woche wird trainiert, dabei gibt es durchaus auch einmal blaue Flecken. Gerade die aufgebauten Pyramiden fordern den Mädchen alles ab – Kraft und Stärke im unteren Bereich, Gleichgewicht und Schwindelfreiheit bei den oberen. Und so ist es auch hier wie bei den Burschen – Platz ist für jeden, der Freude an der Bewegung hat und gerne im Team trainiert. American Football – ein starker Sport, der zwar wie eine wilde Rauferei aussieht, aber geprägt ist von Strategie, Tempo und großem Teamgeist.
Informationen:
www.invaders.at
American Football
Als Nationalsport der Amerikaner ist American Football mittlerweile auch in Österreich bekannt und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Das Spielfeld ist 120 Yards (1 Yard = 0,9144 Meter) lang und 53,33 Yards breit, dabei entfallen je zehn Yards auf die Endzonen an beiden Enden. Auch Tore gibt es. Linien im Abstand von fünf oder zehn Yards erleichtern die Orientierung über Raumgewinne und Distanzen. Es ist eine Mischung aus Kampf und Strategie. Ziel der Offense ist es, Raum zu gewinnen und so den Ball in Richtung der gegnerischen Endzone zu bringen, um mit einem Punktegewinn abzuschließen.
Das Spiel startet mit dem Kickoff. Dazu wird der Ball an der 35-Yard-Linie der abwehrenden Mannschaft aufgestellt und vom Kicker in Richtung der Mannschaft gekickt, die den Angriff ausführen wird. Die empfangende Mannschaft kann den Ball aufnehmen und versuchen, ihn in Richtung der Gegner zurück zu tragen, um die eigene Startposition zu verbessern. Geht der Ball über die Endlinie hinaus, startet der Angriff an der 20-Yard-Linie.
Nun hat die Offense vier Versuche (Downs), um einen Raumgewinn von zehn Yards zu erreichen. Sobald dies gelingt, startet eine neue Reihe von vier Versuchen. Der Raumgewinn kann durch ein Laufen mit dem Ball oder durch ein Werfen und Fangen des Balles erreicht werden. Läuft ein Spieler mit dem Ball in die Endzone oder fängt er dort diesen, dann ist ein Touchdown erreicht, der sechs Punkte bringt.
Mit dem Punktegewinn geht das Angriffsrecht an den Gegner und es erfolgt wieder ein Kickoff wie beim Spielstart. Gelingt es einer Mannschaft in den vier Versuchen nicht, einen Raumgewinn von zehn Yards zu erreichen, dann verliert sie das Angriffsrecht an den Gegner. Er startet die Offense an der aktuellen Ballposition.
Der Teil der Mannschaft, der Raumgewinn der Gegner verhindern will, heißt Defense. Sie stört das Laufspiel, indem sie laufende Spieler blockt, zu Fall bringt oder seitlich vom Spielfeld drängt. Bis zu sieben Schiedsrichter überwachen das Spiel und die Einhaltung der Regeln.





