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Augenarzt bringt Licht in die Welt

85 Prozent aller blinden und sehbehinderten Menschen leben in Entwicklungsländern. Dr. Robert Waditschatka, Augenarzt aus Mistelbach, operierte ehrenamtlich in Mosambik – und brachte Menschen wieder Licht in ihr Leben.


Bei der Arbeit vor Ort: Gemeinsam mit einem Kollegen aus Äthiopien untersuchte und operierte Dr. Waditschatka Menschen mit Grauem Star oder anderen Augenkrankheiten. Den zweijährigen Luís Tomás operierte er am linken Auge und setzte ihm eine neue Linse ein. Er hat heute wieder volle Sehkraft.

Tief schaut er seinem Gegenüber in die Augen. Aber nicht wie ein Charmeur, sondern nachdenklich und konzentriert. Robert Waditschatka ist niedergelassener Augenarzt in Mistelbach mit Nebentätigkeit im Landesklinikum Mistelbach und hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht: „Ich schaue den Menschen gerne beim Schauen zu – und wie sie die Welt wahrnehmen“, gibt er mit einem Schmunzeln zu. Das Auge ist für ihn das interessanteste und schönste menschliche Organ. Doch das Beste an seinem Beruf sind die vielen Menschen, mit denen er zu tun hat, sagt er, und wie viel man von ihnen zurückbekommt.
Aus dieser Liebe zum Menschen hat er sich beim Verein „Licht für die Welt“ vor zwei Jahren bereit erklärt, an einer ehrenamtlichen Projektreise nach Mosambik teilzunehmen. „Es war ein Privileg für mich, dort mitarbeiten zu dürfen und eine unvergleichbar wertvolle Erfahrung“, schildert er. Zehn Tage lang war er dort – hauptsächlich in der Provinzhauptstadt Beira – und operierte selbst oder assistierte ortsansässigen Chirurgen bei Augenoperationen. „Es war radikal anders, als ich es aus Österreich gewöhnt bin, denn Operationsräume oder Instrumente sind natürlich sehr einfach gehalten.“ Klingt abenteuerlich. „Aber das war noch das kleinere Problem“, relativiert Waditschatka mit einem Lächeln, „die Sprachbarriere war schwieriger zu überwinden. Da ich nicht Portugiesisch kann, war es schwierig, offen mit den Menschen zu sprechen. Vor allem sprechen viele einen afrikanischen Dialekt. Ohne Dolmetscher ging da nichts.“

Mission: Ehrenamt in Afrika

Wie er denn überhaupt zu seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten im In- und Ausland gekommen sei? Schon während seiner Ausbildung zum Augenarzt kam Waditschatka mit der damals „Christoffel-
Blindenmission Österreich“ genannten Organisation in Kontakt. Zuerst als Spender, anschließend als aktives Mitglied.
„Bei einem Seminar lernte ich Augenärzte aus Nepal und Kenia kennen, die schon für die Organisation gearbeitet haben. Ich habe mich dann immer mehr engagiert und vor mittlerweile sechs Jahren hat mich ‚Licht für die Welt‘ für ihre Kampagnen engagiert. Seitdem halte ich als ortsansässiger Augenarzt für das Weinviertel Vorträge und
mache Spendenaufrufe.“ Insgesamt 14 Jahre ist Waditschatka nun ehrenamtlich tätig, die Projektreise nach Afrika vor zwei Jahren war der Höhepunkt seines bisherigen Engagements.

Zehn Tage Mosambik

Aus Mosambik kehrte Waditschatka als völlig veränderter Mensch zurück: „Der Aufenthalt hat vieles für mich relativiert. Wenn man merkt, wie viel Energie und Aufwand hinter der Arbeit von ‚Licht für die Welt‘ dort stecken muss, wird man sehr dankbar für die medizinische Infrastruktur, die wir in Österreich genießen.“ Welche Verhältnisse dort herrschen, erfuhr der niederösterreichische Augenarzt schon in den ersten Tagen seiner Reise: „Der äthiopische Augenarzt Dr. Assegid Agaroba, der für ,Licht für die Welt‘ in Mosambik arbeitet, und ich sind über Feldwege rund sieben Stunden zu einem Dorf unterwegs gewesen. Das Operationsmikroskop und eine Basisausrüstung hatten wir dabei – vor Ort gab es einen kleinen Operationsraum. Die Notlösung war ein kleiner Spiritusbrenner, mit dem wir ein altes Kautergerät erhitzten. Doch bald gab es auch keinen Spiritus mehr. Also schickte ,Licht für die Welt‘-Botschafterin Chris Lohner, die ebenfalls mit auf Projektreise war, unseren Chauffeur los, um Kerzen zu kaufen.“ Und dann? „Nun ja“, schmunzelt Waditschatka, „dann stand Chris Lohner neben dem OP-Tisch mit der Kerze in der Hand, an der wir das Kauterinstrument erhitzen konnten. Wir haben gelacht und gemeint, jetzt haben wir im Mai schon Weihnachtsstimmung.“ Aber auch die Eröffnung eines gemeindenahen Rehabilitationszentrums war für Waditschatka ein berührendes Erlebnis. Gehörlose Menschen hielten eine Rede für alle Freiwilligen – unter ihnen auch Chris Lohner –, die simultan für alle Hörenden zunächst ins Portugiesische und wenig später auch ins Deutsche übersetzt wurde. „Das war ein sehr intensives Erlebnis für mich“, erzählt er.
Der zweijährige Luís Tomás und dessen Mutter Josefa Felipe blieben ihm bis heute im Gedächtnis. „Luís war ein irrsinnig süßes, kleines Kind. Ein bisschen scheu und misstrauisch, wie Kinder in diesem Alter sind, aber trotzdem sehr neugierig“, schildert Waditschatka. Der kleine Bub hatte nach einer Verletzung am linken Auge Grauen Star. „Wir haben das rekonstruiert und vermuten, dass er sich bei einem Sturz einen Kaktusstachel ins Auge gestochen hat.“ Die Graue-Star-Operation ist Waditschatkas Stamm-Metier. Unter seiner Anleitung operierte die mosambikanische Augenärztin Dr. Margarida Chagunda den kleinen Luís und lernte dabei die richtige Technik für das neugelieferte Nahtmaterial. In Österreich wird dafür eine spezielle Ultraschall-Technik angewendet, bei der durch einen drei Millimeter langen Schnitt minimal-invasiv eine neue Linse eingesetzt wird. „Durch ein Ultraschallgerät und ein Mikroskop ist das Ganze sehr technikunterstützt. Gelernt habe ich die Graue-Star-Operation allerdings noch händisch mit Skalpell“, erzählt Waditschatka. Unter Ärzten ist man sich einig, dass in Afrika nach wie vor diese Operation mit der alten, händischen Technik besser, effizienter und vor allem sicherer ist. Der Augenarzt erklärt, warum: „Es würde nichts bringen, ein hoch entwickeltes Gerät in einer kleinen Augenklinik im Busch aufzustellen, wo es vielleicht nur alle paar Stunden Strom oder fließendes Wasser gibt.“ Trotz der Umstände vor Ort ist die Operation bei Luís sehr gut verlaufen, und er hat heute wieder volle Sehkraft auf beiden Augen. Neben den operativen Eingriffen bekam der Augenarzt aber auch ganz andere Einblicke in Land und Leute – und in die Arbeit von „Licht für die Welt“ vor Ort. In Afrika werden behinderte Kinder als „Strafe Gottes“ gesehen und oftmals daheim versteckt. Viele von ihnen sind ohne jeglichen Kontakt zum außerfamiliären Leben. Ausgebildete Helfer fahren daher in diese Gebiete, suchen nach diesen Kindern und holen sie aus ihrer Isolation. Vor Ort betreiben sie Aufklärungsarbeit oder bauen gemeinsam mit der Familie Krücken oder Blindenstöcke für deren Kinder. „Es war für mich beeindruckend zu sehen, mit wie viel Energie und Leidenschaft hier gearbeitet wird, damit behinderte Menschen in Afrika ihren Alltag möglichst selbstständig meistern können.“
Es geht aber vor allem darum, Vertrauen zu den Menschen dort aufzubauen. Ein Gedankenexperiment: Irgendjemand ganz anders Aussehender kommt nach Österreich in ein Dorf und sagt zu Ihnen: „Ihren Großvater bringen Sie jetzt von hier nach Linz, und dort kommt ein Arzt und operiert ihn, sodass er danach wieder sieht.“ Den Menschen muss erst einmal klar gemacht werden, worum es geht. Oder das Thema Nachsorge nach Operationen: Menschen, die 300 Kilometer von der nächsten Klinik entfernt wohnen, können es sich nicht leisten, nochmals zur Klinik zu fahren – Helfer müssen zu ihnen kommen. Waditschatka bringt es auf den Punkt: „In Österreich ärgert man sich, weil man vielleicht etwas länger auf den nächsten Augenarzt-Termin warten muss. In Afrika warten viele ein Leben lang. Und nur eine Handvoll Menschen bekommt die Chance auf eine Operation – die überwiegende Mehrheit hat diese Möglichkeit nicht.“

FOTOS: Franz Xaver Lahmer

LICHT FÜR DIE WELT

Der gemeinnützige Verein „Licht für die Welt“ wurde am 15. November 1988 als „Christoffel-Blindenmission Österreich“ gegründet. Er setzt sich für augenkranke, blinde und anders behinderte Menschen in Entwicklungsländern sowie deren Chancen und Rechte ein. Der zentrale Einsatzbereich ist das Verhindern von Blindheit: 85 Prozent aller blinden und sehbehinderten Menschen leben in Armutsgebieten wie Afrika, Asien, Lateinamerika oder Südosteuropa. Allein im Jahr 2010 konnten 40.700 Graue-Star-Operationen – die häufigste aller Ursachen für Blindheit – gemacht werden und so Menschen Augenlicht geschenkt werden, die ohne diese Hilfe ein Leben lang blind gewesen wären.

Hilfe zur Selbsthilfe

Das primäre Ziel von „Licht für die Welt“ ist, nachhaltig wirksame Infrastrukturen vor Ort aufzubauen. Es wird deshalb eng mit lokalen Partnern zusammengearbeitet, die in alle Entwicklungsprojekte und -programme eingebunden sind. Zusammen mit internationalen Fachorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll bis 2020 weltweit kein Mensch mehr erblinden, nur weil es an der notwendigen medizinischen Versorgung mangelt. Die Hilfe zur Selbsthilfe, der Aufbau nachhaltiger Strukturen vor Ort und die Ausbildung einheimischer Fachkräfte stehen daher an erster Stelle.

Kinderpatenschaften in Afrika

80 Prozent aller behinderten Kinder weltweit leben in Entwicklungsländern. Sie haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung. Meist bleiben sie ihr Leben lang von ihren Familien abhängig, die sie oft als „Schande für die Familie“ sehen und sozial völlig abschirmen. „Licht für die Welt“ klärt gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen die Menschen über die Ursachen von Behinderungen auf und ermöglicht den Kindern den Zugang zu Bildung. Behinderte Kinder werden medizinisch und rehabilitativ gefördert. Die Arbeit von „Licht für die Welt“ wird von mehr als 118.000 Unterstützern sowie zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen, die sich weltweit für behinderte Menschen einsetzen. Sie können einen Beitrag leisten, indem Sie spenden oder Kinderpate werden. Als Kinderpate ermöglichen Sie einem behinderten Kind in Afrika, ein eigenständiges Leben zu führen und alltägliche Fertigkeiten wie Sitzen oder Sprechen zu lernen.
Informationen: www.lichtfuerdiewelt.at, www.kinderpate.at

Word-Rap

Persönlicher Bezug zu Afrika? Ich habe in meiner Jugend in unterschiedlichen Bands Gitarre gespielt, unter anderem in der Afroband Sakayonsa in Wien. Da habe ich ein paar Jahre sozusagen als Gast­arbeiter Bassgitarre gespielt.

Das Beste am Beruf? Dass man es mit vielen Menschen – quer durch die Bevölkerungsschichten – zu tun hat und dass man viel von ihnen zurückbekommt.

Warum Augenarzt? Ich bin sehr an der menschlichen Wahrnehmung interessiert und davon deckt das Auge ca. 80 Prozent ab. Außerdem ist das Auge für mich das schönste und ästhetischste Organ des Menschen.

Familie? Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Mein Sohn ist 13 Jahre alt, meine Tochter 10. Wir wohnen in Mistelbach, wo ich auch meine Ordination habe und im Landesklinikum arbeite.

Ihr Glaubenssatz? „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“ Das ist von Ödön von Horvath. Mir gefällt die typisch österreichische Ausdrucksweise „als wie“.

Hobbys? Ich bin leidenschaftlicher Läufer und jogge, wann immer es meine Zeit erlaubt. Mein Sohn ist aber viele fanatischer als ich und hängt mich mittlerweile locker ab.

Wie entspannen Sie? Ich lese gerne, komme aber leider viel zu wenig dazu. Außerdem gehe ich gerne ins Kino oder Theater, da ich ein verhinderter Schauspieler bin. Ich habe eine Schauspielausbildung gemacht, bevor ich mich für die Medizin entschieden habe.

Beste Eigenschaft? Ich kann sehr genau sein.

Schlechteste Eigenschaft? Ich kann sehr penibel sein.

Das Wichtigste in Ihrem Leben? Das sind die Menschen, die ich liebe.