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Augen-Blicke

Nicht umsonst gilt das Sehen als Leitsinn des Menschen. Doch wissen Sie eigentlich, wie das Auge aufgebaut ist, wie komplex der Sehvorgang ist oder was man heute schon alles gegen weit verbreitete Augenerkrankungen tun kann?


FOTO: Fotolia

Das Auge sagte eines Tages: „Ich sehe hinter diesen Tälern im blauen Dunst einen Berg. Ist er nicht wunderschön?“
Das Ohr lauschte und sagte nach einer Weile: „Wo ist der Berg? Ich höre keinen!“
Darauf sagte die Hand: „Ich versuche vergeblich, ihn zu greifen. Ich finde keinen Berg!“
Die Nase sagte: „Ich rieche nichts. Da ist kein Berg!“
Da wandte sich das Auge in eine andere Richtung. Die anderen diskutierten weiter über diese merkwürdige Täuschung und kamen zu dem Schluss: „Mit dem Auge stimmt etwas nicht!“
Dieser Aphorismus stammt von dem libanesisch-amerikanischen Maler, Philosophen und Dichter Khalil Gibran, und er zeigt auf sensibel-poetische Weise, welch wichtiges und kostbares, doch oft unterschätztes Sinnesorgan das menschliche Auge ist. Nicht umsonst wird der Sehsinn als Leitsinn der fünf menschlichen Sinne bezeichnet.

Hochkomplexer Sehvorgang

Der Prozess des Sehens ist ein hochkomplexer Vorgang: Lichtstrahlen, die ins Auge fallen, regen lichtempfindliche Rezeptoren und dadurch Nerven an, Signale ans Gehirn zu senden. Ins Auge gelangen die Lichtstrahlen durch die Pupille und die Linse. Letztere bündelt die Lichtstrahlen, und es kommt zu einem klaren Abbild der Umgebung auf der an der Rückwand des Auges befindlichen Netzhaut. Die Netzhaut besteht aus einer Schicht überaus feiner lichtempfindlicher Rezeptoren und dünnen Nervenzellen, die wiederum den Lichteindruck ins Gehirn weiterleiten. Photorezeptoren reagieren nun auf das Licht und schicken Signale über die dünnen Nervenfasern zum Sehnerv, der von der Rückwand des Auges ins Gehirn führt. Dort empfangen und verarbeiten bestimmte Teile des Gehirns die Signale. Schließlich empfinden („sehen“) wir das Bild vor unserem Auge.

Sehen ist individuell

Sehen ist aber nicht nur die Umwandlung der Lichtreize aus der Umwelt in interpretierbare Information, sondern auch das Abgleichen dieser Information mit inneren Bildern – bei der visuellen Wahrnehmung spielen Erfahrung und bereits gespeicherte Informationen eine wesentliche Rolle. Damit ist dieser Vorgang auch nicht objektiv für alle Menschen gleich, sondern schlussendlich individuell, da es auch um das (Wieder-)Erkennen von Bildern geht. Ist ein Objekt bereits vertraut, funktioniert die Wahrnehmung viel schneller als bei etwas Unbekanntem. Beim Blick in den Spiegel können wir naturgemäß nur einen Teil des Auges sehen. Das ganze Auge hat etwa die Form einer kleinen Kugel mit einem Durchmesser von rund 22 Millimetern – deshalb spricht man auch vom „Augapfel“. Er ist mit einer durchsichtigen, gallertartigen Masse, dem Glaskörper, gefüllt, der einerseits die Bündelung der Lichtstrahlen fördert und andererseits dazu beiträgt, dass der Augapfel seine Form behält. Die Augen liegen geschützt in den Augenhöhlen, die von Schädelknochen gebildet werden. Zusätzlichen Schutz bietet die äußere Haut des Auges, die aus festem weißem Gewebe besteht. Sie geht vorne in die durchsichtige Hornhaut über, die die Aufgabe hat, die Linse zu schützen.

Die Farbe der Regenbogenhaut

Die zweite Gewebsschicht des Auges ist dunkel und von vielen Blutgefäßen durchzogen. Der vordere Teil dieser Schicht – die Regenbogenhaut oder Iris, die in der Mitte ein Loch, die Pupille, hat – liegt zwischen der Hornhaut und der Linse. Sie kann blau, grau, grün oder braun sein und stellt damit die Farbe unserer Augen. Die Regenbogenhaut kann mit Hilfe von Muskeln die Pupille vergrößern oder verkleinern und dadurch steuern, wie viel Licht durch die Pupille auf die Linse und damit ins Auge fällt.

Was das Bild scharf macht

Hinter der Pupille liegt die Linse. Von ihr verlaufen feine Muskelfasern zu der festen, äußeren Haut
des Augapfels, die die Dicke der Linse verändern können. Das ist notwendig, damit sowohl von nahe gelegenen als auch von weiter entfernten Gegenständen ein scharfes Bild auf der Netzhaut entsteht. Die Netzhaut ist die dritte Schicht oder auch die innerste Auskleidung des Augapfels. Sie besteht aus einer Schicht von lichtempfindlichen Nervenzellen (Photorezeptoren), die die Signale verarbeiten. Diese Zellen sind so etwas wie ein kleiner Computer, der bereits in der Netzhaut das Bild verbessert. Mit den Netzhautnervenzellen werden der Bildkontrast optimiert, die Farben leuchtender gemacht und Bewegungen im Bild deutlicher dargestellt.
Ober- und Unterlider schützen die Augen. Im Oberlid sitzt eine kleine Drüse, aus der die Tränen kommen. Tränen brauchen wir, um weinen zu
können, und Tränen halten die Augen feucht und sauber: 20 Mal pro Minute blinzeln wir, dadurch
werden  Staubteilchen von den Augen abgehalten und die Tränenflüssigkeit ständig über die Augen-oberfläche verteilt.

Beugen Sie Augenerkrankungen vor!

Sie sehen also, dem Auge wird vom Dichterphilosophen Khalil Gibran zu Recht ein Hohelied gesungen, und jeder von uns sollte dieses kostbare Gut hegen und pflegen. Allerdings gehen viel zu wenig Menschen regelmäßig zum Augenarzt, auch deshalb sind Augenerkrankungen heute am Vormarsch: Schon 43 Prozent der Bevölkerung sind von Sehstörungen betroffen – was natürlich auch viel mit dem demographischen Wandel unserer Gesellschaft zu tun hat, aber die Fachleute betonen, dass vieles schon in der Kindheit versäumt wird.
Sehzellen und Sehnervenfasern, die einmal abgestorben sind, können nicht mehr repariert werden, der Sehverlust bleibt für immer. Gerade bedrohliche Augenerkrankungen verursachen häufig keine Schmerzen oder Auffälligkeiten, aber: Wenn man eine Sehverschlechterung bemerkt, ist es für ein effizientes Eingreifen oft schon zu spät!
Frühzeitige und regelmäßige Kontrollunter­suchungen sind daher ein absolutes Muss, denn die Medizin ist heute in Diagnostik und Therapie so weit, dass – wenn rechtzeitig interveniert wird – vieles „repariert“ oder zumindest entscheidend gebessert werden kann. Bestes Beispiel dafür ist die feuchte Makuladegeneration, die vor rund 30 Jahren noch als nicht behandelbar galt. Heute kann man in vielen Fällen eine Therapie mit Antikörpern oder eine photo­dynamische Therapie durchführen, die die Erkrankung zum Stillstand bringt.

Grauer Star und Co

Auch die Volkskrankheit Grauer Star (Katarakt) kann durch eine operative Entfernung der Linse und Ersatz der natürlichen Linse durch eine Kunstlinse behandelt werden. Heute wird diese Operation bei den meisten Betroffenen in lokaler Betäubung in Tageskliniken durchgeführt (siehe Seite 24), man kann schon am selben Tag wieder nach Hause gehen. Auch gegen den Grünen Star (Glaukom) gibt es Therapien, ebenso gegen die Diabetische Retinopathie, die als Folgeerkrankung von Diabetes mellitus gilt. In den letzten Jahren zu einer echten Volkskrankheit avanciert ist das Trockene Auge (Sicca-Syndrom). Die Therapieformen reichen hier von symptomatischer Therapie mit Tränenersatzmitteln über die Therapie des Lidrands, die Besprühung der geöffneten Augen mit einer Öl-in-Wasser-Emulsion bis hin zur Botulinumtoxin-Behandlung, speziellen operativen Methoden und Hormontherapie.

Vorsorge „von Kindesaugen an“

Expertinnen und Experten raten dringend dazu, mit der Vorsorge schon „von Kindesaugen an“ zu beginnen, und das heißt, wie jetzt auch im Mutter-Kind-Pass empfohlen, zur ersten Augenkontrollunter­suchung mit dem 2. Lebensjahr und nicht erst mit Schuleintritt.  Regelmäßige jährliche Kontrollen beim Augenfacharzt sind ab dem 40. Lebensjahr auch ohne offensichtliche Beschwerden unbedingt nötig, und auch vor dem 40. Lebensjahr sollte man alle zwei bis drei Jahre eine Untersuchung durchführen lassen, damit gefährliche Augenerkrankungen rechtzeitig behandelt werden können.