Aufgepasst!
Es ist schon absurd: Kinder sollen beim Lernen still sitzen, damit sie sich konzentrieren können. Konzentrieren heißt aber „zusammenführen“, „körperliche und emotionale Einheit schaffen“. Und das gelingt erst durch Bewegung.

Foto: Bildagentur Waldhäusl

Ausgezeichnete »Gesunde Schulen« in NÖ: 87 »Gesunde Schulen« in NÖ erhielten am 24. Februar 2014 die Zertifizierung für das aktuelle Schuljahr: Sie alle kümmern sich um ein gesundheitsförderndes Umfeld, in dem sich alle Beteiligten wohl fühlen. Wichtiges Thema heuer: Beziehungen – zwischen Schülerinnen und Schülern, zwischen ihnen und den Lehrkräften, zu den Eltern und zur Schulleitung. Mag. Alexandra Benn-Ibler, bei der Initiative »Tut gut!« zuständig für die Schulen: „All diese Beziehungen stellen eine große fördernde Ressource dar, können aber auch belastend sein. Wir wollen alle Beteiligten durch verschiedene Impulse, wie etwa den »Gesunde Schulen«-Tag, dabei unterstützen, Beziehungen als Unterstützung und Reichtum erleben zu können.“
Wir bewegen uns immer weniger und sitzen immer mehr: Das belegen zahllose Studien. Jugendliche surfen heute rund 20.000 Stunden im Internet und verbringen noch einmal die Hälfte davon mit Videospielen, bevor sie 20 Jahre alt sind. Das führt dazu, dass sie oft Fehlhaltungen entwickeln und das führt wiederum dazu, dass
sie noch häufiger sitzen. Bewegung ist aber das A und O der guten Konzentration und damit der Lernfähigkeit. „Wenn ich mich bewege, muss ich meinen Körper ausbalancieren. Da kommt automatisch Konzentration raus, denn mit der körperlichen Balance kommt die geistige“, erklärt Motopädagoge Peter Pastuch.
Bewegung verbessert Konzentration
Das Wort Bewegung ist zweideutig: Es meint sowohl die Bewegung während eines Marathons, das Rennen, als auch die emotionale Bewegung auf dem Siegerpodest, den Stolz. Es ist kein Zufall, dass die beiden Zustände nur ein einziges Wort haben. „Das hängt alles zusammen. In dem Moment, in dem ich meinen Körper bewege, kommt auch die Affektivität, die emotionale Bewegung. Wenn Kinder rennen, lachen sie“, bringt Pastuch es auf den Punkt. Körperliche Bewegung schafft also innere Bewegung und die verbessert Konzentration und Lernfähigkeit. Das hat jeder schon einmal erlebt: Dinge, die uns begeistern (bewegen), merken wir uns auf Anhieb und behalten sie ewig im Gedächtnis. Aber wir erinnern uns heute schon nicht mehr an die trockenen Texte, die abstrakten Rechenregeln und die langweiligen Vokabeln aus unserer Schulzeit, obwohl wir doch ausgerechnet dafür am
sauersten geschwitzt haben.
Bewegungspausen machen
Das ist übrigens keine neue Erkenntnis, im Gegenteil: Pädagogen weisen seit Jahren auf den Zusammenhang zwischen Bewegung und Konzentration hin, aber noch zu wenige Eltern und Lehrer reagieren. „Manchmal hat man das Gefühl, die Lehrer wünschen: Hoffentlich kommt nur der Kopf in die Schule und der Körper holt ihn später wieder ab. Die Kinder sitzen da und sollen nur lernen. So ist das auch oft in den Elternhäusern“, kritisiert
Pastuch.
Besser wäre es, kurze Pausen zu machen, in denen sich die Kinder bewegen können, rät er: „Das kann alles sein, Singspiele, Klatschspiele in den ersten Klassen, da kann gesprochen und geredet werden, aber eben nicht im Sitzen. Diese Entlastungszeiten sollten nicht kürzer als eine und nicht länger als zwei Minuten sein.“ Der Pädagoge empfiehlt zwei solche Pausen pro Unterrichtsstunde: „Das kostet fünf Minuten und der Effekt ist enorm.“
Zurück zu den Wurzeln
Noch sinnvoller ist, gleich im Stehen oder im Gehen zu lernen. „Früher hat man das ständig gemacht. In den Zeiten, in denen das meiste
Wissen festgehalten worden ist, haben die Menschen viel seltener gesessen. Die Klöster im Mittelalter hatten Wandelgänge und die Menschen haben am Stehpult gearbeitet“, erklärt Pastuch. In künstlerischen Berufen, weit weg von der Strenge der Schulen, ist das auch heute noch üblich. Schauspieler lernen ihre Texte zum Beispiel im Gehen und einige große Autoren wie Hemingway oder Kafka schrieben im Stehen oder hatten ihre besten Ideen auf Spaziergängen. „Da bleiben die Dinge einfach besser hängen: Erinnerung ist immer mit sensorischer Entlastung verbunden“, erklärt Pastuch.
Bewegung ist neben Schlaf die wichtigste sensorische Entlastung. Wenn wir gehen, sind wir oft gedankenverloren, hören nicht hin und schauen auf den Boden. „Unser Gehirn ist ein selbstständiger Generator. In Zeiten mit verminderter Wahrnehmung überprüft es die Informationen, die wir am Tag aufgenommen haben, und sortiert aus. Diese Aktivität ist so groß, dass wir sie sogar sehen können: Wir bewegen im Schlaf die Augen, obwohl unsere Lider geschlossen sind.“
Langsam den Druck erhöhen
Je jünger Kinder sind, desto weniger lange können sie sich konzentrieren und desto umsichtiger muss man als Elternteil sein. Als Faustregel gilt: Lebensalter mal zwei gleich Länge der Aufmerksamkeitsspanne in Minuten. Ein Zehnjähriger kann sich also im Durchschnitt rund 20 Minuten konzentrieren, ein Fünfzehnjähriger rund 30 und so weiter.
„Wenn die Kinder älter werden, entwickelt sich ihr Bewusstsein für die Strukturen des Lernens. Sie entwickeln eine innere Stabilität und die Fähigkeit, Frust zu ertragen.“ Dann könne man auch langsam den Druck erhöhen und mehr fordern, meint Pastuch.
Der Lernplan
Richtig lernen will geplant sein. Das kann man ungefähr vergleichen mit der Teilnahme an einem Marathon. Der Augenblick, in dem man sich befindet, ist der Start, das Datum der Prüfung ist das Ziel. Die Zeit dazwischen ist die Strecke. Ein guter Läufer teilt zunächst die Strecke in Etappen ein. Das hilft ihm, seine Kräfte zu sparen, denn es geht schließlich um Ausdauer. Er wärmt sich zunächst auf und läuft dann immer im gleichen Tempo. Niemals sprintet er erst kurz vor dem Ziel drauf los, er weiß: Wenn er jetzt noch nicht an der Spitze ist, wird ihm ein Sprint mit letzter Kraft erst recht nicht den Sieg bringen.
Lernen mit Musik
Darf beim Lernen eigentlich nebenbei das Radio laufen? Die Antwort ist: Es hängt davon ab, welche Musik läuft. Wir haben ein zweigeteiltes Nervensystem. Ein Teil ist sympathisch, das heißt, er aktiviert uns, der andere ist parasympathisch, das heißt, er beruhigt uns. Der Takt bestimmt, welchen der beiden Teile unsere Musik stimuliert. „Wenn wir moderne Beatmusik mit 140 Schlägen pro Minute hören, dann liegt das weit über dem normalen Ruhepuls eines Menschen. Das aktiviert uns. Musik mit 80 Schlägen und weniger pro Minute, langsame Musik von Mozart zum Beispiel, beruhigt uns“, weiß Pastuch.
Klassische Musik, Sphärenmusik sei erlaubt, aber besser nur über die Stereoanlage. „Kopfhörer erzeugen Schalldruck und schaffen eine Impulssituation. Die kann man aber zum Lernen nicht gebrauchen, man muss sich schließlich auf Inhalte konzentrieren.“
Spaß am Lernen
Konzentration ist der Hauptfaktor für Lernerfolg, aber nicht der einzige. Spaß am Lernen und das Bedürfnis, sich ständig zu verbessern, sind mindestens genauso wichtig. Eltern sollten daher versuchen, ihren Kindern die Freude an den Lerninhalten zu vermitteln, anstatt deren Sitzfleisch zu trainieren.
Buchtipp
Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen
Von John Hattie
ISBN: 978-3-8340-1300-2, 298 Seiten, 28,80 Euro
Die Hattie-Studie
Die Hattie-Studie, oder vielmehr die Studiensammlung eines Bildungsforschers aus Neuseeland, wirbelt die Fachwelt auf: John Hattie hat 50.000 Einzelstudien zusammengefasst, an denen insgesamt rund 250 Millionen Schüler teilnahmen. Er will die Frage beantworten: Was ist guter Unterricht? Problemlösender Unterricht, gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis und Lehrerfeedback stehen nach Hattie hoch im Kurs, was den Lernerfolg betrifft. Weniger effektiv, aber immer noch hilfreich, sind regelmäßige Leistungsüberprüfungen und vorschulische Förderung.
Was nicht hilft: Langes Sitzen, übermäßiges Fernsehen und lange Sommer-ferien sind die größten Lernstopper. Aber auch Dinge, die man bisher für wichtig hielt, entlarvt Hattie als wenig hilfreich, darunter geringe Klassengröße, finanzielle Ausstattung und Hausaufgaben.
»Bewegte Klasse«
Seit fast 20 Jahren organisiert die Initiative »Tut gut!« das Programm »Bewegte Klasse«. Es unterstützt Lehrkräfte dabei, die Themen Gesundheit und Bewegung an ihre Schützlinge zu vermitteln. Auch ein Symposium an der KPH Krems ist fester Bestandteil des Programms. Dort können sich die Lehrkräfte jedes Jahr mit Expertinnen und Experten verschiedenster Disziplinen austauschen. Beim heurigen Symposium am 24. Jänner beschäftigten sich 180 Lehrer sowie Studenten mit Themen rund um Bewegung, Entspannung und Lernen.
Informationen: »tut gut«-Hotline: 02742/22655, www.noetutgut.at




