„Altern hat einen Wert“
Das Altern nimmt in hoch technologisierten Gesellschaften und Zeiten einen immer geringeren und ungeliebten Stellenwert ein. Doch glücklicherweise gibt es Unterschiede zwischen den Kulturen.
In Afrika sagt man: „Stirbt ein alter Mensch, verschwindet eine Bibliothek“. Ältere Menschen haben in Afrika eine lebenswichtige Rolle für die Gesellschaft, sie sind Bindeglied und Brücke zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft. Ältere Menschen erleben im traditionellen Afrika ein hohes Ansehen, ein positives Altersbild herrscht vor. Alte Menschen sind im Kreise der Großfamilie der Vorsteher und werden mit der Beratung und Schlichtung von Streitigkeiten betraut, man holt sich gerne Rat bei ihnen. Wer sich nicht um die Alten kümmert, ist verflucht.
Mal ehrlich, wer tut das schon in unseren Breitengraden? Wann haben Sie zum letzten Mal einen alten Menschen um Rat gefragt? „Die Achtung und Pflege alter Menschen ist Pflicht der Familie. Stirbt ein alter Mensch, steht er uns als Ahne weiter bei“, sagt Mag. Dr. Emeakaroha Emeka, geboren 1971 in Nigeria. Emeka absolvierte das Priesterseminar in Nigeria und kam 1995 nach St. Pölten; er dissertierte in systematischer Theologie an der Uni Wien und betreut seit Jahren als Pfarrer die Gemeinden Ober-Grafendorf und Weinburg in Niederösterreich. Die Verbundenheit zu seiner Kultur ist weiterhin aufrecht, besonders der Respekt vor dem Alter. Auch wenn die Globalisierung die tradierten Lebensformen in Afrika verändere und immer weniger Kinder finanziell in der Lage sind, ihre Eltern zu versorgen (nur zehn Prozent bekommen in Afrika eine Pension), „das Senioritätsprinzip ist weiterhin aufrecht, Pflegeheime gibt es so gut wie keine in Afrika“, so Emeka. „Kommt in Afrika ein Kind auf die Welt, ist der erste Weg des Vaters zum Opa – ist dieser tot, geht er an dessen Grab und bittet um graue Haare für sein Kind.“
Die weltweite Bevölkerungsentwicklung macht auch vor Afrika nicht Halt, mit einer langfristigen Überalterung der Gesellschaft ist zu rechnen. Nur mit dem Unterschied: „Afrika altert, bevor es reich wird, Europa wurde zuerst reich und dann alt“, vergleicht der Priester Emeka.
Jugendwahn prägt Verhältnis zum Alter
Das Altern der Menschen wird in hoch technologisierten Gesellschaften, wie Österreich eine ist, verstärkt aus der engen Perspektive eines Jugendlichkeitswahns heraus betrachtet. Eine weitere negative Perspektive ist, dass man das Älterwerden der Menschheit auf Zahlen und Prognosen reduziert. Studien, z. B. der Vereinten Nationen, besagen – und bedrohen uns förmlich –, dass zirka ab dem Jahr 2045 erstmals weltweit die Zahl älterer Menschen die der Kinder übersteigen wird. Das schürt Ängste und Sorgen. Die Alten werden als Systembelaster empfunden, die Jungen als geknechtete Systemerhalter. Pensionisten werden höchstens in der Werbung positiv als die „reiselustigen Alten“ dargestellt, die fleißig ihr Geld in die Wirtschaft pumpen und so wieder zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden.
„Altern hat einen Wert“
„Altern hat einen Wert“, sagt Mag. Zeynep Elibol, Direktorin der Islamischen Fachschule für Soziale Bildung in Wien. Geboren wurde sie in Istanbul, hat dort und in Deutschland Physik und Pädagogik studiert. „Im Islam glaubt man an das Paradies, wo man wieder jung wird“, erklärt die Muslimin, das Leben auf Erden sei nur eine Vorbereitung auf die Begegnung mit Gott: „Wir Menschen sind auf Erden Diener und Stellvertreter Gottes und der Weg zu Gott führt über die Selbsterkenntnis.“ Diese Selbsterkenntnis sei ein lebenslanger Prozess und erst im Alter kann man immer besser seine Schwächen erkennen, „es geht darum, die Triebseele zu beherrschen, im Alter wird man bescheiden, geduldig, toleranter und hat eine spirituelle Ausstrahlung.“ Toleranter sind alte Menschen auch den Jungen gegenüber, „das ist nicht so bei Menschen mittleren Alters.“ Alte Menschen werden auch nicht als Belastung, sondern als Herausforderung empfunden, man tauscht sich gerne mit ihnen aus und bittet sie um ihren Segen und ein Gebet. Alte Menschen empfinden sich selbst auch als freiere Menschen, genießen es, dass man vor ihnen Respekt hat „und dass sie nicht mehr so von den irdischen Dingen abhängig sind.“ Im Islam hat der jüngere vor dem älteren Menschen immer Respekt, auch wenn der Altersunterschied nur ein paar Jahre beträgt. Die Jungen müssen sich überlegen, wie sie gut mit dem Alten umgehen, die Pflege der Alten ist Pflicht. Und wenn in der Türkei jemand zu einem Fremden „Opa“ sagt, dann ist das respektvoll, „als Liebkostung und wertschätzend gemeint.“
Eine halbe Million Muslime leben derzeit in Österreich, 2021 werden rund 23 Prozent über 60 Jahre alt sein, derzeit sind es rund 13 Prozent. Das wird sich in Zukunft auch auf die Pflege und Versorgung dieser Menschen auswirken, viele Muslime bzw. Menschen mit Migrationshintergrund haben ihr Leben lang schwer körperlich gearbeitet und die Familienstrukturen sind nicht mehr so tradiert wie im Ursprungsland, das bedeutet, dass diese Menschen einmal fremde Betreuung brauchen werden.
Elternheim statt Altersheim
Und wie verhalten sich Menschen, die nach jüdischem Glauben leben? „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren“, steht im
3. Buch Moses. Im jüdischen Glauben spielt der Respekt vor dem Alter eine ebenso große Rolle wie bei den Muslimen und den Afrikanern. Die Juden haben hohen Respekt vor Menschen, die viel Erfahrung haben, „auch junge Menschen können schon viel Erfahrung haben, dann sind sie wie alte Menschen zu behandeln. Ältere Menschen ehrt man bei uns besonders wegen ihrer Erfahrung“, sagt Prof. Paul Chaim Eisenberg, Oberrabbiner von Wien. Und wenn ein alter Mensch einen Baum pflanzt, fragt man nicht, warum er das tue, sondern „wir denken, dass alte Menschen etwas für die Jungen tun sollen, aber das Gleiche gilt auch umgekehrt.“ Eisenberg wünscht sich, dass Altenheime Elternheime heißen.
Altern ist eine Chance
Resümee: Alter hat in den tradierten Kulturen auf der ganzen Welt einen sehr hohen Stellenwert und Status, der in den „neuen Kulturen“ und Gesellschaften jedoch zusehends verloren geht bzw. sich wandelt: Das Altern wird zu stark als Krise der Loslösung und des Verlustes empfunden, das Gefühl der Vergänglichkeit steht im Vordergrund. Doch das Altern hat einen Sinn, auch aus einer nicht religiösen Sicht heraus kann man dem Altern „spirituell“ begegnen. So sollte man den Wunsch nach Rückzug und Rückbesinnung im Alter als wohltuende Chance empfinden, um den Ursprung der eigenen Persönlichkeit zu erkunden, zu dem im Laufe eines aktiven Lebens immer zu wenig Zeit und Raum war.
Altern in anderen Ländern
- In Japan gibt es einen gesetzlichen Feiertag, an dem alte Menschen geehrt werden. Alte Menschen genießen in Japan hohes Ansehen, sind im öffentlichen Raum präsent und arbeiten bis ins hohe Alter. Die Pflege übernimmt die Familie, zumeist die Schwiegertochter. Institutionelle Pflege in einem Heim oder über Heimhilfe ist verpönt.
- In Norwegen ist die öffentliche Hand für die Betreuung und Pflege alter Menschen verantwortlich und zuständig, die Familie hat nur eine unterstützende Funktion. Gelebt wird das Prinzip von Intimität durch Distanz. Seine Angehörigen in einem Heim versorgen zu lassen ist ganz normal, die Betreuung soll ein Wechselspiel aus institutioneller und familiärer Betreuung sein.
- Brasilien sieht sich als ein junges Land, in dem das Alter geleugnet wird. Im öffentlichen Raum sind nur junge Menschen zu sehen. Wer es sich leisten kann, legt sich unters Messer oder hilft nach, die Spuren des Alterns zu mindern. Alte Menschen leben am Rand der Gesellschaft, und wer in einem Heim leben muss, gilt als armer Mensch ohne Heimat.





