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Zuhören ist eine Kunst, die man lernen kann

„Jede Rede ist umsonst, wenn niemand zuhört.“ Das ist die Quintessenz des Erzählvortrags von Folke Tegetthoff, mit dem er durch die »Gesunden Schulen« in Niederösterreich tourt.


Mit seinem Erzählvortrag „Schule des Zuhörens“ zieht Folke Tegetthoff die Schüler in seinen Bann.

Mit weit geöffneten Augen und neugierigem Blick sitzen die Schüler und hören zu. Im Raum ist es mucksmäuschenstill, gebannt blicken sie nach vorn. Vor ihnen steht Folke Tegetthoff und erzählt. Er ist mit seinem Vortrag, der „Schule des Zuhörens“, heute zu Gast in der Hauptschule Sieghartskirchen. Es geht nur darum: Einer erzählt, und ein anderer hört zu. Klingt nach wenig, und ist doch so viel. „Es gibt keine größere Sehnsucht, als jemanden zu finden, der einem zuhört“, erläutert er gleich zu Beginn, wie wichtig das Zuhören ist. Denn Zuhören bedeutet so unendlich viel: einander Zeit, Achtung und Respekt schenken.

Bewusst zuhören

In seinem Vortrag verknüpft Folke Tegetthoff Theorie und Praxis: Er berichtet von verblüffenden Tatsachen über das Ohr – dass das Innenohr beispielsweise das erste Organ ist, das bereits im Mutterleib voll ausgeprägt ist. Oder dass das Ungeborene bereits im 7. Schwangerschafts-monat die Stimme der Mutter erkennen kann. Zwischendurch entführt er mit kurzweiligen spannenden Geschichten gleichzeitig in die wunderbare Welt des Hörens. In nur 90 Minuten begeistert er die Schüler für das Zuhören, das in unserer lauten und hektischen Welt immer mehr in Vergessenheit gerät. Der begnadete Märchen- und Geschichtenerzähler schafft etwas, worum ihn wohl viele Lehrer beneiden: Schüler spitzen die Ohren und hören über eine Stunde fasziniert seinen Worten zu, ohne die Konzentration zu verlieren.

Tradition des Erzählens

Seit vielen Jahren tourt Folke Tegetthoff durch Schulen in ganz Österreich und hält so die Tradition des Erzählens aufrecht. Die Hauptschule Sieghartskirchen ist die 288. Schule in Nieder-österreich, die er im Rahmen der „Schule des Zuhörens“ besucht. Klingt ungewöhnlich, dem Zuhören einen ganzen Vortrag zu widmen. Wie und wann kam ihm die Idee dazu? Er kann noch ganz genau den Tag nennen: „Es war am 16. Juni 2005. Ich hielt gerade einen Vortrag vor Studenten an einer kalifornischen Universität, schaute in deren Gesichter, und dachte mir plötzlich: ‚Hier stimmt was nicht. Nicht ich bin hier der Wichtige, sondern die Menschen im Publikum‘. Denn wenn sie nicht zuhören, dann ist mein ganzer Vortrag umsonst. Ich kann nur wichtig sein, wenn da jemand ist, der zuhört.“ Fortan beschäftigte er sich intensiv dem Thema Zuhören, die „Schule des Zuhörens“ entstand – sein Anspruch war, etwas zu erzählen, das jeder versteht. Mittlerweile haben ihm in vielen Ländern Tausende Menschen erfolgreich zugehört.

Programm »Gesunde Schule«

Im März und April war Folke Tegetthoff mit der „Schule des Zuhörens“ auf Tour durch Nieder-österreich und gastierte in insgesamt 20 »Gesunden Schulen«, ein Programm zur körperlichen, psychischen und sozialen Gesundheit der Initiative »Tut gut!« (siehe Kasten S. 47). Bewegung, Ernährung, mentale und psychosoziale Gesundheit – diese Schlagworte stehen im Mittelpunkt aller »Gesunden Schulen«. Die Projektleiterin Mag. (FH) Melanie Wageneder erklärt: „Gemäß WHO bedeutet ‚Gesunde Schule‘ jedoch nicht, dass es sich um die ‚gesündesten‘ Schulen in der Region handelt, sondern es sind diejenigen
Schulen, die bereit sind, sich auf einen Prozess in Richtung Gesundheit einzulassen.“

Im Schulalltag verankert

In der Hauptschule Sieghartskirchen kam für Direktorin Mag. (FH) Helga Diensthuber das Angebot, »Gesunde Schule« zu werden, gerade recht – als neue Direktorin im Jahr 2009 hatte sie mit ihrem Team zahlreiche gute Ideen. Experten der Initiative »Tut gut!« unterstützten das Schulteam beim Ausarbeiten eines klaren Konzepts. Viel ist geschehen seitdem: Angefangen beim Suchtpräventionsprojekt, über den Generationen-Wandertag, Gesundheitstage, den sinnvollen Umgang mit Medien und vielem mehr. Die Liste der Projekte ist lang, erklärt Dipl.-Päd. Irene Keiblinger, »Gesunde Schule«-Beauftragte: „‚Gesunde Schule‘ ist bei uns gelebter Alltag, es wird nicht als einmaliges und zusätzliches Projekt gesehen, sondern fließt ständig in den Unterricht ein. Auch mit kleinen Schritten kann man große Ziele erreichen.“
Und punkto Zuhören ergänzt die Deutsch-Lehrerin Dipl.-Päd. Elisabeth Breitenegger: „Dieses Zuhörenkönnen ist für Kinder irrsinnig wichtig. Oft sind sie geistig nicht da.“ Mit Humor und kleinen Geschichten lockert sie ihren Unterricht auf, um die Kinder zum Zuhören zu bringen.

Zugehört und verstanden

Und was haben sich die Schüler gemerkt von Folke Tegetthoffs  Erzählvortrag? GESUND+ LEBEN fragt nach. „Dass man jemanden braucht, der einem zuhört“, „Augenkontakt ist wichtig“, „wie man selber ist, so wird man auch behandelt“, „man soll ein offenes Herz haben“, „der Hund und die tausend Spiegel“, „dass ein Baby schon im Mutterleib hören kann“, rufen Jakob, Flo, Petar, Philipp und die anderen Schüler aufgeregt durcheinander. Klingt für den Außen-
stehenden wirr, doch die Schüler haben alles verstanden und gut zugehört – und darum ging es schließlich.

Fotos: Roland Voraberger

Schule des Zuhörens

Die „Schule des Zuhörens“ ist ein Erzählvortrag von Folke Tegetthoff. In nur 90 Minuten schafft er es, Menschen für etwas zu begeistern, das in unserer lauten und hektischen Welt immer mehr in Vergessenheit gerät: für das Zuhören.
Das Programm eignet sich insbesondere für:

  • Schülerinnen und Schüler aller Altersgruppen und Schultypen
  • Lehrende aller pädagogischen Einrichtungen sowie Auszubildende
  • Studierende und Lehrpersonal an Universitäten
  • Betriebe aus dem Pflege- und Gesundheitswesen sowie dem Tourismus
  • privatwirtschaftliche Unternehmen und alle Hierarchieebenen
  • Vereine, Organisationen und Institutionen jeglicher Art

Die Schule des Zuhörens wurde als internationales Programm entwickelt und bereits in Indien, Thailand, Singapur, Malaysia, Irland, Griechenland, Bosnien, Slowenien, Österreich und den USA präsentiert. Weltweit haben bereits etwa 35.000 Menschen erfolgreich zugehört.

Informationen: www.tegetthoff.at