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Zeitbombe Diabetes

Die Stoffwechselkrankheit Diabetes, die auch zu schweren Folgeerkrankungen führen kann, entwickelt sich zu einer regelrechten Volksseuche. Schuld sind in erster Linie schlechte Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten. Experten erklären, wie Sie gegensteuern können.


Die Früherkennung von Diabetes verhindert Folgeschäden wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Vorsorge und regelmäßige Bewegung sind daher Garanten für Gesundheit und Vitalität bis ins hohe Alter.

„Schon jeder Vierte, der meine Ordination aufsucht, ist von Diabetes betroffen. Was mir Sorge macht ist, dass die Patienten immer jünger werden“, schildert der Facharzt für Innere Medizin und Psychosomatische Medizin, Dr. Engelbert Zawadil, aus Persenbeug einen Ausschnitt aus seinem Berufsalltag – einen Ausschnitt freilich, der symptomatisch ist für unsere Zeit: Mehr als eine halbe Million Österreicher – rund 600.000 Menschen – ist zuckerkrank, und Experten prognostizieren für die kommenden Jahre einen weiteren Anstieg, der im Übrigen laufend nach oben korrigiert wird. Damit liegt Österreich im internationalen Trend der westlich industrialisierten Länder. Trend ist auch, dass immer jüngere Menschen betroffen sind.  

Keine Alterserkrankung!

Die Zeiten, in denen Diabetes eine typische Alterserkrankung war, sind vorbei. Heute trifft es auch 40-Jährige, 30-Jährige und sogar Kinder und Jugendliche. Es geht in erster Linie um Diabetes Typ 2.
„Das Körpergewicht steht in engem Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko, an einem Diabetes Typ 2 zu erkranken“, sagt der Diabetesspezialist und Oberarzt an der Internen Abteilung des Landesklinikums Waidhofen/Ybbs, Dr. Manfred Rohrauer. „Durch das Übergewicht, das Überangebot an Glukose und den dauerhaft erhöhten Insulinspiegel sinken die Sensibilität auf Insulin sowie die Anzahl der Insulinrezeptoren. Das ausgeschüttete Insulin reicht nicht mehr aus, um Glukose in die Zellen einzuschleusen und somit den Blutzuckerspiegel zu senken. Der Körper leidet also unter einem relativen Insulinmangel und muss vermehrt neues Insulin bilden. Dies führt zu einer Überbeanspruchung der insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse, was wiederum zu einer Erschöpfung des Organs und zu einer Ausbildung eines Diabetes Typ 2 führen kann.“
Kollege Zawadil ergänzt: „Die heute so verbreitete fett- und kohlenhydratreiche Ernährung und vor allem die Gewohnheit, viel Zucker in Süßigkeiten und süßen Getränken sowie Fastfood zu sich zu nehmen, bedeutet ein Zuviel an Kalorien und damit Übergewicht und in der Folge oft Diabetes – nicht selten eben schon bei Kindern, die diese Ernährungsgewohnheiten wie einen Ritus in sich tragen.“

Essen Sie sich frei!

Die Experten empfehlen daher dringend eine gesunde, kalorienreduzierte Mischkost mit viel Gemüse und Salaten in Verbindung mit Brot und Getreideprodukten, Kartoffeln, Reis und Teig­waren sowie magerem Fleisch und Wurst.

Gemieden werden sollten vor allem Zucker, fette Wurstsorten wie Salami, Extrawurst oder Pasteten, fetter Käse, Vollmilch, Crème fraîche und Schlagobers, Paniertes oder Pommes frites. Für vieles aus der Liste des zu Meidenden gibt es attraktive Alternativen: so etwa fettarme Milchprodukte, leichten Hüttenkäse und Magertopfen statt fettem Käse und alternative Süßungsmittel wie künstlich hergestellte Süßstoffe oder der kalorienfreie pflanzliche Süßstoff Stevia, die man für Kaffee und Co. sowie zum Kochen und Backen verwenden kann. Zudem sollten auch Diabetes-Risikokandidaten täglich mindestens zwei Liter Flüssigkeit trinken und sich 20 Minuten lang bewegen. „Gewichtsreduktion, zuckerfreie Kost und aus­reichend Bewegung reichen aus, um das Diabetes-Risiko drastisch zu reduzieren“, betont der Internist Zawadil.  

Wehret den Anfängen!

Ein großes Problem bei Diabetes ist allerdings, dass die Erkrankung schleichend verläuft und daher oft erst spät diagnostiziert wird – wenn schon Folgeschäden vorhanden sind. Mögliche Spätfolgen sind Erblinden, Nierenversagen und Nervenschädigungen. Auch das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ist stark erhöht.
„Bei manchen Betroffenen zeigt sich als erstes Anzeichen ein vermehrtes Durstgefühl und vermehrte Harnausscheidung. Zudem können Müdigkeit, Abgeschlagenheit und depressive Verstimmungen Warnzeichen sein, die allerdings von vielen grundsätzlich nicht ernst genommen werden“, so Rohrauer. Er plädiert auch bei Gewichtszunahme, Diabetes- oder Bluthochdruckproblematik in der Familie sowie grundsätzlich ab dem 40. Lebensjahr für regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt.  

Diabetes – die Behandlung

Ist ein Diabetes anhand einer Messung des Nüchternblutzuckers und eventuell durch einen Glukose-Belastungstest diagnostiziert, so hängt die Behandlung davon ab, welche Form der Erkrankung vorliegt. Rohrauer: „Da die Ursache von Typ-1-Diabetes Insulinmangel ist, kann er nur mit Insulin behandelt werden. Bei Typ-2-Diabetes ist die Basis der Behandlung eine Ernährungs­umstellung, die Normalisierung des Körper­gewichts und regelmäßige Bewegung. Erst wenn diese Lebensstilmaßnahmen nicht helfen, wird mit Tabletten behandelt. Später, wenn der Insulin­mangel größer wird, wird auch Insulin gegeben.“
Besonders in der Schwangerschaft sind normale Blutzuckerwerte wichtig, da hohe Werte das ungeborene Kind schädigen können. Bringt hier eine Ernährungsumstellung keinen ent­sprechenden Erfolg, wird mit Insulin behandelt.

Patientenschulungen: Ein Muss!

Eine intensive Schulung ist die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Diabetestherapie. In Niederösterreich gibt es dafür zahlreiche Angebote im stationären wie im niedergelassenen Bereich. Im Landesklinikum Waidhofen/Ybbs leitet Rohrauer die Diabetesschulung: „Nicht nur bei der Erstdiagnose ist es  entscheidend, dem Diabetiker Wissen über seine Krankheit zu vermitteln. Auch wer schon länger mit Diabetes lebt, muss durch eine strukturierte Patientenschulung das Rüstzeug zum Umgang mit der Krankheit bekommen, um späteren Komplikationen vorzubeugen.“
Deshalb bietet das Landesklinikum Einzelschulungen sowie Schulungskurse für insulinpflichtige Diabetiker und Kurse für Diabetiker ohne Insulin an. In diesem vierzehnstündigen Schulungskurs können die Patienten ihr Wissen über Diabetes vertiefen bzw. auf den neuesten Stand bringen. „Experten erklären, was Diabetes genau ist, was es mit Hypo- und Hyperglykämie auf sich hat und welche Rolle der Blutdruck spielt, sie informieren über die Normalwerte von Blutzucker, Harnzucker, HbA1c, Blutfette und Blutdruck, und sie geben einen Überblick über die Behandlungsmöglichkeiten“, so Rohrauer. „In einem zweiten Teil geht es um das Verhalten bei Reisen oder Krankheit, um die Möglichkeiten der Selbstkontrolle und um gesunde Ernährung. Außerdem erklären wir die Auswirkungen von Fett und Gewicht auf den Diabetes, geben praktische Tipps zum Fettsparen und erläutern die Wichtigkeit von Kontrolluntersuchungen und der für Diabetiker unerlässlichen richtigen Fußpflege.“
Auch Engelbert Zawadil bietet wie viele
niedergelassene Ärzte Diabetikerschulungen in seiner Praxis an und kooperiert dabei mit den Landeskliniken: „Diese Schulungen sind ein absolutes Muss in einer guten Diabetikerbetreuung. Es gibt dabei viele individuell angepasste Modelle, sie sind die Basistherapie für Betroffene.“ Er empfiehlt auch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen und die Lektüre einschlägiger Patientenpublikationen sowie regelmäßige Bewegung.

Lenken Sie Ihren Diabetes selbst!

Selbstverantwortlichkeit und Eigeninitiative erleichtern Betroffenen das Leben mit dieser chronischen Erkrankung wesentlich. „Diabetes ist eine jener wenigen Erkrankungen, bei der im Prinzip der Patient selbst die Behandlung übernimmt“, sagt Manfred Rohrauer. „Die Schulung eines Betroffenen lässt sich mit einer Fahrschule vergleichen: Er lernt dort die Richtlinien, doch fahren muss er selbst, und er muss seinen Diabetes entsprechend dieser Richtlinien lenken. Sonst wird es Probleme geben.“

Lustvolle gesunde Ernährung

Probleme orten die Experten in Bezug auf die epidemische Verbreitung der „Zeitbombe
Diabetes“. „Hier müsste man präventivmedizinisch schon im Kindergarten und der Schule ansetzen“, meinen beide Fachleute unisono.
Denn: Es geht vor allem darum, dass Über­gewicht erst gar nicht entsteht. „Eine gesunde, fettarme Kost wäre das Um und Auf. Dabei müssen nicht Verbote im Vordergrund stehen, sondern Empfehlungen für einen lustvollen Umgang mit gesunder Ernährung“, sagt Rohrauer, und Zawadil ergänzt mit einer Idee: „Man könnte
ein Unterrichtsfach Diätetik genauso wie etwa Biologie oder Geographie installieren, denn es geht für uns alle darum, so früh wie möglich ein Bewusstsein für die richtige Ernährung zu wecken.“

FOTO: bildagentur waldhäusl

Diabetes – die Formen der Erkrankung

  • Diabetes mellitus Typ 1: Der Typ-1-Diabetes entsteht durch einen Mangel am Hormon Insulin, das normalerweise in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Die insulinbildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse werden dabei durch körpereigene Abwehrstoffe, sogenannte Antikörper, zerstört. Daraus entsteht der klassische Insulinmangel-Diabetes, der meist im Kindes- oder Jugendalter beginnt und auch als juveniler Diabetes bekannt ist. Diese Diabetesform gibt es aber auch beim Erwachsenen.
  • Diabetes mellitus Typ 2: Der Typ-2-Diabetes entsteht durch eine verminderte Empfindlichkeit der Körperzellen auf Insulin (Insulinresistenz). Die jahrelange Überproduktion von Insulin führt letztlich zu einer „Erschöpfung“ der insulinproduzierenden Zellen. Darüber hinaus wird das bei der Nahrungsaufnahme gebildete Darmhormon GLP-1 bei Diabetikern in geringerem Ausmaß hergestellt: GLP-1 vermindert ein anderes Hormon der Bauchspeicheldrüse, das Glukagon, und regt die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse an. Wird weniger GLP-1 gebildet, trägt dies zu einer vermehrten Blutzuckerfreisetzung im Körper bei.

Weitere, seltenere Formen des Diabetes:

  • Der Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) tritt in der Schwangerschaft auf und verschwindet in weiterer Folge wieder. Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen stellt sich allerdings innerhalb der nächsten fünf Jahre eine bleibende Diabeteserkrankung (Diabetes Typ 2) ein, bei vielen auch zu einem späteren Zeitpunkt.
  • Sekundärer Diabetes entwickelt sich als Folge von anderen Krankheiten wie etwa der Bauchspeicheldrüse, der hormonproduzierenden Drüsen oder bei längerer Einnahme bestimmter Medikamente, wie z. B. Kortison oder mancher Psychopharmaka.

Wie entsteht Diabetes?

Das Hormon Insulin wird in den Langerhans’schen Inseln der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) gebildet. Alle Körperzellen benötigen Insulin, um Traubenzucker (Glukose) aus der Blutbahn aufzunehmen. In der Zelle wird durch Verbrennung von Glukose Energie freigesetzt. Kann Traubenzucker von den Zellen nicht entsprechend aufgenommen werden, steigt die Zucker­konzentration im Blut an. Ist eine bestimmte Konzentration überschritten, gelangt der Zucker in den Harn und wird ausgeschieden.

Beim Typ-1-Diabetes werden die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse durch körpereigene Abwehrstoffe (Antikörper) zerstört. Die Bauchspeicheldrüse kann in weiterer Folge kein Insulin mehr bilden.
Beim Typ-2-Diabetes ist die Empfindlichkeit der Zellen auf Insulin ver­mindert (Insulinresistenz): Das bedeutet, die Zellen brauchen mehr Insulin, um Zucker aus dem Blut aufzunehmen. Die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse reagieren darauf mit einer vermehrten Ausschüttung des Hormons. Auf Dauer werden die insulinproduzierenden Zellen überlastet, die Produktion nimmt immer weiter ab. Daneben wird ein anderes vor Zucker schützendes Hormon aus dem Darm (Glucagon-like Peptid 1/GLP-1) in geringerem Ausmaß gebildet, was die Zuckerfreisetzung aus der Leber wiederum fördert.

Beide Diabetesformen können familiär gehäuft vorkommen: Sind beide Eltern Typ-1-Diabetiker, liegt das Risiko eines Kindes, ebenfalls daran zu erkranken, bei etwa 20 Prozent. Ist nur der Vater betroffen, beträgt das Risiko rund fünf Prozent, im Falle der Mutter etwa 2,5 Prozent. Bei Typ-2-
Diabetikern dagegen ist in 50 Prozent aller Fälle Diabetes schon in der Familie bekannt.