< vorhergehender Beitrag

„Wir haben die Verpflichtung, glücklich zu sein“

Er ist im Import-Export-Handel tätig und handelt seit 40 Jahren mit Emotionen: Alexander Goebel, geboren im Ruhrgebiet, dem Zentrum des Kohleabbaus, ist ein Spezialist im Emotionen-Abbau und plädiert für eine Welt, wo Scheitern und Träumen wieder erlaubt sind.


„Es ist heute verpönt, zu scheitern und zu träumen. Beides müssen wir wieder kultivieren und lernen“, meint Alexander Goebel.

Gesundheit war für ihn nie ein Thema, „ich war nie krank, da hatte ich genetisches Glück.“ Nur ein einziges Mal war er für zwei Tage im Spital, und das aus reiner Dummheit: Die Rodel war schneller als der Goebel und das bescherte ihm einen Knochenbruch. Bis vor kurzem hat er nicht einmal gewusst, wie Tabletten aussehen. Goebel sieht „den ganzen Hype“ um Vorsorgeuntersuchungen ein bisschen kritisch, und die negative Grundstimmung, das ewige „Alles-Schlechtjammern“, sei eher ein Garant dafür, auf Dauer krank zu werden: „Man sucht so lange, bis man eine Krankheit gefunden hat“, meint er.

Ein langer, bunter Weg

Goebel hat viel in seinem Leben erlebt: Mit 14 Jahren stand er bereits mit seiner eigenen Band auf der Bühne und machte Musik, dann ging’s ab nach London, wo er ein turbulentes Jahr verbrachte. Irgendwann dazwischen machte er eine Ausbildung zum Fremdsprachen-Korrespondenten für Englisch und Französisch, leitete das Kindertheater Benjamin, studierte in Wien am Max-Reinhardt-Seminar, aber nicht lange, denn es kamen rasch erste Engagements, z. B. ans Theater an der Wien; vier Jahre war er Ensemblemitglied am Burgtheater und als Phantom der Oper oder Riff Raff geisterte er durch die Wiener Musicalszene. Dann ist er noch Schauspieler, Juror im Fernsehen, macht Stand-up-Comedy, hat auf Radio Wien seine eigene Live-Talkshow, und seit kurzem ist er auch noch Emotionscoach.

Der nackte Wahnsinn?

Sein Leben, der nackte Wahnsinn – wie einer seiner Hits einst tönte? Brennt man bei so viel Öffentlichkeit nicht langsam aus? Keineswegs, die Gesundheit ist bei ihm geblieben, die körperliche wie die seelische, sie ist für ihn ein heiliges Gut. Der Entertainer exportiert gute Laune direkt in die Herzen und
Seelen seines Publikums und plädiert für eine Kultur des Scheiterns. Das stärkt – nur wer scheitert, kann sich korrigieren: „Es ist heute verpönt, zu scheitern und zu träumen, beides müssen wir wieder kulti-
vieren und lernen.“
Lernen musste er auch, dass die Gesundheit keine Einbahnstraße ist: „Wenn ich etwas Sinn-
entleertes mache, dann wirkt sich das auf meine Gesundheit aus“, weiß Goebel, dessen oberstes Gesundbleibe-Gesetz lautet: „Lege Sinnhaftigkeit in dein Tun!“ Der Körper ist untrennbar mit der Seele verbunden, die zwei tauschen sich ständig aus. Und Goebel hat gelernt, auf beide zu hören, weil „wenn ich mich zwinge, etwas zu tun, wehrt sich mein
Körper.“

Zusammenbruch auf der Bühne

Es gab auch Zeiten in Goebels Leben, wo sein Körper streikte, wo er auf der Bühne stand und fast zusammenbrach, nicht mehr auftreten konnte: „Meine Seele hat mit mir ein ernstes Wörtchen geredet.“ Das war aber auch eine Zeit, wo er fast täglich auf der Bühne stand und für ein Massenpublikum spielte. Goebel überspielte die Warnsignale, „die Seele ist wie eine Ampel, wir müssen nur bereit sein, sie zu sehen“ – bei Grün ist alles okay, und bevor sie auf Rot schaltet, warnt sie mit Gelb – dieses Gelb, hat Goebel gedacht, kann er ignorieren, doch die Ampel sprang schnell auf Rot. „Heute bin ich achtsam auf Grün und Gelb. Nur wir selber können uns glücklich machen, haben sogar die Verpflichtung, glücklich zu sein“, so Goebels Credo. Und er habe gelernt, dass „wir gut und böse zugleich sind, deshalb müssen wir uns auf das Gute konzentrieren und das Böse im Zaum halten.“

Mit der Seele reden

Goebel hat sich angewöhnt, mit seiner Seele zu
kommunizieren, wenn es sein muss, „auch unter ärztlicher Anleitung, bevor ich Seelenkrebs kriege.“ Wenn ein Zahn weh tut, geht man ja auch zum
Zahnarzt, nur wenn die Seele weh tut, habe man Hemmungen, einen „Seelendoktor“ aufzusuchen. „Machen Sie sich ein Bild von Ihrer Seele, für mich ist sie ein Smiley-Gesicht“, und wenn das Smiley traurig schaut, steht die Ampel auf Rot.

Liebhaber und Mörder zugleich

Der Schauspieler ist im Laufe seines Lebens zum Gefühlsexperten geworden: „Ich muss ‚Ich liebe dich’ sagen können, und ich muss einen Massenmörder genauso überzeugend darstellen können.“ Dieser Handel mit Emotionen fordert die Seele; Goebel erkannte, dass er sein Leben auch ohne „in den Abgrund zu schauen“ meistern kann, er suchte nach seinen „Glücks-Dogging-Stationen“, und so eine
Station ist beispielsweise die Familie, „wir müssen wieder näher zusammenrücken.“ Hinabgeblickt hat er aber, „das ist, wie wenn man mit dem Auto auf einen Vulkan hinauf fährt und dann im Auto sitzen bleibt und nicht in den Krater schaut.“ Man war zwar am Vulkan, hat ihn allerdings nicht wirklich gesehen: „Um unseren Weg zu finden, müssen wir Hürden überwinden, und ich werde nie aufhören zu suchen“ – aber mit Maß und Ziel.

„Wir beobachten uns zu viel“

Mehr Maß und Ziel braucht es auch bei unserer täglichen Nabelschau: „Wir leben in einer Zeit, wo immer mehr der Mensch, unser Selbst, im Zentrum steht. Wir beobachten uns den ganzen Tag“, sind etwa auf Facebook für ein Millionenpublikum sichtbar, wir blicken uns ständig ins eigene Antlitz, schauen uns quasi beim Leben zu.

„Nicht ins Opferdasein verfallen“

Diese Nabelschau koste Kraft, ebenso ein Leben in der Öffentlichkeit: Goebel, Baujahr 1953, merkt langsam, dass die „Maschine nachlässt“, deshalb geht er sorgsam mit seinem Körper um, hört auf seine Seele, schaut auf die Ampel. Goebel nahm seine Hürden; es sei nicht so leicht zu verdauen, jahrelang als Musicalstar für ein Massenpublikum zu spielen und plötzlich als Stand-up-Komödiant vor einem kleineren Publikum in einem Kellerlokal zu stehen. Aber Goebel übernimmt für sich und sein Leben Verantwortung, kritisiert die Faulheit und Verweigerung vieler, die nicht auf sich hören: „Wir dürfen nicht in ein Opferdasein verfallen, uns nicht mit dem Empörungs-Kokain dopen und uns ständig vom Tod bedroht fühlen, um das Leben zu schätzen.“

FOTOS: Sandra Sagmeister

Zur Person

Alexander Goebel, geboren 1953 in Lünen bei Dortmund, lebte in London und sechs Jahre in New York. Er hat drei Kinder aus erster Ehe und lebt heute mit seiner zweiten Frau Katja in Klosterneuburg.
Er studierte am Max-Reinhardt-Seminar und spielte u. a. am Schauspielhaus, im Volkstheater und am Burgtheater. Im Theater an der Wien begann Goebel seine Musicalkarriere, mit Haupt- und Titelrollen in Produktionen wie „Das Phantom der Oper“, „Evita“, „Jesus Christ Superstar“ oder „Wake up“. In den 80er-Jahren gründet er seine eigene Band und landete einige Top-ten-Hits.
Goebel war auch als Schauspieler im Fernsehen zu sehen, wie z. B. in den Schwabenitzky-Filmen „Ein fast perfekter Seitensprung“ oder „Eine fast perfekte Scheidung“. In der ORF-Serie „Musical – Die Show“ und in der ZDF-Show „Musical Showstar“ fungiert er als Juror. Seine Leidenschaft gilt aber dem Radio, auf Radio Wien hat er seit Jahren seine eigene Live-Talkshow – „Die Alexander Goebel Show“. Regelmäßig tritt er mit seinen Mischprogrammen aus Stand-up-Comedy und Musik in Österreich und Deutschland auf.