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Wenn es ständig juckt

Unschöne Ekzeme, starker Juckreiz und das Gefühl, „ständig aus der Haut zu fahren“ – Neurodermitis ist nicht nur eine lästige Hauterkrankung, sondern auch eine große psychische Belastung für Betroffene.


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Prim. Univ.-Prof. Dr. Franz Trautinger,
Leiter der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten am Landesklinikum St. Pölten

Landesklinikum St. Pölten
Propst-Führer-Straße 4, 3100 St. Pölten
Tel.: 02742/9004-0
www.stpoelten.lknoe.at

Als unheilbar wird die Krankheit oftmals bezeichnet – das leuchtet ein, denn die Veranlagung zur Neurodermitis ist angeboren. Diese Feststellung ist für Betroffene allerdings oft demotivierend für ihre Therapie und ein Grund, warum sich die Krankheit häufig auf die Psyche schlägt. Die Ursachen für Neurodermitis konnten bislang nicht vollständig geklärt werden, allerdings gibt es einen engen Zusammenhang mit Stress und anderen psychischen Einfluss­faktoren. GESUND&LEBEN will Betroffenen und Angehörigen – vor allem Eltern von Kleinkindern – einen Einblick in diese Krankheit geben, die einen ein Leben lang begleitet.

Was ist Neurodermitis?

Das atopische Ekzem, das auch als Neurodermitis, atopische Dermatitis oder endogenes Ekzem bezeichnet wird, ist eine chronische, nicht ansteckende Hautkrankheit. Prim. Univ.-Prof. Dr. Franz Trautinger, Leiter der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten am Landesklinikum St. Pölten, erklärt: „Neurodermitis ist eine angeborene Ekzemneigung, die zu den atopischen Erkrankungen gehört. Neben ihr zählen auch das allergische Asthma und die allergische Rhinokonjunktivitis, der Heuschnupfen, dazu. Neurodermitis betrifft die Haut, das Asthma die Lunge und der Heuschnupfen die oberen Atemwege. Viele Betroffene sind von allen drei Beschwerden mehr oder weniger betroffen, die Ausprägung ist unterschiedlich und kann sich über das Leben verändern. In Österreich sind rund zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung betroffen, wobei es möglicherweise eine Dunkelziffer gibt.“ Die Neigung zu atopischen Erkrankungen ist angeboren und oftmals von den Eltern vererbt: Der Vater hat oder hatte etwa Asthma, das Kind leidet an Neurodermitis oder umgekehrt. Die Symptome werden nicht immer gleichmäßig vererbt, hier hat jeder eine eigene Ausprägung. „Neurodermitis ist eine
schubartig verlaufende Krankheit. Bei mehr als der Hälfte tritt die Erkrankung im ersten Lebensjahr auf, bei 90 Prozent bis zum fünften. Oft verschwinden die Symptome bis zur Pubertät zur Gänze. Von den ursprünglich Betroffenen sind im Erwachsenenalter bis zu 70 Prozent beschwerdefrei“, weiß Trautinger.

Die Ursachen

Die Ursachen für Neurodermitis konnten bislang noch nicht vollständig geklärt werden. Viele Forscher und Ärzte sehen sie als komplexe Krankheit, die einen sehr individuellen Verlauf nimmt. Ursachen sind ein Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, immunologischen Ver­änderungen und Umwelteinflüssen. Außerdem wird Neurodermitis auch oft als psychosomatische Krankheit bezeichnet.
„Man kennt die Gene, die dafür verantwortlich sind, nur teilweise. Ein Gen, das in den letzten Jahren bekannt geworden ist, ist das Filaggrin-Gen. Bei Menschen mit Neurodermitis wurden Mutationen in diesem Gen entdeckt, die zu einem Mangel an Filaggrin in der äußeren Hautschicht führen und damit zu einer gestörten Hautbarriere“, erklärt Trautinger, „negative Umwelteinflüsse und Allergene können so leichter in die Haut eindringen und Ekzeme verursachen.“
Auslöser für Schübe – das heißt Juckreiz und Ekzeme – sind unterschiedlich und breit gefächert: Allergien, Nikotin- (aktiv und passiv) und Alkoholkonsum, Chemikalien, die die Haut reizen, Kos­metika, vor allem, wenn sie die Hauttrockenheit verstärken, oder Nahrungsmittel. Das ist sehr individuell und sollte von Betroffenen genau beobachtet werden.

Symptome

Ein fehlgesteuertes Immunsystem, das permanent in Alarmbereitschaft ist, spielt bei Menschen mit Neurodermtitis eine zentrale Rolle. Forscher sprechen daher oft auch von einer Autoimmun­erkrankung, bei der das Immunsystem permanent körpereigene, eigentlich harmlose, Stoffe bekämpft. Eine Blutuntersuchung, bei der der sogenannte IgE-Wert bestimmt wird, hilft bei der Diagnose: Üblicherweise haben Neurodermitis-Patienten einen sehr hohen IgE-Wert. Das erhöhte IgE ist ein Zeichen für eine bestimmte Aktivierung des Immunsystems, das dann die typischen Symptome wie Juckreiz und Hautrötungen auslöst. Im Gesicht- und Kopfbereich treten meist folgende Symptome auf: Schuppung im Wangenbereich, doppelte Lidfalte der Unterlider, ausgedünnte Augenbrauen, eingerissene Mundwinkel und sehr trockene Kopfhaut. An den Händen und Füßen deuten verstärkte Hautlinien, Trockenheit oder Ekzeme auf Neurodermitis hin. „Achten Sie bei Säuglingen auf Symptome wie starken Juckreiz, nässende Ekzeme, Schuppung, Kratzspuren und generelle Unruhe – die Kinder werden schnell weinerlich und sind oft im Schlaf gestört. Das können, müssen aber nicht unbedingt, Zeichen von Neurodermitis sein. Ein Kinder- oder Hautarzt kann dann schnell Aufklärung geben“, rät Trautinger.

Juckreiz: Non-Stop

Das für Kinder und Erwachsene wohl am meisten psychisch belastende Symptom der Neurodermitis ist der chronische Juckreiz. Ist man erst in dem Teufelskreis aus Jucken und Kratzen gefangen, findet man nur schwer einen Ausweg (siehe Kasten). Viele Betroffene kratzen sich blutig, bis der Schmerz der Wunde den Juckreiz überlagert. Das Kratzen bringt kurzzeitig Abhilfe, doch schnell stellt sich Reue ein, warum man dem Juckreiz schon wieder nachgegeben hat, und man fühlt sich nach jeder Kratz-Attacke zunehmend unwohler in seiner Haut. „Die Krankheit wirkt sich auch auf die Psyche aus. Einerseits können psychische Faktoren wie Stress oder Überlastung Schübe auslösen, andererseits führen die unschönen aufgekratzten Ekzeme, die wie bei jeder Hautkrankheit mit Stigmatisierung und Unwohlsein in der eigenen Haut verbunden sind, zu zusätzlicher seelischer Belastung “, so Trautinger. Er rät: „Man sollte sich einen in der Behandlung von Neurodermitis erfahrenen Arzt suchen, zu dem man Vertrauen hat und der einen verständnisvoll begleitet. Auch Psychotherapeuten können helfen, mit der Krankheit umzugehen. Meist belastet die Krankheit auch das persönliche Umfeld: Die Familie leidet mit. Aber auch der soziale Rückzug, der bei einigen etwa durch Scham ausgelöst wird, belastet oft Beziehungen und das Arbeitsklima. Den Druck, unter dem Betroffene und Angehörige stehen, sollte man unbedingt reduzieren und den Patienten vermitteln, dass es für jeden eine wirksame Behandlung gibt.“

Therapie & Behandlung

Die Behandlung ist sehr individuell und dauert bei vielen Betroffenen ein Leben lang. „Ich empfehle drei grundlegende Herangehensweisen: Erstens sollte man sich einen Vertrauensarzt suchen, der Erfahrung in der Behandlung chronischer Hautkrankheiten besitzt. Zweitens heißt es: pflegen, pflegen, pflegen. Mit speziellen Cremes und Bodylotions kann die schubfreie Phase gut verlängert werden. Drittens, wenn ein Ekzem da ist: Rechtzeitig mit einer wirksamen Therapie, meist Kortisonsalben, beginnen. Die sogenannte Cortisonatrophie, also Hautverdünnung, vor der viele Angst haben, entsteht nur dann, wenn man die Salben zu lange und zu großzügig verwendet. Also keine Angst vor Cortison“, meint Trautinger. Seit einigen Jahren gibt es allerdings eine Alternative zu Cortison, und zwar Calcineurin-Antagonisten in Salbenform. Das sind Substanzen, die das Immunsystem der Haut vorübergehend unterdrücken und somit das Ekzem abheilen lassen. Hautverdünnung gibt es keine, aber diese Cremes sind nicht so wirksam wie Cortison.
Für die Nachtruhe werden oft auch juckreizstillende Medikamente, sogenannte Antihistaminika verschrieben, da diese bewirken, dass man durchschläft und somit der Haut Zeit für Heilung gibt – und damit auch das eigene Stress-Level herabsetzt. „Als Therapie gegen den Juckreiz und Ekzeme hat sich die Photo- bzw. Lichttherapie bewährt. Dabei wird die Haut mit ultravioletter Strahlung behandelt. Die Behandlung ist zwar zeitaufwändig (mehrmals wöchentlich über mehrere Wochen), aber der Bedarf an Cortisonbehandlungen wird reduziert und das Hautbild wird schöner“, meint Trautinger. „Man sollte das Wort ‚unheilbar‘ nicht im Zusammenhang mit Neurodermitis verwenden. Natürlich kann die angeborene Neigung zur Neurodermitis nicht beseitigt werden, dennoch ist sie sehr gut behandelbar und mit der nötigen Konsequenz kann für fast alle Betroffenen eine gute Lebensqualität hergestellt werden.“ Man braucht sich daher für die Krankheit nicht schämen oder deswegen zu Hause verkriechen: Wenn man sie akzeptiert und versucht, positiv damit umzugehen, dann ist sie vielleicht für sich selbst „heilbar“ – und man kommt so aus der „Juckreiz-Kratz“-Spirale hinaus.