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Wenn alle Stricke reißen ...

... und nur mehr ein Ausweg offen scheint, heißt dieser oft Suizid. Doch es gibt Warnsignale, bevor jemand diesen letzten Schritt setzt – und die sollten wir kennen und deuten können, um zu helfen.


„Wenn alle Stricke reißen, hänge ich mich auf.“ Dieses Zitat stammt von Johann Nestroy, und seien Sie ehrlich: Haben Sie sich das noch nie gedacht? „Spätestens in der Pubertät hat fast jeder Selbstmordfantasien, meist mit der Begleitvorstellung, dass an seinem Grab alle Verwandten und Freunde ihre Verfehlungen ihm gegenüber bereuen werden“, sagt dazu der Leiter der sozialpsychiatrischen Abteilung des Landesklinikums Hollabrunn, Prim. Dr. Rainer Gross. Aber, und auch das betont er: „Der Schritt von diesen Fantasien hin zur Suizidalität im engeren Sinn ist ein sehr großer.“

Der letzte Schritt

Tatsächlich dauert es oft sehr lange, bis ein Mensch, der an sich selbst, seiner Krankheit oder seiner Umwelt so sehr leidet, sich zum allerletzten Schritt entschließt: Wirklich sterben will wohl niemand, doch das Leid kann so groß werden, dass man so ein Leben nicht mehr erträgt.
Manchmal kann das aber auch ganz plötzlich und unerwartet geschehen. Im Affekt, wie die Experten sagen, und sie wissen auch, dass das nicht selten vorkommt: Bei jungen Männern beispielsweise, die – voll alkoholisiert mit dem Auto unterwegs – von der Polizei angehalten werden, den Führerschein entzogen bekommen, und denen in diesem Augenblick auf einen Schlag ihr Leben ruiniert erscheint.
Diametral demgegenüber steht der sogenannte „Bilanzsuizid“, der Freitod eines psychisch gesunden, urteilsfähigen Menschen, der alle Fakten wohl abgewogen hat, und sich etwa wegen einer schweren, unheilbaren Krankheit und einer aussichtslosen Zukunft bewusst zum Suizid entschließt.

Risikofaktor Depression

Ob es letzteren tatsächlich gibt, wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. „Den berühmten Bilanzsuizid habe ich in dreißig Jahren Erfahrung als Psychiater noch nie erlebt“, sagt auch Rainer Gross. „Es wird ihn wohl geben, aber sicher viel, viel seltener, als man meinen möchte, denn in fast allen Fällen, in denen ein Mensch sich zu diesem allerletzten Schritt entschließt, steht eine psychische Krankheit oder eine akute Belastungssituation mit mangelnder Affektkontrolle dahinter.“ Tatsächlich ist das Risiko so zu enden, bei Menschen, die unter Depressionen leiden, massiv erhöht, und es steigt auch signifikant an, wenn jemand eine Psychose, eine bipolare Störung oder eine Persönlichkeitsstörung hat. „Suchterkrankungen spielen ebenfalls eine gewichtige Rolle, haben aber auch fließende Übergänge zur Depression“, weiß Gross. „Auslösende Faktoren können dann zwar Lebenskrisen wie die Trennung vom Partner oder der wirtschaftliche Ruin sein, als alleiniger Hintergrund eines Suizids kommt dies aber nur selten vor.“

Suizid – die Fakten

Wie die näheren Umstände bei dem kürzlich geschehenen Selbstmord der österreichischen Judosportlerin Claudia Heill waren, weiß man bis heute nicht. Doch wie jeder Suizid, zumal der eines oder einer Prominenten, hat auch dieser die Welt wieder extrem schockiert – für kurze Zeit, dann wurde wieder der Mantel des Schweigens über dieses unangenehme Thema gebreitet.
Und das, obwohl es zum Beispiel hierzulande seit dem Jahr 2005 rund doppelt so viele Suizidtote wie Verkehrstote gegeben hat. Die Insel der Seligen liegt übrigens in Bezug auf dieses traurige Sujet unter den Top Ten Ländern in Europa: Jahr für Jahr nehmen sich etwa 1.300 Österreicher das Leben. Das bedeutet, dass täglich vier Menschen hierzulande keinen anderen Ausweg aus ihrer Situation sehen, als den, ihr Leben von eigener Hand zu beenden, und das auch tun. Zehn bis zwanzig Mal so viele versuchen es.
Und dabei ist die „Grauzone“ noch gar nicht berücksichtigt: der Selbstmord auf Raten unzähliger Magersüchtiger, die mysteriösen tödlichen Unfälle bei bester Sicht auf trockener Straße, die vielen Drogentoten, die an einer Überdosis starben – wer weiß, warum ...
Immerhin sind aber die offiziellen Suizidraten in Österreich seit Mitte der 1980er Jahre rückläufig. Die Gründe für diese Tendenz orten die Experten zum einen darin, dass manche Präventionsmaßnahmen wie etwa die Einrichtung der Notrufnummern greifen. Zum anderen scheint in gewisser Hinsicht auch ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden zu haben: „Immer mehr Menschen wissen heute, dass der alte Spruch ‚Wer darüber redet, tut’s nicht‘ in vielen Fällen schlicht und einfach falsch ist“, sagt Rainer Gross.

Traurige „Spitzenreiter“ in NÖ

Doch zurück zu den Fakten, die uns zeigen, dass die Suizidhäufigkeiten innerhalb unseres Landes beträchtlich variieren: Die höchsten Raten weisen schon seit Jahrzehnten die Steiermark, Kärnten und Salzburg auf. Was Niederösterreich betrifft, so nimmt es im Bundesländervergleich die sechste Stelle ein, wobei aber die Bezirke Waidhofen an der Thaya und Lilienfeld traurige „Ausreißer“ darstellen: Sie weisen eine Suizidrate von 25 und mehr pro Jahr und 100.000 Einwohner auf und firmieren damit unter den negativen Spitzenwerten für ganz Österreich an sechster bzw. vierter Stelle. „Das Phänomen der regionalen Unterschiede konnte mit bisherigen Forschungen noch nicht ausreichend erklärt werden. Als sicher gilt aber, dass es einen Zusammenhang mit regional unterschiedlichen sozioökonomischen Strukturen und kulturellen Mustern gibt, und auch die Verfügbarkeit oder Nichtverfügbarkeit präventiver Angebote spielt eine Rolle“, so der Sozialpsychiater.

Gibt es ein „Selbstmord-Gen“?

Doch es gibt auch andere Risikofaktoren: So ist Suizid die zweithäufigste Todesursache bei den zehn- bis 29-Jährigen. Das individuelle Risiko, an Suizid zu sterben, steigt auch mit höherem Alter wieder an. Besonders hoch ist es bei Männern über 65.
Stellt sich die Frage, ob es auch genetische Risikofaktoren gibt. „Sicher nicht in dem Sinn, dass es ein ‚Selbstmord-Gen‘ gibt, aber in Bezug auf die meist zugrunde liegende Erkrankung können wir sagen, dass es bei schwer Depressiven, die auch nicht auf Therapien ansprechen, eine genetische Komponente gibt. Zehn bis 15 Prozent der Betroffenen sterben durch eine Suizidhandlung“, sagt dazu Gross. „Auch  wenn ein oder gar beide Elternteile schwer depressiv sind oder waren, erhöht sich das Risiko des Kindes auf Suizid. Bei allen anderen psychiatrischen Erkrankungen ist dieser Zusammenhang nicht so eindeutig.“
Oft ist eine Suizidgefährdung nicht eindeutig. Aber es gibt wissenschaftliche Modelle, die die Entwicklung hin zum Selbstmord sehr klar beschreiben. Der österreichische Suizidforscher Walter Pöldinger definierte drei Phasen der Suizidalität. In der ersten wird der Suizid in Erwägung gezogen, jedoch nicht unbedingt in die Tat umgesetzt. Die zweite Stufe der Ambivalenz ist eine Phase der Unentschlossenheit und der Abwägung. Schließlich folgt die Phase des Entschlusses, in der der Suizidgefährdete die Entscheidung für die Selbsttötung trifft.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch das von dem österreichischen Suizidforscher Erwin
Ringel definierte sogenannte präsuizidale Syndrom, bei dem es zu einer zunehmenden gedanklichen und emotionalen Einengung kommt: Das Gefühl, keinen Ausweg außer dem Tod zu haben, wächst stetig. Dazu kommt es zu einer Einengung der Wertewelt sowie zu Einengungen und Entwertungen zwischenmenschlicher Beziehungen – mitunter bis zum Verlust der Beziehungen zu den Mitmenschen. Weiters benannte Ringel die gegen die eigene Person gerichtete Aggression und sich aufdrängende Suizidgedanken als Kennzeichen dieses Syndroms.
Was Suizidgefährdete brauchen, ist neben der ärztlichen Hilfe das Gespräch mit nahen Angehörigen. „Ein Mensch, der mit dem Gedanken an Selbstmord spielt, braucht jemanden, der ihm zuhört und seine Absichten ernst nimmt. Kontraproduktiv ist hingegen ein Außenstehender, der die Sache bagatellisiert oder vom Thema abzulenken versucht“, so der Psychiater Gross. Im Zweifelsfall sollte man als Angehöriger jedenfalls versuchen, den Betroffenen dazu zu bewegen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn selbst wenn ein Suizidgefährdeter gegen den eigenen Willen kommt, ist die erste Bitte der Profis immer „Geben Sie sich und uns zwei Wochen Zeit.“ Und: „Gott sei Dank sind diese Menschen in 99 Prozent der Fälle danach bereit, weiterzuleben. Sie sind vielleicht nicht glücklich, vielleicht auch nicht gesund, aber sie sind bereit es zu probieren, und das ist schon sehr viel“, so der Experte, für den Situationen wie diese trauriger Alltag sind.

Der Fall Simone B.

Zum traurigen Alltag scheinen heutzutage auch neue Formen des Suizids oder der Suizidabsprache im Internet zu werden. Immer mehr – vor allem junge – Menschen treffen Verabredungen zum Selbstmord in entsprechenden Foren, manche kündigen ihn dort an, und manche begehen ihn vor laufender Webcam. Zu tragischer Berühmtheit gelangte etwa der Fall der 42-jährigen Engländerin Simone B., die vor ihrem Suizid den Satz „Habe alle Pillen genommen, werde bald tot sein, bye bye everyone“ bei Facebook ins Netz gestellt hatte. Danach dauerte es 17 Stunden, bis Simones Mutter eine SMS bekam, in der ihr von der Selbstmordankündigung ihrer Tochter berichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Simone schon tot. Sie hatte 1.048 „Freunde“.

Nicht wegschauen

Facebook reagierte darauf und auf andere ähnliche Ereignisse mit einer neuen Meldefunktion. Den Nutzern des Social Networks steht jetzt ein Online-Formular zur Verfügung, mit dem Postings mit Suizid-Inhalten an die Facebook-Administratoren weitergeleitet werden. In Großbritannien und Irland gehen Meldungen direkt an die Selbsthilfe-Organisation für Suizidgefährdete „Samaritans“.
Nicht wegschauen, nicht verdrängen, nicht bagatellisieren ist also die oberste Devise einer effektiven Suizidprävention. In manchen Ländern gibt es auch bereits staatlich koordinierte Suizidpräventionsprogramme und entsprechende administrative Rahmenbedingungen. In Österreich steht das bislang aus, aber es wurden immerhin zahlreiche Krisentelefondienste eingerichtet (siehe S. 34).
Als hoch wirksame Suizidprävention bezeichnen Experten auch die Aufklärung über Depression – und damit die Entstigmatisierung einer Krankheit, die einen immens hohen Risikofaktor für Suizid darstellt. Und: Wer anderen in Krisensituationen Aufmerksamkeit gibt, empfängt auch die Signale von Verzweiflung, Depression und Todessehnsucht. Man muss also nur hinschauen, hinhören, „hinspüren“.

Sich selbst schützen

Und was kann der Einzelne tun, um sein persönliches Risiko zu mindern? „Wir alle tendieren dazu, zu hohe Ansprüche an das Leben zu stellen, zum Beispiel dauerhaft glücklich sein zu wollen. Aber schon Sigmund Freud sagte, dass die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, im Plan der Schöpfung nicht enthalten ist. Diese Ansprüche sind tatsächlich absurd, und es täte uns gut, anzuerkennen, dass ein über weite Strecken hin zufriedenes Leben schon eine ziemlich gute Sache ist“, sagt Rainer Gross dazu, und: „Der Druck, was wir alles leisten sollen und müssen, wird immer größer, und so etwas wie Versagen scheint in unserer heutigen Gesellschaft eigentlich verboten zu sein. Da wäre Gegensteuern wichtig, denn wenn es möglich wäre, manchmal zu sagen ‚Ja, das ist schiefgegangen, das habe ich endgültig verbockt, aber das ist menschlich‘, dann wäre das schon sehr viel.“

Gabriele Vasak
FOTOS: fotolia

Sechs Zeichen für mögliche Suizidabsichten

 

  • Interesse- oder Teilnahmslosigkeit
  • Äußerung von Gefühlen der Hoffnungs- oder Sinnlosigkeit
  • Schreiben von Abschiedsbriefen oder Verschenken persönlich wichtiger Dinge
  • Rückzug von Aktivitäten oder Abbrechen von Kontakten
  • plötzliche Stimmungsaufhellung nach einer schweren Krise bei gleichzeitig fehlenden Zukunftsideen
  • bei Jugendlichen: Weglaufen, Reduktion oder Abbruch der Nahrungsaufnahme

Quelle: Institut für Suizidprävention und -forschung

Hilfe bei schweren Krisen


Telefonseelsorge (österreichweit)
Unterstützung in Krisen, bei Problemen, zur Entlastung
Tel.: 142
täglich von 0–24 Uhr

NÖ Krisentelefon
Tel.: 0800 202 016
täglich von 0–24 Uhr

Hilfe für Angehörige nach Suizid
HPE (Hilfe für Angehörige Psychisch Erkrankter) –
Zentrale Wien
Tel.: 01/5264202
www.hpe.at

Den Suizid verhindern

Interview mit der niederösterreichischen Psychologin und Psychotherapeutin Mag. Eva Münker-Kramer

G+L: Warum berührt uns ein Suizid immer zutiefst in der Seele?
Münker-Kramer: Einerseits wird uns dadurch bewusst, dass der Tod etwas Fundamentales und Endgültiges ist. Andererseits durchbricht diese Form des „Freitodes“ eine Schallgrenze menschlicher Konventionen und ist zugleich etwas, das nur uns Menschen vorbehalten ist. Das macht instinktiv Respekt und Unbehagen, weil damit auf eine bestimmte Weise klar wird, dass so eine Tat eine Art „Eingriff in eine höhere Ordnung“ darstellt.

G+L: Welche Rolle spielen Angehörige und Freunde bei der Unterstützung eines suizidgefährdeten Menschen, und was sollten sie tun, wenn sie in Sorge sind?
Münker-Kramer: Angehörige spielen eine ganz wesentliche Rolle. Wenn sie sich diesbezüglich Sorgen machen, sollten sie das in erster Linie offen ansprechen, aber parallel dazu auch nachdenken, ob der oder die Betroffene wohl „objektive Anlässe“ haben könnte und diesbezüglich wenn möglich Hilfe anbieten.

G+L: Worauf muss man im Gespräch mit Suizid­gefährdeten achten?
Münker-Kramer: Ganz wichtig ist, nicht zu moralisieren oder vom eigentlichen Thema abzulenken, sondern die eigenen Befürchtungen auszusprechen und alles zu versuchen, um zum Betroffenen vorzudringen. Empfehlenswert ist oft die Formulierung „Das heißt, dass du SO nicht mehr leben kannst oder willst“. Dies wirkt manchmal wie eine magische Türöffnung zum Suizidgefährdeten und ermöglicht das so wichtige konkrete Darüber-Reden.

G+L: Wann braucht man professionelle Unterstützung?
Münker-Kramer: Sobald man Angst um den Betroffenen hat und/oder sich selbst überfordert fühlt, sollte man versuchen, ihn dazu zu bewegen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Unterstützung von außen ist oft auch für die Angehörigen selbst wichtig, denn gerade das Naheverhältnis macht Helfen oft so schwierig: Die Gefühle von Angst, Verzweiflung und Resignation der Betroffenen übertragen sich auch auf Angehörige und Freunde, und sie leiden oft unter Hilflosigkeit und Schuldgefühlen. Deshalb sind Angebote, die sie informativ und emotional unterstützen, ganz wichtig für Suizidprävention.

 

„Liebster,
ich spüre genau, dass ich wieder wahnsinnig werde. Ich glaube, dass wir eine solche schreckliche Zeit nicht noch einmal durchmachen können. Und diesmal werde ich nicht wieder gesund werden. Ich höre Stimmen, und ich kann mich nicht konzentrieren. Darum tue ich, was mir in dieser Situation das Beste scheint. Du hast mir das größtmögliche Glück geschenkt. Du bist mir alles gewesen, was einem einer sein kann. Ich glaube nicht, dass zwei Menschen haben glücklicher sein können – bis die schreckliche Krankheit kam. Ich kann nicht länger dagegen ankämpfen. Ich weiß, dass ich Dir Dein Leben ruiniere und dass Du ohne mich würdest arbeiten können. Und ich weiß, Du wirst es tun. Du siehst, nicht einmal das kann ich richtig hinschreiben. Ich kann nicht lesen. Was ich sagen möchte, ist, dass ich alles Glück meines Lebens Dir verdanke. Du bist unglaublich geduldig mit mir und unglaublich gut zu mir gewesen. Das möchte ich sagen – jeder weiß es. Hätte mich jemand retten können, wärest Du es gewesen. Alles, außer der Gewissheit Deiner Güte, hat mich verlassen. Ich kann Dein Leben nicht länger ruinieren.
Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir es gewesen sind.“
Abschiedsbrief von Virginia Woolf an Leonard Woolf, 28.03.1941