Von Frau zu Frau
Beratung, Information & Bildung für Migrantinnen: All das bietet das Zentrum für Frauengesundheit in Wiener Neustadt.
Es ist ein emsiges Treiben an diesem Vormittag: Mehrere Frauen mit Yogamatte unterm Arm eilen zu ihrer Yogastunde, im Nebenraum behandelt eine Shiatsu-Praktikerin eine Dame, währenddessen eine Ärztin mit einer jüngeren Frau über Vorsorge spricht. Danach steht eine Fitnessstunde am Programm. Alles dreht sich hier um Gesundheit im Allgemeinen – und im Speziellen um Gesundheit für Migrantinnen.
Anlaufstelle für Migrantinnen
Das Zentrum für Frauengesundheit der Caritas in Wiener Neustadt gibt es seit eineinhalb Jahren, es ist die erste Anlaufstelle für Gesundheitsfragen für Migrantinnen in Niederösterreich. Damit sollen Frauen und Mädchen einen leichteren Zugang zum Gesundheitssystem und mehr Gesundheitswissen bekommen, erklärt die Leiterin Mag. Birgit Haidenwolf: „Aus unserer täglichen Integrationsarbeit wissen wir, dass Migrantinnen oft Schwierigkeiten im Gesundheitsbereich haben. Neben sprachlichen Hindernissen beim Arztbesuch haben sie oft vielfältige körperliche Probleme und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen.“ Oft spielen auch seelische Konflikte eine Rolle, weiß die Integrationsexpertin: „Viele Frauen leiden an psychischen Problemen, haben Gewalt erlebt, sind traumatisiert oder leiden an Depressionen, bedingt unter anderem durch die Flucht aus der Heimat. Viele mussten Schlimmes miterleben.“
Multidisziplinäres Team
Für all diese Frauen steht im Zentrum für Frauengesundheit ein multidisziplinäres Team bereit, bestehend aus Ärztinnen, Psychologinnen, Hebammen, Krankenschwestern, Shiatsu-Praktikerinnen sowie Pädagoginnen. Angeboten werden kostenlose Beratungen, Kurse und Workshops zu den Themen Gesundheitsvorsorge, gesunder Ernährung, Sexualität, Schwangerschaft, Familienplanung und vieles andere – abgestimmt auf den Bedarf der Migrantinnen. Im Zentrum für Frauengesundheit gibt es vieles, jedoch keine Männer, erklärt Birgit Haidenwolf: „Hier arbeiten nur Frauen – das ist wichtig, damit die Migrantinnen Vertrauen fassen können. Von Frau zu Frau fällt es leichter, sich zu öffnen. Beim Yoga etwa nehmen die Frauen sogar ihr Kopftuch ab – ein Zeichen dafür, dass sie sich wohl fühlen.“ Das Angebot des Zentrums richtet sich nur an Frauen, denn sie sind in mehrfacher Hinsicht benachteiligt, sagt sie: „Während die Männer arbeiten gehen und Kontakte knüpfen, sind die Frauen sehr in der Familie verankert. Dabei sind Frauen ein wichtiger Motor im Integrationsprozess, auch für ihre Kinder.“
Keine Vorbehalte
Vorbehalte seitens der Migrantinnen gibt es nicht, freut sich Haidenwolf: „Der Name Caritas bürgt für Qualität, sie lernen unsere Arbeit schon während des Integrationsprozesses kennen und kommen gerne hierher. Sie genießen es, unter sich zu sein, und trauen sich Fragen zu stellen, die sie in Anwesenheit ihres Mannes oder Sohnes nie stellen
würden.“ Schmunzelnd erzählt sie von einem Mann, der seiner Gattin den Yogakurs verboten hat, dann woanders selbst einen gemacht hat und ganz begeistert seine Frau doch zum Kurs geschickt hat.
Das Angebot im Zentrum für Frauengesundheit wird je nach Bedarf ständig erweitert, sagt Birgit Haidenwolf: „Momentan stark nachgefragt sind Pilates-Kurse, die es neu im türkischen Fernsehen gibt. Die Frauen wollen sie nun auch hier haben.“
Hilfe zur Selbsthilfe
Auch Allgemeinmedizinerin Dr. Elisabeth Mikl arbeitet im Zentrum. Seit sie 18 ist, betreut sie Flüchtlinge „aus tiefer Überzeugung“, wie sie sagt. Neben ihrer Wahlarztpraxis in Wiener Neustadt kommt sie regelmäßig hierher, um eine Art sozialen Ausgleich zu schaffen: „Ein Flüchtling hat alles verloren, seine Heimat, sein Umfeld, seine Arbeit, seine Freunde, teils auch seine Familie. Wir leben hier im Wohlstand, deshalb sollten wir helfen.“ Mikl arbeitet nach ganzheitlichem Ansatz, bietet auch Homöopathie und Akupunktur an. Als besonders schön an ihrer Arbeit findet sie: „Ist der Schmerz einmal weg, öffnet sich meist die Seele der Frauen. Sie bekommen ein neues Körperbewusstsein, beginnen sich auch sozial zu integrieren.“ Die Sprachbarriere sei kaum ein Problem, bei der ersten Behandlung ist oft ein Dolmetscher dabei, danach nicht mehr. Mikl sieht ihre Arbeit im Zentrum als wichtige Aufbauarbeit: „Eine Kette ist immer so stark wie ihr schwächstes Glied. Man muss an der untersten Basis anfangen, um die Gesellschaft auf eine bessere Ebene zu heben. Wir wollen die Frauen hier fähig machen, auf sich selbst zu schauen.
Frei nach dem Motto: Hilfe zur Selbsthilfe.“ Das langfristige Ziel des Zentrums ist es, die Frauen samt ihren Familien ans österreichische Gesundheitssystem anzubinden, erklärt Birgit Haidenwolf: „Hier bekommen sie alle Informationen rund um Gesundheit, lernen schul- und komplementärmedizinische Angebote und den Wert ihrer Gesundheit kennen. Nebenbei erfahren sie, welche Art der Bewegung ihnen hilft, zum Beispiel Qigong, um dann später auch woanders einen Kurs dazu zu machen.“
Viele Frauen brauchen auch einfach nur sprachliche Unterstützung, kommen mit Arztbefunden ins Zentrum: „Oft haben die Frauen beim Arzt Scheu nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Auch hier helfen wir gerne weiter.“ Die Mitarbeiterinnen sprechen viele Sprachen: Türkisch, Serbokroatisch, Russisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Farsi und Arabisch, und können bei Bedarf für andere Sprachen einen Dolmetscher besorgen.
Wissen weitergeben
Neben den Beratungen und Kursen, die vor Ort stattfinden, organisiert das Zentrum regelmäßige Gesprächsrunden sowie Exkursionen in die Natur und sportliche Aktivitäten – die übrigens sehr gut angenommen werden. Auch das Ausbildungsprogramm zur interkulturellen Gesundheitstrainerin läuft gut: Die Teilnehmerinnen lernen Grundlegendes über Gesundheit und das Gesundheitssystem, um als Multiplikatorinnen anderen Frauen dieses Wissen weiterzugeben. Eine, die diese Ausbildung gemacht hat, ist Serife Cengiz (30). Sie arbeitet freiberuflich im Zentrum, nebenbei noch als freiberufliche Dolmetscherin. Die Ausbildung zur Gesundheitstrainerin hat der türkischstämmigen Österreicherin Spaß gemacht: „Ich habe sehr viel gelernt, beispielsweise über gesunde Ernährung, Bewegung, alles rund um einen gesunden Lebensstil. Und dieses Wissen gebe ich nun in Workshops und Frauenzirkeln weiter.“ Das wird sehr gut angenommen, freut sich Serife Cengiz: „Die Frauen erzählen ihren Freundinnen davon, sagen weiter, dass andere Frauen mitkommen sollen. Hier vernetzen sie sich mit anderen. Es ist immer gemütlich, manche Frauen geben sich richtig Mühe und bringen Selbstgebackenes mit.“ Auch für die Kinderbetreuung ist gesorgt, damit die Frauen für kurze Zeit unter sich und ungestört sein können. Zeit für sich und seine Bedürfnisse zu haben – eine wertvolle neue Erfahrung für viele Migrantinnen, auf die sie nun nicht mehr verzichten möchten.
Zentrum für Frauengesundheit
- Beratung & Information: muttersprachliche Gesundheitsberatung durch Fachfrauen (Ärztinnen, Hebamme, Psychologin) in den Sprachen Türkisch, BKS (Bosnisch-Kroatisch-Serbisch), Russisch, Farsi, Spanisch, Englisch, Französisch. Andere Sprachen auf Anfrage
- Themen: Gesundheitsvorsorge, Ernährungsberatung, gynäkologische Beratung, Sexualität und Familienplanung, Schwangerschaft und Geburt, psychologische Beratung, Suchtprävention, spezielle Beratung für Mädchen
- Lernen & Wissensvermittlung: Workshops, Kurse und Vorträge rund um die Themen „Frauenkörper – Frauenseele – Frauengesundheit“: Bewegung und Entspannung, Kräuter für Frauen, gesunde Ernährung, der weibliche Zyklus, Wechsel und Menopause, Krebsvorsorge, seelische Gesundheit, Gesundheitsversorgung in Österreich
- Ausbildung zur „interkulturellen Gesundheitstrainerin“: In fünf Modulen zu je drei Abenden (inkl. Kinderbetreuung) erfahren die Teilnehmerinnen mehr über das österreichische Gesundheitssystem und über die Themen Frauengesundheit und Reproduktion sowie gesunde Ernährung und Bewegung. Außerdem werden partizipative Methoden vermittelt, mit denen sie das Erlernte an andere Frauen weitergeben können. Ziel ist es, Frauen Gesundheitswissen zu vermitteln, damit diese als Multiplikatorinnen in ihrer Gemeinde, ihrem Verein und ihrer Community aktiv werden können.
- Treffen & Erfahrungsaustausch: Es gibt monatliche Frauengesundheits-zirkel in Wiener Neustadt, Neunkirchen, Natschbach (Bezirk Neunkirchen), Pottschach (Bezirk Ternitz), Altenmarkt, Korneuburg und Wolkersdorf. Die Zirkel bieten Frauen einen geschützten Rahmen, in dem sie über ihre Gesundheit nachdenken können und mehr über Gesundheitsprävention erfahren.
Es geht um Vernetzung, Austausch und gegenseitiges Kennenlernen. Ausflüge werden ebenfalls angeboten.
Das Zentrum für Frauengesundheit ist auf der Suche nach ehrenamtlichen Ärztinnen, die das Team unterstützen und im Zentrum bzw. in eigener Praxis die Klientinnen beraten und behandeln (abrechenbar über GKK).
Das Zentrum wird vom Fonds Gesundes Österreich, dem Land Niederösterreich, der Stadt Wiener Neustadt und dem Frauenministerium gefördert.
Informationen: Zentrum für Frauengesundheit,
Wienerstraße 54/2. Stock,
2700 Wiener Neustadt,
Tel.: 02622/83020,
frauengesundheit@caritas-wien.at, www.caritas-wien.at





