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Unten herum

Männer im fortgeschrittenen Alter kommen meist nicht an ihnen vorbei. Aber auch die Leiden von Frauen können Urologen oft lindern.


FOTOS: Philipp Monihart, Sonja Möseler

„Ich fühle mich wieder ganz hervorragend“, freut sich Patient Norbert Schweitzer bei seiner Nachuntersuchung. Erst vor zwei Tagen wurde seine vergrößerte Prostata mit dem Green-Laser-
Verfahren behandelt. Einer Operationstechnik, die es niederösterreichweit derzeit nur in der Klinischen Abteilung für Urologie des Uniklinikums Krems gibt. Heute kontrolliert Abteilungsvorstand Prim. assoc. Prof. Dr. Karl Grubmüller mit einem Ultraschallgerät Herrn Schweitzers Prostata. „Alles gut verlaufen“, erklärt er ihm. „Ich würde sagen, morgen können Sie schon wieder nach Hause gehen.“ Ohne den Green Laser wäre so eine schnelle Genesung wohl nicht möglich gewesen. „Normalerweise wird das Gewebe einer vergrößerten Prostata quasi weg­gehobelt“, erklärt Grubmüller, „und das kann zu Blutungen führen. Weil viele unserer Patienten unter Blutverdünnung stehen, kann das ein Problem sein. Der Green Laser schafft es, das Gewebe zu vaporisieren, also zu verdampfen. Gleichzeitig versiegelt er die Gefäße, sodass es nur zu geringen Blutungen kommt.“ Zwei bis drei Operationen pro Woche werden mit dieser Technik durchgeführt.

Schonend

Das Verfahren ist sehr schonend für den Patienten, doch einen Nachteil gibt es dabei, wie Grubmüller erklärt: „Wir müssen uns schon vorher sicher sein, dass es sich um eine gutartige Vergrößerung der Prostata handelt, wie sie bei Männern ab einem gewissen Alter ganz einfach vorkommen kann. Denn da das Gewebe verdampft wird, bleibt nichts mehr davon übrig, das wir untersuchen könnten.“ Dass Krems das einzige Klinikum in Niederösterreich ist, das dieses Verfahren anbietet, sieht er als Chance für all seine Kollegen im Bundesland. „Natürlich können wir nicht alle Prostatapatienten in Niederösterreich behandeln, aber die Urologen im Umkreis sollen schon wissen, dass dieses Gerät bei uns zur Verfügung steht.“ Eine vergrößerte Prostata führt meist dazu, dass die Blase nicht mehr vollständig entleert werden kann und ist der Grund, weshalb ältere Männer nachts mehrmals die Toilette aufsuchen müssen. Eine Sache, für die sich mancher Mann noch vor zwanzig Jahren schämte.

Kein Tabu

„Früher haben Männer oft nicht gewusst, ob ihre Väter schon einmal an der Prostata operiert worden waren, weil die es zu Hause nicht erzählt haben“, erzählt Grubmüller, „doch für uns ist das wichtig, denn da geht es auch um familiäre Dispositionen.“ Heute sei das aber grundlegend anders. „Die Männer tauschen sich im Internet über ihre Probleme aus. Patienten, die zu uns kommen, wissen oft, dass der Nachbar eine Prostataoperation hinter sich hat. Das ist heute überhaupt kein Tabu mehr.“ Dennoch hinken Männer den Frauen bei den Vorsorgeuntersuchungen noch deutlich hinterher. Auch wenn ein jährlicher Besuch beim Urologen ab dem 45. Lebensjahr, wie es den Patienten früher ans Herz gelegt wurde, heute nicht mehr gefordert wird. Wenn die Ergebnisse der Untersuchung in Ordnung sind und der PSA-Wert sehr niedrig ist, genügt es, einmal im Jahr beim Hausarzt eine Laborkontrolle machen zu lassen und erst in zwei oder drei Jahren wieder zum Urologen zu gehen. Grubmüller bemerkt aber auch hier eine wachsende Vorsorge-Moral bei seinen Patienten. „Auch wenn es nach wie vor meistens die Frauen sind, die die Termine für ihre Männer ausmachen und sie dann hinschicken“, schmunzelt er.

Ärztinnen

Frauen sind als behandelnde Urologinnen für die meisten Männer kein Problem mehr. Etwa ein Drittel der Fach­ärzte in diesem Bereich sei weiblich, schätzt Grubmüller. „Viele Männer fühlen sich sogar wohler, wenn sie an ihren intimen Stellen nicht von einem Mann untersucht werden. Andererseits behandeln wir ja auch Frauen, wenn bei ihnen Entzündungen des Harntraktes oder der Nieren auftreten oder sich Blasensteine oder Ähnliches bilden. Diese Patientinnen wollen sich viele lieber von Frauen behandeln lassen.“ Gerade junge Patientinnen, die bei ihren ersten sexuellen Erfahrungen durch falsche Hygiene Infektionen bekommen, würden sich lieber von Frauen zur Intimpflege beraten lassen als von Männern.
Patientin Gabriele Gaubitzer wird auf der Urologie gerade wegen einer Nierenentzündung behandelt. Mit männlichen Ärzten hat sie kein Problem. Sie kam mit 40 Grad Fieber und starken Schmerzen in die Notaufnahme und wurde umgehend mit Medikamenten behandelt. Nun, am zweiten Tag nach ihrer Aufnahme, geht es ihr wieder besser und sie hofft, das Krankenhaus bald verlassen zu können. „Vor dem Wochenende wird es sich wohl leider nicht ausgehen, doch dafür sind Sie, wenn Sie uns verlassen, wieder vollständig gesund“, tröstet der Primarius.

Vielfältig

Der Aufgabenbereich der Urologie ist vielfältig. Operationen vom Zwerchfell bis zum Becken­boden fallen in diesen Bereich. Eingriffe an den Nieren, am Harnleiter oder an der Blase kommen regelmäßig vor. Am häufigsten behandeln Grubmüller und sein Team Blasen- und Nierentumore, Prostata-Krebserkrankungen, Hodentumore,
Peniskarzinome oder Nieren- bzw. Harnleiter­steine. Solche Steine werden oft mit einer Extrakorporalen Stoßwellen-Lithotripsie behandelt. Das heißt, man „zerschießt“ die Steine vollkommen berührungsfrei von außen, sodass sie sich von selbst lösen. Wenn das nicht möglich ist, können Steine auch endoskopisch über die Harnröhre geborgen oder die Niere direkt punktiert werden. Die Steine werden dann zertrümmert und abgesaugt.
Auch Blasenentfernungen, bei denen aus Darmsegmenten neue Blasen geformt werden, finden in Krems statt. Diese Operationen dauern oft mehr als fünf Stunden und sind sehr
anspruchsvoll. „Der Patient wird zwar nie wieder die gleiche Lebensqualität wie mit einer richtigen Blase erlangen“, erklärt Grubmüller, „aber man lernt damit umzugehen. Da sich der Urin dann in einem ehemaligen Stück des Darmes sammelt, kann man den Harndrang nicht als solchen spüren. Viele Patienten spüren ein Völlegefühl oder Unwohlsein.“ Nach einiger Zeit könne man sich allerdings an die Umstellung gewöhnen.

Experten

Da Urologen oft Tumore und Karzinome behandeln müssen, ist die Strahlentherapie ein wichtiger Bereich des Fachgebiets. Deshalb arbeiten die Urologen in Krems eng mit Strahlenphysikern
zusammen. Außerdem gibt es viele Spezial­gebiete, in denen man sich vertiefen kann. „Man kann heute als Einzelner nicht mehr das ganze Feld der Urologie abdecken“, erklärt Grubmüller, „man braucht ganz einfach seine Experten und behandelt die Patienten als Team.“ Er selbst hat als Facharzt Weiterbildungen in Berlin, Mainz und Wien absolviert, um seine Ausbildung zu vervollständigen und „nicht nur den Kremser Tellerrand“ kennenzulernen. „Man versucht, so viel wie möglich zu lernen“, erklärt er, „aber die Abteilung bietet eine komplette Versorgung von urodynamischen Messungen bis zum Blasenschrittmacher an. Da braucht man Spezialisten, die einen unterstützen.“

Berufswahl

Für die Urologie entschied sich Grubmüller sehr früh: 1986 begann er als Turnusarzt in Krems und hatte vor, Chirurg zu werden. „Die Urologie war damals noch kein eigenes Fach. Das hat man bei der Chirurgie quasi mitgemacht“, erklärt er. Während der Ausbildung zum Allgemeinmediziner erkannte er dann, dass ihn die Urologie besonders interessiert. „Mein Vorgänger hat eine Kassenstelle bekommen und das Haus verlassen. Deshalb wurde mir angeboten, meinen Turnus abzubrechen und gleich meine Facharztausbildung dort zu beginnen“, erinnert er sich. Der
damalige Primarius stellte ihm ein Ultimatum. „Da habe ich mir gedacht, besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, meint Grubmüller und grinst: „Also wörtlich.“

Hilfe bei Krebs

Männer, die von Prostatakrebs betroffen sind, können sich auf der Internetseite der „Selbsthilfe Prostatakrebs“ über Krankheitsbilder, Therapieoptionen und Vortragsangebote informieren und sich im Frageforum austauschen.
Informationen:
www.prostatakrebse.at

Ausbildung zur Urologin/zum Urologen

Im Jänner 2016 gab es eine große Ausbildungsreform für die Ärzteausbildung, so auch für die Urologie: Heute müssen alle Jungärzte nach dem Studium eine neunmonatige Grundausbildung absolvieren, nach der man sich entscheiden kann, Allgemeinmediziner oder Facharzt zu werden. Für den Bereich der Urologie gibt es, wie für die anderen Fächer auch, eine 36-monatige Facharzt-Grundausbildung. Danach spezialisiert man sich in einem der folgenden sechs Bereiche: Kinder-Urologie, Blasenfunktionsstörungen und Urodynamik, Andrologie und sexuelle Funktionsstörungen, urologisch-onkologische Chirurgie (Schwerpunkt in Krems), laparoskopische und minimalinvasive Therapie oder Uro-Geriatrie. Jedes dieser Module dauert 27 Monate. Zwei bis drei Bereiche sollten gewählt werden. Danach darf man sich Facharzt für Urologie nennen. Einige Details der Ausbildungsreform sind bis dato noch nicht vollständig geklärt.

Universitätsklinikum Krems
Mitterweg 10
3500 Krems
Tel.: 02732/9004-0
www.krems.lknoe.at