< vorhergehender Beitrag

Tiere bauen Brücken

Therapeuten auf vier Pfoten: Hunde im Klinikum können mit dem modernen Konzept der tiergestützten Therapie einen Beitrag zur Genesung der Patienten leisten.


Ergotherapeutin Gabriele Windberger, Therapiehundeführerin Daniela Schober und Hündin Akira unterstützen Karl D. bei seiner Rehabilitation. FOTO: Felicitas Matern

Landesklinikum Hochegg
Hocheggerstraße 88 2840 Hochegg
Tel.: 02644/6300-0 www.hochegg.lknoe.at

Eine nahezu friedliche Ruhe liegt über dem hellen und freundlichen Therapieraum im Landesklinikum Hochegg. Nur das Gezwitscher der Vögel im umliegenden Wald ist durch das weit geöffnete Fenster zu hören. Warme Mailuft strömt herein. Fast lautlos bewegt sich der Labradormischling Akira, eine Hündin mit sanften Augen und schwarz glänzendem Fell, auf den Patienten Karl D. zu. Eine Ruhe, die vorherrscht, wenn nicht mit Worten kommuniziert wird. Die Hündin nimmt kleinste Veränderungen der Atemfrequenz des Patienten wahr – Signale, wodurch Akira weiß, was er braucht. Letztes Jahr erlitt Karl D. eine Gehirnblutung, seitdem kann er nicht mehr sprechen. Seine Gliedmaßen willentlich zu bewegen, fällt ihm sehr schwer. Während seiner neurologischen Rehabilitation  wurde die Beziehung zu Hündin Akira ein fixer Bestandteil seines Alltags. Die tiergestützte Therapie beinhaltet Methoden, bei denen Klienten mit Tieren interagieren, über Tiere kommunizieren oder für Tiere tätig sind. Ziele dabei sind ein positiver Beziehungsaufbau und eine Motivationssteigerung der Klienten. Ergotherapeutin Gabriele Windberger  teilt Karl D. mit, dass Akira nun ein Leckerli verdient hat. Sie fordert ihn auf, die Hündin zu füttern. Offensichtlich hat er die Hundedame ins Herz geschlossen, denn es kostet ihn enorme Anstrengung, das Leckerli mit einer Hand zu greifen. Er strengt sich an, für Akira. Vorsichtig nimmt die Hündin das Leckerli mit ihrem Maul in Empfang.

Emotionale Bindung

Die tiergestützte Therapie schafft für Karl D. Situationen, in denen er sich nützlich machen kann. Eine Gelegenheit, die er wegen seiner eingeschränkten Beweglichkeit und seinem Sprachverlust im Alltag in der Regel nicht mehr bekommt. Eine Gelegenheit, die jedoch vor seiner Erkrankung fixer Lebensbestandteil war, die ihm nun fehlt. „Der Zustand der Psyche ist bei Menschen mit schwerem neuronalem Hirnschaden nicht einfach zu deuten“, gibt Dr. Nikolaus Steinhoff, Oberarzt der Abteilung für Neurologie am Landesklinikum Hochegg, zu bedenken. Denn wird ein Mensch seiner Fähigkeit beraubt, seine Befindlichkeit seiner Umwelt mitzuteilen, können Angehörige, Therapeuten und Pflegekräfte nur spekulieren, wie es um sein Seelenheil bestellt ist. Durch das Unvermögen, Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen, können Beziehungen nicht mehr aktiv gelebt werden. Ein wichtiges Grundbedürfnis des Menschen wird nicht befriedigt. Genau diesen Wunsch kann der Hund in der Therapiestunde erfüllen. Durch die nonverbale Kommunikation ist zwischen Akira und „ihrem“ Patienten eine Beziehung entstanden. Akira gibt Karl D. das Gefühl, angenommen zu werden. Das erleichtert ihm vermutlich ein kleines Stück, seinen Krankheitszustand besser anzunehmen. Karl D. hat das Bedürfnis, der Hündin etwas zurückzugeben. Dies gibt ihm die Willenskraft, die er benötigt, mit seiner Hand Wasser aus einer Trinkflasche in eine Schüssel zu leeren. Damit Akira zu trinken bekommt. Ein großer Schritt für Karl D. in Richtung eines selbstbestimmteren Lebens. Ein Leben, das er vor einem Jahr noch hatte.

Mobilisierung der Patienten

Die Therapie strengt Karl D. an. Dies ist zu erkennen, weil er die Augen nach einiger Zeit immer wieder schließt. Auch Akira ist erschöpft. Deshalb beschließen die Therapeuten, eine zehnminütige Pause einzulegen. Das Therapeutenteam ist sich einig: „Das Therapieprogramm ist sehr flexibel und wird an die Bedürfnisse von Patient und Hund angepasst. Hat einer der beiden einen schlechten Tag, wird die Therapie abgebrochen.“  Steinhoff informiert: „Bei uns werden die Patienten sobald wie möglich mobil gemacht und zur Aktivität animiert. Das heißt, dass wir versuchen, die Patienten in eine aufrechte Position zu bekommen, wodurch sie viel mehr Sinnes­eindrücke bekommen als im Liegen.“ Im Landesklinikum werden neurologisch schwerstgeschädigte Menschen durch ein vielschichtiges Programm bei ihrer neurologischen Rehabilitation unterstützt. Dieses Programm setzt sich aus Physio-, Ergo-, Elektrotherapie sowie aus Logopädie, Neuropsychologie und rehabilitativer Pflege zusammen. Besonders wichtig ist es dem Behandlungsteam, auch die Angehörigen zu betreuen, damit sie sich mit der schwierigen Familiensituation nicht überfordert oder allein gelassen fühlen.

Kleine & große Erfolge

Seit dem Jahr 2011 wird hier den Patienten ergänzend einmal pro Woche tiergestützte Therapie mit der Hündin Akira angeboten.
Therapiehunde werden regelmäßig streng auf infektiöse Keime untersucht, erklärt Therapiehundeführerin Daniela Schober. Und Ergotherapeutin Anja Wagner berichtet: „Mag der Patient laut Angehörigen keine Hunde oder hat eine Hundeallergie, wird eine hundegestützte Tiertherapie ausgeschlossen. Sind die Angehörigen oder der Sachwalter des Patienten aber damit einverstanden, kommt es zur Kontaktaufnahme zwischen Akira und dem Patienten.“ Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt auf der Intensiv­station kam Karl D. zur neurologischen Reha nach Hochegg. Seit sieben Monaten ist er bereits hier, hat erhebliche Fortschritte gemacht. Bett­lägerig und unfähig, sich seiner Umwelt mitzuteilen, kam er an. „Mittlerweile kann er wenige Worte sagen, den Hund streicheln und seine Gliedmaßen aktiv bewegen“, erzählt Ergotherapeutin Gabriele Windberger. „Patienten, die zu uns kommen, reagieren oft nicht auf Ansprache, sind nicht kontaktierbar“, berichtet der Oberarzt: „Mit drei bis vier Stunden Therapie am Tag, täglich eineinhalb bis zwei Stunden Pflege und dem Besuch von Angehörigen gelingt es, dass die Patienten bis zum Ende des Klinikaufenthalts in der Kommunikation verlässlich  sind.“ Das ist ein großer Erfolg, ist sich das Therapeutenteam einig. Karl D. wird die Klinik bald verlassen. Er hat beeindruckende  Fortschritte gemacht.

Enorme soziale Kompetenz

Nach der Pause fordert Daniela Schober ihre Hündin auf, sich neben Karl D. zu setzen. Akira hüpft auf die Therapieliege und setzt sich neben ihren „Freund“. Man sieht, der Hund und sein Frauchen sind ein eingespieltes Team. Daniela Schober nahm das Findelkind vor sieben Jahren bei sich auf. „Schon als Welpe ging Akira gern auf Menschen zu“, berichtet die Hundeliebhaberin aus Akiras Leben. „Daher kam ich auf die Idee, den Eignungstest für die Ausbildung in der tier­gestützten Therapie zu machen.“ Zusammen bestanden sie diese mit Auszeichnung. Eigentlich wollte die Kindergartenpädagogin in Begleitung von Akira mit Kindern arbeiten. Da jedoch das Herz ihrer Hündin bei der Begegnung mit älteren Menschen aufblüht, arbeiten sie in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Daniela Schober erzählt von Erlebnissen, die sie sehr geprägt haben.
Akiras erster Patient etwa konnte mit den Augen lange Zeit keine Gegenstände fixieren. Doch bei der ersten Begegnung mit dem Therapiehund schaffte er es, Akira genau zu betrachten.

Wichtiger Motivator

Auch für Karl D. ist Akira ein wichtiger Motivator. Sitzend, im Rücken von einer Ergotherapeutin gestützt, hebt er seinen rechten Arm und streichelt Akira vorsichtig über den Kopf. Schließt Karl D. seine Augen, erkennt Akira sein Bedürfnis nach Abstand und entfernt sich von ihm. Öffnet der Patient wieder die Augen, nähert sich die Hündin vorsichtig, immer mit Blick auf „ihren“ Patienten. Als Welpe wurde Akira von ihren Eltern verlassen. Menschen fanden die Hündin und nahmen sie auf. Es scheint, als habe Akira das Bedürfnis, nun den Menschen etwas zurückzu­geben.

Mit „Pfotenspitzengefühl“

Hier im Landesklinikum bewegt sie sich nahezu lautlos. Kein Bellen entweicht ihr. Die Hündin erspürt mit einem sehr feinen „Pfotenspitzen­gefühl“ die Bedürfnisse von Menschen und nimmt darauf Rücksicht. Nach der Therapiestunde machen sich Akira und ihre Besitzerin wieder auf den Heimweg. „Nicht überall ist Akira so ruhig“, erzählt ihre Besitzerin und lacht: „Zuhause tobt sie ausgelassen im Garten umher und kündigt Besucher laut bellend an, wie ein ganz gewöhnlicher Hund, nur eben mit ganz speziellen Eigenschaften.“

Verein „Tiere helfen Leben“

Akira ist einer von vielen Hunden, die eine Ausbildung zum Therapiebegleithund absolviert haben. Diese ESAAT-zertifizierte Ausbildung (European Society of Animal Assisted Therapy) wird vom gemeinnützigen Verein „Tiere helfen Leben“ organisiert. Dieser beschäftigt sich mit der Ausbildung von Therapiebegleithunden nach modernsten Erkenntnissen der Ethologie mit gewaltfreien Methoden sowie der Ausbildung zum ganzheitlich orientierten Hundeverhaltenstrainer. Seit 2005 setzt sich der Verein für die Anerkennung der tiergestützten Therapie in Österreich ein, um möglichst vielen Menschen einen Zugang dazu zu ermöglichen. Zahlreiche Therapieteams hat der Verein bereits an Rehabilitationszentren, Pflegeheimen, Hospize, Kindergärten und Schulen vermittelt und damit hilfsbedürftigen Menschen den Kontakt mit Tieren ermöglicht.
Informationen: www.tiere-helfen-leben.at