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Sturz aus der Lebensmitte

Leben mit Krebs erfordert viel Kraft. Ärzte und Psychologen unterstützen dabei, und Betroffene sollten vor allem ihre individuellen Wünsche und Bedürfnisse ernst nehmen.


OA Dr. Gerhard Krajnik, Onkologe 1. Medizinische Abteilung, Universitätsklinikum St. Pölten; Dr. Herta Pilarski, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, Psychoonkologin, Universitätsklinikum St. Pölten

Die Diagnose Krebs schockiert wie keine andere. Man empfindet eine massive existenzielle Bedrohung, Gefühle der Hilflosigkeit und Abhängigkeit tauchen hoch, wie ein Film beginnen Bilder über die bevorstehende Behandlung, die damit verbundenen Schmerzen oder Beeinträchtigungen abzulaufen. Viele erinnern sich an einen Gleichbetroffenen und dessen Leidens­geschichte: Es ist wie ein Sturz aus der Lebensmitte.

Der Mensch im Mittelpunkt

„In dieser Situation ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Patient sowohl von fachärztlicher als auch von psychologischer Seite her optimal betreut wird, und das versuchen wir heute für alle Betroffenen zu leisten“, sagt der Onkologe OA Dr. Gerhard Krajnik von der 1. Medizinischen Abteilung im Universitätsklinikum St. Pölten. „Wir Onkologen haben zunächst die Aufgabe, den Patienten über alle Möglichkeiten der Behandlung seiner Erkrankung aufzuklären. In der Folge können wir neben der Tumortherapie für eine adäquate Schmerzlinderung und Hintanhaltung anderer Krankheitssymptome sorgen, denn der Mensch und seine Lebensqualität stehen im Zentrum unseres Interesses“, so Krajnik, der auf die bedeutende Rolle der psychologischen/psychoonkologischen Therapie von Krebspatienten hinweist.

Jede Reaktion ist erlaubt

Tatsächlich gibt es heute dafür speziell ausgebildete Psychoonkologen. Eine von ihnen ist Dr. Herta Pilarski, die ebenfalls für onkologische Patienten im Universitätsklinikum St. Pölten tätig ist. Sie weiß, dass es nach der Diagnose darum geht, den Betroffenen aufzufangen: „Wir versuchen, den Patienten so anzunehmen, wie er sich gerade fühlt – das heißt in seinem Schock, vielleicht auch in seiner Verwirrtheit oder seinem Glauben, das alles sei nur ein böser Traum. All diese Reaktionen und viele andere sind möglich und normal. Alle Vor-stellungen, Sorgen und Ängste dürfen geäußert werden.“

Die große Angst

Normal ist bei einem solchen Schicksalsschlag auch die große Angst, sie kann laut Herta Pilarski viele Bereiche betreffen: „Das kann mit grundsätzlichen, jetzt anstehenden Lebensumbrüchen zu tun haben, mit durch die Krankheit, die Behandlung oder deren Nebenwirkungen verursachten körperlichen Veränderungen. Wichtig ist, sich die Angst einzugestehen, sie aber nicht zum ‚Katastrophendenken‘ führen zu lassen.“
Am besten macht man das, indem man die Angst hinterfragt, sie konkret benennt, reflektiert und versucht, einen Weg zu ihrer Bewältigung zu finden. Oft geht es auch darum, die Ängste einer Realitätsprüfung zu unterziehen, denn mitunter sind sie irreal, lassen sich aber im strukturierten Gespräch auflösen. Die Psychoonkologin empfiehlt unter anderem Entspannungs-, Aufmerksamkeits-, Meditations- oder Visualisierungsübungen, die man unter fachlicher Anleitung erlernen und später selbst anwenden kann. Auch leichte körperliche Aktivitäten wie Spazierengehen, Schwimmen oder Gartenarbeit werden oft empfohlen, und den Kontakt zur Umwelt sollte man nicht zu vernachlässigen beginnen.
„Die Menschen, die einem normalerweise gut tun, tun einem auch jetzt gut“, sagt Expertin Pilarski. Die Gefühle der Angst lassen sich leichter mit einem außenstehenden Experten aufarbeiten als mit Angehörigen, meint die Psychoonkologin, da die eigenen Angehörigen damit oft überfordert sind – nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst Ängste haben. Die psychoonkologische Therapie kann auch unter Einbeziehung eines Angehörigen in Anspruch genommen werden, um auch diesen zu entlasten und zu beraten.
Bei extremen Ängsten, die oft mit Schlaf- und Befindlichkeitsstörungen einhergehen, rät Pilarski zum ärztlich verordneten Einsatz von Antidepressiva, angstlösenden oder schlafanstoßenden Medikamenten: „Diese Medikamente sind in einer derartigen Belastungssituation durchaus hilfreich für den Patienten.“

Moderne, zielgerichtete Therapien

In den letzten Jahren wurden unzählige neue Medikamente entwickelt, die etwa zielgerichtet in die Enzymkaskade der Krebszellen eingreifen und dort die tumoraktivierenden Faktoren „abschalten“ oder gegen die Oberflächenproteine von Krebszellen gerichtet sind und das Immunsystem dazu bringen, Krebszellen viel schneller als körperfremd zu erkennen und zu bekämpfen, erklärt Onkologe Krajnik: „Diese Antikörpertherapien können als Infusionen, seit neuestem auch subkutan und dadurch noch schneller und einfacher verabreicht werden.“ Er betont, dass es für mehrere Tumorarten heute neue Behandlungsmöglichkeiten mit besseren Heilungschancen bzw. höheren Überlebensraten gibt als noch vor kurzem. Das betrifft etwa Prostatakrebs, Dickdarmkrebs, viele Formen des Lymphdrüsenkrebs und auch die Brustkrebserkrankung. Und die modernen Krebstherapien zeigen bessere Wirkung bei weniger Nebenwirkungen.

Wissen löst Angst

Über viele Aspekte von Krebs Bescheid zu wissen ist für viele Betroffene wichtig, denn Wissen kann auch Ängste lösen. Patienten sollten ihre betreuenden Ärzte und Psychologen oder Psychoonkologen nach allem fragen, was sie wissen wollen, meint Psychoonkologin Herta Pilarski: „Sich mitzuteilen bedeutet, nicht alles allein tragen zu müssen. Und man darf einerseits Hilfe einfordern und annehmen sowie sich andererseits abgrenzen, um die eigene Autonomie zu bewahren.“ Vor allem in der Familie solle man darauf achten, sich nicht nur als Kranker, der unter dem Glassturz steht, sehen zu lassen. Die vielen „guten“ Ratschläge oft gar nicht so gut Bekannter, die man als Krebspatient bekommt, darf man auch abweisen, wenn sie einem nicht zusagen.

Gute Ratschläge?

Einer der Ratschläge, mit dem Krebspatienten häufig konfrontiert werden, ist der, zu kämpfen und eine positive Einstellung zu bewahren. „Dieser Rat ist nicht sehr hilfreich, denn die Betroffenen meinen dann oft, sie dürften keinerlei Ängste oder negative Gedanken haben. Doch eine solche Einstellung ist kontraproduktiv. Natürlich soll man auch unglückliche Überlegungen und Vorstellungen zulassen, damit aber nicht allein bleiben“, sagt die Psychologin.

Nach der Behandlung

Nicht allein ist man beispielsweise auch bei einem onkologischen Rehabilitationsaufenthalt, der einen von Fachleuten nach neuesten Erkenntnissen geplanten Ablauf hat und für jeden Patienten individuell zusammengestellt wird. Dort werden Betroffene informiert, wie man mit den Problemen, die durch die Erkrankung und Therapie entstanden sind, im Alltag besser umgehen kann – etwa durch Lebensstiländerungen, zum Beispiel in Bezug auf Ernährung und Bewegung. Außerdem gibt es eine allgemeine sportlich-physikalische Behandlung, die die körperliche Leistungsfähigkeit steigern hilft, denn viele Patienten haben nach der Krebsbehandlung Muskeln abgebaut. Spezielle physikalische Behandlungen wie etwa Lymph­drainagen können Schwellungen und Bewegungseinschränkungen nach Operationen lindern. Und zudem werden die Krebs-Reha-Patienten in diesen Zentren psychoonkologisch betreut.
Pilarski sieht diesen neuen Trend als eine sehr positive Entwicklung. „Viele Patienten berichten nach einem solchen Rehabilitationsaufenthalt, dass sie sich dabei sowohl körperlich gut erholt haben als auch auf psychischer Ebene vieles reflektieren und so für sich abschließen konnten. Dass sie sich dafür gestärkt fühlten, wieder ins ‚normale‘ Leben zurückzukehren.“
Auch Onkologe Krajnik empfiehlt seinen Patienten die onkologische Rehabilitation: „In diesen Zentren wird sehr mutmachend gearbeitet, die dort tätigen, erfahrenen Fachärzte können auf tumorspezifische Probleme eingehen. Die Anleitung zur Mobilisierung und Lebensstilmodifikation wird von vielen Patienten als sehr positiv erlebt, denn dadurch gewinnen sie wieder mehr Selbstständigkeit und Autonomie.“

Jeder geht seinen Weg

Neben (wieder gewonnener) Selbständigkeit und Autonomie ist Individualität das dritte Stichwort, das erfahrene Onkologen und Psychoonkologen bei der Betreuung ihrer Patienten immer berücksichtigen, erklärt Krajnik: „Jeder Patient ist als Individuum einzigartig, geht mit seiner Krebserkrankung auf seine eigene Art und Weise um. Dies gilt es für uns zu respektieren. Wichtig ist daneben, dass der Patient ein Vertrauensverhältnis zu seinem Arzt aufbauen kann. Fällt einem das schwer, gibt es immer auch die Möglichkeit, eine Zweitmeinung einzuholen bzw. sich von einem anderen Arzt behandeln zu lassen. Ich bin sicher, dass nahezu alle Betroffenen den Weg zu jenen Experten finden, die sie so betreuen, dass sie sich angenommen und gut behandelt fühlen.“

Krebshilfe Niederösterreich

Notfalltelefon: 0664/3237230
Informationen, Beratungs- & Begleitangebote:
www.krebshilfe-noe.or.at

Universitätsklinikum  St. Pölten

Propst-Führer-Straße 4 3100 St. Pölten
Tel.: 02742/9004-0
www.stpoelten.lknoe.at

 

Was ist Krebs?  

Man unterscheidet gutartige (benigne) und bösartige (maligne) Tumore (Krebsgeschwulste).

  • Gutartige Tumore, die aus relativ normalen Zellen entstehen, sind örtlich beschränkt, das heißt, sie kapseln sich vom umliegenden Gewebe ab und stellen keine unmittelbare Gefahr dar, da sie nicht eindringend, sondern eher verdrängend wachsen.
  • Krebs ist die allgemeine Bezeichnung für bösartige Tumore, die aus Milliarden entarteter Zellen entstehen. Diese Krebszellen dringen in benachbartes Gewebe ein, siedeln sich dort an und zerstören es. Normalerweise wird eine solche Form von „biologischer Anarchie“ im Körper durch ein ganzes System von Kontrollmechanismen unterdrückt. Ein Kennzeichen von Krebszellen ist jedoch, dass sie sich nicht mehr den normalen Regelmechanismen unterwerfen und durch kontinuierliche Teilung unsterblich werden. Darüber hinaus können Krebszellen durch bestimmte Wachstumsfaktoren die Bildung von Blut- und Lymphgefäßen begünstigen und auch selbst in diese Gefäßbahnen eindringen. Dadurch werden sie im ganzen Körper verschleppt und gelangen in andere Organe. In diesem Fall bilden sich Tochtergeschwulste (Metastasen), die lebenswichtige Organe wie Lunge, Leber etc. bis zur Funktions­unfähigkeit schädigen und zerstören können.

Quelle: Krebshilfe Niederösterreich