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Seelentröster aus Stoff

Die dreifache Mutter Brigitte Cerny aus Zöbing näht ehrenamtlich für Brustkrebspatientinnen in den Landeskliniken Krems, Tulln und St. Pölten Herzpölster, die kranken Menschen Nestwärme und Geborgenheit geben sollen.


Brigitte Cerny hat sich in ihrem Wohnhaus in Zöbing – im ehemaligen Schweine­stall – eine bezaubernde Werkstatt eingerichtet, wo sie nicht nur aufwändige Patchworkdecken näht, sondern auch Herzkissen für Brustkrebspatientinnen.

Im „Kreativitätstraining“ an der Schule für psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflege am Landesklinikum Tulln haben Schüler des 3. Ausbildungsjahres hundert herzförmige Kissen genäht, die Brustkrebs-Patientinnen nach einer Operation helfen sollen, die postoperativen Schmerzen und Lymphschwellungen zu lindern. Die Herzkissen wurden von Dir. Rosa Kuselbauer (2. Reihe rechts außen) und der zuständigen Lehrerin Astrid Schatz (1. Reihe links) feierlich an OA Dr. Bernhard Zeh (3. Reihe Mitte) und Stationsleitung DGKS Andrea Schuster (rechts neben Dr. Zeh) übergeben.

Auf einem Polster kann man Ruhe finden und unter einer Decke kann man sich gut verstecken, sich zurückziehen, sich wärmen und beschützen lassen. Eine Decke ist wie ein Symbol für Geborgenheit und Sicherheit. Besonders wenn man als Patient in einem Krankenhaus liegt, haben Polster und Bettdecke, die man geschenkt bekommt, eine ganz besondere Funktion. Brigitte Cerny aus Zöbing ist eine Stoffzauberin und näht in langwieriger Heimarbeit Patchworkdecken, die Farbe und Glücksmomente ins Leben bringen. Ihre Decken wärmen und schützen aber nicht nur, sondern halten auch eine jahrhundertealte Tradition wach: Für einen Amerikaner ist eine Patchworkdecke (Stepp- oder Zierdecke) ein wichtiger Identitätsfaktor, sie wird von einer Generation zur nächsten weitergegeben, erzählt die Geschichte der Familie und wird zu großen Anlässen wie Taufe und Hochzeit geschenkt. Was einst aus der Not heraus entstand, ist heute ein wichtiges Statussymbol mit Bedeutung, das es nicht zu kaufen gibt. Die Aussiedler aus Europa importierten die Tradition des Patchworkens in ihre neue Heimat, aus altem Gewand nähten die Frauen kuschelige Steppdecken, anfangs gefüttert mit Zeitungspapier, weil Geld knapp war. So wurden die Patchworkdecken – noch aufwändiger sind die sogenannten Quilts – auch zu einem Erinnerungsstück an die ferne Heimat.

Ein Herz voll Zuversicht und Mut

In dem kleinen ländlichen Dorf Mold nahe Horn ist Brigitte Cerny aufgewachsen. Der Vater hatte einen kleinen Bauernhof, er baute Getreide an und hatte viele Schafe; über ihre Wurzeln hat Cerny die Verbindung zur Natur und Erdigkeit aufgenommen. Sie besuchte die Handelsakademie und ein Kolleg für Tourismus. Anfangs zog es sie in die große Welt der mondänen Hotels, sie arbeitete im Hotel Intercont in Wien und war ein Jahr als Au-pair in Amerika. Dort lernte sie die amerikanische Kultur gut kennen und wurde zur „Patcherin“: Ihre amerikanische Gastfamilie führte sie in die Geheimnisse des Patchworkens ein.
Bis heute flackert die Liebe zu Amerika in der Niederösterreicherin, und einmal im Jahr fährt sie in die Staaten, auch um Stoff einzukaufen, den sie dann nach Hause bringt und hier verarbeitet. In ihrem Wohnhaus in Zöbing hat sie sich eine kleine Werkstatt im ehemaligen Schweinestall eingerichtet, wo sie verschiedene Kurse veranstaltet und ihre Steppdecken und Herzkissen ehrenamtlich für Brustkrebspatientinnen näht, und diese dann in den Landeskliniken Krems, Tulln und St. Pölten verteilt. Die Stoffherzen sollen den erkrankten Frauen Mut und Hoffnung geben, das Polsterherz steht für Zuversicht und Mut. Und es entlastet beim Liegen nach einer Operation, kann Arme stützen oder Druck nehmen. Im Pflegeheim in Langenlois werden die Stoffherzen von den Senioren mit einem watteähnlichen Stoff befüllt. Rund 150 Herzen der Dankbarkeit sind so in den letzten Monaten entstanden.  
Cerny macht auch eigene kleinere Patchworkdecken für Rollstuhlfahrer. „Die Decken sollen ein Dankeschön sein, dass es mir gut geht, dieses Gefühl möchte ich weitergeben.“

Nähen gegen Angst und Schmerz

Cerny möchte mit ihren Decken und Pölstern ein Zeichen setzen, dass „man als Patient nicht alleine ist, meine Pölster sind wie kleine Seelenpflaster.“ Tipp von Cerny: Decke oder Herz unter die Achsel einklemmen, die Wärme, die die Decke oder das Herz erzeugt, soll sich positiv auf die Lymphe auswirken und z. B. Schwellungen lindern.
Cerny hatte selbst im vorigen Jahr eine Operation zu überstehen und als Therapie im Krankenhaus eine Patchworkdecke gemacht: „Ich habe genäht, um mich zu beruhigen, um meine Angst abzubauen und habe mir so selber Kraft geben können.“ Diese Decke steht nun dafür, dass sie etwas überwunden hat: „Ich hatte auch ein Stück von zu Hause mit im Spital“, und das Arbeiten an der Decke hat Cerny geholfen, die ungewissen Stunden vor und nach der Operation gut zu überstehen. Sie war abgelenkt von ihrem Schmerz, war auf das Nähen der Decke fixiert, weil die Muster mitunter recht kompliziert sind und „höchste Konzentration erfordern, das war auch wie eine Selbstbestätigung für mich“. Heute liegt die Decke zu Hause und hat all die negativen Gefühle von ihr genommen und ihr den Weg der Genesung erleichtert. Die Decke ist ein Seelentröster und wie ein Hoffnungsschimmer. Auch den Verlust ihrer Mutter, die viele Jahre krank war, hat sie in einer Erinnerungsdecke verarbeitet und aktiv Trauerarbeit betrieben. Cerny hat in dieser Decke der Trauer Stoffe, Spitzen und Kleidungsstücke ihrer Mutter zu einer Geschichte über sie verarbeitet. Der Schmerz über den Tod der Mutter ist einer friedlichen und lebendigen Erinnerung an die Mutter gewichen: „Meine Trauer wandelte sich in Dankbarkeit.“

„Nähen ist für mich wie Yoga“

Patchworkdecken nähen ist Cernys große Passion, „wenn ich eine Woche nicht nähe, werde ich unleidlich, wenn ich zwei Wochen nicht nähe, richtig unausstehlich.“ Das Nähen sei für sie wie für andere Yoga: „Beim Nähen werde ich meine Alltagssorgen los, werfe sie aus meinem Kopf, kann die Dinge loslassen und vergessen.“ Und dieses Gefühl möchte sie mit ihren kuscheligen Decken und flauschigen Herzkissen an die Mitmenschen weitergeben, egal ob sie krank, deprimiert oder einsam sind. Brigitte Cernys Decken sind eine ausgefallene Form der Therapie „an die man nur glauben muss“ und können so Patientinnen und Patienten helfen, ihre Lebensfreude und ihren Lebensmut wiederzufinden.

www.stoffzauberei.com

FOTOS: Sandra Sagmeister