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Nahversorger für Ihre Gesundheit

1,2 Millionen Menschen in NÖ leben in einer »Gesunden Gemeinde«. Dieses Programm zur Gesundheitsförderung feiert jetzt Geburtstag – und hat viel zu feiern. Was es kann, sieht man am Beispiel der »Gesunden Gemeinde« Hafnerbach.


FOTO: ZVG

In Hafnerbach tanzen, laufen und wandern Alt und Jung seit 14 Jahren zu mehr Lebensqualität. Initiatorin ist die ehemalige Gemeindeärztin Dr. Bernadette Weinhofer: „Für mich war es immer selbstverständlich, nicht einfach nur Pulverl zu verschreiben, sondern möglichst schon vorher etwas zu unternehmen.“ Als der Gemeinderat das Programm »Gesunde Gemeinde« diskutierte, veranstaltete Weinhofer bereits regelmäßig Diabetes-Workshops zur Prävention und war sofort Feuer und Flamme. Hafnerbach wurde zur »Gesunden Gemeinde« und der Bürgermeister lud die Bevölkerung zu einer Besprechung, bei der deren Wünsche im Mittelpunkt standen. „Viele folgten unserer Einladung und gemeinsam eruierten wir vor allem: Wer will was?“, erinnert sich Weinhofer an die Anfänge.
1995 wurde die »Gesunde Gemeinde« im Rahmen des damaligen Gesundheitsforum NÖ gegründet. Noch im selben Jahr starteten 36 Gemeinden mit ersten Angeboten im Zeichen der Gesundheitsförderung. Das Programm wuchs in diesen 20 Jahren stetig, 377 Gemeinden, also mehr als 65 Prozent aller Gemeinden in Niederösterreich, sind dabei. Allein in den Arbeitskreisen in den Gemeinden leisten über 3.000 Personen über 10.000 ehrenamtliche Stunden, um maßgeschneiderte Angebote für ihre Gemeinden zu entwickeln. Das Ziel: Die Gemeinden sind der wichtigste Nahversorger in Sachen Gesundheit. Denn nur Angebote vor Ort können von allen Bevölkerungsschichten genutzt werden.

Gesunde Ernährung im Fokus

In Hafnerbach kristallisierte sich beim ersten Treffen heraus, dass sich die Menschen vor allem für die gesunde Ernährung interessieren. Auf der Wunschliste standen außerdem Techniken zur Entspannung, Rückengymnastik und verschiedene Sportarten wie gesundes Laufen, Radfahren und Tanzen. Weinhofer und ihr Team nutzten die ersten Ernährungsangebote der Initiative »Tut gut!« und die Leute waren sofort begeistert. 2001 startete auch das erste „Laufseminar“, „ein Lauftreff für Langsame“, schmunzelt die Ärztin. Aus der anfangs gemütlichen Truppe wurde rasch eine Profigruppe mit bis zu 30 Leuten, die sich zwei Mal in der Woche traf, um eine Runde zu laufen. Und dabei blieb es nicht: Gemeinsam starteten sie bei Marathons in Berlin und Florenz und gründeten den Ruinenlauf zur Ruine Hohenegg, die zur
Gemeinde gehört.

Spielenachmittag als „Zuckerl“

Auch die anderen Sportarten auf der Wunschliste der bewegungshungrigen Hafnerbacher nahm die »Gesunde Gemeinde« in das Konzept auf. Seit zehn Jahren findet regelmäßig ein Yoga-Kurs statt und neben dem Laufen gibt es Nordic Walking-Treffs und Männer- sowie Frauenturnen, das über die Jahre immer beliebter wurde. Für die Senioren gibt es ein eigenes Bewegungs-Seminar und bei einzelnen sportlichen Unternehmungen wie Wanderungen und Schneeschuhtouren sind die rüstigen Gemeindeeinwohner sowieso meist dabei. Auf ein besonderes Zuckerl freuen sich die älteren Hafnerbacher jedes Monat: Die »Gesunde Gemeinde« lädt die Senioren zu einem gemein­samen Spielenachmittag ein.
Das Konzept „Lima“ – Lebensqualität im Alter – sorgte mit gezielten Bewegungseinheiten und geistigen Übungen für die Fitness der älteren Menschen. Dabei ist das Annehmen der Angebote oft nicht so einfach, berichtet der jetzige Arbeitskreisleiter Anton Fischer: „Als wir das Programm  vorstellten, nahmen viele daran teil, bis dann ein Mann meinte, er sei noch nicht verkalkt und
brauche das ja gar nicht. Ab da an hatten wir nur noch eine Handvoll, die regelmäßig kamen.“
Der 63-jährige Fischer übernahm 2005 die Leitung der »Gesunden Gemeinde«. Der Hafnerbacher rutschte damals eher zufällig hinein: Als er in Pension ging, wollte er etwas für die Allgemeinheit machen. Und: Er selbst hatte den Drang, wieder mehr Sport zu betreiben. Der ehemalige Fußballer hatte sich die letzten zehn Jahre wenig bewegt und auch einige Kilos zugelegt, ehe er durch die Leitung der »Gesunden Gemeinde« wieder in Schwung kam. Seither steht vor allem die Bewegung im Mittelpunkt. Im Winter gibt es Schneeschuh-Wanderungen, im Sommer einen Rad-Wandertag und verschiedene Themen-Wanderungen. Eine Gruppe Hafnerbacher wanderte einen Sommer lang in Etappen auf dem niederösterreichischen Teil des Jakobsweges.

„Manchmal etwas nachhelfen“

Seit die ehemalige Gemeindeärztin Weinhofer in Pension ist, steigerte sie ihr Sportpensum enorm; erst kürzlich kehrte die Niederösterreicherin von einer Besteigung eines 6.000ers in Nepal zurück. Und „Hauptakteur“ Anton Fischer ist sowieso überall dabei, wo man sich gemeinsam bewegt. Diese Motivation finden die beiden Initiatoren aber nicht überall: „Wir sprechen viele Menschen persönlich an und motivieren. Zwar werden Plakate aufgehängt und jeden Monat flattert ein Blatt mit unseren Angeboten ins Haus, aber manchmal müssen wir da etwas nachhelfen“, schmunzelt der Hafnerbacher. Bernadette Weinhofer nutzte vor ihrer Pension vor allem den direkten Kontakt zu den Menschen in ihrer Praxis, um auf die Angebote hinzuweisen. Als vor einigen Jahren etwa das Programm VORSORGEaktiv angeboten wurde, bei dem Menschen mit Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen umfassend betreut wurden, scheute sich die ehemalige Ärztin nicht, ihre Patienten auf den Infoabend hinzuweisen. Ihre direkte Art machte sich bezahlt, viele Menschen machten mit und profitieren bis heute von der Kombination aus einer Ernährungsumstellung und Bewegung. 
Die Ärztin war es auch, die bereits 2002 den Gesundheitstag ins Leben rief, der heuer sogar an zwei Tagen veranstaltet wurde: Eine Physiotherapeutin bietet kostenlose Kurzchecks an, der beliebte Kletterturm begeistert die kleinen Teilnehmenden. Und „der erste Trommelkurs am ersten Gesundheitstag auf der Ruine Hohenegg war schon etwas Besonderes. Diese Stimmung dort oben – das war mein Highlight.“

Sport für die Lebensqualität

Die beiden passionierten Sportler, Ärztin Wein­hofer und Gesundheits-Organisator Fischer, sind in Pension – warum stecken sie ihre Energie in ein solch umfangreiches Programm wie die »Gesunde Gemeinde«? „Wir wollen die Bevölkerung für einen gesunden Lebensstil sensibilisieren. Der Zugang über den Sport ist am leichtesten – denn wenn man sich mehr bewegt, kommt die gesunde Ernährung automatisch“, sagt Fischer. Die Motivation der Teilnehmenden ist geschlechterspezifisch: Während Frauen schlank sein wollen, motiviert die Männer der Wettkampf untereinander. Die sozialen Kontakte bei den einzelnen Aktivitäten seien vor allem für ältere Teilnehmer wichtig: „Man bleibt geistig aktiv und sitzt nicht alleine zu Hause. Das verlängert nicht nur das Leben, sondern verbessert auch die Lebensqualität.“

Initiative der Politik

„Gesundheit lässt sich planen, die offene Plattform der »Gesunden Gemeinde«, an der sich alle beteiligen können, ist ein wichtiges Instrument dafür“, sagt der Initiator der »Gesunden
Gemeinde«, Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka. Der Vorsitzende des NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) setzt auf die Gemeinden als „Nahversorger für Gesundheit“ und bringt deren Erfolg auch ein bisschen mit der gestiegenen Lebens- und Gesundheitserwartung der Menschen in NÖ in Verbindung. Die Lebens­erwartung ist in den letzten zwei um sechs Jahre bei Männern gestiegen und um vier Jahre bei Frauen. „Im selben Zeitraum ist das Lebensalter, bis zu dem man sich körperlich wohl fühlt, bei Männern von 57,4 auf 65,9 und bei Frauen von 58,7 auf 66,6 gestiegen.“
Die Förderung für die »Gesunden Gemeinden« zählt in NÖ zur Gesundheitsvorsorge, für die das Land Niederösterreich insgesamt mehr als elf Millionen Euro ausgibt. Um »Gesunde Gemeinde« zu werden, braucht es neben einem Gemeinderats-Beschluss eine aktive Gruppe von Bürgern, die mit der Regionalberaterin der Initiative »Tut gut!« im Arbeitskreis zusammenarbeitet, um ein Programm für die Gemeinde zu erarbeiten. Insgesamt 18 Regionalberaterinnen gibt es derzeit in NÖ.

„xund ins Leben“

In Hafnerbach kümmert sich der Arbeitskreis auch um die Lebensqualität der jüngsten Bewohner. Um sie gerade im digitalen Zeitalter bewusst zu fördern, organisiert Arbeitskreis-Leiter Anton Fischer jeden Sommer mit Bernadette Weinhofer und vielen Helfern ein Ferienspiel, bei dem die Kids gemeinsam toben, turnen und lachen.
Unter dem Jahr organisieren die beiden regelmäßige Kinderturn- und Schwimmkurse. Und in der Schule gibt es seit einigen Jahren das Projekt „xund ins Leben“, bei dem eine Woche lang das soziale Verhalten durch Bewegung gemeinsam mit Sportpädagogen positiv beeinflusst wird.

2011 ausgezeichnet

Viele Wünsche der Bevölkerung wurden in den 14 Jahren umgesetzt, manches aber klappt einfach nicht. Zum Beispiel das Thema Atemgymnastik. „Das muss man akzeptieren“, sagt Weinhofer. Dass Hafnerbach aber ein Vorreiter in Sachen Gesundheit ist, zeigte sich 2011, als der kleine Ort als »Gesunde Gemeinde« des Jahres ausgezeichnet wurde. Und das verdanken die beiden Verantwortlichen vor allem ihren „Fans“ vor Ort, die ihr Engagement mit einer Vielzahl an Stimmen belohnten.
Gerade das Thema Qualität der Angebote stellt die Initiative »Tut gut!« seit einigen Jahren nun ins Zentrum der Arbeit. Denn was die Gemeinden für die Bürgerinnen und Bürger tun, soll tatsächlich deren Wünschen gerecht werden und von entsprechend ausgebildeten Menschen angeboten werden – damit zum Beispiel das Wirbelsäulen-Turnen tatsächlich seine Wirkung tut. Im Zentrum des »Gesunde Gemeinde«-Tages stand daher auch die Verleihung der Grundzertifikate und Plaketten an besonders engagierte »Gesunde Gemeinden« und erstmals auch an besonders engagierte »tut gut«-Wirte. Insgesamt haben 39 Gemeinden und 64 Wirte eine Auszeichnung erhalten (siehe unten). Die »Gesunde Gemeinde« Hafnerbach fixiert bei ihren Sitzungen im Herbst, Winter und Frühling das vielfältige Programm. Die beiden altgedienten Organisatoren bieten derzeit vor allem die bewährten Themen an, die ihren Platz im Programm gefunden haben. „Es wird Zeit, dass wir uns etwas zurückziehen und ein neues
Gesicht das Ruder übernimmt, mit neuen Ideen und neuen Einfällen“, sind sich die beiden einig. Dabei bleiben werden sie sowieso, denn vor allem Fischer hat sich ein hohes Ziel gesteckt: „Mit 70 möchte ich noch einen Marathon laufen.“

20 Jahre »Gesunde Gemeinde«:  Daten & Fakten

  • Rund 1.200.000 Personen in Niederösterreich wohnen in einer »Gesunden Gemeinde«.
  • Durchschnittlich 20 Gemeinden werden pro Jahr zur »Gesunden Gemeinde«.
  • Über 3.000 Personen sind aktiv in den Gemeinden für mehr Gesundheit im Einsatz.
  • Sie investieren allein in den Arbeitskreisen über 10.000 Stunden für einen gesünderen Lebensstil.
  • In über 370 »Gesunden Gemeinden« finden pro Tag knapp zehn Veranstaltungen statt.
  • Über 600 Arbeitskreise in ganz Niederösterreich werden von 18 Regionalberaterinnen pro Jahr betreut.
  • Über 250 »Gesunde Gemeinden« haben bereits das Qualitätssiegel der Grundzertifizierung erhalten.
  • Über 150 »Gesunde Gemeinden« haben bereits die Auszeichnung der Plakette erhalten.
  • Über 1.000 Projekte im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention werden pro Jahr finanziell unterstützt.
  • Sieben Personen aus dem Gemeindeteam der Initiative »Tut gut!« und 18 Regionalberaterinnen arbeiten permanent an der Weiterentwicklung des Programms.

Auszeichnungen »Gesunde Gemeinde«

Grundzertifizierungen 2015
Allentsteig
Bad Erlach
Bärnkopf
Echsenbach
Emmersdorf an der Donau
Göstling an der Ybbs
Hagenbrunn
Höflein an der Hohen Wand
Hofstetten-Grünau
Jedenspeigen
Kirchschlag
Laa an der Thaya
Langenrohr
Laxenburg
Maria Laach am Jauerling
Pulkau
Rauchenwarth
Schönbühel-Aggsbach
Stössing
St. Martin
Wang
Zelking-Matzleinsdorf

Plakette 2015
Aschbach-Markt
Bad Deutsch-Altenburg
Baden
Dunkelsteinerwald
Fallbach
Großdietmanns
Haidershofen
Krumbach
Maissau
Markersdorf - Haindorf
Nußdorf ob der Traisen
Paudorf
Perchtoldsdorf
Pitten
St. Margarethen an der Sierning
Velm-Götzendorf
Weissenbach an der Triesting
Programm »tut gut«-Wirt

Gesundheit geht durch den Magen. Wirtshäuser sind die Zentren im Sozialleben der Gemeinden. Was liegt näher, als die Wirte an der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu beteiligen. Deshalb führt die Initiative »Tut gut!« die »Gesunden Gemeinden« und die 92 »tut gut«-Wirte nun zusammen. Diese arbeiten an einer gesünderen Speisekarte für die Bevölkerung. Über die zahlreichen Programmpunkte informiert der Folder. Zum Beispiel: Rund zwei Drittel der Speisen erfüllen die »tut gut«-Wirt-Kriterien und
werden mit regionalen Produkten, den Jahreszeiten entsprechend, zubereitet. Ein Hauptziel des Programms ist die Verankerung von Genuss, sozialen und kulturellen Aspekten im Speisenangebot.

Ausgezeichnete »tut gut«-Wirte (Plakette 2016–2017):

Liste zum Herunterladen:


Dateien:
10_GL1215_net.pdf95 Ki