Mit Fingerspitzengefühl
Verletzungen und Abnützungen der oberen Extremität bis zur Fingerspitze sind ein Fall für die Spezialisten der Handchirurgie.

Assistenzärztin Dr. Sabine Minar-Jurasz und Prim. Dr. Thomas Hausner untersuchen den geschwollenen Zeigefinger von
Landesklinikum Hainburg
Hofmeisterstraße 70 2410 Hainburg/Donau
Tel.: 02165/9004-0
www.hainburg.lknoe.at
Ruhig und konzentriert geht es im Operationssaal zu, leise surren und piepsen Geräte. Auf dem OP-Tisch liegt eine Patientin, fast zur Gänze mit einem grünen Tuch bedeckt, nur die rechte Hand ist frei. Prim. Dr. Thomas Hausner tränkt einen Wattebausch in orange gefärbten Alkohol und wischt ihr damit die Hand ab, die sich nun ebenso orange verfärbt – so grenzt er das OP-Gebiet ab. Er operiert Frau Adlers* Karpaltunnelsyndrom. Monatelang quälten Frau Adler starke Schmerzen in der Hand, ständig kribbelte es in den Fingern, das Feingefühl kam ihr zunehmend abhanden. Schuld daran ist der Medianus-Nerv, der im Bereich des Handgelenks durch einen relativ engen Kanal muss. Wird der Kanal durch Reizung des Nervengleitgewebes zu eng, gerät der Nerv unter Druck. Damit soll nun Schluss sein. Präzise und routiniert setzt Hausner ein paar Schnitte, durchtrennt das Hohlhandband, sorgt damit für eine Druckentlastung des Nervus medianus. Nach etwa zehn Minuten ist der Eingriff vorbei, alles ist planmäßig verlaufen, Frau Adler kann bereits am nächsten Tag nach Hause gehen.
Junges Spezialfach
Ein Routineeingriff für Primarius Hausner, den Leiter der Abteilung Chirurgie im Landesklinikum Hainburg. Der Doppel-Facharzt für Unfallchirurgie und Chirurgie ist einer der wenigen Handchirurgen in Niederösterreich, außer in Hainburg gibt es diese „Spezialärzte“ noch in wenigen Kiniken, unter anderem in Amstetten und Korneuburg. Sie kommen zum Einsatz bei akuten oder chronischen Schäden oder Verletzungen an den oberen Extremitäten: von der Schulter, über Ober- und Unterarm, bis zu Hand und Fingerspitze. Das Spezialfach Handchirurgie ist in Österreich relativ jung und der breiten Masse noch nicht so geläufig, über Bezeichnungen wie „Fingerchirurg“ muss Hausner daher schmunzeln. Es ist ein breites Fach, denn „Hände und Finger haben eine komplexe Anatomie:
Muskeln, Knochen, Sehnen und Bänder sind miteinander verwoben. Dieses Zusammenspiel muss man bei einer Operation berücksichtigen, damit danach alles wieder wie gewohnt funktioniert. Außerdem sollte das Ergebnis kosmetisch ansprechend sein“, erklärt Experte Hausner.
Ambulanter Betrieb
Nach der letzten Operation für heute begutachtet Hausner die Patienten in der Ambulanz, es herrscht reger Betrieb. Patientin Maria N. hält ihm ihren linken Zeigefinger entgegen, er ist angeschwollen und schmerzt. Nach dem Handultraschall steht fest: Eine Verkalkung ist Schuld an den Beschwerden, nichts Bösartiges. Der Handexperte entscheidet sich für eine konservative Behandlungsmethode, eine Stoßwellentherapie, die im Nebenraum gleich von Assistenzärztin Dr. Sabine Minar-Jurasz durchgeführt wird. Mit einem speziellen Gerät werden nun hydroenergetische Schallwellen in die betroffene Stelle eingebracht. „Danach gibt’s noch eine Schiene für eine Woche, dann sollten die Beschwerden behoben sein“, erklärt Hausner der Patientin.
Handchirurgischer Schwerpunkt
Als Hausner vor einigen Jahren Leiter der Abteilung wurde, etablierte er einen handchirurgischen Schwerpunkt in Hainburg, der mittlerweile breiten Anklang findet: Patienten kommen von Mistelbach bis Eisenstadt und vom Seewinkel bis von Wien, um sich hand- und periphere nervenchirurgische Probleme behandeln zu lassen. Eigentlich wollte Hausner sich auf Plastische Chirurgie spezialisieren, „doch es hat sich anders ergeben.“
Besser kennen lernte er sein nunmehriges Spezialgebiet Handchirurgie im Zuge eines einjährigen Praktikums in einem Pariser Krankenhaus, spezialisierte sich dann im Laufe seiner Facharztausbildung zum Unfallchirurgen am Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus in Wien darauf, lernte dort seine drei wichtigsten Lehrer kennen – Pioniere auf diesem Gebiet. Die Handchirurgie ist ein relativ junges Fach, österreichweit gibt es nur etwa 85 Handchirurgen.
Die Bedeutung der Handchirurgie in der Medizin ist groß, immerhin geschehen 35 Prozent aller Verletzungen an der Hand. Wie problematisch das ist, weiß nur zu gut, wer es schon erlebt hat: Alltägliche Dinge wie Essen und Waschen bereiten Schwierigkeiten – die Hände sind nun einmal das wichtigste Werkzeug des Menschen. Daher ist es für Patienten wichtig, sie möglichst rasch wieder voll einsetzen zu können. Handverletzungen werden sowohl operiert als auch mit funktionellen Kunststoffverbänden versorgt – damit die Patienten bald wieder kräftig zupacken können.
Die Handchirurgie ist ein dynamisches Gebiet, entwickelt sich rasant weiter, etwa in der Endoprothetik, also im Gelenksersatz, oder bei der Behandlung komplexer Handverletzungen. Hier besteht durch rekonstruktive Eingriffe die Möglichkeit sowohl Greiffunktion als auch Sensibilität wiederherzustellen, um den Betroffenen ein möglichst normales Leben zu ermöglichen.
Nervenirritationen & Co
Zu den häufigsten Handoperationen gehören sogenannte Nervenkompressionssyndrome wie etwa das Karpaltunnelsyndrom bei Frau Adler oder das Kubitaltunnelsyndrom, eine Irritation an einem Nerv am Ellbogen – unter der umgangssprachlichen Bezeichnung „narrisches Bein“ vielen ein Begriff. Die Beschwerden beginnen mit einem „eingeschlafenen“ Gefühl, Ameisenlaufen an Ring- und Kleinfinger.
Zusätzlich kommt es bei längerer Dauer zu einem Kraftverlust in der Hand, weshalb die Patienten immer ungeschickter werden. Jeder Handgriff wird mühsam. Auch hier kann eine kleine Operation rasch helfen. Bei den akuten Handverletzungen dominieren Speichen- und Kahnbeinbrüche, Sehnen- und Nervenverletzungen.
Forschung & Entwicklung
Nerven- und mikrochirurgische Operationen sind Hausners Steckenpferd, er schätzt diese sehr feine und rekonstruktive Chirurgie, die viel Spezialwissen erfordert: „Es reizt mich, zu überlegen, wie man Nervendefekte überbrücken kann. Es gibt biotechnologische Materialien, die zur Überbrückung von Nervendefekten verwendet werden können und vieles mehr. Mittlerweile kann man Nerven von
Leichen auch soweit verändern, dass sie keine immunogenen Substanzen mehr enthalten.“
Stundenlang könnte er über neueste Forschungen und Entwicklungen referieren, arbeitet dazu auch viel wissenschaftlich: „Das gesamte periphere
Nervensystem in der Hand fasziniert mich einfach, und all die komplexen Zusammenhänge: Was passiert im Gehirn, wenn die Hand verletzt ist? Wie regenerieren die Nerven? Da sind mehrere Ebenen betroffen. Es geht auch um virtuelle Sensibilität, die helfen kann, damit die Regeneration schneller funktioniert.“ Damit beschäftigt sich auch Hausners Habilitation.
Gute Zusammenarbeit
Was ist für Hausner das Schönste am Beruf? „Dass man den Patienten gut helfen kann. Meist kommen sie mit großen Problemen, denn jede Verletzung an der Hand ist einfach lästig und zudem meist schmerzhaft. Angefangen bei einem Ganglion – im Volksmund „Überbein“ genannt – bis hin zur Verkalkung und zum komplizierten Speichenbruch.“ Zudem schätzt er die interdisziplinäre Zusammenarbeit, etwa mit Fachärzten für Orthopädie: Bestimmte Bereiche wie etwa Gelenksprothesen werden oft von beiden Spezialisten betreut.
In der Rehabilitation kooperieren Handchirurgen eng mit Ergo- und Physiotherapeuten. Zwecks besserer interdisziplinärer und auch länderübergreifender Zusammenarbeit und zum Erfahrungsaustausch initiierte Hausner heuer im Frühjahr erstmalig ein Dreiländermeeting der Handchirurgen (Österreich/Ungarn/Slowakei). Zahlreiche Experten aus dem In- und Ausland diskutierten zum Thema Nervenverletzung und deren Folgeerscheinungen. „Diese Veranstaltung lieferte wichtige Impulse, viele Erkenntnisse wurden ausgetauscht“, freut sich Thomas Hausner.
Komplexes Arbeitsfeld
Wie komplex das Arbeitsfeld ist, zeigt auch die Ausbildungsdauer von mindestens 15 Jahren ab Beginn des Medizinstudiums. „Man muss ständig am Ball bleiben und kontinuierlich weiterlernen, damit man auf dem neuesten Stand des Wissens bleibt.“
Was macht einen guten Chirurgen, im Speziellen einen guten Handchirurgen aus? „Die Liebe zur Medizin, zum Fach und zum Patienten. Man braucht viel Empathie für den Patienten, der mir sein Vertrauen schenkt und sein Schicksal in meine Hände legt“, sagt Hausner. „Dazu braucht man noch Mut, Verantwortung zu übernehmen und schnell Entscheidungen zu treffen – und am wichtigsten: höchstes Fingerspitzengefühl.“
In manchen Fällen braucht es außerdem noch Stehvermögen, denn manche Operationen dauern ein paar Stunden und verlangen ein ungeheures Maß an Kraft, körperlich wie geistig.
Für Hausner kein Problem, der 49-Jährige hält sich mit Karate fit, war 2010 österreichischer Karate-Staatsmeister bei den über 35-Jährigen. Östlicher Kampfsport bis zur Meditation gehört zu seinem Leben, seit er elf ist. Diese kraftvolle Ruhe ist eine Eigenschaft, die er in seinem beruflichen Alltag gut gebrauchen kann.
Wie wird man Handchirurg?
Am Beginn steht das Medizin-Studium an einer Universität. Darauf folgt der Turnus, bei dem die Ärzte in Kliniken das praktische Rüstzeug für ihren Beruf erlernen. Wer Handchirurg werden will, braucht eine der fünf Facharzt-Ausbildungen (Allgemeinchirurgie, Kinder- und Jugendchirurgie, Unfallchirurgie, Orthopädie und orthopädische Chirurgie oder Plastische Chirurgie), um das Spezialfach Handchirurgie zu absolvieren.
Das Ausbildungs-Curriculum für Handchirurgie gibt es seit 2011.
Kleine Historie der Handchirurgie (Auszug)
Auf Johannes Hartlieb (1400–1468), Leibarzt der Wittelsbacher, ist das älteste deutschsprachige Werk über die Hand – „Buch von der Hand“ – zurückzuführen.
Der Pathologe und Leibchirurg Ludwigs XVIII und Karl X, Baron Guillaume Dupuytren (1777–1835), beschrieb zum ersten Mal Knoten und Strangbildung der Hohlhand als ein eigenständiges Krankheitsbild, das als „Morbus Dupuytren“ in die Handchirurgie einging.
1880 führte der Grazer Chirurg Carl Nicoladoni (1847–1902) erstmals eine Sehnennaht mit Entlastung der Nahtstelle mittels einer goldenen Akupunkturnadel durch. Bereits zwei Jahre später berichtete er und 28 Jahre später sein Grazer Kollege Hacker über eine Sehnentransplantation.
Ein handchirurgischer Meilenstein gelang Friedrich von Esmarch (1823–1908) durch die Arm-Blutleere, eine Methode, die bei handchirurgischen Eingriffen heute noch Anwendung findet.
Die Entwicklung der „Spezialdisziplin Handchirurgie“ begann Anfang des 20. Jahrhunderts: Amerikanische Chirurgen wie Allen Bruckner, Allen B. Kanavel und Sterling Bunnell begannen sich vertieft und spezifisch mit Fragen der Handchirurgie zu beschäftigen.
Lorenz Böhler (1885–1973, Wien), Pionier der Unfallchirurgie, widmete in seinem zunächst 176 Seiten umfassenden Buch „Die Technik der Knochenbruchbehandlung“ ganze 54 Seiten der Versorgung von Handverletzungen.
Quelle: Österreichische Gesellschaft für Handchirurgie (ÖGH)




