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„Mach mich zum Werkzeug deines Friedens!“

Die Psychoanalytikerin, Juristin und Theologin Rotraud Perner ist 70 – und nur ein bisschen leiser. Aber sie ist angekommen, bei sich selbst und beim Glauben.


„Hundefrau“ sei sie, sagt Perner, hier mit ihrer wachsamen Hündin Leica: „Ich rette ständig Hunde.“ Foto: Felicitas Matern

Sie ist ein öffentlicher Mensch und sie polarisiert: Prof. Mag. Dr. Rotraud A. Perner, BTh, so der vollständige Titel, Juristin, Psychotherapeutin und Autorin, Coach und Supervisorin, Fachfrau für zahlreiche Themen, Lehrbeauftragte, Begründerin und Leiterin zahlreicher Ausbildungen und Lehrgänge – und seit Sommer Theologin: Gerade hat sie das Bachelor-Studium Evangelische Theologie an der Universität Wien absolviert und macht sich an das Masterstudium.
Rotraud Perner ist ein hoch politischer Mensch, viele Themen hat sie als Erste öffentlich angesprochen, so zum Beispiel die Vergewaltigung in der Ehe, die lange als „eheliches Recht“ verharmlost wurde und heute ein Strafbestand ist. Sie eckt an, sie bewegt, sie lässt kaum jemanden kalt. Sie hat zahllosen Menschen geholfen – durch ihre Arbeit als Therapeutin, durch Beiträge in den Medien wie bei der Ö3-Sexhotline, durch ihre Vorträge und ihre Bücher. Die Themen, die ihr unter den Nägeln brennen, werden in der Gesellschaft oft höchst kontrovers diskutiert, weiß sie, denn: „Ich bin meiner Zeit so um drei bis fünf Jahre voraus.“
Sie ist eine geradezu manische Schreiberin – im Herbst erscheint „Der einsame Mensch“. Bei Thalia findet man rund 20 Titel von ihr, bei Wikipedia wurde ihre Seite allein in den letzten drei Monaten 500 Mal aufgerufen – ohne dass sie gerade besonders präsent wäre. In Niederösterreich hat sie in den vergangenen Jahren hunderte Vorträge für die Initiative »Tut gut!« gehalten, auch in den kleinsten Orten, sie sucht den Kontakt mit den Menschen. Am 18. August ist Rotraud Perner 70 geworden.

Einsame Kindheit

Wer ist diese Frau, die neben vielen anderen Auszeichnungen die Goldenen Ehrenzeichen der Republik, des Landes Niederösterreich und des Landes Wien verliehen bekommen hat?
Geboren im Sommer 1944 in Orth an der Donau, im letzten Kriegsjahr, wächst sie in Laa an der Thaya und Wiener Neustadt auf. Die Mutter ist Volksschul-Lehrerin, „schwer legasthenisch, Pianistin, sehr depressiv, Whisky-Säuferin, gebildet, gescheit, Wienerin mit Herz und Seele“, die viel näht und bastelt und selbst Häuser entwirft und die an der Seite ihres Mannes in den kleinen Städten versauert, immer eine Zigarette im Mund. Sie wird immer wieder schwanger und verliert das Ungeborene. Für ihre Tochter Rotraud ist sie kaum ansprechbar. Der Vater ist Schuldirektor – Perner maturierte mit 17 bei ihm im Knabengymnasium in Wiener Neustadt als einziges Mädchen. Er kümmert sich gratis um zahlreiche Nachhilfeschüler, die für die Tochter gleichzeitig Konkurrenz und Geschwisterersatz sind. Schnell brüllt der Herr Direktor los – verwechselt Lautstärke mit Dynamik. Perner muss früh lernen, den Choleriker zu verstehen und zu dolmetschen, wenn seine Ausbrüche über allen zusammenschwappen. In diesem wenig wärmenden Elternhaus lernte sie von klein auf, sich selbst zu beschäftigen, sie liest viel, zeichnet, lernt Ballett.

Politisches Erwachen

Aufgewachsen in der Nachkriegszeit, zwischen von den zwei Weltkriegen traumatisierten Erwachsenen, fühlt sie sich lange als hässliches Entlein, ist begehrt im Tanzschulalter, lernt brav, studiert brav Jus, arbeitet als Volkswirtschaftliche Referentin in der Österreichischen Nationalbank und heiratet mit 24, im turbulenten Jahr 1968, den Journalisten Reinhold M. Perner. Mit 28 und 30 Jahren bringt sie ihre beiden Söhne zur Welt.
Und sie beginnt, sich um Frauenthemen zu kümmern, sich politisch zu engagieren. Von 1973 bis 1986 ist sie Bezirksrätin und Landtagskandidatin im Arbeiterbezirk Favoriten und entwickelt einen Blick für die großen Themen der Gesellschaft – Gleich­berechtigung, Sexualität und Gewalt. „Ich stehe immer noch fest auf der Basis des SPÖ-Parteiprogramms von 1978, an dem ich mitgearbeitet habe, liebe die über 100 Jahre alte Dame SPÖ, obwohl sie senil ist, zahle meinen Mitgliedsbeitrag. Aber die sozialistischen Werte finde ich dort nicht mehr, die finde ich nur im Christentum.“ Sie habe sich „neutralisiert“, sagt Perner heute, „in Niederösterreich habe ich einen kompetenten und wertschätzenden politischen Stil kennengelernt, der mir die Möglichkeit gibt, meine Themen fundiert vorzulegen. So stelle ich mir Politik vor.“

Wirksam werden

In den 70er und 80er-Jahren engagiert sie sich für Jugendliche und schafft Räume für sie. Sie beginnt zu erforschen, wie Beratung funktioniert und lehrt, was sie herausfindet. Sie beschäftigt sich mit Sozialforschung an Kindern, Jugendlichen und ihren Bezugspersonen. Sie lernt immer mehr über Sexualität und Gewalt, beschäftigt sich therapeutisch mit den Opfern wie mit den Tätern. Sie bildet sich unablässig weiter, lernt Psychotherapie und Psychoanalyse nach C. G. Jung, lehrt zunehmend, entwickelt Ausbildungen und Berufsbilder im psychologisch-beratenden Bereich. Unzählige Menschen lernen von ihr und durch ihre Projekte. Sie trägt zum gesellschaftlichen Wandel bei, zum Sichtbarmachen von Unrecht und der zerstörerischen Kraft von Übergriffen jeglicher Art.

Durch Krisen lernen

Die Ehe ist schwierig, der Mann zeugt zwei außereheliche Kinder; bei ihr will sich ein drittes Kind nicht einstellen, zwei Schwangerschaften enden früh. Da ist sie, die „aus Versehen katholisch getauft wurde“, schon auf den Weg in Richtung evangelische Kirche: 1986 erlebt sie, was sie im späten Theologie-Studium als Propheten-Berufung begreift: Franz von Assisis Friedensgebet hat „mir das Herz aufgehen lassen“ – „Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens ...“ – und das gerade in der Zeit, als sie sich mit dem Thema Missbrauch beschäftigt. Ein Auftrag. Sie konzipiert die Kinderschutzzentren „Die Möwe“ und ist Mitbegründerin.

Berufen werden

Irgendwann versteht Perner, dass sie den Kinderwunsch loslassen muss. Sie bleibt verheiratet, kauft ein Haus in der Steiermark, in dem sie 1988 das Seminarzentrum Weichselboden gründet, und wird durch ein Rückenleiden drei Monate ans Bett gefesselt. Völlig bewegungs­unfähig ist sie „existenziell verzweifelt“, fühlt sich wie ein Baby, das nicht einmal allein zur Toilette gehen kann – und spürt sich plötzlich wie von einer riesigen Hand gehalten. Sie weiß: „Das ist Gott.“ Sie beginnt nach allem zu suchen, was heilt, forscht, besucht verschiedene Kurse, trägt zusammen, schreibt Bücher darüber, unterrichtet das Gelernte – bis heute ist es ihr Thema. „Ich habe das Gefühl, ich soll Psychotherapie und Theologie zusammenbringen“, wird ihr irgendwann klar. Deshalb studiert sie schließlich evangelische Theologie, geht zu den Wurzeln, sucht, angetrieben vom tiefen Wunsch „Mach mich zum Werkzeug deines Friedens“. Sie absolviert das Vollstudium, lernt hebräisch, alles neben ihren Vorträgen, dem Unterrichten, der Forschung – da ist sie Ende 60. „Ich habe mich durch das Studium sehr verändert“, sagt sie. Sie absolviert im heurigen Frühjahr und Sommer ein Pfarr­gemeindepraktikum in Mistelbach und Laa an der Thaya und spürt: „Hier werde ich gebraucht.“ Die erste Predigt, die ersten Gottesdienste, die erste Hochzeit, es ist ganz anders als die Arbeit als Therapeutin.

Großes Thema Spiritualität

In ihr war in all den Jahren in Wien und in der Steiermark  immer die Sehnsucht nach dem Geruch von trockener Hitze, nach Feldern mit Kornblumen und Klatschmohn, wie in ihrer Kindheit in Laa. Deshalb zieht sie 2002 wieder ins Weinviertel, ist zu Hause in Matzen angekommen. Einige Krisen waren diesem Schritt vorangegangen, sie muss die Familie erhalten. Alles fügt sich, das Haus passt genau, wird rasch renoviert und das Seminarzentrum in der
Steiermark aufgelöst. In Matzen entsteht ein großes Nest, Platz für die Familie, die vielen Bücher, für die Akademie für Salutogenese.
Bis heute sind Beratung und Therapie ihre Werkzeuge, und jetzt auch die Theologie, die Textauslegung der Bibel, die Arbeit in der Gemeinde. Zahlreiche Lehrgänge und Ausbildungen hat sie ins Leben gerufen, hat an der Donau-Universität in Krems gewirkt und viel bewegt. Jetzt, im Herbst, startet an der Uni Graz ein Lehrgang für ihre Provokativ­pädagogik, bei dem sie auch unterrichten wird. Und sie schreibt weiterhin Bücher – über Tabus und den sexuellen Missbrauch, über Wertschätzung, über die wichtige Aufgabe, Orientierung zu geben, „damit man auf sein eigenes Leben schauen kann wie auf ein Labyrinth von oben.“

Der Sinn des Lebens

Was ist wichtig? „Ich habe gelernt, dass ich nichts tun muss, dass alles von selbst passiert im Leben. Man muss die Möglichkeiten sehen, erkennen, was einen ruft, und unterscheiden, was falsche und was richtige Rufe sind. Man muss vertrauen, Gottvertrauen ist schließlich auch Selbstvertrauen, denn Gott lokalisiert sich im offenen, brennenden Herzen. Dieser Zustand ist Liebe.“

Buchtipps

Hand – Herz – Hirn

Mentale Gesundheit basiert auf ganzheitlichem Wahrnehmen: körperliches Empfinden (Hand), emotionales Fühlen (Herz) und kognitives Denken (Hirn). Jeder Mensch ist in der Lage, kleine oder große Erschütterungen auszubalancieren.
ISBN: 978-3-902300-86-7, 2014, 14,90 Euro

Freiheit – Gleichheit – Menschlichkeit

Politische und tiefen­psychologische Essays. Rotraud A. Perner versteht es, das Öffentliche mit dem Privaten zu verbinden und aufzuzeigen, wo Schnitt­stellen – und Reibeflächen – im Alltagsleben festzustellen sind.
ISBN: 978-3-902300-94-2, 2014, 19,90 Euro

Der erschöpfte Mensch

Burnout ist ist ein Modebegriff, das Geschäft damit boomt. Doch es ist als Krankheit nicht wissenschaftlich anerkannt. Rotraud A. Perner geht den Ursachen dieser Phantomkrankheit auf den Grund,
die gerne als Deckmantel genutzt wird.
ISBN: 978-3-7017-3266-1, 2012, 21,90 Euro