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Klarheit schaffen

In der Augenheilkunde kann eine Heilung den Patientinnen und Patienten besonders viel an Lebensqualität zurückbringen.


FOTO: Nadja Meister

Gleich ist es soweit: Josef F. liegt am OP-Tisch, er leidet an einer Lidfehlstellung am linken Auge. Die Wimpern scheuern am Augapfel, er hatte deswegen große Schmerzen. Heute wird der 82-Jährige vom Entropium des Unterlids, wie es in der Fachsprache heißt, befreit. Operiert wird er von Prim. Dr. Johannes Funder, Leiter der Abteilung Augenheilkunde im Landesklinikum Horn. Er spricht seinem Patienten aufmunternde Worte zu: „Wie geht es Ihnen, Herr F? Sie bekommen nun eine lokale Anästhesie, in etwa zwanzig Minuten ist der Eingriff vorbei. Danach sind Sie die lästigen Schmerzen endlich los.“ Behutsam deckt Augenarzt Funder das Gesicht mit einem sterilen Tuch ab, lässt nur das linke Auge frei, narkotisiert das Operationsgebiet. „Spüren Sie das?“, fragt Funder und berührt den Patienten am Auge. „Nein“, sagt Josef F. Danach geht alles sehr schnell. Vorsichtig entfernt Funder aus dem linken Lid etwas Haut- und Muskelgewebe. Man merkt ihm die jahrzehntelange Erfahrung an. „Ein Routine­eingriff“, winkt Funder ab. Ein kleiner Eingriff für den Augenarzt, ein großes Stück wiedergewonnene Lebensqualität für den Patienten.

Magische Momente

In der Augenheilkunde kann eine Heilung den Patientinnen und Patienten viel an Lebensqualität zurückbringen. Den Moment etwa nach einer Katarakt-Operation (Grauer Star), wenn aus einem trüben diffusen Blick wieder eine klare und deutliche Sicht geworden ist, beschreiben Patienten oft als einen magischen Moment. Ein wundervolles Gefühl für den Patienten, aber auch für den Augenarzt, sagt Johannes Funder: „Mit einem kleinen Eingriff können wir das Sehvermögen des Patienten wieder herstellen. Der Patient kann am gleichen Tag wieder nach Hause gehen.“ Der Graue Star betrifft zum Großteil Menschen über 65 Jahre und ist der häufigste operative Eingriff in der Augenheilkunde: Von den jährlich 6.000 operativen Eingriffen am Auge in Horn entfallen über 4.000 auf Katarakt-OPs. Gerade in einer alternden Gesellschaft steigt die Nachfrage nach augenärztlicher Leistung, da die meisten Augenerkrankungen erst mit zunehmendem Alter auftreten. Gleichzeitig entwickelt die moderne Medizintechnik stetig neue Verfahren der Behandlung und Diagnostik.

Medizinischer Fortschritt

Primarius Funder leitet die Abteilung seit mittlerweile 25 Jahren: „In den letzten 30 Jahren hat sich viel verändert, der Fortschritt ist enorm. Die Operation des Grauen Stars wurde in dieser Zeit geradezu revolutioniert.“ Sukzessive hat er den medizinischen Fortschritt miterlebt, war als junger Arzt in Facharztausbildung bei der ersten Katarakt-OP mit der neuen Technik im Wiener AKH dabei. Auch auf dem Gebiet der Netzhaut-erkrankungen, besonders bei der altersbedingten Makuladegeneration, hat sich viel getan: Durch Injektionen von Antikörpern in den Glaskörper (Intravitreale operative Medikamentengabe – IVOM) kann die früher so gefürchtete feuchte Makuladegeneration behandelt werden. Patientin Ursula H. bekommt heute in der Ambulanz des Landesklinikums eine IVOM-Injektion: Sie kennt das Procedere bereits. Die diplomierte Krankenschwester Ute Lobenschuss tupft ihr mit einem Wattebausch mit Desinfektionslösung das Auge ab. Der Augenarzt setzt eine Lidsperre ein, damit das Auge ganz ruhig bleibt, und injiziert die Antikörper in den Glaskörper des Auges – ein kleiner Stich, dann ist alles vorbei. In regelmäßigen Abständen bekommt die Patientin die IVOM-Injektionen – damit kann die Makuladegeneration
gestoppt werden.

Patient im Fokus

Als weiteren Riesenfortschritt neueren Datums nennt Funder die OCT (Optische Kohärenz-Tomographie): Mit dieser Technik kann man Schnittbilder des Augenhintergrundes in hoher Auflösung aufnehmen und exakt die Dicke der Netzhaut abbilden. „Netzhauterkrankungen lassen sich damit viel besser untersuchen. Das ist ein neuer Entwicklungsschub, wo nicht absehbar ist, was noch alles möglich ist.“ Seit 1983 ist Funder nun Augenarzt, „und ich lerne immer noch dazu.“ Bei allen Errungenschaften der Technik gilt das Hauptaugenmerk dem Patienten, betont Funder: „Die Technik hilft uns sehr, wir haben ihr große Erfolge zu verdanken. Doch manchmal schiebt sie sich zwischen Patient und Arzt und die Kommunikation droht zurückzugehen. Dies muss man beachten, denn der Patient steht immer im Zentrum unseres Handelns.“
Neun von zehn Patienten in der Augenabteilung in Horn werden heute tagesklinisch behandelt, können also am gleichen Tag wieder nach Hause gehen. Seit fünf Jahren gibt es im Landesklinikum Horn eine Augentagesklinik mit zwölf Betten, wo die Patienten vor und nach ihrem Eingriff versorgt werden und sich ausruhen können. Gelöste Stimmung herrscht hier – ein Auge noch abgedeckt tratschen die frisch operierten Patienten miteinander. „Hätte ich ein drittes Auge, wäre ich nächste Woche wieder da“, scherzt Friedrich W. Nach dem rechten Auge war heute das linke Auge zur Katarakt-OP dran, er wirkt erleichtert und äußerst zufrieden. Genauso wie Herta M. – auch sie litt am Grauen Star und freut sich wieder auf klare Sicht.

Jung & Alt

Das Auge, auch wenn es vergleichsweise klein erscheint, bringt für den Arzt Abwechslung und Vielfalt mit sich. Denn die häufigsten Erblindungsursachen wie Katarakt, Glaukom, diabetische Retinopathie und Makuladegeneration zu vermeiden, ist und bleibt eine tägliche Herausforderung. „Viele Augenerkrankungen sind heutzutage gut behandelbar“, sagt Funder,
„allerdings gehört zu diesen guten Aussichten auch die Früherkennung. Gehen Sie daher regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung!“ Dabei spielt das Alter der Patienten keine Rolle: Schon Säuglinge und Kinder sollten frühzeitig und regel­mäßig zur Vorsorge gehen genauso wie Senioren. Im Landesklinikum Horn gibt es auch eine Sehschule für Kinder, in der sich Orthoptisten etwa um kleine schielende Patienten kümmern, denn je früher die Therapie einsetzt, desto besser. Das Aufgabengebiet ist breit gefächert, sagt Funder: „Von der Geburt bis ins hohe Alter – wir betreuen jede Altersgruppe.“

Kleine Historie der Augenheilkunde (Auszug) 

Die Augenheilkunde ist eine der ältesten medizinischen Disziplinen. Anfang des 19. Jahrhunderts gründete Georg Joseph Beer in Wien die erste Universitätsaugenklinik überhaupt (1813). Der Wiener Arzt (1763–1821) schuf die Grundlagen der wissenschaftlich fundierten Augenheilkunde.
Eine bahnbrechende Erfindung auf dem Gebiet der Diagnostik war die Erfindung des Augenspiegels durch H. von Helmholtz im Jahr 1851 und die Erfindung des Perimeters durch Richard Förster (1825–1902). Wesentliche Fortschritte waren die operative Behandlung des Grünen Stars durch Albrecht von Graefe (1828–1870) und die erste erfolgreiche Transplantation der Hornhaut (Keratoplastik) im Jahre 1905 durch Eduard Zirm (1863–1944).

Ausbildung zur Augenärztin/zum Augenarzt

Die offizielle Berufsbezeichnung lautet Fachärztin/-arzt für Augenheilkunde und Optometrie. Die Augenheilkunde ist die Lehre von den Erkrankungen und Funktionsstörungen des Sehorgans und des Sehsinnes und deren medizinischer Behandlung. Die Optometrie ist die Teildisziplin der Augenoptik, die Fehlsichtigkeiten korrigiert. Wer Augenärztin/Augenarzt werden will, muss eine lange und profunde medizinische Ausbildung absolvieren. Seit Jänner 2015 ist die Novelle des Ärztegesetzes in Kraft, seit Juni kann die neue Ausbildung begonnen werden, die nun folgendermaßen aufgebaut ist: Nach dem Medizinstudium müssen Ärztinnen und Ärzte eine neunmonatige Basisausbildung im Krankenhaus absolvieren, um das praktische Rüstzeug für die Ausübung des Berufs zu erlernen. Im Anschluss geht es in die Sonderfach-Grundausbildung, die in der Augenheilkunde 36 Monate dauert (die Dauer variiert je nach gewähltem Fach). Auf die Grundausbildung folgt die Sonderfach-Schwerpunktausbildung mit 27 Monaten. In Summe dauert die Facharztausbildung mindestens 72 Monate.

60 Jahre Augenabteilung (1955–2015) 

Die Horner Augenabteilung feiert heuer das 60-jährige Jubiläum. 1955 wurde sie von Prim. Dr. Alois Pampichler errichtet, Operationen des Grauen Stars standen schon damals am Programm. Während der Ära von Prim. Leopold Öhlknecht wurde sie ausgebaut und die Sehschule gegründet. Seit 1990 leitet Prim. Dr. Johannes Funder die Abteilung, hat den Katarakt-OP-Schwerpunkt ausgebaut und laufend das Ärzteteam vergrößert. Ein Meilenstein war im Jahr 2010 die Eröffnung der Augentagesklinik: Der Anteil der tagesklinischen Patienten liegt mittlerweile bei etwa 90 Prozent.

Landesklinikum Horn
Spitalgasse 10
3580 Horn
Tel.: 02982/9004-0
www.horn.lknoe.at