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Grenzenlos gesund

Im Landesklinikum Gmünd läuft seit wenigen Monaten ein EU-Pilotprojekt: Patienten aus Tschechien können sich in Österreich behandeln lassen. Nun gibt es erste Erfolge zu vermelden.


Hana Vávrová mit Dolmetscherin Marie Laláková. FOTO: Philipp Monihart

Prim. Dr. Michael Böhm, Ärztlicher Standort­leiter Landesklinikum Gmünd 

DGKS Herta Weissensteiner, Pflegerische Standortleiterin Landesklinikum Gmünd
Dipl. KH-BW Karl Binder, Kaufmännischer Standort­leiter Landesklinikum Gmünd

Landesklinikum Gmünd
Conrathstraße 17
3950 Gmünd
Tel.: 02852/9004-0
www.gmuend.lknoe.at

Stellen Sie sich vor, Sie leben nur wenige Geh­minuten von einem großen Krankenhaus entfernt. Hier gibt es alle Einrichtungen, die Sie zur Therapie und zum Gesundwerden benötigen. Eigentlich könnten Sie sich glücklich schätzen, doch Sie dürfen die Dienste der Klinik nicht in Anspruch nehmen. Stattdessen müssen Sie in ein Krankenhaus fahren, das mehr als 60 Kilometer entfernt ist. Für die Bürger der tschechischen Stadt Ceské Velenice ist dies seit 94 Jahren Alltag. Das Landesklinikum Gmünd liegt gleich hinter der Grenze, doch hinfahren können sie nicht.

Eine geteilte Stadt

Seit der Unterzeichnung des Vertrages von Saint-Germain nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1919 ist Gmünd eine geteilte Stadt. Damals musste die Monarchie Österreich-Ungarn einen Teil von Gmünd an die Tschechoslowakei abtreten. Dieser Teil wurde zu Ceské Velenice. Und da die Krankenkasse nur für Krankenhausbesuche im eigenen Land bezahlt, müssen die Bewohner von Ceské Velenice weit ins Landesinnere fahren, um sich behandeln zu lassen.
Dipl. KH-BW Karl Binder, Kaufmännischer Standortleiter im Landesklinikum Gmünd, erklärt: „Der ehemalige Stadtteil Gmünd III wurde mit elf Hinterlandsgemeinden an Tschechien abgetreten. Durch den Eisernen Vorhang war Gmünd lange Zeit benachteiligt. Mit dem Fall der Grenzbarrieren im Jahr 1989 näherten sich die beiden Länder wieder an, auch verstärkt durch den EU-Beitritt Tschechiens im Jahr 2004. Da diese Region medizinisch nicht gut versorgt ist, gab es bereits im Jahr 2002 die Idee und erste Bestrebungen einer Mitversorgung der tschechischen Patienten im Landesklinikum Gmünd.“

Versorgung beider Seiten

Seit dem 25. Februar dieses Jahres dürfen Patienten aus der Region nach Österreich kommen, um sich im Landesklinikum Gmünd betreuen zu lassen: Das Projekt „healthacross in practice“ ist eine grenzüberschreitende Zusammen­arbeit zwischen Niederösterreich und Südböhmen und wird von der EU gefördert – eines von drei derartigen Projekten in Europa. Es soll die Weichen für eine zukünftige optimale Gesundheitsversorgung aller EU-Bürger unabhängig von Staatsgrenzen stellen. Die Kosten der Behandlungen der tschechischen Patienten werden vom südböhmischen Projektpartner getragen.
Das Pilotprojekt in Gmünd dient dazu, finanzielle, rechtliche und medizinische Aspekte der gemeinsamen Versorgung auszutesten. Die tschechischen Patienten werden von ihren praktischen Ärzten bei Bedarf nach Gmünd überwiesen. Häufige Leistungen sind zum Beispiel Krampfadernverödungen, Diagnostik von Venenerkrankungen, Magen- und Darmspiegelungen oder die Entfernung kleiner Tumore.

Dankbare Patienten

Auch die 80-jährige Ružena Frolíková aus Ceské Velenice wurde von ihrem Arzt nach Gmünd überwiesen. Sie klagte über Schmerzen in der Hüft­gegend, doch eine Nierenuntersuchung im tschechischen Trebon ergab einen negativen Befund. Ihr Hausarzt vermutete das Problem im Dickdarm. Für eine Koloskopie hätte die Witwe allerdings ins weit entfernte Budweis reisen müssen. Im nur drei Kilometer entfernten Landesklinikum Gmünd wurde sie nun untersucht. Die zufriedene Patientin: „Ich habe hier eine vollkommen schmerzfreie Behandlung bekommen. Die Ärzte, die Dolmetscher und die Schwestern haben mich sehr gut betreut, sie haben mir sogar beim Anziehen geholfen. In Tschechien ist so etwas unüblich.“ Begleitet wurde sie von ihrer Freundin Hana Vávrová. Bereits vor einiger Zeit hatten sie von „health­across in practice“ erfahren. „Ich habe meinen Hausarzt dann gefragt, ob es jetzt wirklich möglich ist, sich in Österreich behandeln zu lassen, weil ich es gar nicht glauben konnte“, erzählt Frolíková, „doch er hat mir versichert, dass es stimmt. Und ich bin überglücklich, nicht mehr so weit fahren zu müssen, und spreche sicherlich für alle Patienten aus der Region, wenn ich sage, dass ich wirklich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt.“

Sprachbarriere lässt sich überwinden

„Seit dem Projektstart haben wir im Schnitt eine Behandlung pro Tag“, erzählt Oberärztin Dr. Barbara Dienstl von der Chirurgischen Abteilung. „Das Feedback der Patienten ist sehr positiv.
98 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mit unseren Leistungen sehr zufrieden waren.“ Auch die Sprachbarriere sei kein Problem. „Wir haben nicht nur staatlich zertifizierte und gerichtlich beeidete Dolmetscher im Haus, die sich mit medizinischen Fachausdrücken bestens auskennen, sondern auch sehr viel tschechischsprachiges Personal. Außerdem sprechen viele tschechische Patienten recht gut Deutsch.“ Dienstl findet das Projekt gut und hofft auf einen Regelbetrieb. „Ich wünsche mir, dass die viele Arbeit, die das Team in das Projekt gesteckt hat, nun auch Wirkung zeigt.
Für die südböhmische Region ist es unglaublich wichtig.“

Zufriedene Ärzte und Pflegekräfte

Das sieht auch der Ärztliche Standortleiter des Landesklinikums Gmünd, Prim. Dr. Michael Böhm, so: „Dass die Idee der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung zur Realität wurde und von der Bevölkerung der benachbarten Region so positiv angenommen wird, zeigt die Notwendigkeit der Maßnahme.“ Der Erfolg des Projekts hat bereits dazu geführt, dass die Testphase nicht wie geplant Ende Mai endet, sondern bis Sommer verlängert wird. Das freut auch die Pflegerische Standortleiterin, DGKS Herta Weissensteiner: „Die ausgesprochen hohe Zufriedenheit der südböhmischen Bevölkerung mit unserem Klinikum zeigt, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Alle von uns in das Projekt gesetzten Erwartungen wurden bei weitem übertroffen.“ So wird es auch in Zukunft möglich sein, den Patienten aus dem Gebiet um Ceské Velenice schnell und unkompliziert zu helfen. Vielleicht wird eine solche Zusammenarbeit ja bald auch europaweit möglich.