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Gesund in der Schule – gesund in der Zukunft

Wird die Schule zum gesundheitsfördernden Lebensraum, gelingt es Kindern und Jugendlichen leichter, einen gesunden Lebensstil zu entwickeln. Mit der Initiative „Gesunde (Volks-)Schule“ will die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse zum körperlichen und psychosozialen Wohlbefinden beitragen.


FOTO: fotolia

Jonglieren lernen, hüpfend das Alphabet üben oder über „Glück“ nachdenken: Das alles und noch viel mehr soll Kindern und Jugendlichen helfen, einen gesunden Lebensstil zu entwickeln. „Gesunde (Volks-)Schule“ nennt sich die Initiative der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse (NÖGKK), bei der die Schule zum gesundheitsfördernden Lebensraum wird. Denn neben Familie und Freizeit verbringen Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit in der Schule. „Es liegt also nahe, genau dort anzusetzen“, sagt Mag. Barbara Gravogl von der NÖGKK. Auch, weil man so – zumindest im Pflichtschulbereich – alle Kinder erreicht.
Wie notwendig schulische Gesundheitsförderung ist, zeigt die „Health Behavior in School-aged Children“ (HBSC)-Studie, die alle vier Jahre zum Gesundheitsverhalten der österreichischen Schülerinnen und Schülern durchgeführt wird und an deren Ergebnissen sich auch die NÖGKK orientiert. Demnach hält sich nur ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen an die Empfehlung, mindestens eine Stunde pro Tag körperlich aktiv zu sein. Ihre Freizeit verbringen sie großteils
sitzend: an Schultagen fünf Stunden, an schulfreien sogar sieben Stunden zum Beispiel vor dem Computer oder vor dem Fernseher. Fast sechzig Prozent geben an, nicht täglich Obst und Gemüse zu essen. An die vierzig Prozent konsumieren dafür täglich Süßigkeiten oder süße Limonaden oder beides. Die HBSC-Studie zeigt, dass neben der Familie die Schule der wichtigste Lebensraum oder Aspekt  für die Gesundheit, die Lebenszufriedenheit und die Beschwerden der Mädchen und Buben ist. Das heißt, Schüler/innen, die Faktoren wie Schulzufriedenheit, die Beziehungen der Schüler/innen untereinander, Schulleistung und schulische Belastung positiv erleben, ernähren sich tendenziell gesünder und greifen weniger zu Suchtmitteln.  

Die richtigen Rahmenbedingungen

„Je früher man beginnt, desto einfacher ist es, einen gesunden Lebensstil zu entwickeln“, sagt Barbara Gravogl. „Sich später ein ungesundes Verhalten abzugewöhnen ist viel schwieriger.“ Damit das gelingen kann, braucht es neben der Vorbildwirkung von Erwachsenen die richtigen Rahmenbedingungen, weiß Gravogl: „Ist die Schule so gestaltet, dass es keine Bewegungsräume gibt und im Buffet nur Ungesundes angeboten wird, funktioniert es nicht.“ Die „healthy choice“, also die Wahl dessen, was Gesundheit und Wohlbefinden fördert, muss den Heranwachsenden durch die Umstände ermöglicht bzw. erleichtert werden.
Die Volksschule Windhag ist eine der „Gesunden (Volks-)Schulen“ in Niederösterreich. In Windhag wird Gesundheit schon seit Jahren großgeschrieben. „Bei uns hat sich eine gesunde Schulkultur entwickelt. Bestimmte Sachen haben sich im Schulalltag gut eingebettet“, erzählt die Direktorin Gertraud Wagner mit spürbarer Begeisterung von all dem, was sich an ihrer Schule in den vergangenen Jahren in Sachen Gesundheit getan hat. Einer der Fixpunkte, der aus dem Schulleben nicht mehr wegzudenken ist, ist die tägliche Obstjause. „Die Kinder nehmen jeden Tag Obst und Gemüse von zu Hause mit, und das wird dann von unserer Frau Schulwart liebevoll für die gemeinsame Obstjause hergerichtet.“ Mitgebracht wird Obst und Gemüse aus Eigenanbau.

Unterrichtsprinzip Bewegung

Ein weiteres Unterrichtsprinzip ist die Bewegung. Die ländliche Gegend in Windhag bringt nicht automatisch mit sich, dass alle Kinder draußen toben. „Es gibt beides: Viele Kinder bewegen sich viel, und es gibt Kinder, die erzählen, dass sie oft Zeit vor dem Computer verbringen“, sagt Wagner. Vom Unterricht, bei dem die Kinder „am Sessel kleben“, hält die Pädagogin nicht viel. Kurze körperliche Übungen werden wie selbstverständlich in den Unterricht eingebaut, sei es zur Auflockerung und Entspannung oder auch zur Fokussierung und um sich ins Gleichgewicht zu bringen. „Bewegung und Lernen sind keine Gegensätze, sondern das eine fördert das andere!“
Dazu kommt die Bewegung im Freien: am ersten Herbsttag begrüßen die Schüler/innen den Herbst, wenn Schnee liegt, geht es auch einmal nach draußen zum Rodeln. „Wir wollen den Naturraum, der uns umgibt, gut nützen“, erklärt die Direktorin. „Vor fünf Jahren haben wir außerdem mit der Umgestaltung des Schulhofes begonnen und ihn nach pädagogischen Gesichtspunkten gestaltet.“ Jetzt gibt es dort einen Bewegungsplatz, Rückzugsmöglichkeiten, Orte für kleinere Gruppen und Platz zum Balancieren und zum Tempelhüpfen. „Die Kinder genießen das total. Jetzt möchten wir den Schulhof auch als Lernraum nutzen. Im Werkunterricht wurden für den Schulgarten Rechtschreibstationen angefertigt, wobei die Schulkinder von Wort zu Wort hüpfen oder über Baumstämme balancieren. Dabei finden sie viele Möglichkeiten, ihre Lernwörter zu trainieren.“

Neue Pausenordnung zur Erholung

Weil eine ganzheitliche Sicht von Gesundheit neben der physischen auch die psychische und soziale Dimension miteinschließt, setzt die Volksschule Windhag im laufenden Schuljahr einen ihrer Schwerpunkte im psychosozialen Bereich. Besonders stolz ist Direktorin Wagner auf die Neugestaltung der „großen Pause“. Unzufrieden, weil es in der Pausenhalle stets laut war und die Kinder nach der Pause im Unterricht nicht erholt, sondern aufgekratzt waren, überlegten sich die Lehrerinnen eine neue Pausenordnung. „Die gemeinsame Jause bildet den Start, dann gibt es drei Zonen: ‚Bewegung tut gut‘, ‚Spiel und Spaß‘ und ‚Ruhe und Entspannung‘“, erzählt Wagner. Und fügt hinzu: „Das taugt uns sehr!“ Die Möglichkeiten, sich auszutoben und sich zu erholen, wirken sich so auf das Wohlbefinden der Schüler/innen und der Lehrkräfte aus.
Mit der sogenannten „Lobrunde“, die einmal im Monat stattfinden soll, startet die Volksschule einen ganz neuen Versuch, die Schulgemeinschaft zu stärken und jedes einzelne Kind wertzuschätzen. „Das ist der Platz, wo die Kinder erzählen, was sie Interessantes gemacht haben. Dort werden die Geburtstage des Monats gefeiert. Und jeder darf jemanden loben, für etwas, das er in den letzten Wochen gut gemacht hat“, so Wagner. Ganz wichtig: Es geht dabei in erster Linie nicht um Höchstleistungen wie die besten Noten. „Die soziale Kompetenz soll wesentlich zur Sprache kommen, also wenn zum Beispiel jemand besonders hilfsbereit war.“

Eltern miteinbinden

Die Volksschule Behamberg im Bezirk Amstetten stellt im diesjährigen Schuljahr ebenfalls den psychosozialen Aspekt von Gesundheit in den Mittelpunkt. Lehrer/innen und Schüler/innen beschäftigten sich intensiv mit dem großen Thema „Glück“ und werden es weiterhin tun. „Im vorigen Jahr haben wir uns mit der Frage auseinandergesetzt ‚Wann bin ich glücklich?‘. Als Hausübung mussten die Kinder auch ihre Eltern und Großeltern dazu interviewen“, erzählt die Direktorin der Schule, Mag. Veronika Niederhuber. Daraus sind drei Bücher mit dem Motto „Glücklich bin ich, wenn …“ entstanden, für die jeder und jede Schüler/in eine Seite gestaltet hat. Für die Lehrer gibt es eine schulinterne Fortbildung zum Thema.
Ein großes Anliegen ist es, die Eltern vermehrt miteinzubinden. „Es ist wichtig, mit den Eltern zu arbeiten“, betont Niederhuber. Die pädagogische Arbeit und das Erziehungskonzept, an dem sich die Lehrer orientieren, sollen deswegen den Eltern deutlich gemacht werden. Gerade bei Verhaltensproblemen von Schüler/innen müssen Lehrkräfte und Eltern zusammen an einer Lösung arbeiten. Mit den Eltern werden Fragen besprochen wie: Was ist zu tun, wenn es dem eigenen Kind schlecht geht? Wie können Außenseiter besser in die Klassengemeinschaft integriert werden? Die Direktorin freut sich, dass sich die Zusammenarbeit in schwierigen Situationen sehr bewährt hat und sich so manche Situation durch die aktive Mithilfe der Eltern entschärft hat. „Total begeistert“ waren die Schüler/innen in Behamberg bereits im vergangenen Schuljahr, in dem sie alle im Rahmen eines Workshops jonglieren gelernt haben. Die Geräte wurden angeschafft und werden im Unterricht und in den Pausen verwendet: Die Kinder verausgaben sich am Einrad, mit Diabolos oder Jonglierbällen und trainieren so ihre Koordination- und Gleichgewichtsfähigkeit.

Win-win-Situation

Wie entscheidend die Rolle der Eltern ist, betont auch Barbara Gravogl: „Die ‚Gesunde (Volks-)Schule‘ ist wichtig, aber man muss die Zusammenarbeit mit den Eltern forcieren. Die Verantwortung für die Gesundheit der Mädchen und Buben kann nicht an die Schule delegiert werden.“ Kinder und Jugendliche müssen zu Hause die Möglichkeiten eines gesunden Lebensstils kennen lernen, schließlich lernen sie maßgeblich durch Vorbilder.
Dass alle Beteiligten von der „Gesunden (Volks-)Schule“ profitieren, zeigen die vielen positiven Erfahrungen und Rückmeldungen: „Schulische Gesundheitsförderung sorgt – durch allgemein gesteigertes Wohlbefinden – für eine langfristig erhöhte Effizienz der Schul- und Unterrichtsprozesse und somit für bessere Lern- und Lehrleistungen. Höhere Erziehungs- und Bildungsqualität bewirken wiederum ein verbessertes Image der Schule als Arbeits- und Ausbildungsplatz“, sagt Gravogl. Die Lehrer/innen berichten über bessere Konzentrationsfähigkeit, mehr Aufmerksamkeit und ein verbessertes Schul- und Klassenklima. Die Beziehungen zwischen dem Lehrkörper und den Schüler/innen festigen sich durch die gemeinsamen Aktivitäten. Und: „Die Schüler/innen fordern das ein! Sie freuen sich zum Beispiel auf Koordinationsübungen oder Entspannungseinheiten im Unterricht“, schildert Gravogl die Erfahrungen aus den Schulen. Die Lehrkräfte profitieren außerdem vom Know-how der Expert/innen, die an die Schulen kommen und Methoden und Übungen vorstellen, die die Pädagoginnen und Pädagogen weiterhin verwenden können. Eine Win-win-Situation also für alle Beteiligten.

„Gesunde (Volks-)Schule“

Die „Gesunde (Volks-)Schule“ ist ein Programm der Service Stelle Schule der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse. Seit 2005 gibt es diese Serviceeinrichtung, die Volksschulen, Sonderpädagogische Zentren und höher bildende Schulen mit Know-how im Bereich schulischer Gesundheitsförderung unterstützt, kostenlos Broschüren und Infomaterial zur Verfügung stellt, finanzielle Förderungen vergibt und Schulen auf dem Weg zur „Gesunden (Volks-)Schule“ mit Fachwissen und Experten begleitet. In diesem Schuljahr betreut die Service Stelle über 218 Schulen, davon 174 „Gesunde (Volks-)Schulen“, 41 „Beweg-Dich-Schulen“ und drei Berufsbildende Höhere und Mittlere Schulen im Projekt „Gesunde BMHS“. Zu den Schwerpunkten zählen Ernährung, Bewegung, Suchtprävention, Lebensraumgestaltung und psychosoziale Gesundheit. Die jeweilige Schwerpunktsetzung und der Umfang der Maßnahmen werden von den Beteiligten (Schulleitung, Lehrer/innen, Schul­personal und Schüler/innen) festgelegt. Eine „Gesunde (Volks-)Schule“ besteht nicht nur aus einzelnen, isolierten Aktivitäten oder Projekten, sondern „Gesundheit“ wird für die Schule zum gemeinsamen Anliegen.
Im Schuljahr 2013/2014 startete das Projekt „Gesunde Berufsbildende Höhere und Mittlere Schule“ in Niederösterreich und in der Steiermark. Dieses Projekt zielt speziell auf die Bedürfnisse dieses Schultyps ab.
Informationen: www.gesundeschule.at, www.noegkk.at

Auszeichnung zur „Gesunden (volks-)Schule“

Heuer wurde die „Gesunde Volksschule“- bzw. die „Gesunde Schule“-Plakette an 29 Schulen verliehen, die gesundheitsfördernde Maßnahmen im Schulalltag umsetzen. Voraussetzung für die Prämierung sind Qualitätskriterien wie ein Gesundheitsförderungsteam, das die Gesundheitsbelange der Schule koordiniert, eine Bestandsaufnahme, die den Ist-Zustand der Gesundheitsförderung analysiert und eine Jahresplanung zu den gesundheitsfördernden Maßnahmen, die sowohl auf eine Änderung des Verhaltens als auch der Rahmenbedingungen in den Schulen abzielen. In den ausgezeichneten Schulen wird Gesundheit als ganzheitlich, also als körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden, definiert; der Einfluss individueller, sozialer und gesellschaftlicher Einflüsse auf die Gesundheit wird berücksichtigt. Wer sich „Gesunde (Volks-)Schule“ nennen darf, verpflichtet sich dem Prinzip der Nachhaltigkeit und verankert Gesundheitsförderung im Schulalltag. Alle im Umfeld Schule tätigen Personen werden eingebunden. Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge werden dokumentiert, um für die Zukunft zu lernen. Die prämierten Schulen können sich nun bis 2017 „Gesunde Volksschule“ bzw. „Gesunde Schule“ nennen.
Informationen: www.gesundeschule.at, www.noegkk.at