Gefährliche Winzlinge
Mit dem Frühling kommen die Zecken. Manche von ihnen bringen FSME oder Borreliose mit sich – beides immer noch gefährlich. Gegen FSME kann man sich impfen lassen.
Universitätsklinikum Tulln
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Zecken gibt es in weiten Teilen Europas. Doch warum wird gerade bei uns so viel über sie geredet? Zecken übertragen zwei Krankheitserreger, die man ernst nehmen muss: Den FSME-Virus und die Borreliose-Bakterien (siehe Kasten Seite 34). Gegen Borreliose helfen Antibiotika, vor FSME schützt nur die Impfung. Österreich gilt als Kernland der Verbreitung des FSME-Virus. In Österreich findet man Zecken im gesamten Bundesgebiet – mittlerweile bis zu Höhenlagen von 2000 Metern. Die Hochrisikogebiete befinden sich entlang der Donau in Wien, in der Wachau, im Gebiet von St. Pölten sowie zwischen Passau und Linz. Auch große Teile des Burgenlandes, Kärntens und der Steiermark sowie das Tiroler Inntal sind Gebiete mit hohem Risiko.
Gefahr FSME
FSME, Frühsommer-Meningoenzephalitis, ist eine Viruserkrankung, für die es bis heute keine ursächlich heilende Behandlung gibt. Sie wurde erstmals 1931 beschrieben. 1956 gelang es den beiden Österreichern Hans Moritsch und J. Krausler, den FSME-Virus zu isolieren. 1973 schaffte es der Sozialmediziner Christian Kunz vom Institut für Virologie der Universität Wien, den Impfstoff FSME-Immun herzustellen. 1976 startete die industrielle Impfstoff-Produktion, anfangs wurden nur Forstarbeiter geimpft. Seit 1981 gibt es die FSME-Schutzimpfung in Österreich. Der starke Rückgang der Erkrankungszahlen ist auf die hohe Durchimpfungsrate zurückzuführen: 85 Prozent der Österreicher haben sich zumindest einmal in ihrem Leben „gegen Zecken“ impfen lassen. Doch der Impfschutz hält nur einige Jahre, Auffrischungen sind nötig. Demnach stimmen die 85 Prozent Durchimpfungsrate sicher nicht.
Die Statistik gibt nicht die mitunter jahrelangen Leiden der Betroffenen wider. „Bei 30 bis 40 Prozent der Infizierten kommt es tatsächlich zur Erkrankung. Zunächst erfolgt eine grippeähnliche Phase mit hohem Fieber, nach deren Abklingen kommt es bei fast einem Drittel der Infizierten zur zweiten Phase, einer Entzündung des Gehirns und der Gehirnhäute“, erklärt der Wiener Prim. Univ.-Lektor DDr. Peter Voitl, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde. „Ein bis zwei Prozent der Patienten sterben, drei bis elf Prozent haben bleibende Schäden wie Lähmungen und viele Patienten haben eine lange Rekonvaleszenz mit häufigen Kopfschmerzen oder Migräneanfällen. Es gilt: Je älter der Patient, desto schwerer verläuft die Erkrankung.“ Die Impfung stellt den einzigen Schutz vor FSME dar. Es gibt keine Behandlung und leider auch keine Impfung danach. Die Medizin kann lediglich die Symptome behandeln.
Richtig impfen
Der Impfplan 2015, herausgegeben vom Bundesministerium für Gesundheit, empfiehlt die FSME-Impfung für alle in Österreich lebenden Personen. Mit gutem Grund, wie Experten bestätigen. Nur ein Drittel der Bevölkerung wurde noch nie von einer Zecke gestochen. Im Vorjahr bemerkten 39 Prozent der 2014 geimpften Personen einen Zeckenstich. Der FSME-Virus wird sofort mit dem Stich ins Blut des Wirtskörpers übertragen. Der einzige Schutz vor FSME ist die Impfung.
Diese arbeitet mit inaktivierten Viren. Die Impfung bewirkt im Körper die Bildung von Antikörpern, schützt zuverlässig (aktive Immunisierung) und wirkt gegen alle bekannten FSME-Virus-Subtypen. Die Grundimmunisierung erfolgt in bestimmten zeitlichen Abständen zu drei Teilen und bildet die Basis der schützenden Immunabwehr gegen FSME-Viren. Die erste Auffrischung ist drei Jahre nach der Grundimmunisierung fällig. Ab wann danach wieder aufgefrischt werden muss, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Das Gesundheitsministerium empfiehlt eine Auffrischung alle fünf Jahre und ab dem 60. Lebensjahr alle drei Jahre.
Zugelassen ist die FSME-Impfung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Unter besonderen Umständen können auch jüngere Kinder geimpft werden, jedoch frühestens ab dem siebenten Lebensmonat. Der Impf-Zeitpunkt hängt vom Risiko des Kindes ab, sagt OA Dr. Martin Dietrich, 1. Oberarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Universitätsklinikum Tulln: „In Hochrisikogebieten wie dem steirischen Ennstal kann das nötig sein. In Niederösterreich rate ich zum Impfen ab einem Jahr, spätestens mit zwei Jahren. Wer zum Beispiel viel wandern geht, sollte sein Kind früher impfen.“
Gefahr Borreliose
Die sogenannte Lyme-Borreliose (siehe unten) ist eine bakterielle Infektion, die man an einer kreisförmigen Hautrötung rund um die Einstichstelle erkennen kann. Sie geht meist einher mit Müdigkeit und Abgeschlagenheit, kann aber auch ohne diese Symptome auftreten. Die Diagnose einer Borrelien-Infektion beginnt mit einem ausführlichen Gespräch beim Hausarzt. Im Gespräch wird festgestellt, welche Beschwerden bestehen und ob die beschriebenen Symptome typisch sind.
Derzeit ist keine Schutzimpfung gegen Borrelien verfügbar. Die „Zecken-Impfung“ schützt nur gegen das FSME-Virus. Therapiert werden kann die Borrelien-Infektion mit unterschiedlichen Antibiotika. Dabei ist es wichtig, sich genau an die Einnahme-Vorgaben zu halten, damit die Therapie wirklich erfolgreich ist. Das Gesundheitsministerium rät davon ab, „sicherheitshalber“ Antibiotika nach einem Zeckenstich zu nehmen.
So schützen Sie sich!
Am besten ist es, sich erst gar nicht von einer Zecke als Nahrungsquelle anzapfen zu lassen. Doch wie kann man sich schützen? Hautbedeckende Kleidung und geschlossene Schuhe verringern die Angriffsmöglichkeiten für Zecken. Stecken Sie die Hose in die Socken, so können Zecken nicht hochkrabbeln. Und an heller Kleidung entdeckt man die Tiere leichter als auf dunkler. In Österreich gibt es 17 Zeckenarten, berichtet Dr. Georg Duscher, stellvertretender Leiter des Instituts für Parasitologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien: „Wesentlich ist, dass nicht nur die relativ großen weiblichen Zecken FSME-Viren in sich tragen können. Für uns Menschen sind vermutlich die Nymphen, möglicherweise auch die Männchen und ganz selten auch die Larven eine Gefahr. Die Nymphen sind nur etwa einen Millimeter klein, ihr Stich bleibt meist unbemerkt, aber auch sie saugen meist mehrere Tage.“ Nach dem Aufenthalt in typischen Zeckenzonen wie feuchten Gebieten, (Gras-)Wiesen, Wäldern oder Parks untersuchen Sie am besten Kleidung und Körper sehr genau. Lassen Sie sich dabei helfen, denn Zecken sitzen gern auch an schwer einsehbaren Stellen wie den Kniekehlen, Achseln, im Genitalbereich, am Rücken, am Kopf oder an den Ohren.
Entdecken Sie eine Zecke, entfernen Sie sie möglichst rasch, da damit das Infektionsrisiko für Borreliose sinkt, und tun Sie es möglichst behutsam. Dafür gibt es in der Apotheke geeignete Hilfsmittel; im Notfall hilft eine dünne Pinzette, mit der Sie das Tier an der Einstichstelle packen können. Wichtig ist, die Zecke möglichst nah an der Haut zu packen, eventuell etwas zu ruckeln und herauszuziehen. Auch bei Ihren Haustieren sollten Sie Zecken immer rasch entfernen und Ihre Lieblinge mit Halsbändern oder anderen Lösungen schützen – fragen Sie Ihren Tierarzt.
Was tun nach einem Zeckenstich?
Wenn ein kleines Kind eine Zecke hat und noch nicht geimpft ist, ist es besonders wichtig, genau zu durchdenken, wie hoch das Risiko einer Infektion mit FSME ist, sagt Oberarzt Dietrich aus Tulln: „Wenn es nicht im Risikogebiet passiert ist, werden wir die Eltern beruhigen. Wenn schon, müssen wir genau beobachten, was passiert.“
Dietrich rät, auch wegen des Borreliose-Risikos in Kontakt mit dem Haus- oder Kinderarzt zu bleiben und vor allem die Zecke so rasch wie möglich zu entfernen, da mit der Länge der Blutmahlzeit auch das Infektionsrisiko ansteigt. Das gilt natürlich auch für Erwachsene.
Behutsames Vorgehen ist dabei wichtig: Keinesfalls die Zecke quetschen, so könnte eventuell Darminhalt mit infektiösen Borrelien austreten. Wenn die Zecke entfernt ist, desinfizieren Sie die Einstichstelle. Experten empfehlen, sie für einige Wochen zu beobachten: Rötungen unmittelbar nach dem Einstich und dem Entfernen der Zecke sind normal und bilden sich nach einigen Tagen von selbst zurück. Bemerken Sie nach mehreren Tagen oder Wochen noch immer eine größere oder wieder eine Rötung, gehen Sie unbedingt zum Arzt.
Die Zecken-Krankheiten
Borreliose
- Borreliose ist eine bakterielle Infektionserkrankung, die durch manche Zecken übertragen wird. Auch wenn man von einer infizierten Zecke gestochen wird, führt nur ein geringer Anteil der Stiche zu einer tatsächlichen Erkrankung. Je länger eine Zecke am Körper bleibt, umso wahrscheinlicher ist das Risiko einer Infektion.
- Lyme-Borreliose ist eine Multi-Systemerkrankung, die unbehandelt in verschiedenen Ausprägungen verlaufen kann. Betroffen sein können die Haut, das Nervensystem, Gelenke und das Herz.
Innerhalb von Tagen bis Wochen nach dem Zeckenstich kommt es zu einer ringförmig verlaufenden Hautrötung rund um den Einstich (roter Ring), meist mit hellem Zentrum. Daneben können auch Symptome wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, Bindehautentzündungen sowie Lymphknotenschwellungen auftreten. Innerhalb von drei bis sechs Wochen kann es zu einer akuten Neuroborreliose kommen – gekennzeichnet durch brennende Schmerzen, vor allem nachts, mit oder ohne Lähmungserscheinungen wie beispielsweise Gesichtslähmung. Selten kommt es zu einer Herzmuskelentzündung oder zu Gelenksentzündungen. Monate bis Jahre nach einer Infektion können bei Ausbleiben einer entsprechenden Therapie Schädigungen der Haut eintreten. Sie wird hauchdünn und färbt sich bläulich. Im Spätstadium der Krankheit können eine chronische Neuroborreliose, schmerzhafte Nervenentzündungen sowie chronische Gelenksentzündungen auftreten. Die wirksamsten vorbeugenden Maßnahmen gegen eine Borreliose sind das Vermeiden eines Zeckenstichs bzw. umgehendes Entfernen einer Zecke.
FSME-Erkrankung
Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine virale Infektionskrankheit, die überwiegend durch Zeckenstiche übertragen wird. In seltenen Fällen kann eine Infektion durch den Konsum unpasteurisierter Milch und Milchprodukten von Schafen, Ziegen oder Kühen vorkommen. Werden Personen mit dem Virus infiziert, kommt es nicht zwingend zu einer Erkrankung – bei bis zu circa 30 Prozent der Infizierten entwickelt sich das typische Krankheitsbild. Eine Übertragung der FSME von Mensch zu Mensch ist nicht möglich. Bei einer Infektion mit dem FSME-Virus durch einen Zeckenstich kann es nach einer Inkubationszeit von sieben bis 14 Tagen (seltener 28 Tage) zu einer tatsächlichen Erkrankung kommen. In etwa 80 Prozent der Fälle verläuft das Krankheitsbild in Phasen. In der ersten Phase treten grippeähnliche Symptome wie Kopfschmerzen, Fieber oder Müdigkeit auf. Dann kommt es zu einem symptomfreien Intervall ohne Fieber. Die nächste Phase des Krankheitsbildes kann bei zehn Prozent der Infizierten zu einer Meningitis (Hirnhautentzündung) bis zu einer Enzephalitis (Gehirnentzündung) mit oder ohne Myelitis (Rückenmarksentzündung) und Lähmungserscheinungen führen. Etwa ein Prozent der Infizierten mit Beteiligung des Zentralnervensystems verstirbt an der Erkrankung. Etwa ein Drittel der FSME-Erkrankten leidet an langdauernden Folgeschäden.
Quelle: www.bmg.gv.at





