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Geborgen ins Leben

Beruf mit Herz: Frühchen sind in der Neonatologie in den besten Händen von speziell ausgebildeten Kinderkrankenschwestern und -pflegern.


Erfahrung, verbunden mit tiefer Empathie und medizinischem Wissen: Sigrid Trobi ist Kinderkrankenschwester aus Leidenschaft. FOTO: Felicitas Matern

Vorsichtig, ganz behutsam nimmt Brigitte Gruber ihren Sohn aus dem Wärmebettchen. Julian hält sich zunächst mit dem Händchen die Augen zu, spürt die Wärme der Mutter und gähnt zufrieden. Mit zwei Kilo Geburtsgewicht wirkt er wie ein schutzbedürftiges Vögelchen, das Zuflucht unter dem starken Flügel seiner Mama sucht. Julian ist eines von vielen Babys, die in der  Neonatologie und Pädiatrischen Intensiv- und Über­wachungsstation der Abteilung Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum Wiener Neustadt ihren Lebensweg beginnen.

Vor dem Geburtstermin

Es ist still im Raum, das Licht ist gedämpft und die Kinderkrankenschwestern sprechen ruhig. Julians Tagesablauf besteht fast durchwegs aus Schlafen in der Geborgenheit seines Bettchens, zwischendurch ein paar Mahlzeiten und Kuscheln. Julian kam am 27. Mai zur Welt, sieben Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin. Ein Frühstarter, der es nicht erwarten konnte, hier, am Planeten Erde, mitzumischen. Seine Eltern Mathias und Brigitte sind zwar routiniert, denn für Mutter Brigitte ist Julian das dritte Baby, die Erfahrungen in der Neonatologie sind jedoch neu für sie. „Die Geburt ist zu früh, aber ohne Komplikationen verlaufen. Dennoch stand da die Angst im Raum, ob Julian trotz Frühgeburt überleben wird. Doch er wurde bestens versorgt und sofort nach der Geburt auf die Station gebracht.“
Julian erholt sich hier von den Strapazen seines unerwarteten Lebenseinstiegs, gut behütet vom erfahrenen Team unter der Leitung von Diplomkinderkrankenschwester Sigrid Trobi, die seit Oktober 2013 die Station leitet. Mutter Brigitte und Julian werden, wie alle Jungfamilien auf der Station, von einer zuständigen Diplomkinderkrankenschwester (DKKS) betreut, die sie bei allen ihren Handgriffen unterstützt und begleitet, denn Julian wird nach wie vor mit einer Nahrungssonde versorgt. Die Pflegeexpertin zeigt, wie man den Sprössling trotz Hightech-„Verkabelung“ wickelt, pflegt und mit Muttermilch versorgen kann. „Das Trinken muss er erst lernen, doch wir legen großen Wert darauf, dass Mütter Zeit zum Kuscheln und Anlegen des Babys haben“, erklärt die erfahrene Diplomkinderkrankenschwester. Julian hat es sich inzwischen auf Mutters Brust gemütlich gemacht, Brigitte Gruber wirkt entspannt im großen Lehnsessel und genießt den Hautkontakt mit ihrem Sohn.

Aufmerksamkeit rund um die Uhr

Für DKKS Trobi und ihr Team heißt es jetzt, sich den anderen Babys genauso pflegerisch-liebevoll und medizinisch versiert zu nähern. Einem kleinen Mädchen beispielsweise, das erst vor zwei Tagen das Licht der Welt erblickt hat und sich an dieses erst gewöhnen muss. Nur 800 Gramm hat sie bei ihrer Geburt gewogen und braucht noch die schützende Wärme des Inkubators. Er ist mit einem Tuch bedeckt, sodass Wärme- und Lichtverhältnisse jenen im Mutterbauch ähnlich sind. Wie alle anderen zu früh geborenen Erdenbürger ist ihr winzigkleiner Körper durch Kabeln mit einem Über­wachungsmonitor verbunden. Dieser zeigt Daten wie Blutdruck, Atmung, Herzschlag und Sauerstoffsättigung auf. Sollte ein Wert den Normal­bereich verlassen, ertönt ein Dringlichkeitsalarm.

Langsam & sicher ins Leben

Doch jetzt ist es in erster Linie die Stille, die nur durch das leise Reden des arbeitenden Teams unterbrochen wird. Jetzt wird das Mädchen gewickelt –eine Geschicklichkeitsübung, noch dazu darf die Kleine dafür nicht aus dem Inkubator genommen werden. Durch zwei Eingriffsfenster versorgt Sigrid Trobi den winzigen Körper behutsam und sicher mit einer frischen Windel. Danach noch ein Blick der Kinderkrankenschwester auf die Beatmungshilfe. Die Lungen des kleinen Mädchens waren bei der Geburt noch nicht vollständig ausgereift, daher braucht sie diese technische Hilfe, um langsam und sicher das selbstständige Atmen zu lernen.

Verlässlich & empathisch

Beruhigen, wickeln, füttern, versorgen. Das sind die schönen Seiten ihres Berufs, versichert Sigrid Trobi. Sie ist seit 1981 diplomierte Kinderkrankenschwester und hat erste Berufserfahrungen an der Kinderabteilung des Landeskrankenhaus Bregenz in Vorarlberg gesammelt, ehe sie nach Wiener Neustadt kam. Hier fiel die Entscheidung, auf der Haupt-Intensivstation ihr Wissen zu erweitern. An dieser Abteilung wurde sie vor viele Herausforderungen gestellt, die sie dankbar angenommen hat: „Für mich ist die Arbeit im Detail etwas Wunderbares. Ich erkannte meine Stärken, die Patienten mit allen Wunden, seelischen und körperlichen, genau und präzise, in akribischer Kleinarbeit zu pflegen und auch nonverbal mit ihnen zu kommunizieren. Es kommt unglaublich viel zurück, denn auch Menschen im Koma oder an Beatmungsmaschinen spüren die Zuwendung sehr gut, und es entsteht eine Art Beziehung“, erklärt Sigrid Trobi die Faszination der Arbeit im Extrembereich Intensivstation.

Umfassendes Berufsbild

Als im Oktober 1986 im Landesklinikum Wiener Neustadt die Kinderabteilung eröffnet wurde, arbeitete Trobi von Anfang an auf der Neonatologie mit. Zugute kamen ihr dabei ihre Erfahrungen in der Intensivkrankenpflege. Heute arbeitet sie als Stationsleitung hauptsächlich organisatorisch, um ihr Team bestmöglich zu leiten. An der Neonatologie und Pädiatrischen Intensiv- und Über­wachungsstation der Abteilung Kinder- und Jugendheilkunde werden auch Jugendliche bis 18 Jahre überwacht und intensivmedizinisch betreut. Dies sind unter anderem Kinder mit schweren Infektionen, Atemwegs- sowie Muskelerkrankungen, aber auch beinahe Ertrunkene oder Entzugs-Patienten. Auch diese Intensiv-Patienten fallen in Trobis Arbeitsbereich.

Den Menschen sehen

Monitore flimmern, Geräte piepsen, „Verkabelungen“ von kleinen Menschen an Maschinen dominieren das Bild in der Neonatologie. Sigrid Trobi bewegt sich routiniert durch die Räume, versteht es, die Technik mit menschlicher Liebe zu verbinden. „Wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt und ich sage ‚Kinderkrankenschwester‘, erfolgt meist ein ‚ooohh, wie schön, so lieb‘ als Kommentar. Doch dieser Beruf erschöpft sich nicht im Streicheln und Liebhaben der kleinen Patienten, sondern erfordert die ganze physische wie psychische Kraft und Aufmerksamkeit.“ Und freilich auch höchste pflegerische Kompetenz, verbunden mit dem technischen Wissen, um mit all den komplizierten Gerätschaften umgehen zu können – in enger Zusammenarbeit mit dem gesamten Ärzteteam.

Oft fühlt man mit

Immer mehr Kinder, auch viele Frühchen, werden per Kaiserschnitt entbunden. Da muss das Team sehr flexibel und spontan reagieren, denn Babys kümmern sich nicht um errechnete Geburtstermine und Dienstpläne. Sofort nach der Entbindung wird das Baby vom Kinderfacharzt und einer Kinderkrankenschwester erstversorgt und untersucht, inwieweit es etwa selbständig atmen kann. Wenn es der Gesundheitszustand erlaubt, wird es kurz den Eltern „zum Kennenlernen“ übergeben. Manchmal braucht es einen Ambu-Beutel, eine Art Maske, die Sauerstoff abgibt, oder ein Gerät zur Atemunterstützung. „In einigen Fällen wird das Neugeborene vom Arzt intubiert. Das zu erleben ist für fast jede Kinderkrankenschwester zu Beginn ihrer Berufstätigkeit eine seelische Belastung, und man leidet mit den Kindern mit.“ Genauso belastend kann es sein, einen Venen- oder Zentralzugang in den winzigen Körper zu stechen, notwendige Untersuchungen (wie Röntgen, Ultraschall, Augen- und Ohruntersuchungen) zu begleiten, Atemaussetzern entgegenzuwirken, zu helfen, wenn das Herz nicht ausreichend oft schlägt – das sind Notwendigkeiten, die nahegehen.

Frühchen unterstützen

In der täglichen Pflege gibt es viele Möglichkeiten, die Frühchen zu unterstützen, damit sie sich gut entwickeln: „Wir stimulieren die Atmung, indem wir dem Kind den Rücken streicheln, es am Ohrläppchen oder Füßchen sanft massieren.“ Zu Beginn werden viele Frühchen mittels Magensonde ernährt, bekommen alle zwei Stunden Muttermilch oder Frühgeborenen-Nahrung und zusätzlich Glucose-Elektrolyt-Infusionen, um kräftiger zu werden. Empathie ist Voraussetzung für diesen Beruf, dadurch nimmt man aber trotz aller Professionalität manche dieser Bilder mit nach Hause. Am schlimmsten ist es für das Team, wenn ein Kind den Schritt ins Leben trotz aller Bemühungen nicht schafft. Doch es gehört zum Beruf, auch damit umzugehen. Daher gibt es jedes Jahr um Pfingsten herum im Landesklinikum Wiener Neustadt eine Gedenkfeier für verstorbene Kinder, um ihnen und ihren Eltern Respekt zu zollen.

Vom Leichtgewicht zum Nestflüchter

„Es sind Meilensteine, wenn das Baby stabil ist, das erste Fläschchen trinkt, das erste Mal gebadet wird oder das erste Kilogramm auf die Waage bringt. Man baut eine Beziehung mit dem anvertrauten Kind auf, das ist eine sehr gefühlvolle und erhebende Seite des Berufs“, weiß Sigrid Trobi. Glücklicherweise erholen sich die Sprösslinge durchwegs sehr gut. Je nach Schwangerschaftswoche, manchmal erst nach etwa zwei Monaten, können sie in die elterliche Obhut übergeben werden. Das gehört jedes Mal zu den schönsten Augenblicken für Sigrid Trobi und ihr Team.
Als Kinderkrankenschwester ist man erste Bezugsperson zum Baby, wichtiges Bindeglied zu den Eltern, vernetzt Medizin und Pflege, muss psychologisches Verständnis, Einfühlungsvermögen mitbringen. Und schlussendlich macht die Qualifikation einer ausgebildeten Fachkraft auch ihre umfassende Erfahrung, ihr großes medizinisches und pflegerisches Wissen und ihre technische Fertigkeit aus. Mit vielen Dingen hat Sigrid Trobi gelernt umzugehen. Mit traurigen Momenten, mit Babys, die sich ins Leben kämpfen, mit Eltern im plötzlichen Ausnahmezustand und deren Reaktionen. „Vieles muss man lernen, vieles akzeptieren. Das eigene Denken und Handeln darf man jedoch nie über das Recht der Eltern auf ihr Kind stellen,
sondern diese Beziehung fördern.“
Julian ist heute ein „strammer“ Bub, wiegt vier Kilo, ist 52 cm groß (bei Redaktionsschluss). Erinnern wird er sich später wohl nicht mehr an seine ersten Lebensmonate und an Sigrid Trobi und ihr Team, die ihn mit aller Liebe, Empathie und Erfahrung in den ersten Wochen begleitet haben. Für die erfahrene Diplomkinderkrankenschwester hat Julian jedoch, neben vielen anderen Kindern, einen wichtigen Platz im „Arbeitsalltag“ eingenommen.

Landesklinikum Wiener Neustadt
Corvinusring 3–5
2700 Wiener Neustadt
Tel.: 02622/9004-0
www.wienerneustadt.lknoe.at

Wie wird man Diplomkinderkrankenschwester/-pfleger?

Um Diplomkinderkrankenschwester/-pfleger zu werden, muss man eine dreijährige Ausbildung im gehobenen Dienst für Kinder- und Jugendlichen­pflege abschließen.
Eine weitere Möglichkeit ist, nach dem allgemeinen Diplom der Gesundheits- und Krankenpflege eine einjährige Sonderausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpflege zu absolvieren.
Innerhalb von fünf Jahren als Diplomkinderkrankenschwester oder Diplomkinderkrankenpfleger auf einer Intensivstation muss man die „Spezielle Sonderausbildung in der Kinderintensivpflege“ durchlaufen. Für die Stationsleitung ist eine Ausbildung im basalen und mittleren Management vorgesehen.