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Ein Stück Alltag zurückgewinnen

Ob körperliche oder geistige Beeinträchtigungen: Ergotherapeuten helfen, ein Stück Selbständigkeit wiederzuerlangen.


©weinfranz

Herta Eder-Steindl lächelt ihrem Gegenüber zu und cremt vorsichtig seinen linken Mittel- und Ringfinger mit einer Salbe ein. Danach fährt sie langsam und behutsam mit einem länglichen metallischen Stift die beiden Finger entlang. „Tut’s weh?“, will sie wissen. „Ja“, sagt Anton H., beißt die Zähne zusammen und die Prozedur beginnt von Neuem. Diese Prozedur ist Teil einer ergotherapeutischen Behandlung im Landesklinikum Amstetten, der er sich unterzieht. Mitte Jänner hat eine Kreissäge die beiden Finger des 53-Jährigen bis zum Knochen durchtrennt. Die Operation ist gut verlaufen, die Finger wurden wieder angenäht, sind aber noch ganz dick, geschwollen und schmerzen. Die Ergotherapeutin erklärt: „Durch den Schnitt der Kreissäge ist das Gewebe ausgefranst, es kommt daher zu tiefen Verwachsungen, die sehr schmerzhaft sind.“

Narben richtig behandeln

Diese Verwachsungen werden mithilfe der Ergotherapie versucht zu lösen. Ein Hilfsgerät dazu ist beispielsweise die Narbenpumpe, eine Vakuumpumpe, die langsam über die betroffenen Stellen gezogen wird und so das verwachsene Gewebe herauszieht. Der längliche metallische Stift, den Herta Eder-Steindl vorhin verwendet hat, ist ein Akupunktur-Massage-Stäbchen zum Entstören der Narbe.
Im Ergotherapieraum im Landesklinikum Amstetten arbeiten an diesem Vormittag vier Therapeutinnen gleichzeitig. Die Ambulanz ist voll mit Patienten, die einen Termin zur Behandlung haben, einer nach dem anderen kommt an die Reihe. Eine Therapieeinheit dauert eine halbe Stunde, im Schnitt kommt eine Ergotherapeutin auf zehn Patienten pro Tag. Die meisten Patienten haben Beeinträchtigungen an den Händen, was mit dem Handchirurgie-Schwerpunkt des Landesklinikums zusammenhängt. Hier werden viele Patienten mit Handverletzungen operiert und bekommen danach als rehabilitative Maßnahme Ergotherapie verordnet.

Eingeschränkt im Alltag

So wie Edith K. Die 33-Jährige versucht mit der linken Hand eine kleine Holzkugel auf ein Stäbchen aufzufädeln. Klingt leicht, bereitet der Patientin jedoch große Schwierigkeiten. Ihre Hand zittert, die Kugel fällt zu Boden. Edith K. leidet an Morbus Sudeck, einer heimtückischen Gewebserkrankung, ihr linkes Handgelenk ist gefühllos. Seit Ausbruch der Krankheit hat sich ihr Leben grundlegend verändert, sie ist im Alltag sehr eingeschränkt, hat deswegen ihren Job verloren. Seit November des Vorjahres kommt sie zweimal pro Woche zur Ergotherapie ins Landesklinikum, immer zur gleichen Therapeutin, zu Julia Steiner. Die Therapeutin freut sich mit ihrer Patientin über jeden noch so kleinen Fortschritt, durch den sie ein kleines Stück Alltag zurückgewinnt.

Selbständig werden

Der Begriff Ergotherapie kommt aus dem Griechischen (ergon = Handlung, Werk) und besagt so viel wie Gesundung durch Handeln und Arbeiten.
Diese Therapieform ist ein medizinisches Heilmittel, das Menschen, die durch Erkrankung, Verletzung oder Behinderung eingeschränkt sind, hilft, ihre Handlungsfähigkeit im Alltag zurückzuerlangen oder zu erweitern. Ergotherapie wird vor allem angewandt bei Störungen der Motorik, der Sinnesorgane und der geistigen und psychischen Fähigkeiten – die Einsatzbereiche sind vielfältig. Ziel ist, dem Patienten zu größtmöglicher Selbständigkeit zu verhelfen. Dazu zerlegen Ergotherapeuten (Alltags)-Handlungen oder Tätigkeiten in kleinste Schritte, analysieren sie und finden die passenden ergotherapeutischen Maßnahmen, wie beispielsweise funktionelle Bewegungsübungen, therapeutische Spiele oder das Trainieren handwerklicher Tätigkeiten – individuell angepasst an den jeweiligen Patienten.

Kreativsein gefragt

Im Landesklinikum gibt es sogar eine eigene Therapieküche, in der die Patienten alltägliche Dinge wieder erlernen können, wie Essen, Trinken, Kochen. Durch Training, Umgestalten der Umgebung und/oder mit Hilfsmitteln sollen diese Aktivitäten wieder ermöglicht werden. Und gibt es kein passendes Hilfsmittel, wird eins erfunden. „Unser Beruf verlangt auch Kreativität“, betont Ergotherapeutin Herta Eder-Steindl, „wenn es kein passendes Hilfsmittel gibt, mit dem ein Patient bestimmte Bewegungsabläufe trainieren kann, dann lassen wir uns eins einfallen oder bauen es.“
Hilfsmittel sind oft ganz normale Alltagsgegenstände, sogar ein Gummiringerl kann sich therapeutisch als nützlich erweisen: Praktikantin Brigitte Tieber hat es um den kleinen Finger ihres Patienten gewickelt, er muss nun dagegenziehen. Mit dieser Übung kräftigt sie sein Gelenk, das nach einer Verletzung noch ganz steif ist.

Geschicktes Händchen

Auch handwerkliches Geschick ist vonnöten: Patient Heinrich S. (70) wurde vor einigen Wochen an der Hand operiert, nun passt ihm Ergotherapeutin Julia Steiner eine neue Schiene an. Das Besondere an der ergotherapeutischen Schiene ist, dass sie individuell angepasst wird. Die Therapeutin nimmt Maß an der Hand und wählt das passende Material aus, schneidet die Konturen der Hand auf thermoplastischem Material nach –  fertig ist die Schiene in Rohform. Diese kommt nun in ein 65 Grad heißes Wasserbad, in den Hydrokollator, damit sie biegsam wird. Mit routinierten Handgriffen fixiert Julia Steiner das Ganze am Unterarm, schneidet überschüssiges Material weg. Zum Abschluss schaut sie noch genau, ob irgendwo Druckstellen sind. Fertig!

Ergo- oder Physiotherapie?

Die Patienten werden nicht nur im Ergotherapieraum betreut, sondern auch auf den Stationen, erklärt Elisabeth Gugler, als leitende Physiotherapeutin auch zuständig für die Ergotherapeuten im Landesklinikum: „Ergotherapie kommt auch bei bettlägrigen Personen zum Einsatz, beispielsweise nach einem Schlaganfall wird der Patient passiv bewegt.“ Ist das nicht Aufgabe der Physiotherapie? „Bei den Patienten, deren Einschränkungen im körperlichen Bereich liegen, ähnelt sich die Arbeit von Ergo- und Physiotherapeuten häufig und es gibt am meisten Überschneidungen“, erklärt sie, „die Ergotherapie wendet sich nicht nur körperlichen Beschwerden zu, sondern nimmt sich auch psychischen, wahrnehmungszentrierten oder kognitiven Problematiken an.“
Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Zielsetzung und dem funktionsorientierten Ansatz in der Physiotherapie und dem handlungsorientierten Ansatz in der Ergotherapie. In der Ergotherapie sind besonders auch Tätigkeiten des täglichen Lebens, beispielsweise Wasch- und Anziehtraining, aber auch Selbstständigkeitstraining oder Hilfsmittelberatungen Teil der Therapie. Bei Patienten nach einem Schlaganfall oder mit einer Schädelverletzung unterstützen Ergotherapeuten dabei, Fähigkeiten wie Konzentration, Gedächtnis und Orientierung zu verbessern bzw. wiederherzustellen. Gugler resümiert: „So bildet jeder Beruf seine spezifische Vorgehensweise heraus, um das Bestmögliche für den Patienten zu erreichen.“

Einsatzgebiete der Ergotherapie

Ergotherapie ist ein wichtiger Teil einer ganzheitlichen Behandlung für alle Altersgruppen. Behandelt werden physische, psychische und auch soziale Beeinträchtigungen, die infolge von Krankheiten, Unfällen oder Entwicklungsstörungen aufgetreten sind. Ergotherapie kommt bei der Behandlung von neurologischen Patienten zum Einsatz, z. B. nach Schlaganfällen, bei Multipler Sklerose, nach Unfällen (Schädelverletzungen, Querschnittlähmung), sowie im Bereich der Handchirurgie, der Orthopädie und Psychiatrie, in der Kinderheilkunde und in der Geriatrie.

Ausbildung zum Ergotherapeuten

Um Ergotherapeut zu werden, braucht man die Matura, ein Krankenpflegediplom oder die Studienberechtigungsprüfung für Medizin und die erfolgreiche Absolvierung eines Aufnahmeverfahrens.
Die Ausbildung findet an Fachhochschulen statt, dauert drei Jahre und schließt mit Bachelor of
Science in Health Studies (BSc) ab.