Ein Ruheloser im Ruhestand
Bis 1999 war Franz Rupp Generaldirektor der NÖ Gebietskrankenkasse. Heute, in Pension, ist er so aktiv und beschäftigt wie eh und je. Die Geschichte eines „Erfolgssuchers“.

Ob zu Hause oder im Atelier: Franz Rupp malt für sein Leben gern und hat für seine Motive bereits die halbe Welt bereist. Foto: Markus Feigl
Sanft gleitet sein Finger über die zahllosen Blätter, die in einer der Schubladen in seinem Arbeitszimmer aufgestapelt sind. Hunderte Zeichnungen lagert er im zweiten Stock seines Hauses im Süden St. Pöltens. Hauptsächlich Aquarell-Malerei, aber auch der Holzdruck und – seit neuestem – die Tuschmalerei haben es ihm angetan. Hofrat Prof. Franz Rupp ist 77 Jahre alt und zeichnet seit seiner Kindheit. Auch seinen Vater hat er porträtiert, was sehr wichtig für ihn ist; er verstarb, als Rupp zwölf Jahre alt war. Die Kunst hat sein ganzes Leben geprägt. So ist es keine Überraschung, dass heute neben seinen Gemälden auch Werke seiner Frau Ingrid die Wände schmücken.
Zeichnerisches Talent
Geboren und aufgewachsen in Herzogenburg und stets Vorzugsschüler, begann er eine Lehre bei einer kleinen Firma für Karosseriebau. Er sollte dort Vorarbeiter und Betriebsleiter werden, da der Betrieb einem Verwandten gehörte, der selbst noch keine Kinder hatte. Die Lehre schloss er mit Auszeichnung ab, verletzte sich aber bei einem Arbeitsunfall die Wirbelsäule und durfte nicht mehr schwer heben. Als er hörte, dass man bei der Krankenkasse Leute suchte, bewarb er sich und wurde angenommen. „Irgendwann wurden wir neuen Angestellten gefragt, wer ein Zeichentalent hat. Da ich der Einzige war, der aufzeigte, bekam ich die Aufgabe, Tafeln mit etwa zwei mal zweieinhalb Metern mit Grafiken zu versehen, die die Leistungen der Krankenversicherung darstellen sollten“, erinnert er sich, „diese Tafeln haben Gefallen gefunden und so habe ich später Schulklassen und andere Besuchergruppen durch die Ausstellung geführt.“
Danach besuchte er verschiedene Kunstseminare und hatte seine erste Ausstellung in der Secession in Wien. „Ich hatte später Angebote aus den USA, eine Zeichenschule in Dallas zu gründen, und wurde nach Jordanien eingeladen, um Bilder für den dortigen Flughafen und die österreichische Botschaft zu zeichnen.“ Seither hielt er immer wieder Malkurse im Inland und im benachbarten Ausland. Für seine Tätigkeit wurde ihm der Prandtauer-Preis der Stadt St. Pölten verliehen.
Porträtmalerei
Nach langen Arbeitstagen im Büro nutzte er die Zeichnerei als Ausgleich. „Ich habe dann meistens den Pinsel in die Hand genommen und bin an die Traisen gefahren, um dort zu malen“, erzählt Rupp. Denn aus dem Gedächtnis malen ist nicht seine Sache. Er möchte sein Motiv vor sich haben. Das gilt für Landschaften wie für Menschen. Rupp verkauft selten Bilder, sondern stellt sie eher als Gegenleistung für seine Modelle zur Verfügung. „Wenn sich jemand von mir porträtieren lässt und ich fünf Porträts von ihm male, dann darf er sich am Ende eines aussuchen – das ist meine Gegenleistung dafür, dass die Person eben eine Zeit lang da sitzen muss.“
Der Aufwand ist deutlich höher als der Ertrag für ein Bild, erklärt er, deshalb stellt er seine Werke nur mehr selten aus. Einige seiner Motive wurden auf einem Regenschirm verewigt, den die Stadt
St. Pölten in einer Auflage von 1.000 Stück verkaufte. Rupp stolz: „Ich arbeite gerade an Bildern für den zweiten Schirm.“ Den St. Pöltner Altbürgermeister Willi Gruber beispielsweise hat er für die Ahnengalerie im Rathaus porträtiert.
Viel Ehrgeiz
In der Gebietskrankenkasse wurde er zum jüngsten Abteilungsleiter, er war immer ausgesprochen zielstrebig – was für ihn nicht immer von Vorteil war: „In den 80er-Jahren habe ich den Lehrgang Management für Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung besucht. Das wurde mir zunächst von meinem Vorgesetzten verboten, weil ich ja ‚nur‘ Abteilungsleiter war. So einen Management-Kurs dürfe doch nur ein Direktor besuchen.“ Als er sein Abschlusszertifikat über den Dienstweg einreichen wollte, wurde es zerrissen, erzählt er. Für ihn gibt es Misserfolgsvermeider und Erfolgssucher: „Misserfolgsvermeider wollen nichts angreifen, damit sie keine Fehler machen. Erfolgssucher wollen etwas umsetzen. Ich glaube, dass ich zur letzteren Kategorie gehört habe.“ So wurde er 1992 Generaldirektor der NÖ Gebietskrankenkasse.
Direkter Kontakt
Rupp baute die Krankenkasse zu einem modernen Dienstleistungsbetrieb um. Jedem Menschen, der kam, musste geholfen werden. War die Krankenkasse nicht zuständig, musste beispielsweise zumindest Telefonkontakt zur zuständigen Behörde hergestellt werden. Rupp: „Das hat dazu geführt, dass wir vier Jahre in Folge bei Meinungsumfragen der Arbeiterkammer NÖ der Dienstleister mit dem höchsten Vertrauen in der Bevölkerung waren.“ Sein Motto war: Wer etwas verändern will, muss bei sich selbst beginnen. Deshalb konnte man Rupp stets direkt am Telefon erreichen. Ohne Sekretariat oder sonstige Zwischenschaltungen – „ein riesiger Zeitaufwand, aber wichtig für die Kundenzufriedenheit.“ Die Qualitätskontrolle übernahm er kurzerhand selbst, indem er sich bei Gelegenheit vor die Türen der Außenstellen der Krankenkasse stellte und die Kunden fragte, ob sie gut beraten worden waren. Wenn damals ein Angestellter jemanden beleidigte, dann musste er sich entschuldigen. Notfalls mit ein paar Blumen.
Vorläufer der E-Card
In seiner Amtszeit wurde ein größeres Augenmerk auf die Gesundheitsvorsorge gelegt und ein einheitliches Datenverarbeitungssystem für alle Gebietskrankenkassen in Österreich angestrebt. Auch die ärztliche Versorgung am Land war Rupp sehr wichtig: Er wollte, dass sich Fachärzte auch in Nicht-Bezirkshauptstädten ansiedeln. Außerdem war Franz Rupp einer jener Pioniere, die seit Mitte der 80er-Jahre an der schwierigen Entwicklung der E-Card mitwirkten, die seit 2005 bundesweit den Krankenschein ersetzt.
Wünschelrutengänger
Rupp hat noch eine andere Leidenschaft: „Ing. Malzacher, ein Malerkollege, hat mich zur Radiästhesie, dem Wünschelrutengehen, gebracht“, erzählt Rupp. „Ich habe ihn im ORF gesehen und beim nächsten Wiedersehen zu ihm gesagt: ‚Du bist doch der größte Scharlatan, so einen Blödsinn glaubst du doch selber nicht!‘ Doch er meinte, er würde es mir beweisen und drückte mir eine Weidenrute in die Hand.“ Und tatsächlich stellte Rupp fest, dass er selbst „rutenfühlig“ ist und Strahlenkreuzungen in der Erde erkennen kann. Später war er dann an der Gründung des Europäischen Zentrums für Umweltmedizin beteiligt: „Für diese Tätigkeit habe ich aber nie etwas verlangt“, stellt Rupp klar. Aus 28 Bewerbern wurden drei Rutengänger ausgewählt, die die gleichen reproduzierbaren Ergebnisse erspürten und dann Hausuntersuchungen durchführten. „Das wurde später aus finanziellen Gründen abgedreht“, ist Rupp enttäuscht. Der Erfolg der Arbeit war aber eindeutig: „Wenn Kinder Bettnässer waren oder oft krank, selbst bei Krebspatienten konnte man eine Verbesserung der Lebensqualität herstellen, wenn man das Bett umstellte.“
Lebensretter
Vor allem Bauern waren dafür sehr offen, wie Rupp erzählt, denn schließlich ging es bei ihnen um die Gesundheit ihrer Tiere und man stellte fest, dass beispielsweise Schweine, die an bestimmten Stellen im Stall lagen, öfter Fehlgeburten hatten als andere. Rupp weiter: „Es ist altbekannt, dass
Katzen einen solchen Strahlungskreuzungsplatz suchen und Hunde diesen meiden. Das heißt, dort wo Hunde schlafen, ist alles in Ordnung, dort wo Katzen schlafen, sollte man sein Bett nicht hinstellen.“ Auf Anfrage habe er die Radiästhesie außerhalb des Instituts aber nur in Einzelfällen betrieben: „Ein schönes Beispiel für eine Ausnahme war eine Wirtin im Waldviertel, in deren Gästehaus ich öfter über Nacht blieb, um dort in der Natur zu malen. Als ich wieder einmal dort war, erzählte mir ihre Tochter, die Mutter läge oben im Bett und mache sich bereit zum Sterben. Ich bin dann in ihr Zimmer gegangen und habe den Raum untersucht und ihr Bett verstellt. Die nächsten sechs Monate habe ich alle paar Tage angerufen und gefragt, wie es ihr geht. Anfangs ging es ihr sehr schlecht, aber nach wenigen Monaten stand sie wieder in der Küche und arbeitete. Bei einem Besuch sagte sie dann zur mir: ‚Herr Rupp, ich habe Ihnen mein Leben zu verdanken. Heute sind Sie mein Gast.‘“ Nachdenklich fügt er hinzu: „Anfangs war ich
ein Kritiker, aber es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die können wir wahnsinnig schwer einschätzen.“
Voller Terminkalender
1999 ging Rupp in den Ruhestand. Eigentlich ist Ruhestand das falsche Wort, denn sein Terminkalender ist nach wie vor voll: Jeden Dienstag trifft er sich mit seiner Malergruppe in Weissenkirchen oder Langenlois. Jeden Donnerstag besteigt er mit seiner Wandergruppe einen Berg, egal ob Sommer oder Winter. Und nach wie vor nimmt er auch unentgeltliche Auftragsarbeiten wie für den neuen Regenschirm der Stadt St. Pölten an, um seine große Liebe, die Malerei, einer breiten Öffentlichkeit präsentieren zu können.
Ein tatsächlicher Ruhestand ist also noch nicht in Sicht. Auch wenn sein damaliger Krankenkassen-Obmann, Ferdinand Ebner, einmal zu ihm gesagt hat: „Pass auf, du bist wie ein Esel. Und einem Esel lädt man einen Sack auf. Wenn er ihn trägt, lädt man einen zweiten auf. Und dann einen dritten und einen vierten, bis er zusammenbricht. Nimm nicht alles an, worum man dich bittet!“ Rupp allerdings wirkt selbst mit seinen 77 Jahren noch, als könnte er noch zwei, drei weitere Säcke stemmen.




