Ein Kämpfer mit großen Zielen
Vor sieben Jahren verlor Martin Würz seine linke Hand – aber nicht seinen Lebensmut und nicht die Liebe zum Sport. In Sotschi feierte der 20-jährige Skirennläufer vor kurzem seine Premiere bei den Paralympics. In vier Jahren soll Edelmetall folgen.
Die Zahl 13: Für die einen bringt sie einfach immer nur Unheil, für die anderen ist sie der Glücksbringer schlechthin. Für Martin Würz war sie so etwas wie eine Kombination aus beidem. Der Maissauer, der seit letztem Jahr in Horn lebt, verlor im Alter von 13 bei einem Unfall mit einem Feuerwerkskörper seine linke Hand. Ohne diesen Unfall wäre der heute 20-Jährige aber nie Mitglied des erfolgreichen österreichischen Skiteams geworden, das im März bei den Paralympics in Sotschi elf Medaillen eroberte. Mit seinem Unfall hat der Niederösterreicher längst abgeschlossen. Mit seinem Schicksal hat er sich bestens abgefunden. Mit seinen bisherigen sportlichen Erfolgen will er sich aber noch nicht zufrieden geben. Bei den nächsten Paralympics im Jahr 2018 will der ehrgeizige Flachländer nämlich vor allem eines: Edelmetall. Unmöglich ist das nicht, denn im Leben des Martin Würz dreht sich mittlerweile alles um den Skisport.
Eine folgenschwere Idee
Das war nicht immer so. Gerne Skigefahren ist Würz zwar auch schon als Kind, aber nie wirklich rennmäßig. Wettkämpfe bestritt er eher im Laufen und Radfahren. Abseits vom Sport war der Niederösterreicher ein aufgeweckter Bursche – und manchmal etwas leichtsinnig. Das sollte ihm am 3. Mai 2007 zum Verhängnis werden. Mit einem Freund kam er an diesem Tag auf die folgenschwere Idee, aus Schweizer Krachern, die von Silvester noch übrig waren, einen Riesenböller zu bauen. Die beiden leerten dafür das Schwarzpulver von etwa 50 bis 70 Piraten in ein Rohr. Der große Knall kam aber zu früh, denn der Böller explodierte noch beim Basteln. Und das in der linken Hand von Martin Würz. „Ich war die ganze Zeit bei Bewusstsein und hab herumgeschrien, wie dumm ich nicht bin“, erinnert er sich an die tragischen Ereignisse. Sein Freund blieb bei dem Unfall unversehrt. „Ich hab alles abgefangen“, grinst Würz. Und das nicht zu wenig. Leichte Verletzungen am Oberschenkel und im Gesicht verheilten später ohne gröbere Narben, für die Hand konnten die Ärzte im Wiener AKH aber nichts mehr tun. „Zuerst wollten sie noch einen Finger retten, aber das hat alles nicht funktioniert. Darum haben sie mir die Hand dann ganz abgenommen“, schildert Würz heute ohne sichtliche Emotion. Damals brach für ihn aber vorerst einmal die Welt zusammen.
Es geht auch mit nur einer Hand
„Wenn ich früher jemanden gesehen habe, der nur eine Hand hatte, hab ich mir immer gedacht, der ist arm und das wäre nichts für mich, weil ich dann nichts mehr machen kann“, fasst Martin Würz seine Gedanken vor dem Unfall zusammen. Sehr schnell erkannte er aber, dass das absolut nicht stimmt und er auch ohne linke Hand sehr gut zurechtkommt. So gut, dass er seinen Unfall heute nicht mehr rückgängig machen würde, falls das möglich wäre. „Ich habe jetzt so viele Möglichkeiten, die ich vorher nicht hatte. Und mir geht die Hand nicht ab. Ich sehe echt keinen Nachteil und kann eigentlich alles machen.“ Mittlerweile meistert Martin Würz den Alltag so gut, dass er seine myoelektrische Prothese fast nicht mehr verwendet. „Sie ist unangenehm, weil man darunter schwitzt. Und es geht auch ohne“, betont der Skisportler. Schuhe binden dauert eben etwas länger und bei anderen alltäglichen Dingen wird man ohne Prothese eben erfinderisch. „Wenn ich ein Sackerl aufreißen will, stütze ich mich halt gegen den Tisch oder zwicke es irgendwo ein“, nennt er ein Beispiel. „Nur beim Tischfußballspielen ist es nicht so geschickt, wenn man nur mit einer Hand spielt“, ergänzt er mit einem Augenzwinkern. Seine Sportprothese hat Martin Würz hingegen häufig im Einsatz. Sie ermöglicht ihm auch schweres Krafttraining und gefahrloses Radfahren.
Nur Skifahren kam in Frage
Dass der Unfall einem bewegten und sportlichen Leben nicht im Wege steht, bemerkte Martin Würz sehr bald. Genau genommen drei Wochen danach. Zwischen Spitalsaufenthalt und fünfwöchiger Reha am Weißen Hof in Klosterneuburg verbrachte der Teenager eine Woche zu Hause. „Obwohl ich noch nicht einmal die Nähte heraußen hatte, bin ich schon Fußball spielen gegangen“, verdeutlicht Würz seinen ausgeprägten Bewegungsdrang. Den darf er jetzt als Leistungssportler so richtig ausleben.
Nach der Reha folgte der erste Kontakt mit dem niederösterreichischen Versehrtensportverband. Mitte August 2007 wurde Martin Würz zum Jugendtag nach St. Pölten eingeladen. Dort wurden ihm sämtliche Möglichkeiten, die der Behindertensport zu bieten hat, vorgestellt. Für Würz war zu diesem Zeitpunkt bereits unumstößlich klar: „Wenn ich etwas machen möchte, dann ist es Skifahren.“ Danach ging alles relativ schnell. Bereits im Dezember nahm er an ersten Trainingskursen teil. Die Trainer bescheinigten ihm Potenzial und trauten ihm zu, es mit dem nötigen Ehrgeiz weit nach oben zu schaffen. An Ehrgeiz mangelte es bei Martin Würz nie. Bereits 2008 wurde er in den NÖ-Kader aufgenommen, die Aufnahme in den österreichweiten Kader folgte im Jahr 2011. Im Vorjahr qualifizierte sich Würz dann für die Weltmeisterschaft, heuer startete er bei den Paralympics.
Eine steile Karriere, die mit sehr viel Fleiß und noch mehr Training verbunden ist. Die Saison beginnt für Würz und seine Kollegen bereits im September mit den ÖSV-Kursen am Gletscher. Zwischen 100 und 150 Tagen stehen die Athleten in den folgenden Monaten auf Skiern. Im Sommer liegt der Schwerpunkt dann am Konditions- und Krafttraining. Bei Martin Würz sind das drei bis vier Stunden Training täglich. Dass bei einem derart zeitaufwändigen Trainingsalltag, der für den Niederösterreicher vor allem im Winter mit langen Anfahrtswegen verbunden ist, das Maschinenbau-Studium zu kurz kommt, liegt auf der Hand. „Ich versuche im Sommersemester etwas mehr zu machen und aufzuholen, was ich im Wintersemester versäumt habe. Mir ist auch bewusst, dass ich mit dem Studium länger brauchen werde“, liegt der Fokus von Würz derzeit voll auf dem Sport. Und da läuft es in den letzten Jahren richtig gut.
Den Plan genau erfüllt
Vor vier Jahren hatte sich Martin Würz mit seinen niederösterreichischen Trainern Günter Hirnböck und Robert Wywias ein großes Ziel gesetzt: die Teilnahme an den Paralympics in Russland. „Sie haben einen Plan aufgestellt, was ich jedes Jahr erreichen muss, damit ich es bis Sotschi schaffe. Wenn man das jetzt im Nachhinein betrachtet, dann stimmt das fast eins zu eins überein“, erklärt der groß gewachsene Skirennläufer. Über seine Leistungen in Sotschi war Würz dann aber nicht hundertprozentig glücklich. Ein siebenter Platz im Riesentorlauf und in der Super-Kombination (Super G + Slalom) stellten ihn noch zufrieden, mit Rang neun im Slalom blieb er aber hinter seinen eigenen hohen Erwartungen zurück. In seiner Spezialdisziplin hatte der Waldviertler mit einer Medaille spekuliert, kam aber mit der Piste, die durch die hohen Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad Celsius enorm gelitten hatte, einfach nicht zurande. „Das war so eine richtige Bobbahn mit extremen Löchern. Auf so einer Piste bin ich noch nie gefahren“, fasst Würz die schwierigen Bedingungen zusammen.
Um in die Medaillenränge zu fahren, muss für den Niederösterreicher aber immer alles passen. Das liegt vor allem am Zeitfaktorsystem, das im Behindertensport zum Einsatz kommt. Je stärker nämlich die Behinderung ist, desto langsamer läuft die Zeit. Athleten wie Martin Würz, denen „nur“ eine Hand oder ein Unterarm fehlt, fahren hingegen immer in Echtzeit und müssen daher Zeit auf die Konkurrenten herausholen. „Das ist nicht immer ganz fair und vor allem streckenabhängig. Auf einem flachen Hang zum Beispiel ist es nicht so ein großer Nachteil, wenn man eine stärkere Behinderung hat. Für mich ist es aber schwieriger, auf einem flachen Hang Zeit gutzumachen“, plädiert Würz für eine Überarbeitung der Faktoren. Er würde sich wünschen, dass die Höhendifferenz und somit die Steilheit eines Hanges in die Faktoren eingerechnet wird. „Das wäre fairer und eine ganz einfache Sache“, ist er überzeugt.
Hoffnung auf Edelmetall in Korea
Vom nicht immer gerechten System lässt sich Martin Würz aber nicht entmutigen. Im Gegenteil. Er arbeitet noch härter, um seine nächsten großen Ziele in die Tat umzusetzen, denn die Medaille, die er sich schon für Sotschi erträumt hatte, soll nun eben bei den nächsten Großveranstaltungen folgen. „Natürlich möchte ich im Prinzip einmal alles erreichen, was man als Skifahrer erreichen kann: also WM-Medaillen, Paralympics-Medaillen und den Gesamtweltcup“, hat sich Würz, der noch zehn Jahre weiterfahren möchte, für die Zukunft viel vorgenommen. Ein ganz großes Ziel sind jedenfalls die Paralympics 2018 in Pyeongchang in Südkorea, von denen er mit einer Medaille im Handgepäck zurückkehren möchte. Dass ihm das in Sotschi noch nicht gelungen ist, dafür hat Würz mittlerweile auch schon eine Erklärung gefunden: „Ich hab ja erst vor ein paar Jahren zu trainieren begonnen. Wenn ich jetzt schon eine Medaille gemacht hätte, wäre das ein kleines Wunder gewesen.“ Und Wunder passieren bekanntermaßen eher selten. Auch im Sport.
Steckbrief Martin Würz
- Geburtsdatum: 10.08.1993
- Wohnort: Horn, Maissau
- Studium: seit 2012 TU Wien (Wirtschaftsingenieurwesen-Maschinenbau)
- Hobbys: Skifahren, Radfahren, Laufen, Volleyball
- Im ÖSV-Kader: seit 2011
- Behinderung: Amputation der linken Hand nach einem Unfall mit einem Feuerwerksköper im Jahr 2007
- Größte sportliche Erfolge: Europacup 2014 (Sieg im Riesentorlauf in Piancavallo, Platz 1 in der Slalom- und Riesentorlaufwertung, Platz 2 in der Europacup-Gesamtwertung), Paralympics Sotschi 2014 (Platz 7 in der Super-Kombination, Platz 7 im Riesentorlauf, Platz 9 im Slalom), WM La Molina 2013 (Platz 1 im Teambewerb, Platz 14 im Riesentorlauf, Platz 16 in der Super-Kombination)
Informationen:
www.martinwuerz.at
Die Paralympics 2014
Die Olympischen Spiele der Körperbehinderten gingen von 7. bis 16. März 2014 im russischen Sotschi über die Bühne. 550 Sportler aus 45 Nationen waren bei den Winter-Paralympics am Start, bei denen in sechs Sportarten (Ski alpin, Para-Snowboard, Biathlon, Langlauf, Ice-Sledge-Hockey, Rollstuhl-Curling) Medaillen vergeben wurden. Das österreichische Team bestand aus 13 Sportlern (zwölf Männer, eine Frau). Darunter waren elf Skifahrer, ein Athlet, der die nordischen Bewerbe Biathlon und Langlauf in Angriff nahm, und der niederösterreichische Para-Snowboarder Georg Schwab. Die rot-weiß-roten Vertreter eroberten insgesamt elf Medaillen (alle in den alpinen Ski-Bewerben). Die einzige Dame und beste niederösterreichische Teilnehmerin (Claudia Lösch) durfte sich über zwei Silbermedaillen freuen. Erfolgreichster Athlet war der Kärntner Markus Salcher, der Zimmerkollege des Niederösterreichers Martin Würz, mit zweimal Gold und einmal Bronze. Martin Würz fuhr bei seinen ersten Paralympics zwei siebente und einen neunten Platz heraus.





