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„Ein ganz besonderer Augenblick“

Der Beruf der Hebamme ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt. Die Geburtshelferinnen betreuen Frauen ab dem Zeitpunkt, ab dem sie von ihrer Schwangerschaft wissen, oder bereits ab dem Kinderwunsch bis nach der Geburt des Kindes. Ein Beruf mit großen Emotionen.


FOTOS: Christa Hochpöchler

Landesklinikum Amstetten

Krankenhausstraße 21 3300 Amstetten
Tel.: 07472/9004-0
www.amstetten.lknoe.at

Wenn Petra Riesenhuber, Leiterin der Hebammen im Landesklinikum Amstetten, von ihrem Beruf erzählt, gerät sie ins Schwärmen: „Unsere Hände sind unser Werkzeug. Sie sind das Erste, das ein Baby spürt, wenn es zur Welt kommt. Jede Geburt ist ein ganz besonderer Augenblick.“ Auch nach 15 Jahren ist ihr Beruf für die 45-jährige Vollblut-Hebamme nicht Routine, sondern eine stetige Herauforderung: „Man muss beim fachlichen Wissen stets am neusten Stand sein, aber nie die Natürlichkeit und Spontaneität einer Geburt aus den Augen verlieren.“

Mehr als Geburtshilfe

Hebammen sind viel mehr als Geburtshelferinnen: Sie begleiten Frauen ab dem Kinderwunsch oder dem Zeitpunkt, ab dem sie über ihre Schwangerschaft Bescheid wissen, bis weit nach der Geburt. „Wir machen Geburtsvorbereitungskurse und Hausbesuche, geben Beistand bei der Geburt, egal ob zu Hause, im Geburtshaus oder im Krankenhaus, und bieten zusätzliche Angebote wie Akkupunktur, Hebammenberatung, Sprechstunden, Schwangeren-Yoga, Bauchtanz, Craneo Sacral, Babyschwimmen oder Vorträge an“, listet Petra
Riesenhuber das breite Angebot ihres Teams auf. „Viele Hebammen geben auch psychosoziale
Hilfestellungen und arbeiten als sogenannte Familienhebammen, die sich speziell um junge Mütter oder sozial schwächere Familien kümmern.“

Theorie & Praxis

Hebammen lernen ihren Beruf in einem Fach­hochschullehrgang, der sich über sechs Semester erstreckt, und zwar von Anfang an in Theorie und Praxis (siehe Kasten Seite 08). Welche persönlichen Eigenschaften sind dafür wichtig? „Liebe und Verständnis für Menschen“, empfiehlt Petra Riesen­huber und erklärt: „Geburten sind nie Alltagssituationen und führen zu besonderen Aktionen und Reaktionen.“ Der Beruf der Hebamme, einer der ältesten Frauenberufe der Welt, ist für Petra Riesenhuber ein Beruf mit Zukunft: „Hebammen werden immer gebraucht. Wichtig ist, dass sich der Beruf mitwandelt, wie sich auch das Gebären im Laufe der Zeit verändert.“ Sie begrüßt den Trend zur
Akademisierung der Ausbildung: „Das jahrhundertelange Wissen muss belegt werden, daher ist das wissenschaftliche Arbeiten so wichtig.“

Alles perfekt machen

Die Bedürfnisse und Anforderungen der Frauen haben sich verändert, weiß Petra Riesenhuber, die seit 1999 als Hebamme arbeitet. „Geburten sind heute viel selbstbestimmter. Frauen gehen etwa nicht einfach mehr in das nächstgelegene Krankenhaus. Sie informieren sich im Vorfeld über die verschiedenen Angebote unterschiedlicher Häuser und entscheiden selbst, wo sie ent­binden.“ Frauen bekämen heute weniger Kinder, oft nur noch eins, und wollen dafür dann alles perfekt machen. „Wir versuchen den Frauen immer mitzugeben, dass eine Geburt etwas ganz Natürliches ist. Gebären geschieht vom Herzen und vom Bauch aus.“ Der Trend geht derzeit Richtung ambulante Geburt mit einem anschließenden Aufenthalt im Krankenhaus von unter 24 Stunden, oder zur frühen Entlassung noch vor dem vierten Wochenbett-Tag.

Viele Herausforderungen

Hebammen brauchen Organisationstalent: Im Vorjahr gab es im Landesklinikum Amstetten 875 Geburten, „manchmal eine ganz schöne Herausforderung, doch im Team schaffen wir es immer“, lächelt Petra Riesenhuber. 17 Hebammen arbeiten derzeit in der Amstettner Geburtenstation im Kreißzimmer und am Wochenbett. Ihr Dienst läuft über zwölf Stunden am Stück, es sind immer zwei Hebammen gleichzeitig vor Ort. Von Montag bis Freitag ist außerdem Stationsleiterin Petra Riesenhuber im Dienst. Neben den täglichen Arbeiten wie Routinekontrollen oder Kreißzimmerführungen zählt hauptsächlich eins: Stets bereit sein, denn Babys kommen 365 Tage im Jahr und
24 Stunden am Tag zur Welt. „Es gibt keine freien Feiertage und Sonntage. Das muss einem schon klar sein, dass der Hebammenberuf nicht der familienfreundlichste ist“, erklärt die Chef-Hebamme.

Individuelle Betreuung

Bei einer Geburt ist es das Wichtigste, dass sich die Frauen gut betreut und wohl fühlen. „Es ist eine ganz besondere Zeit, die man miteinander hat, sehr kurz, aber so besonders“, schwärmt Petra Riesenhuber. Dabei sind Hebammen stets gefordert, gänzlich auf die Frau samt Partner einzugehen und sie individuell zu betreuen. „Es ist schon eine Kunst. Man muss sich einfühlen und empathisch sein.“ Auch mit sprachlichen Barrieren werden die Hebammen öfter konfrontiert. Im Landesklinikum Amstetten übersetzt daher eine Arbeitsgruppe die wichtigsten Informationen in zehn Sprachen, damit „wir der Frau zumindest in Schriftform das Wichtigste erklären. Wir haben auch eine türkische Kollegin, eine andere lernt gerade russisch.“ Bei der eigentlichen Geburt sei es aber gar nicht so wichtig, die Sprache des anderen zu beherrschen: „Da geht es dann nicht um Worte, sondern um Beistand.“

Geborgen & wohl fühlen

Gebären kann Frau auf mehreren Wegen, wie die Hebammen zu sagen pflegen: an Land und an
Wasser. Die Spontangeburt ermöglicht die viel­fältigsten Positionen – im Hocken, im Stehen, im Knien, im Bett sitzend, in Seitenlage oder in Knie-Ellbogen-Lage. „Es kommt ganz darauf an, wie sich die Frau wohl fühlt. Je wohler und geborgener sie sich fühlt, desto besser kann sie mit den Wehen umgehen“, erklärt Petra Riesenhuber. Die Geburt liegt zur Gänze in den Händen der Hebammen. „Kommt es zu Pathologien, holen wir aber sofort einen Arzt.“ Wichtig ist, dass eine Vertrauensperson für die Frau bei der Geburt mit dabei ist. „Meistens ist es der Partner. Das ist aber sicher nicht jedermanns Sache und man sollte vorher schon darüber sprechen. Die Gesellschaft verlangt es zwar, dass der Partner dabei ist, ich sage aber immer, ein guter Vater ist nicht der, der bei der Geburt dabei ist,
sondern die nächsten 25 Jahre für sein Kind da ist“, sagt Riesenhuber.

Gefühle & Emotionen

Große Gefühle sind bei der Geburt nicht nur bei der Frau oder dem Paar gegenwärtig. Auch die Hebammen werden jedes Mal mit vielen Emotionen konfrontiert. Eine gute Psychohygiene ist für sie daher unabdingbar. „Natürlich lege ich die Erlebnisse zu Hause nicht ab wie einen Mantel. Man muss sie aber abgrenzen können“, beschreibt Petra Riesenhuber. „Zum Glück gibt es nur selten Geburten, die schwierig sind oder bei denen die Babys gar tot zur Welt kommen.“ Doch wie gehen die Hebammen mit einer Totgeburt um? „Es ist wichtig, mit den Frauen mitzutrauern. Oft muss man auch gar nichts sagen, man muss einfach dabei sein. Kommt ein Kind tot zur Welt, wird es genauso behandelt wie ein lebendes. Es wird, wenn es die Frau will, genauso auf ihre Brust gelegt und gebadet.“

Alljährliche Trauerfeier

Für Tot- und Fehlgeburten wird in Amstetten jedes Jahr auch zwischen Mutter- und Vatertag am Friedhof eine Gedenkfeier veranstaltet. Ein katholischer, ein evangelischer und ein muslimischer Geistlicher gestalten diese Feier gemeinsam. Auch die Hebammen sind immer dabei. Trauer sei wichtig, sagt Petra Riesenhuber, „egal wie groß oder klein das Baby war, es war immer ein Kind!“ Die leitende Hebamme erzählt von zwei älteren Damen, die jedes Jahr zum Gedenken kamen. „Eines Tages fragten wir sie dann, wieso sie jedes Jahr kommen und sie erzählten uns, sie hätten vor 55 Jahren ein Kind verloren. Jedes Jahr trauern sie noch darum.“ Über Fehlgeburten, oft lange vor dem Geburtstermin, wird immer noch wenig gesprochen, auch wenn diese sehr häufig vorkommen. Man rechnet damit, dass 15 bis 20 Prozent aller Schwangerschaften davon betroffen sind.

50.000stes Baby im Jänner

Seit dem 15. Jänner 1968 gibt es die geburtshilfliche Abteilung am Landesklinikum Amstetten. Knapp 46 Jahre später, am 28. Jänner 2014, wurde hier das 50.000ste Baby begrüßt. Nach zwei Jahren in einem Provisorium steht der ersehnte Umzug in neue Räume bevor: Es wird vier Kreißzimmer mit Gebärwannen geben, einen Eingriffsraum für Notkaiserschnitte und eine Neonatologie, wo Kinder ab der 34. Woche betreut werden können. Insgesamt gibt es 34 Betten, und die Gynäkologie und die Wochenbett-Station befinden sich dann auf einer Ebene. Petra Riesenhuber und ihre Team freuen sich schon auf den Umzug in die neuen modernen Räumlichkeiten, „auch wenn im entscheidenden Moment eigentlich ganz egal ist, ob die Wände blau oder grün sind und wie es rundherum aussieht“, lacht sie.

Neu: Hebammen-Beratung im Mutter-Kind-Pass

Die Mutter-Kind-Pass-V-Novelle 2013, eine Verordnung des Bundesministeriums für Gesundheit, integriert seit dem 1. März 2014 eine vorgeburtliche Beratung der werdenden Mütter durch eine Hebamme zwischen der 18. und 22. Schwangerschafts­woche in den Mutter-Kind-Pass. Die etwa einstündige Beratung wird von der Sozialversicherung bezahlt.
Die Themen sind Ernährung, Bewegung, Nikotin, Alkohol, Drogen, Stillen, allgemeine Gefährdung für Mutter und Kind, Geburtsvorbereitung, Schwangerengymnastik und Formen der Geburt.

Ausbildung zur Hebamme

In einem Fachhochschullehrgang, der sich über sechs Semester erstreckt, absolvieren Studentinnen eine duale Ausbildung, das heißt, ab dem ersten Semester wird sowohl in Theorie als auch in der Praxis unterrichtet. In Niederösterreich wird das Studium, das mit dem Titel Bachelor abschließt, in Krems angeboten. Österreichweit gibt es insgesamt sieben Ausbildungs­stätten: Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Krems, Linz, Puch/Salzburg und Wien.
Voraussetzung für das Studium ist die Matura oder eine Studienberechtigungsprüfung. Da nur eine begrenzte Anzahl an Studienplätzen zur Verfügung steht, müssen sich die Bewerber nach einer Online-Bewerbung einem psychologischen Eignungstest und einem Aufnahmegespräch unterziehen. Auch Nachweise der gesundheitlichen Eignung und der Unbescholtenheit sind erforderlich.
Nach dem Bachelorstudium gibt es noch einen Masterlehrgang für Hebammen an der Donau-Universität Krems. Dieser Universitätslehrgang „Midwifery“ (englisch für Geburtshilfe) startete als erstes Masterstudium für Geburtshilfe im deutschsprachigen Raum im Sommersemester 2007. Der Lehrgang vermittelt Hebammen in Leitungspositionen neben dem medizinischen Fachwissen auch Sozial-, Management- und Rechtskompetenz.