Durch Dick und Dünn
Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen ist heute leider eher die Regel als die Ausnahme. Das Programm „Durch Dick und Dünn“ weist ihnen den Weg, wie sie ihre Ernährungs- und Lebensgewohnheiten umstellen und abnehmen können.

Madeleine aus St. Pölten und Sarah aus Eschenau wollen die überflüssigen Kilos endlich loswerden. Beim Programm „Durch Dick und Dünn“ lernen sie, wie‘s geht. FOTO: Gerald Lechner
Wie gerne würde ich abnehmen – aber es ist so schwierig! Wer kennt das Problem nicht? Oft nur ein paar Kilos zu reduzieren ist eine große Herausforderung, geprägt von Rückschlägen und Frustrationen. Und die schlagen sich oft in einem nieder: in neuen Kilos. Um wie viel schwerer ist es für übergewichtige Kinder und Jugendliche, dem Zuviel an Kilos Herr zu werden. Die nötige Konsequenz aufzubringen, das ebenso wichtige Wissen um die Ernährungs- und Bewegungszusammenhänge zu erlangen. Alleine, ohne Hilfe fast ein Ding der Unmöglichkeit. Um diese Kinder auf ihrem Weg zu weniger Gewicht und mehr Lebensqualität zu unterstützen, wurde das Programm „Durch Dick und Dünn“ entwickelt, das bereits seit vielen Jahren läuft. Es hilft niederösterreichischen Kindern von sechs bis 16 Jahren und informiert und schult gleichzeitig ihre Eltern. Denn nur gemeinsam schaffen sie Erfolge.
Experten helfen
Vier Säulen sind es, auf denen das Programm der Initiative »Tut gut!« in Kooperation mit den Kinder- und Jugendabteilungen der NÖ Landeskliniken aufbaut: Medizin, Diätologie, Sport und psychosozialer Bereich. Schon vor dem Start des Programms werden die Kinder medizinisch untersucht. Ein intensives Aufnahmegespräch ist die Basis, die Eltern erhalten alle wichtigen Details bei einem Informationsabend. Beim ersten Treffen sind alle eingeladen, Kinder und Eltern. Ein Kennenlernen steht an, mit Spielen und Spaß – die erste Hemmschwelle ist genommen. Einmal wöchentlich kommt die Gruppe nun zusammen. Manchmal gemeinsam mit den Eltern, oft aber auch nur die Jugendlichen, und die Eltern erhalten parallel Seminare. Die Themen laufen bei den Eltern und Kindern gleichzeitig, damit alle auf demselben Wissensstand sind und so vom neu Erlernten bestmöglich profitieren können.
Wie viel Zucker steckt im Eistee?
Im Bereich der Diätologie steht die gesunde Ernährung im Mittelpunkt. Wie viel Zucker und Öl in Lebensmitteln enthalten sind, ist ein wichtiges Thema. Denn beides wird oft unterschätzt, versteckte Dickmacher lauern in vielen Produkten. Wie viel Zucker ist im Ketchup, im Eistee, im Cola? Legt man die entsprechende Zahl an Zuckerstücken auf, können die Kinder und Jugendlichen gut begreifen, was das für sie bedeutet. Spaß macht es dagegen, gemeinsam zu kochen und gesunde Sachen auf die Teller zu zaubern – und natürlich zu verkosten. Eine Rechnung „Wie viel Sport verbraucht wie viele Kalorien“ zeigt auf, wie schwierig es oft ist, ein Zuviel wieder abzubauen.
Selbstbewusstsein tanken
Im psychosozialen Bereich geht es ums Stärken des Selbstwertes, um Gruppendynamik und um Kommunikationsformen. Die Kinder und Jugendlichen machen selbst Vorschläge für gute Regeln für ihre Gruppe und wählen dann die wichtigsten aus: „Zuhören“ und „keine Gewalt“ sind dabei. Jedes Kind unterschreibt die gemeinsam aufgestellten Regeln.
Ein starkes Selbstwertgefühl ist ein großes Thema. Die meisten der Kinder haben bereits Erfahrungen mit Hänseleien und Beschimpfungen hinter sich. Als hilflose Antwort auf solche Situationen reagieren viele mit Zurückschimpfen. Der Ausstieg aus dieser Spirale wird in der Gruppe thematisiert – und die jungen Menschen suchen gemeinsam konstruktive Wege aus dieser Negativspirale.
Wohlfühlen im eigenen Körper? Das kennen wenige der Jugendlichen, an Selbstliebe oder Akzeptanz fehlt es fast immer. „Nur auf das, was ich liebe, passe ich auch auf“, erklärt Gruppenleiterin Mag. Sabine Wagner-Simhandl, Heil- und Sonderpädagogin im Landesklinikum St. Pölten. Doch genau darum geht es – sich selbst anzunehmen und gut für sich selbst zu sorgen. Ein Baustein dazu: Bewegung, den Körper spüren, seine Leistungsfähigkeit erleben. Dafür braucht man Freude an der Bewegung und ein Gespür, wo man sie im Alltag einbauen könnte: Die Kinder werden zu „Freizeitdetektiven“ – wo gibt es Bewegungsangebote für mich? Wo kann ich aktiv werden? So gewinnen die Jugendlichen Ideen, positive Erfahrungen und übernehmen auch Schritt für Schritt Verantwortung für sich selbst.
Gleichzeitig reden die Eltern mit Experten über Probleme in der Erziehung und über Lösungsansätze. Anfangs springt die Betreuerin mit Berichten über Praxisfälle ein, doch bald, wenn sich die Gruppenteilnehmer besser kennen, berichten sie, stellen konkrete Fragen und nennen ihre Sorgen und Anliegen. Bei einer Eltern-Kind-Einheit geht es dann um das gemeinsame Umsetzen der neuen Aspekte in der eigenen Familie.
Spaß an Sport? Das geht!
In der Sporteinheit sammeln die Kinder positive Erfahrungen mit Bewegung – eine echte Novität für viele: Oft hatten sie negative Erlebnisse im Schulsport oder in der Freizeit, weil sie als übergewichtige Kinder den Anforderungen nicht entsprochen haben. Hier werden nur Herausforderungen an sie gestellt, die zu bewältigen sind – für viele das erste sportliche Erfolgserlebnis überhaupt oder seit langer Zeit. So findet im Kopf ein Umdenken zum Thema Bewegung statt, erklärt Physiotherapeutin Gabriele Zwiauer. Doch das geschieht nur langsam, im Laufe des Jahres und der vielen Sporteinheiten: „Die Kinder sollen entdecken, was Bewegung alles sein kann und darin Freude finden.“ Mit einem Mix aus Aufwärmteil, Spielen, Gleichgewichts- und Geschicklichkeitsübungen und Entspannungstraining lernen die Kids, Spaß an der Bewegung zu haben.
Fitter, geschickter, gelenkiger
Und so nebenbei werden sie fitter, geschickter und gelenkiger. Ein Vergleich der Leistung am Beginn des Programms und ein Jahr später am Ende zeigt eine deutliche Verbesserung bei den motorischen Fähigkeiten. Hinzu kommen Outdoor-Aktivitäten: So findet am Beginn des Jahres ein Erlebnistag statt, wird das Schwimmbad besucht oder eine Winterwanderung unternommen.
Eine Stunde Spazierengehen – für manche Teilnehmer eine gänzlich neue Erfahrung. Bewegen
als etwas Normales, einfach so zum Tagesablauf Dazugehöriges – das sollen die Kinder als Erfahrung mitnehmen. Den Abschluss des Programmes
bildet eine gemeinsame Wanderung – von Maria Langegg zur Ruine Aggstein mit anschließendem Steckerlbrotgrillen. Einmal noch die Gruppe spüren, sich gegenseitig Mut machen und sehen, was man schon erreicht hat.
Für Teilnehmer – gleich ob ehemalige oder gerade im Kurs – gibt es im Sommer die Motivationswoche, die heuer am 5. Juli beginnt: zehn Tage Spaß in einem Feriencamp. Gefüllt mit Kreativ- und Koch-Workshops, viel Bewegung, Klettern, Ballspielen, Schwimmen und einfach Aktivitäten, die Spaß machen. Und zwar gemeinsam – schließlich sind diese Kinder und Jugendlichen schon „Durch Dick und Dünn“ gegangen
Motivationscamp im Sommer
Das Gesundheitsprogramm für übergewichtige Kinder und Jugendliche in NÖ „Durch Dick und Dünn“ unterstützt übergewichtige Kinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Eltern bei der Änderung von Ernährungsgewohnheiten.
Jeden Sommer steht überdies allen ehemaligen und aktuellen Teilnehmern das zehntägige Motivationscamp offen.
Beginn: 5. Juli 2013
Informationen & Anmeldung: »tut gut«-Hotline: 02742/22655,
www.noetutgut.at
Gemeinsam auf den Weg gemacht
Teilnehmerinnen berichten über ihren gemeinsamen Weg, über Erfahrungen, Erlebnisse und Erfolge.
Bereits im Kleinkindalter begann die 13-jährige Sarah zuzunehmen. Und das, obwohl sie alles andere als ein Bewegungsmuffel ist. Dreimal die Woche geht sie reiten, fährt auch mal mit dem Rad auf die Rudolfshöhe. Nur das Gewicht, das wollte nicht fallen. Dann die Entscheidung des Teenagers: „Es muss sich etwas ändern, ich möchte abnehmen!“ Fast ein Jahr ist seither vergangen. Ein Jahr, das sie gemeinsam mit Gleichgesinnten im Gesundheitsprogramm „Durch Dick und Dünn“ verbracht hat. Jede Woche haben sich die Kinder und Jugendlichen mit Gruppenleiterin Mag. Sabine Wagner-Simhandl getroffen, vieles über Ernährung gelernt und Sport betrieben. Mit der ebenfalls 13-jährigen Madeleine hat sie sich angefreundet, der gemeinsame Kampf gegen die Kilos verbindet. Erfahrungen – positiv wie negativ – haben sie geteilt, sich gegenseitig aufgebaut und motiviert.
Anders als Sarah musste Madeleine von ihrer Mutter Monika zur Teilnahme motiviert werden: Diese suchte im Internet nach Projekten für übergewichtige Kinder und stieß dabei auf das Programm „Durch Dick und Dünn“. An den ersten Besuch kann sich Madeleine noch gut erinnern: „Da wollte ich gar nicht hingehen, ich wusste ja nicht, was und wer mich dort erwarten würde.“ Umso erleichterter war sie, dass alle „total nett waren“ und es einfach schön war, in dieser Gruppe zu sein. Ihre Mutter hatte bereits im Vorfeld den Info-Abend besucht und so erste genauere Informationen erhalten. Einmal die Woche heißt es seither für beide: Ab zu „Durch Dick und Dünn“, denn neben den Kindern sind auch die Eltern in das Programm eingebunden. Gilt es doch meist auch von ihrer Seite einiges umzustellen, um die Gewichtsabnahme überhaupt möglich zu machen.
„Gerade diese Regelmäßigkeit, jeden Freitag nach St. Pölten zur Gruppe zu fahren, ist sehr wichtig – so ist der richtige äußere Rahmen geschaffen“, ist Madeleines Mutter Monika froh über die Strukturiertheit des Programms. Besonders glücklich ist sie, nicht mehr die Person mit erhobenen Zeigefinger sein zu müssen, die dies und jenes verbietet und ständig ermahnt, sondern dass nun außenstehende Personen Zusammenhänge in Bezug auf Ernährung und Bewegung erklären. So werde viel Spannung aus der Familie genommen. Madeleine bezeichnet sich selbst als Bewegungsmuffel, zu häufig waren die negativen Erfahrungen, mit den normalgewichtigen Kindern nicht mithalten zu können. Immer die Letzte zu sein oder etwas nicht zu schaffen. Hier in der Gruppe machen Sport und Bewegung Spaß, fällt das Bewegen leicht. Als Abschluss des Programms freuen sich die beiden Teenager auf das Sommercamp (Beginn: 5. Juli), wo für alle aktuellen und ehemaligen Teilnehmenden eine zehntägige Motivationswoche stattfindet.
Nun, gegen Ende des Jahres haben beide solide Erfolge vorzuweisen. In der Familie wird auf gesunde Ernährung geachtet und Bewegung ins tägliche Leben integriert. Der erste große Schritt ist gemacht – nun heißt es, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen!




