Die wahren Pferdestärken
Pferde machen vielen Kindern Freude. Die Pferde vom Lichtblickhof tun aber noch mehr: Sie tragen Kinder mit schwerem Reisegepäck ein Stück ihres beschwerlichen Lebenswegs. Und sie helfen beim Gesundwerden, beim Vertrauenfassen, beim Durchhalten.

Mit seiner Therapeutin Dorothea bereitet Dominik das Pferd Jokki auf die Reiteinheit vor. Wie seine Schwester Melissa genießt er den Kontakt zu den Pferden. Fotos: felicitas matern
„Der Fluss mit seinen Sonnen- und Schattenseiten“: Dafür hat das finnische Volk der Samen ein Wort: Jokki. Diesen Namen trägt der sechsjährige Wallach, der als eines von 17 Therapiepferden des Vereins „e.motion“ am Lichtblickhof nahe St. Pölten zuhause ist (siehe unten). Und in diesem Namen steckt all das, was den Alltag
am Lichtblickhof ausmacht: Sonne und Schatten liegen hier nahe beisammen.
„Die Kinder und Jugendlichen benötigen unsere therapeutische Begleitung aus ganz unterschiedlichen Gründen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie tiefgreifende Herausforderungen meistern müssen – sei es durch schwere Krankheit, Unfälle, Behinderungen oder Erfahrungen mit Gewalt, Missbrauch oder Traumatisierung“, beschreibt die Obfrau von „e.motion“, Roswitha Zink. „Die Pferde tragen die Kinder oft buchstäblich ein Stück des Weges – und schenken dabei viel Lebensmut und Kraft.“
Besondere Therapeuten
Lebensmut, richtige Lebensfreude liegt in der Luft, wenn der neunjährige Dominik und seine um ein Jahr ältere Schwester Melissa mit wachsender Ungeduld, den Reithelm schon in der Hand, auf Therapiepferd Jokki und seinen Kollegen Tamino warten. Kein bisschen sieht man den beiden in diesem Moment an, welch schweres Schicksal sie tragen. Ganz im Gegenteil: Als sie gemeinsam mit ihren Therapeutinnen die sanften Pferde aus dem geräumigen Laufstall am Lichtblickhof holen, strahlen die Kinder über das ganze Gesicht. Die speziell ausgebildeten Vierbeiner folgen jeder Bewegung von Dominik und Melissa mit vorsichtigen Schritten und stellen am Weg zum Putzplatz bedächtig einen Fuß vor den anderen. Auch als Laie spürt man, dass es sich hier um ganz besondere Tiere handelt – schon an der Ruhe und Sanftheit, die sie ausstrahlen. Gemeinsam werden die Pferde dann von den Kindern und ihren Betreuerinnen für die Reitstunde fertig gemacht. Zum Bürsten und Flechten der Mähne darf Dominik auf einen erhöhten Mauervorsprung klettern, von dort aus zaubert er konzentriert „seinem“ Jokki bunte Zöpfe in den langen, welligen Haarschopf. Therapeutin Dorothea, die Dominik seit mehreren Jahren begleitet, ist stolz auf ihren Schützling: „Viele Handlungen, die uns selbstverständlich erscheinen, sind für Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen eine große Herausforderung. Dass Dominik so selbstbewusst da oben steht, setzt viel
Körperkontrolle, aber auch viel Vertrauen voraus.“
Kooperationen mit Kliniken
Bei Dominik wurde ein Gehirntumor mit unklaren Heilungschancen diagnostiziert, da war er gerade zwei Jahre alt. Seit fünf Jahren kommt er regelmäßig zur Therapie bei „e.motion“. Seine wöchentlichen Einheiten finden im Wiener Otto-Wagner-Spital statt, einmal im Jahr nimmt er an einer sogenannten therapeutischen Impulswoche am Lichtblickhof teil. Die Empfehlung dafür kam aus dem Krankenhaus, wie bei den meisten Kindern, die Hilfe bei „e.motion“ suchen. Da der Verein auf Kinder und Jugendliche mit Krebserkrankung spezialisiert ist, haben sich Kooperationen mit dem Wiener AKH, dem St.-Anna-Kinderspital und dem Otto-Wagner-Spital etabliert – für diese Kliniken stehen fixe Kontingente an Therapieplätzen zur Verfügung. Aber auch mit vielen niederösterreichischen Kliniken wird regelmäßig und gut zusammengearbeitet – etwa mit Mödling, Tulln und St. Pölten.
Heilende Kraft der Pferde
Dominik machte dank der Therapie mit den Pferden nach den monatelangen Krankenhausaufenthalten große Schritte nach vorne. Seine Mama Ana-Maria erzählt: „Im Kindergarten hat Dominik sich anfangs schwer getan, Freunde zu finden. Er hat so viel Zeit im Krankenhaus verbracht, behütet und umgeben von Erwachsenen, dass er im Umgang mit Gleichaltrigen Schwierigkeiten hatte und sich nicht gut eingliedern konnte. Außerdem hört er auf einem Ohr seit einem Eingriff nichts mehr und dadurch fühlte er sich unter vielen Menschen oft unwohl.“ Da kamen die vierbeinigen Therapeuten von „e.motion“ ins Spiel. Ohne Vorbehalte gehen die Vierbeiner auf die Kinder zu, stellen keine Fragen, keine Forderungen. Sie reagieren aber auf Stimmungen, verlangen Führung und laden zur Interaktion. Biologin und Pädagogin Roswitha Zink erklärt: „Pferde haben eine unheimlich feine und vielschichtige Körpersprache, mit der sie sich untereinander – und bei entsprechendem Training – auch mit dem Menschen verständigen können. Schon ganz zarte Signale reichen aus, um Interaktion zu erzeugen.“ Und nicht nur das: Die Therapiepferde haben gelernt, die Signale der menschlichen Körpersprache zu vermitteln. „In den Therapieeinheiten lesen die Pferde die Körpersprache der Klienten, spüren Gefühle und geben durch ihre Reaktion ihre Wahrnehmung an uns Therapeuten weiter“, erklärt sie. Damit bauen die Pferde eine Verbindung auf, wo die Kommunikation von Mensch zu Mensch an ihre Grenzen stößt.
Therapie, die Spaß macht
„Seht ihr den Kirchturm da hinten? Und die vielen Straßen und Gassen? Und was ist denn das dort drüben – vielleicht eine Aussichtsplattform?“, ruft Therapeutin Dorothea und lässt den Parcours aus Hütchen, Stangen und Bällen in der Fantasie zu einer kleinen Stadt werden. „Wir beginnen zu Fuß und zeigen unseren Pferden zuerst die Stadt“, fordert sie die Kinder auf, um sich dann Dominik zu widmen, der sich mit Jokki am Seil ebenso selbstbewusst wie vorsichtig schon in Bewegung gesetzt hat. Lautlos und sanft folgen die großen Tiere „ihren“ Kindern, sind ruhig und aufmerksam zugleich. Beim Anhalten atmet Dominik fest aus, um seine Körpersprache zu unterstreichen – und wie von Zauberhand bleibt auch der große Jokki ganz selbstverständlich hinter seinem kleinen Pferdeführer stehen. Als der Wallach dann gähnt und sein Gesicht zu einer lustigen Grimasse verzerrt, erklärt Dorothea: „Jokki spürt, wenn sich Dominik neben ihm entspannt – dann reagiert auch er mit Entspannung.“ Eine faszinierende Verbindung zwischen Mensch und Tier, die hier sichtbar wird.
Da muss natürlich gleich wieder Action her: Gemeinsam mit Dominik stupst der verspielte Wallach einen großen roten Gymnastikball an. Die Begeisterung und das Lob der Therapeutin beflügeln die beiden dabei. „Diese Erfolgserlebnisse geben den Kindern viel Kraft. Darum gestalten wir unser Programm ganz individuell und gehen darauf ein, was die Kinder gerade brauchen“, erklärt Dorothea.
Vielseitige Vierbeiner
Die Pferde müssen dabei vielen Aufgaben gewachsen sein, begegnen sie doch vielen ganz unterschiedlichen Menschen. Während die einen müde und still sind vom Kämpfen, sind andere zornig auf die Ungerechtigkeit und Härte des Lebens. Manche brauchen die Ruhe und ein aufmunterndes Wort, manche die Herausforderung und Erfolgserlebnisse. Aber nicht jedes Therapiepferd muss alle Facetten der Arbeit abdecken. Je nach Charakter, Vorlieben und Spezialgebieten werden die Pferde für die unterschiedlichen Anforderungen der Therapie ausgewählt.
Mit Dominik und dem noch jungen Therapiepferd Jokki haben sich die zwei richtigen gefunden. Der lustige Jokki entlockt Dominik immer wieder ein Lächeln, als er etwa die orangenen Hütchen lieber zwischen die Zähne nimmt und spazieren trägt, als sich um sie herum lenken zu lassen. „Schau, Dominik, der Jokki will dir was schenken“, kommentiert Dorothea und nützt die Situation gleich für eine neue Übung. Dominik, der mittlerweile am Rücken von Jokki sitzt, beugt sich nach vorne und nimmt dem frechen Wallach konzentriert das Hütchen aus dem Maul. Bestärkt durch das Lob von Dorothea lenkt er anschließend sein Pferd ohne Schwierigkeiten durch den Hütchen-Slalom. „Spielerische Elemente sind der Kern unserer Arbeit. Das Wichtigste ist, dass die Kinder an der Therapie wachsen, sich entwickeln – da braucht es unkonventionelle Konzepte. Oft bauen wir die Einheiten wie ein kleines Theaterstück auf, um die Fantasie der Kinder zu wecken“, erklärt Roswitha Zink.
Lebenskraft für die ganze Familie
Dominiks große Schwester Melissa, die wegen der Erkrankung ihres kleinen Bruders und einer schweren Behinderung ihrer großen Schwester schon sehr früh viel Verantwortung übernehmen musste, erfährt in den Einheiten mit den Vierbeinern einen wohltuenden Ausgleich. Auf Wallach Tamino kann sie ihr Können auf die Probe stellen und viele Erfolge erleben. Zum Beispiel, indem sie freihändig auf dem Pferderücken kniet oder wenn sie Tamino selbständig über am Boden liegende Holz-Stangen lenkt. „Auch wenn sich die Eltern noch so sehr bemühen: Wenn eines oder sogar mehrere Kinder wegen Krankheit oder Behinderung besonders viel Aufmerksamkeit benötigen, wird das für die gesunden Geschwister oft zu einer Belastung. Darum binden wir auch Geschwisterkinder ein und haben eigene Angebote für sie entwickelt“, erklärt uns Roswitha Zink. Melissa, die gemeinsam mit ihrer alleinerziehenden Mutter ein Stück der Verantwortung für ihre beiden Geschwister trägt, kann während der Einheiten einfach Kind sein. Wichtig ist dabei, dass die Geschwisterkinder unterschiedliche Betreuerinnen haben. So haben sie nicht das Gefühl, ihre Ansprechpersonen „teilen“ zu müssen und stehen einmal selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Heute darf Melissa auf Taminos Rücken mit geschlossenen Augen ihre Wahrnehmung ganz auf die Bewegung des Pferdes konzentrieren, während ihre Therapeutin den Wallach im Laufschritt führt. Ob es schon anstrengend war, fragt sie die kleine Reiterin nach einigen Runden. „Nein, noch nicht“, antwortet Melissa, denn sie weiß: Der Galopp fehlt noch! Und während sich alle Augen darauf richten, wie Melissa strahlend die gleichmäßig ruhigen Galoppsprünge des erfahrenen Therapiepferdes genießt, schafft es Dominik, auf Jokkis Rücken aufzustehen, während der
Wallach seine Vorderhufe auf einem kleinen Podest abgestellt hat. Dazu braucht es ein großes Maß an Vertrauen, das der kleine Patient über die Jahre mit den Pferden aufgebaut hat. „Diese Übung ist für Dominik eine große Herausforderung, da durch seine Erkrankung auch der Gleichgewichtssinn beeinträchtigt ist. Gemeinsam mit der Einfühlsamkeit der Pferde und der Motivation, die von ihnen ausgeht, sind aber auch solche Hürden zu meistern. Ein Vertrauensbeweis, der Dominik auch in anderen Lebensbereichen hilft“, freut sich seine Therapeutin Dorothea. Und auch Mama Ana-Maria strahlt.
Leidenschaft & Kompetenz
Das einzigartige Therapie-Angebot von „e.motion“ bestätigte seine Wirkung vielfach in der Praxis. Die sehr individuelle und umfassende Betreuung der ganzen Familie ist neben der Kraft der Pferde Grund für den hohen Wirkungsgrad. In Vorträgen und Forschungsarbeiten bemüht sich Roswitha Zink, die erarbeiteten Ansätze auch anderen Institutionen zugänglich zu machen. Die ausgebildete Psychologin, Pädagogin und Biologin versteht es, die Erfahrungen aus der Praxis mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu vernetzen. Denn auch wenn Herzblut und Engagement den größten Teil des Erfolgs ausmachen, braucht es für eine wirkungsvolle Therapie auch fundierte Grundlagen, gerade dort, wo enge Abstimmung zur medizinischen Behandlung erforderlich ist. Aufwändige Therapien, die wissenschaftliche Arbeit, die Haltung der Pferde und Erhaltung der Gebäude – all das kostet natürlich viel Geld. Da die Krankenkasse die Therapiekosten nicht trägt, ist das „e.motion“-Team auch gefordert, die finanziellen Mittel selbst aufzustellen. In einigen Fällen leistet die Kinderkrebshilfe Beiträge oder die betroffenen Familien können selbst Kosten übernehmen. Nur dank vieler institutioneller und privater Sponsoren und Spender können aber alle Therapien finanziert werden. „Wir haben das große Glück, viele langjährige und verlässliche Unterstützer zu haben. Immer wieder müssen wir aber ganz kurzfristig zusätzliches Geld aufstellen, um in konkreten
Fällen Therapien zu ermöglichen – auch jenen Familien, die sich wegen ihrer Ausnahmesituation auch in finanziellen Notlagen befinden“, beschreibt Roswitha Zink eine weitere Facette ihrer Arbeit. Ein Engagement, das einem den höchsten Respekt abringt – noch dazu, wo ein großer Teil der
Stunden von Roswitha Zink und ihrem Team ehrenamtlich aufgebracht wird.
Der wertvollste Lohn
Egal wie fordernd die Aufgabe auch ist, es kommt unheimlich viel zurück. An Dankbarkeit, an Verbundenheit, an Hoffnung. „Der Austausch, das Miteinander mit den Betroffenen gibt Kraft.
Ana-Maria etwa ist für mich ein großes Vorbild: Sie bewältigt ein unglaubliches Schicksal und ist dennoch eine fürsorgliche, liebevolle Mutter, die ihren Kindern alles bietet, was in ihren Möglichkeiten steht. Ihre Tapferkeit lässt uns staunen und lernen, und zugleich versuchen wir, auch ihr eine Stütze zu sein“, beschreibt Roswitha die enge und persönliche Beziehung, die zu den Kindern und Familien entsteht. Diese Wärme und Gemeinschaft erfüllt die alten Gemäuer des Lichtblickhofs auch an diesem Nachmittag. Die unvorstellbare Belastung, die die kleine Familie von Ana-Maria tragen muss, wird hier nicht verschwiegen oder verdrängt, und doch überwiegen die guten Gefühle.
„Roswitha und ihr Team geben uns viel Kraft. Die Kinder haben Freude und für mich ist es eine Möglichkeit, mit anderen betroffenen Eltern in Kontakt zu sein. So weiß man, dass man nicht alleine ist mit seinem Schicksal. Dafür bin ich unendlich dankbar“, beschreibt Ana-Maria, wie ihr der Verein hilft – und stellt damit Roswitha Zink und den vielen guten Geistern von „e-motion“ das größte Kompliment aus.
Verein „e.motion“
Roswitha Zink, Obfrau und Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins „e.motion“, und ihr Team von elf hauptberuflichen Therapeutinnen und vielen ehrenamtlichen Helfern arbeiten seit 13 Jahren in der Equotherapie. Die 17 Therapiepferde begleiten pro Woche rund 350 Kinder und Jugendliche, die mit außergewöhnlichen Belastungen, Traumatisierungen und schweren, oft lebensbedrohlichen und unheilbaren Erkrankungen konfrontiert sind. Am Lichtblickhof bietet der Verein Impulswochen und Wochenendprojekte an. Die Therapie wird nicht von den Krankenkassen getragen, man braucht aber ohnehin keine Verschreibung: Jeder und jede kann sich also auch direkt an den Verein „e.motion“ wenden und für einen der knappen Therapieplätze anfragen. Ob die Equotherapie das passende Konzept ist, wird dann individuell besprochen.
Informationen: www.pferd-emotion.at
Der Traum vom barrierefreien Lichtblickhof
Der Lichtblickhof in der Nähe von St. Pölten ist seit elf Jahren die Basis-Station von „e.motion“. Mit viel Liebe und vielen ehrenamtlichen Stunden wurde der alte Hof für die speziellen Anforderungen der Pferde und Kinder umgestaltet. Die vielen Stufen und Etagen des alten Gebäudes sind aber für wackelige und schwache Kinderbeine oder jene, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, sehr beschwerlich. Daher sollen in einem Nebengebäude nun barrierefreie Schlaf- und Aufenthaltsräume entstehen. Der Umbau ist natürlich mit großen Kosten verbunden. Dank vieler Spender und Sponsoren sowie der Unterstützung und Patronanz durch Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll ist die Umsetzung aber jetzt in greifbare Nähe gerückt. Auch Sie können helfen, den Traum vom barrierefreien Lichtblickhof Wirklichkeit werden zu lassen.
Spendenkonto: IBAN AT25 1200 0504 7256 0101, BIC BKAUATWW
(Die Spende ist steuerlich absetzbar)
Was ist Equotherapie?
Vielen bekannt ist die „Hippotherapie“, eine Art Physiotherapie am Pferd. Beim Konzept, dem „e.motion“ folgt, geht es aber um mehr:
Equotherapie meint eine psychologische-psychotherapeutische Therapieform, in der das Pferd nicht nur Muskeln und Bänder des Menschen bewegt, sondern vor allem Herz und Seele.




