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Die große Erschöpfung

Immer mehr Menschen leiden an Burnout-Zuständen, Angst- erkrankungen und Depressionen. Woher kommt die große Erschöpfung und wie kann man wieder neu für das Leben und seine Herausforderungen entflammen?


FOTO: fotolia

Burnout, Angst, Depression: Neue Insignien unserer Zeit? Es scheint so, und dies wird auch durch aktuelle Studien bestätigt, die etwa in Österreich ein deutliches Zunehmen der Krankenstandstage wegen ebendieser Erkrankungen belegen. Und laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Depression im Jahr 2020 nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Volkskrankheit sein. Doch was sind die Gründe für diese Entwicklung? Die vielfältigen neuen Herausforderungen, die unsere heutige Gesellschaft in sich birgt, werden dabei von vielen Experten als ein wichtiger Auslöser gesehen.

„Der heute herrschende wirtschaftliche Druck hat vieles verändert, und es ist auch der Trend zur Mobilisierung und Flexibilisierung in allen Lebensbereichen, der die Menschen verunsichert und belastet“, sagt etwa der ärztliche Leiter des Bereichs Psychosoziale Rehabilitation im Gesundheitsresort Königsberg Bad Schönau, Prim. Dr. Hanspeter Stilling.
Das sieht auch die Leiterin des Akutteams Niederösterreich, Dr. Veronika Gmeiner, so: „Im gesellschaftlich vorgegebenen Rausch der Schnelligkeit und Vielfältigkeit wird vielen der Druck zu groß, und es fällt ihnen immer schwerer, die eigene Balance zu finden und zu halten. Irgendwann führt dann die Schieflage zwischen Belastung und Ausgleich zur chronischen Überlastung und den charakteristischen Symptomen wie Angst, Depression, Burnout etc.“

Klaffende Scheren

Viele Menschen sind dank der medialen Aufklärungsarbeit für das Thema sensibilisiert, das heißt, ihr Problem ist ihnen oft bewusst, sie wissen auch, dass es ein breit gefächertes Hilfsangebot gibt. Doch der Schritt zur konkreten Veränderung der eigenen Lebenssituation ist bei vielen noch weit. Stilling weiß: „Leider ist das Hilfsangebot sehr oft geringer als die Nachfrage danach. Noch immer gibt es etwa allzu lange Wartezeiten auf einen Psychotherapie-Platz oder einfach nur einen Termin beim Psychiater.“ Er weist auch darauf hin, dass laut einer großen Studie der Universität Leipzig die gesellschaftliche Ablehnung von psychisch Kranken in den letzten zwanzig Jahren zugenommen hat: Kaum ein Arbeitgeber möchte einen Depressiven in seiner Firma einstellen, sehr wenige sind es, die neben einem an Schizophrenie Erkrankten wohnen möchten.

Der Crashdown

Auch hier klafft also eine Schere, und es nimmt nicht wunder, dass so viele Betroffene sich schwer damit tun, ihr Problem klar zu benennen und es auch anzugehen, doch irgendwann – oft dann, wenn zum Grunddruck noch eine weitere Belastung hinzukommt –, wird alles offensichtlich. Die Life-Event-Forschung zeigt übrigens, dass auch positive Lebensereignisse wie zum Beispiel die Geburt eines Kindes oder eine ersehnte Übersiedlung diesen letztlichen Crashdown auslösen können.  „Aber auch wenn man in einer eingefahrenen Lebenssituation steckt, die man eigentlich schon lange verändern will, dazu aber nicht in der Lage ist, kann es dazu kommen, dass man an seine Grenzen stößt und mit Erschöpfungs-, Angst- oder Depressionssymptomen reagiert“, erklärt Psychologin Veronika Gmeiner.
Freilich reagieren nicht alle so, denn psychische Krankheit ist immer ein multifaktorielles Geschehen, bei dem biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenspielen. Die Resilienz­forschung zeigt andererseits, dass es viele Menschen gibt, die über ausreichende Fähigkeiten verfügen, auch schwierige Lebenssituationen bewältigen und in ihre persönliche Geschichte einordnen zu können. Doch es bleiben immer mehr Menschen über, denen das nicht gelingt und die Hilfe brauchen.

Neu entflammen

Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater können sie dabei unterstützen, zunächst ein Gespür für sich selbst und ihre Lebensthemen zu entwickeln, sagt Gmeiner: „Es geht darum herauszufinden, wer man ist, wo man steht, wo die individuellen Prioritäten, die Belastungen und die Spielräume liegen. Gelingt es etwa, die Spielräume sichtbar zu machen, so kann man sie auch nutzen, und damit ist schon viel gewonnen.“
Ähnlich sieht das auch der Psychiater Stilling: „Ganz wichtig ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Man kann lernen, die Symptome des Körpers wie auch die eigenen Grenzen selbst zu erkennen. Schafft man es dann, über die Wahrung der Grenzen und das Erlernen von echter Entspannung und Gelassenheit zu neuer innerlicher Kraft zu finden, so gelingt es oft auch, neu für das Leben und seine Herausforderungen zu entflammen.“

Vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten

Im Gesundheitsresort Königsberg Bad Schönau bietet man Betroffenen daher ein individuell zusammengestelltes Rehabilitationsprogramm nach ganzheitlich orientiertem Ansatz. Patienten können unter anderem psychologische Beratung, psychotherapeutische Gespräche, Termine beim Facharzt für Psychiatrie, Ergotherapie, Lichttherapie, verschiedene Biofeedback-Trainings sowie Entspannungsbäder in Anspruch nehmen – man kümmert sich sowohl um ihr Seelen- als auch um ihr Körperheil. „Gerade depressive Patienten befinden sich oft in einem Zustand tiefer Gefühllosigkeit, nehmen aber andererseits ihre Trauer sehr körperlich wahr. Die Biofeedbackmethode etwa ist eine sehr gute Möglichkeit, sie wieder dazu zu befähigen, ihre körperlichen und seelischen Zustände wahrzunehmen und auch selbst zu beeinflussen“, erklärt Stilling. Er hält auch viel von wissenschaftlich geprüften Entspannungsmethoden wie Autogenem Training und Progressiver Muskelentspannung nach Jacobson: „Durch diese Methoden werden Herzfrequenz und Blutdruck herabgesetzt, es verringert sich die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin.“ Wichtig ist laut dem Experten, solche bewussten Entspannungsphasen regelmäßig in den Tagesablauf einzubauen. Als in gegebenen Fällen empfehlenswert beurteilt der Psychiater auch die unterstützende Gabe von pflanzlichen Präparaten und Psychopharmaka.

Der passende Therapeut

Freilich sind all diese Dinge zwar im Moment hilfreich, doch in vielen Fällen reicht solche Unterstützung nicht aus, weil die individuellen Konfliktbewältigungsstrategien nicht mehr greifen und eine echte Lebensstil-Änderung ansteht. Hier ist vielfach Psychotherapie angesagt. Die Richtung sollte nach individuellen Bedürfnissen sorgfältig gewählt werden, und natürlich geht es auch darum, den „passenden“ Therapeuten zu finden. Gemeinsam mit ihm oder ihr sollte es gelingen, zunächst die Angst vor Veränderung abzubauen, und dann die anstehenden Lebensprobleme Schritt für Schritt zu lösen.

Ein hausgemachtes Problem

Fragt sich noch, wie und was man eigentlich tun soll, damit die große Erschöpfung gar nicht erst aufkommen kann? „Ganz wichtig ist, die individuellen Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Es geht darum, die eigene Kraft zu aktivieren, für das, was einem Freude macht, immer wieder Platz und Zeit einzuräumen, und echte Entspannung zu trainieren“, sagt Stilling.
Expertin Gmeiner meint, dass man sich bewusst mit seinem Leben, seiner Lebensplanung und seinen Erwartungen auseinandersetzen sollte. Sie gibt aber auch zu bedenken, dass es immer mehr Menschen gibt, die unter Druck geraten, weil sie nur geringe materielle Ressourcen haben, die Gesellschaft aber vorgaukelt, dass heute jeder alles haben kann: „Die daraus resultierende chronische Unzufriedenheit kann auch krank machen, und das ist nur zu verständlich, wenn einem ständig etwas anderes versprochen wird, als realistisch gesehen für den Einzelnen möglich ist. Dieses Problem ist freilich hausgemacht, und es wäre ein dringender gesellschaftspolitischer Auftrag, einen ehrlicheren Umgang mit diesem Thema zu pflegen.“