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Die Essperten

Nahrung ist die erste Medizin: Gemäß diesem Leitsatz helfen Diaetologen kranken wie gesunden Menschen dabei, sich richtig zu ernähren und damit gesund zu werden und zu bleiben – ein spannender und herausfordernder Beruf.


Diaetologin Elisabeth Trettler mit Patientin Johanna R. bei einem Beratungsgespräch; FOTO: Nadja Meister

Essen und Trinken ist eine einfache Sache. Oder? Erst wenn man sich bewusster ernähren möchte, Krankheiten vorbeugen will oder aus medizinischen Gründen bestimmte Nahrungsmittel nicht mehr zu sich nehmen sollte – erst dann stellt man fest, wie komplex das Thema ist. Essen und Trinken werden zum undurchschaubaren Dschungel an Meinungen und Erfahrungen, Angeboten, Tipps, Diäten und den eigenen Vorlieben und Gelüsten.
Genau dann sind Diaetologen unentbehrlich. Das Berufsbild der Diaetologen ist relativ neu (siehe Kasten S. 11) und vielfältig, sie arbeiten freiberuflich oder in Kliniken. GESUND+LEBEN hat sich den Arbeitsalltag einer Diaetologin einmal angesehen.

Lebensqualität schenken

Landesklinikum Neunkirchen: Diaetologin Elisabeth Trettler sitzt der Patientin Johanna R. (63) gegenüber und reicht ihr ein Päckchen mit Trink-nahrung, im Volksmund auch Astronautenkost genannt.
Johanna R. leidet an Krebs, die Chemotherapie hat sie sehr geschwächt, die spezielle Kost soll sie wieder aufpäppeln. Was die Patientin auch bestätigt, sie fühlt sich schon nach einigen Tagen etwas kräftiger und fitter. Trinknahrung wird ergänzend zur Ernährung eingesetzt, damit die Patienten mit allen notwendigen Vitaminen und Nährstoffen versorgt werden , erklärt Elisabeth Trettler, „dadurch kommen die Patienten wieder etwas zu Kräften.“ Johanna R. lächelt die Diaetologin dankbar an, hat sie ihr doch ein kleines Stück Lebensqualität zurückgegeben.

Alles rund um Ernährung

Eines von vielen Beispielen aus dem Berufsalltag von Elisabeth Trettler und ihrer Kollegin Petra Postl. Der Löwenanteil ihrer Arbeitszeit fällt auf Ernährungstherapie und -beratung von Einzelpersonen oder Gruppen. Sie entwickeln mit dem Patienten auf der Grundlage medizinischer Befunde und ärztlicher Verordnungen den Diät- oder Ernährungsplan, legen Lebensmittel, Inhaltsstoffe, Dosierung und eine gesundheitsfördernde Zubereitung fest. Diaetologin Trettler erklärt: „Der Patient soll mit unserer Hilfe lernen, bestimmte Ernährungsformen oder diätetische Maßnahmen in den Alltag zu übernehmen. Wir zeigen, wie man Broteinheiten berechnet, welche Nahrungsmittel gemieden werden sollten, was man stattdessen essen darf und vieles mehr.“

Beraten, schulen und vorsorgen

Die Ernährungsumstellung ist in vielen Fällen nicht einfach, aber lebensnotwendig, beispielsweise bei stark übergewichtigen Patienten, deren Lebensqualität schon massiv eingeschränkt ist und die bereits an diversen Folge­erkrankungen leiden. Um besser zu veranschaulichen, welche Lebensmittel gut oder schlecht für den Körper sind, arbeiten die Expertinnen mit einer Ernährungspyramide aus Holz, auf der im Ampel­system die Lebensmittel angeordnet sind – oben im roten Bereich alles, was man selten essen sollte, im orangen, was man mäßig essen sollte und im großen grünen Bereich alles, was dem Körper gut tut und man reichlich essen sollte. „Wir arbeiten hier mit Lebensmitteln zum Angreifen, das ist sehr plastisch und daher ein­facher zu merken.“
Die Diaetologinnen schulen auch Patienten mit psychischen Erkrankungen, da einige Psychopharmaka deren Essverhalten beeinflussen. Trettler konkretisiert: „Viele Psychopharmaka beeinflussen Appetit und Sättigung, das Ess­verhalten ändert sich – dadurch nehmen diese Patienten schnell zu. Hier beraten wir präventiv, weisen auf diese Nebenwirkung hin und geben Tipps, damit diese Patienten nicht auch noch durch ein Zuviel an Kilos belastet werden.“

Für Patienten maßgeschneidert

Viele Patienten im Landesklinikum brauchen je nach Krankheitsbild eine spezielle Kost, beispielsweise ohne Fett oder Zucker oder mit Zusätzen angereichert – die Diaetologinnen erstellen dann ein passendes Ernährungskonzept, verschreiben Nahrungszusätze oder was immer notwendig ist.
Danach besprechen sie dies mit dem Küchenteam, das die Speisen je nach Bedarf herstellt. „Teamwork zum Wohle der Patienten“, betont die Diaetologin, „wir arbeiten eng mit Ärztinnen und Ärzten, der Pflege, Küchenteam und Patienten zusammen, quasi als Vermittler.“
Im Landesklinikum gibt es auch ein interdisziplinäres Ernährungsteam bestehend aus Internistin, Intensivmediziner, Chirurgen, Apothekerin, Pflege und Diaetologin. Dieses Fachgremium tagt in regelmäßigen Abständen, um Neuigkeiten aus dem Ernährungssektor zu besprechen.

Komplexer Bereich

Es ist Mittag geworden: Elisabeth Trettler eilt in die Küche – hier kontrolliert sie anhand der Essenskärtchen, ob die Ernährungstherapie-Patienten die richtige Mahlzeit bekommen. „In manchen Fällen koste ich auch, um zu sehen, ob alles passt“, erklärt sie, „beispielsweise ob die Nudeln wirklich ohne Fett zubereitet wurden, wie es bei manchen Patienten notwendig ist.“ Am Nachmittag stehen weitere Beratungen, Therapien oder Schulungen am Programm, Krankengeschichten werden studiert, um den Therapieerfolg zu messen, die jeweiligen Parameter kontrolliert, ob beispielsweise die Eiweißwerte gestiegen sind, die verabreichten Zusätze in der Nahrung schon Wirkung zeigen und vieles mehr. Ein komplexer Bereich, für den umfassende Kenntnisse aus den verschiedensten Bereichen wie Biochemie, Pharmakologie, Pathologie und vielen anderen notwendig sind. Aber auch in Pädagogik oder Klinischer Gesundheitspsychologie muss man sich auskennen, denn: „Wir arbeiten sehr eng mit den Patienten zusammen, das erfordert viel Einfühlungs­vermögen und Fingerspitzengefühl. Und eine gute Patienten-Therapeuten-Beziehung kann den Therapieerfolg positiv beeinflussen.“

Kompetenz und Fachwissen

Auch die Beratung bei harmlosen Unverträglichkeiten wie etwa Laktoseintoleranz fällt in das
Aufgabengebiet von Diaetologen, betont Trettler: „Wir sind als einzige Berufsgruppe dazu befugt, Gesunde und Kranke ernährungstherapeutisch zu beraten und zu behandeln. Nur Diaetologen  verfügen über die entsprechende Ausbildung und das nötige Wissen.“ So seien selbsternannte Diät-Berater in der Mehrzahl nicht oder oft nur unzureichend qualifiziert. Ernährungscoaches, Heilpraktiker oder gar Fitnesstrainer weisen für Trettler keine ausreichende Qualifikation für tatsächlich fundierte ernährungsmedizinische Beratung auf. „Bei Menschen mit gesundheitlichen Problemen dürfen sie auch vom Gesetz her nicht tätig werden.“ Das trifft übrigens auch für Ernährungswissenschafter zu. Diese Kompetenz ist einzig und allein dem Berufsstand der Diaetologen vorbehalten.

Dankbare Patienten

Was ist das Tolle an ihrem Beruf? „Dass ich es mit vielen Leuten zu tun habe, natürlich mit den Patienten, aber auch mit Ärzten, Pflegepersonal oder den Küchenmitarbeitern – jeder Tag ist anders und abwechslungsreich.“ Trettler überlegt kurz und ergänzt: „Und am meisten mag ich das dankbare Strahlen in den Augen der Patienten, wenn man ihnen helfen kann, sei es auch nur mit Kleinigkeiten – dafür lohnt sich die ganze Mühe.“ Denn wer wie die engagierten Diaetologinnen viel gibt, bekommt auch viel zurück.

Ausbildung zum Diaetologen
Die Ausbildung zum Diaetologen erfolgt an Fachhochschulen. Das
Studium dauert sechs Semester und schließt mit dem akademischen Grad „Bachelor of Science in Health Studies“ (BSc) ab. Mit dem erfolgreichen Abschluss des Studiums erlangen die Absolventen die gesetzliche Berufsberechtigung und dürfen die Berufsbezeichnung „Diaetologin“ oder „Diaetologe“ tragen.
Die Fachhochschule St. Pölten ist die größte der fünf Ausbildungs­stellen in Österreich und die einzige in Niederösterreich. Der Studiengang Diaetologie ist beliebt: An der FH St. Pölten kommen auf 30 Studien­plätze pro Jahr über 300 Bewerberinnen und Bewerber.

Gesundheitsberuf Diaetologie

Gabriele Karner, MBA, Leiterin des Studiengangs Diaetologie an der FH St. Pölten

G+L: Wann sollte man sich an eine Diaetologin oder an einen Diaetologen wenden?
Karner: In allen Ernährungsfragen! Diaetologinnen und Diaetologen sind umfassend und praxisnahe in allen Bereichen gesunder Ernährung sowie der Ernährungstherapie ausgebildet. Also egal, ob sich eine werdende Mutter über eine optimale Ernährung in der Schwangerschaft beraten lassen möchte, jemand gesund abnehmen möchte oder wegen einer echten Lebensmittelallergie eine Ernährungsberatung benötigt – Diaetologen sind die Experten in Ernährungsfragen.
Deshalb gehören sie auch zu den Gesundheitsberufen. Die Beratung kranker oder krankheitsverdächtiger Personen ist per Gesetz den Diaetologen vorbehalten.
G+L: Was ist der Unterschied zu Ernährungs­wissenschaftern?
Karner: Ernährungswissenschafter benötigen eine Zusatzausbildung (Lehrgang Angewandte Ernährungstherapie). Erst dann dürfen sie
Ernährungstherapie an Patienten anwenden beziehungsweise diese beraten.
G+L: Wie finde ich den richtigen Ernährungs­berater?
Karner: Der Begriff „Ernährungsberater“ ist leider nicht gesetzlich geschützt – jeder kann sich so nennen. Wer eine Diaetologin oder einen Diaetologen aufsuchen möchte, kann auf der Homepage des Berufsverbandes der Diaetologen Österreichs unter Diaetologen-suche nachschlagen: www.diaetologen.at.
Entwicklung des Berufsbilds
Die Berufsgruppe der Diaetologen ist auch noch unter der früheren Berufsbezeichnung „Diätassistentin/Diätassistent“ bekannt. Dieser Name kommt aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts und betont die enge, „assistierende“ Zusammenarbeit mit dem Arzt. Diese Berufsbezeichnung passt jedoch heute nicht mehr, denn sie vermittelt nicht die Eigenständigkeit in der diättherapeutischen Behandlung, wie sie heute angeboten wird.
Die gesellschaftlichen Entwicklungen der 1980er und 1990er Jahre trugen dazu bei, dass das Thema Ernährung nicht nur von der Bevölkerung, sondern auch von Ärzten als zunehmend wichtig betrachtet wurde. Die Bedeutung der Berufsgruppe der Diätassistenten stieg, der Bedarf und die Anforderungen wuchsen. Das führte 1992 zur Novellierung des Ausbildungsgesetzes (Erhöhung der Ausbildungsdauer auf drei Jahre an einer Akademie) sowie zu einem eigenen MTD-Gesetz, das auch eine „Loslösung von der Pflege“ mit sich brachte. 2005 wurde die neue Berufsbezeichnung „Diaetologe/Diaetologin“ eingeführt.