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„Die Dagmar kommt!

Dagmar Wanek ist eine Familienpatin des NÖ Hilfswerks. In ihrer Freizeit besucht sie einmal in der Woche die fünf Kinder der Familie Gegenbauer aus St. Pölten, um deren Eltern zu entlasten


Der Alltag einer Familienpatin – wenn Dagmar kocht, helfen alle mit: (v.l.) Dagmar Wanek, Niklas, Natalie und René

Schüchtern öffnet die 14-jährige Natalie die Tür und geht mit kurzen, schnellen Schritten voraus ins Esszimmer, aus dem heitere Kinderstimmen dringen. Vor dem Computer sitzen vier Buben und singen gemeinsam ein Kinderlied, das Tobias, 13, im Englisch-Unterricht gelernt hat. „The wheels on the bus go round and round“ singen die Buben im Chor. Nur der kleine Jan-Luca kann noch nicht mit einstimmen. Aber klatschen, das kann er schon sehr gut.

Unterstützung für Familien

„Wirklich ruhig ist es bei so vielen Kindern nie“, erklärt Dagmar Wanek. Die 57-Jährige kommt in ihrer Freizeit etwa einmal pro Woche als Familienpatin des NÖ Hilfswerks in dieses Einfamilienhaus zu Besuch, und das schon seit eineinhalb Jahren. Heute ist wieder so ein Tag. „Die fünf Kinder wollen natürlich beschäftigt werden.“ Natalie ist mit 14 Jahren die Älteste, Tobias ist 13, Niklas ist zehn, René ist sieben und Jan-Luca ist drei Jahre alt.
Die Eltern, Barbara Gegenbauer und David Haumer, sind froh über die Unterstützung. Die 33-jährige Barbara macht gerade im Zuge des AMS-Programms „FIT – Frauen in die Technik“ eine Ausbildung zur KFZ-Einzelhandelskauffrau in Krems. Ihr Lebenspartner David, 39, arbeitet in St. Pölten als Einrichter.

Spaß als Ehrenamtliche

„Freizeit bleibt da kaum“, verrät Barbara. Deshalb steht ihnen Dagmar Wanek helfend zur Seite. „Wenn ich mich einen Nachmittag mit den Kindern beschäftige, können Barbara und David einmal in Ruhe einkaufen oder andere wichtige Dinge erledigen, zu denen sie sonst einfach nicht kommen würden“, meint die ehrenamtliche Helferin. Dabei ist sie selbst noch gar nicht in Pension. „Ich arbeite bei einem Heurigenbetrieb in der Küche, aber ich tue gerne ein bisserl was Gutes und die Nachmittage mit den Kindern machen mir wirklich Spaß“, erzählt sie.

Große Verantwortung

Ist Dagmar schon so etwas wie eine Tagesomi für die Kinder? „Niklas hat das einmal sehr nett ausgedrückt: Wenn ich jünger wäre, dann wäre ich sogar ihre Tagesmutti“, lacht die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. „Barbara und David könnten ja schon meine Kinder sein. Meine eigenen Buben sind 26 und 39 Jahre alt. Ich habe auch schon ein Enkelkind. Leider sehe ich es nicht oft, weil die Familie weit weg wohnt.“ Auch einen 65-jährigen Partner hat sie an ihrer Seite. „Deshalb verstehen viele Menschen auch nicht, warum ich in meiner Freizeit unbezahlt auf fremde Kinder aufpasse, jetzt wo meine eigenen Kinder aus dem Haus sind. Aber ich mag die Verantwortung und habe meine freiwillige Arbeit noch nie bereut“, verteidigt sie sich. „Diese Familie konnte ich mir sogar aussuchen, bei der eigenen Verwandtschaft geht das nicht.“

Verschiedene Besuchsdienste

Seit fünf Jahren arbeitet Dagmar Wanek nun schon ehrenamtlich für das NÖ Hilfswerk, anfangs im Besuchsdienst für Senioren. „Ich habe im Laufe der Zeit viele alte Menschen betreut. Viele sind mir schon weggestorben. Die Arbeit mit demenzkranken Patienten finde ich sehr schön, man bringt die Welt in ihr Leben zurück.“ Die Gegenbauers sind die erste Familie, die sie als Patin betreut. In ein paar Wochen wird sie zusätzlich den Besuchsdienst für ein altes Ehepaar übernehmen. Damit ist die umtriebige Walpersdorferin voll ausgelastet. Ein wenig Zeit für sich selbst braucht sie nämlich schon, um ihren zahlreichen Hobbys nachgehen zu können. Sie reist gerne, tanzt viel, liest und hält sich gerne in freier Natur und ihrem Garten auf.

Für den guten Zweck

Dagmar ist eine von 29 Frauen, die derzeit beim NÖ Hilfswerk als Familienpatinnen beschäftigt sind. Auch fünf Männer gibt es, die sich in ihrer Freizeit für den guten Zweck engagieren. Der kostenlose Service wird seit 2008 angeboten und von den Familien gut angenommen. Der Großteil der Freiwilligen besucht die Kinder allerdings nicht zu Hause, sondern arbeitet in Kinder- oder Schülertreffs: Sie holen ihre Schützlinge von der Schule ab, helfen ihnen bei den Hausaufgaben oder unternehmen Ausflüge mit ihnen. 3.000 ehrenamtliche Mitarbeiter gibt es beim NÖ Hilfswerk, etwa drei Viertel von ihnen sind älter als 55 Jahre, allerdings gibt es auch viele junge Menschen, die sich beispielsweise während ihres Studiums dort engagieren. Mag. Barbara Schwarz, Landesrätin für Soziales, Familie, Arbeit und EU-Fragen, bezeichnet unser Bundesland als „Land der Freiwilligen“: 47 Prozent der Niederösterreicher über 15 Jahren engagieren sich ehrenamtlich. Das sind etwa 760.000 Menschen, also ungefähr die Bevölkerung San Franciscos.

Freundschaft entwickelt

„Dagmar ist uns eine Riesenhilfe“, erzählt Barbara. Die junge Mutter der fünf Kinder, die nun aufgehört haben zu singen, legt Memory-Karten auf, um mit den beiden Kleinsten zu spielen. „Wir haben mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Und die Kinder lieben sie.“ Das kann Dagmar Wanek nur bestätigen: „Ich komme gerne her und es ist jedes Mal wieder schön, weil sich die Kinder freuen, wenn sie mich sehen. Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Und auch der zehn­jährige Niklas, der aufmerksam zugehört hat, streut Dagmar Rosen: „Ich finde es cool, dass sie da ist. Mit ihr können wir spielen, wenn Papa und Mama keine Zeit haben und oft gehen wir mit ihr in den Park oder Eis essen.“

Viele tolle Momente

„Es war eine gute Idee vom Hilfswerk, dass sie uns Dagmar als Familienpatin angeboten haben“, meint auch Vater David. „Niklas hatte eine Lernhilfe vom Hilfswerk, die regelmäßig zu uns gekommen ist, aber weil die anderen Kinder auch wollten, dass sie sich mit ihnen beschäftigt, sind die beiden nicht zum Lernen gekommen. Also hat das Hilfswerk eine Familienpatin angeboten und seitdem ist Dagmar bei uns.“
Auf die Frage, ob es nicht furchtbar anstrengend ist, fünf Kinder im Zaum zu halten, lacht Dagmar: „Beim ersten Ausflug in den Park habe ich es schon mit der Angst zu tun bekommen, als sie plötzlich alle sternförmig von mir weggelaufen sind. Da ist mir so richtig bewusst geworden, welche Verantwortung ich mir aufgehalst habe. Aber Tobias und ich konnten seine Geschwister wieder einsammeln und am Ende des Tages sind alle nach Hause gekommen.“
Und welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um eine gute Familienpatin zu sein? „Wer selbst Mutter war, hat alles, was man braucht”, lächelt Dagmar, „ich kann diese Tätigkeit nur weiterempfehlen, denn man tut nicht nur anderen etwas Gutes, sondern auch sich selbst. Ich lerne immer was dazu und finde die Beschäftigung mit den Kindern viel sinnvoller, als alleine zu Hause zu sitzen.“ Und auch von persönlichen Erfolgen kann Dagmar berichten: „Natalie hat bei mir zu Hause übernachtet. Das war für mich eine besondere Ehre, da sie sehr schüchtern ist.“ Solche Momente sind es, die Dagmar antreiben.
„Darf ich auch noch etwas sagen?“, fragt der siebenjährige René. Natürlich darf er. „Immer wenn Dagmar bei uns anläutet, freue ich mich und schreie ‚Die Dagmar kommt!‘“ Die Erwachsenen nicken: „Das tut er wirklich.“

Was wird Freiwilligen beim NÖ Hilfswerk geboten?

  • Für die Ehrenamtlichen gibt es eine Betriebshaftplicht- und Unfallversicherung.
  • fachliche Einschulung
  • Seminare (Themen sind zum Beispiel Kommunikation, Hilfe geben im Alltag, Entspannungsmethoden usw.)
  • Die Ehrenamtlichen können kostenlos eine Supervision in Anspruch nehmen.
  • Die Ehrenamtlichen erhalten einen Fahrtkostenzuschuss.
  • NÖ Card zum Selbst­kostenpreis von nur 20 Euro

Wollen auch Sie tätig werden?

Gertrude Frühwirth vom NÖ Hilfswerk informiert Sie gerne über Ihre
Möglichkeiten.
Tel.: 02742/249-2044, 0676/878734100 oder
gertrude.fruehwirth(at)noe.hilfswerk.at

FOTOS: Christa Hochpöchler, Gerald Lechner