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Detektive der Medizin

Von Kopf bis Fuß: Radiologen machen den gesamten Körper transparent. Und mit der interventionellen Radiologie ersparen sie heute Patientinnen und Patienten größere Operationen.


Claudia Steinschütz, stv. leitende Radiologietechnologin in Mödling, begutachtet das Sprunggelenk eines Patienten. FOTO: Felicitas Matern

„Ach, wenn es doch ein Mittel gäbe, den Menschen durchsichtig zu machen wie eine Qualle!“ Im 19. Jahrhundert legte der Dichter Philander in einem Märchen diese Worte einem jungen Landarzt in den Mund, als dieser nach einer Möglichkeit suchte, in den menschlichen Körper schauen zu können, ohne ihn aufschneiden zu müssen. Einige Jahre später, 1895, wurde diesem Wunsch ent­sprochen: Der deutsche Wissenschafter Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte die später nach ihm benannte Strahlung zufällig während eines Experiments. Erstmals wird so ein Blick auf das Innere des Körpers möglich – völlig schmerzfrei und in wenigen Minuten. Es ist der Ausgangspunkt einer wissenschaftlichen Revolution, die unzähligen Menschen das Leben rettet. Dafür erhielt Röntgen 1901 den ersten Nobelpreis. Und das heutige Landesklinikum Wiener Neustadt bekam bereits im Jahr 1897 den ersten Röntgenapparat.

Seither hat sich die Radiologie rasant entwickelt, die Möglichkeiten sind geradezu explodiert – von der klassischen Röntgenaufnahme bis hin zu modernen Untersuchungsmodalitäten wie Ultraschall, Angiographie, Computer- und Magnetresonanztomographie (siehe unten). „Uns stehen heute hochkomplexe Verfahren zur Verfügung, mit denen wir nach krankhaften Prozessen im menschlichen Organismus suchen können“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Andreas Chemelli, Vorstand des Instituts für diagnostische und interventionelle Radiologie im Landesklinikum Baden-Mödling. Die Radiologie spielt für alle anderen Fächer im Klinikbetrieb eine zentrale Rolle, steht doch vor der Therapie immer die exakte Diagnose.

Routine & Herausforderung

Die jeweiligen Untersuchungen machen die Radiologietechnologen; Analyse und Befundung der Aufnahmen sind dann Sache der Radiologen. Was für den Laien trocken klingen mag, ist eine spannende Arbeit: Der Mediziner überprüft das radiologische Bildmaterial auf Auffälligkeiten. Fast wie ein Detektiv sammelt er Indizien und Beweise – oder Gegenbeweise. In einem Bild, das oft aus mehr als 250 verschiedenen Grautönen besteht, identifiziert der Radiologe selbst kleinste Abweichungen. Er erkennt, ob es sich um krankhafte Veränderungen handelt oder nicht. Bei den modernen Schnittbildverfahren wie CT und MRT befundet der Radiologe nicht nur ein einzelnes Bild, sondern eine Folge von mehreren hundert Aufnahmen einer Körperregion.
„Ob jemand operiert oder medikamentös behandelt wird oder vielleicht ganz ohne Therapie nach Hause geht, stützt sich letztlich auf die Arbeit des Radiologen. Er braucht also einen guten umfassenden Blick und muss eine klare Stellungnahme treffen können, basierend auf soliden und verlässlichen Daten“, erklärt Chemelli. Daraus ergibt sich eine große Verantwortung: „Wir müssen sehr exakt arbeiten, denn sonst stützen die zuweisenden Kollegen ihre Behandlung auf eine fehlerhafte Diagnose.“ In der Praxis bedeutet das viele Stunden vor dem Bildschirm: „Einen Großteil des Arbeitstages verbringe ich damit, auf Computer­bildern nach Ursachen zu suchen.“
Wie abwechslungsreich ist die Arbeit in einer Domäne, die sich selbst als „Dienstleister anderer medizinischer Sparten“ sieht? Der erfahrene Radiologe kann über Eintönigkeit nicht klagen: „Sehr viele Untersuchungen sind natürlich Routine und kommen täglich zig-mal vor. Trotzdem haben wir jeden Tag einige wirklich komplizierte Fälle, die wir im Team besprechen müssen. Das Spektrum, in dem wir arbeiten, ist wirklich breit.“

Radiologe als Therapeut

Die Spezialisten fürs Innere müssen sich daher in allen Körperregionen auskennen und einiges über Krankheitsbilder wissen. Mit den Patienten an sich hat der Radiologe aber wenig direkten Kontakt – besser gesagt, hatte. Denn ein relativ neues Standbein der Radiologie bringt ihn zunehmend mehr auf Tuchfühlung mit seinen Patienten: Die Radiologie hat sich gewandelt – weg vom rein diagnostischen Fach hin zur Therapieform. Unterstützt von Bildern, die Röntgen, Ultraschallgeräte, Computer- oder Magnetresonanztomographen liefern, führen Radiologen selbst mittlerweile an vielen Organsystemen minimal-invasive Eingriffe durch und ersparen Patienten damit größere Operationen.
Beispielsweise lassen sich auf diese Weise verschlossene oder verengte Gefäße wieder öffnen. Chemellis Steckenpferd ist die interventionelle Radiologie samt Angiographie, er leitete sechs Jahre die Abteilung für Angiographie und interventionelle Radiologie an der Universitätsklinik Innsbruck, bevor er im Jänner 2013 als Vorstand ins Landesklinikum Baden-Mödling wechselte. Mit einem versierten Team hat er nun auch in Niederösterreich diesen Schwerpunkt gesetzt. Die frühere Bezeichnung „Radiologie-Institut“ hat sich gemäß den neuen Schwerpunkten geändert – es heißt nun Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie.

Schutz vor Strahlung

Wie ist es eigentlich um die Gesundheit von Radiologen bestellt? Ist die ständige Strahlung nicht schädlich? Chemelli verneint: „Die meisten Untersuchungen sehen wir uns aus Nebenräumen an. Und bei der Arbeit am Patienten tragen wir eine Schutzweste und ein Strahlenmessgerät am Körper.“ Er gibt auch für die Patienten Entwarnung, da von Gesetzes wegen radiologische Untersuchungen nur durchgeführt werden dürfen, wenn der zu erwartende Nutzen den zu erwartenden Schaden bei Weitem überwiegt. Und bei modernen Geräten ist die Strahlendosis ohnehin sehr gering.
Der rasende Fortschritt in der Radiologie hat den Patienten viele gesundheitliche Vorteile im Bereich der Früherkennung und Therapie gebracht, zwingt jedoch Radiologen dazu, sich ebenso schnell weiterzuentwickeln. „Wir sind ständig am Lernen“, sagt Chemelli, „in diesem Fachbereich muss man einfach immer am Puls der Zeit sein.“ Der Blick ins Körperinnere fasziniert ihn noch heute – mit immer präziseren Methoden in einen lebenden Organismus hineinzuschauen, von Kopf bis Fuß – Radiologen kennen sich in allen Körperregionen bestens aus. Mit ihrem „Röntgenblick“ diagnostizieren sie den Schlaganfall im Gehirn ebenso wie den Bänderriss im Sprunggelenk. Allrounder mit Durchblick eben.

Landesklinikum Baden
Wimmergasse 19
2500 Baden
Tel.: 02252/9004-0
www.baden.lknoe.at

Landesklinikum Mödling
Sr. M. Restituta-Gasse 12
2340 Mödling
Tel.: 02236/9004-0
www.moedling.lknoe.at

Ausbildung zur Radiologin/zum Radiologen

Wer Radiologin/Radiologe werden will, muss eine lange und profunde medizinische Ausbildung absolvieren. Seit Jänner 2015 ist die Novelle des Ärztegesetzes in Kraft, ab Juni kann die neue Ausbildung begonnen werden, die nun folgendermaßen aufgebaut ist: Nach dem Medizinstudium müssen Ärztinnen und Ärzte eine neunmonatige Basisausbildung im Krankenhaus absolvieren, um das praktische Rüstzeug für die Ausübung des Berufs zu erlernen. Darauf folgt eine 15-monatige Grundausbildung. Danach kommt die Schwerpunktausbildung, die zumindest 27 Monate dauert. Dabei stehen maximal sechs Module zu bestimmten Fachinhalten zur Wahl. Die bisherigen Additivfächer entfallen und werden in die Ausbildung integriert.

Bildgebende Verfahren

Die diagnostische Radiologie arbeitet heute hauptsächlich mit vier Verfahren:

  • Radiographie: Beim „klassischen“ Röntgen wird der Körper aus einer Richtung mit Röntgenstrahlung durchleuchtet. Auf der Gegenseite wird die Strahlung mit geeigneten Materialien registriert und in ein Bild umgewandelt. Radiographische Untersuchungen ohne Kontrastmittel sind beispielsweise Röntgen des Thorax (Herz, Lunge und Brustkorb) oder des Skeletts sowie die Mammographie (Brust). Mit Kontrastmittel werden unter anderem Angiographie (Gefäße), Arteriographie (Arterien), Phlebographie/Venographie (Venen) oder Lymphographie (Lymphgefäße) sowie Kontrastmittel-Durchleuchtungen einzelner Körperteile durchgeführt.
  • Computertomographie (CT): ist die computergestützte Auswertung vieler aus verschiedenen Richtungen aufgenommener Röntgenaufnahmen eines Körperteils, um ein dreidimensionales Bild mit höherer Aussagekraft als beim herkömmlichen Röntgen zu erzeugen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): verfügt ebenfalls über eine hohe Aussagekraft und einen besonders guten Weichteilkontrast. Außerdem entstehen keine ionisierenden Strahlen, dafür aber ein höherer zeitlicher und apparativer Aufwand.
  • Sonographie: Ultraschall ist schonend, wiederholbar und ermöglicht eine Beurteilung in Echtzeit, eignet sich jedoch nur für bestimmte Gewebe und Areale des Körpers.

Interventionelle Radiologie

Die interventionelle Radiologie ist ein Teilgebiet der Radiologie, bei dem es nicht – wie ansonsten im radiologischen Bereich – um eine Diagnosefindung geht, sondern um aktive Behandlungsmethoden mithilfe radiologischer Technik. Zum Einsatz kommen dabei minimal-invasive Methoden, also Katheter und winzige medizinische Instrumente, die den Körper so wenig wie möglich belasten sollen. Es handelt sich um eine Art der Knopflochchirurgie, bei der es lediglich zu kleinsten Verletzungen der Körperoberfläche kommt. Die Belastung für Patientinnen und Patienten ist somit vergleichsweise gering. Einsatzgebiete sind vor allem die Therapie von Gefäßerkrankungen, Behandlung von Tumor­erkrankungen (Verschluss von Tumorgefäßen und Applikation von Chemo­therapeutika über Katheter, Radiofrequenzablation) und die Embolisation (Gefäßverschluss durch kleine Kunststoffpartikel).