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Der Arzt für Lebende

Fernab aller Klischees vom Totenbeschauer bis Gerichtsmediziner: Pathologen sind die Experten für menschliche Zellen und Gewebe – und wichtige Partner der behandelnden Ärzte.


Beim Herstellen von Gewebe­schnitten muss Marie Schimatovich äußerst vorsichtig und konzentriert vorgehen, um Verunreinigungen zu vermeiden.

Prim. Priv.-Doz. DDr. Hermann Brustmann,
Leiter der Klinischen Pathologie im Landesklinikum Baden-Mödling

Landesklinikum Baden
Wimmergasse 19
2500 Baden
Tel.: 02252/9004-0
www.baden.lknoe.at

Landesklinikum Mödling
Sr. M. Restituta-Gasse 12
2340 Mödling
Tel.: 02236/9004-0
www.moedling.lknoe.at

Der Pathologe: ein medizinischer Eigenbrötler, zuhause in Stille und Neonlicht, der sich das Kellergeschoss mit Toten teilt. Zynisch und etwas morbid im Persönlichkeitsprofil. So in etwa das landläufige Bild dieser schwer greifbaren und extrem facettenreichen medizinischen Fachrichtung. Das mag daran liegen, dass der Pathologe für den Patienten meist unsichtbar und gesichtslos bleibt und nur durch einen Befund zu ihm spricht. Andererseits transportieren auch die Medien oft ein klischeehaftes Bild des Pathologen als „Leichendoktor“, sei es etwa in diversen Krimiserien oder im österreichischen Erfolgshit „Aufschneider“. Umso mehr ist es an der Zeit, mit Klischees aufzuräumen und die Pathologie als das zu sehen, was sie ist: reichlich Abwechslung, fächerübergreifende Zusammenarbeit, höchste Konzentration. Und neben der umfangreichen Arbeit für Lebende eben auch Obduktionen.

Der Pathologe und sein Mikroskop

Was den Beruf ausmacht, weiß wohl keiner besser als Prim. Priv.-Doz. DDr. Hermann Brustmann, Leiter der Klinischen Pathologie im Landesklinikum Baden-Mödling. Seit 30 Jahren arbeitet er in seiner Station: „Die Pathologie war das Fach, in dem ich immer schon arbeiten wollte“, sagt Brustmann, der außerdem aktiv in der Forschung und als Gutachter für Fachjournale tätig ist. Ein berufener Pathologe also, mit Leib und Seele. Was aber gehört denn nun zu seinem Berufsalltag? „Den Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich hinterm Mikroskop“, erklärt Brustmann. Das Befunden von histologischen Proben und Abstrichen ist eine seiner Hauptaufgaben. Biopsien der Brust bei Verdacht auf Krebs, Gewebsproben aus Magen und Darm, Abstriche des Gebärmutterhalses: Alles landet, nachdem es von einem perfekt organisierten Team gefärbt und in Schichten von einem tausendstel Millimeter Dicke geschnitten wurde, unter dem Mikroskop des Pathologen.

Exaktes Arbeiten

Das Aufbereiten der Proben ist ein extrem heikles Unterfangen, das genauestes Arbeiten und akribische Dokumentation erfordert. Verunreinigungen und Verwechslungen müssen ausgeschlossen werden. Verarbeitung und Befundung müssen möglichst schnell erfolgen, um die Wartezeit auf die Diagnose für den Patienten kurz zu halten. Das fertige Präparat muss schließlich auf unterschied­liche Aspekte hin untersucht werden: Liegt ent­artetes Gewebe, also Krebs, vor? Welche Art von Krebs? Wurde der Tumor in seiner Gesamtheit entnommen oder ist etwas im Körper verblieben? All diese Aspekte bestimmen das weitere Vorgehen, die Therapie sowie die Prognose des Patienten. Exaktes und konzentriertes Arbeiten, lückenlose Dokumentation und effiziente Kommunikation sind hier von allergrößter Wichtigkeit. Genauso standardisierte Prozesse, ist Pathologe Brustmann überzeugt: „Alles geht heute durch die automatisierte Arbeit und Computerunterstützung schneller.“
In der Diagnose von Krebserkrankungen kommt der Pathologie heute eine besonders wichtige Rolle zu. Deshalb findet in den NÖ Landeskliniken regelmäßig, meist einmal pro Woche, eine interdisziplinäre Konferenz statt, das sogenannte Tumorboard, bei dem sich Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen zusammensetzen und jeden Krebspatienten individuell besprechen. Internisten, Chirurgen, Radiologen und Pathologen sitzen an einem Tisch und haben die Möglichkeit, aus verschiedenen fachlichen Blickwinkeln und diagnostischen Momentaufnahmen ein einheitliches Bild des Patienten zu bekommen und gemeinsam die beste Behandlung festlegen. Diese relativ neue Herangehensweise stellt vor allem für die Pathologen, die vorher nur in Form eines Histologiebefundes zu Wort kamen, eine enorme Veränderung dar. „Früher war die Pathologie eher abseits vom klinischen Geschehen, heute ist Kommunikation mit den anderen Fachrichtungen besonders gefragt;  jetzt wird unsere Expertise quasi an die Behandlungsfront getragen“, freut sich Brustmann. „Außerdem wird für mich das Patientenschicksal dahinter klarer, genauso wie die Folgen der pathologischen Diagnose. Ich lerne ungeheuer viel dabei, und es ist sehr spannend.“
Die maßgeschneiderte Therapie bedeutet also für Mediziner wie Patienten gleichsam einen großen Gewinn, ganz zu schweigen davon, dass auch Ärzte unterschiedlicher medizinischer Fachrichtungen etwas voneinander lernen können. Und es ist kein Geheimnis, dass Zusammenarbeit und Kommunikation der Schlüssel zu einer effizienten Behandlung sind. Gerade zwischen Pathologen und Fachärzten anderer Fachrichtungen sind die Gespräche enorm wichtig. Um dabei stets nach dem neuesten Stand der medizinischen Wissenschaft arbeiten zu können und Behandlungsqualität auf höchstem Niveau zu garantieren, ist stetige Qualitätssicherung unverzichtbar. Die Teilnahme an Ringversuchen, internationalen Fortbildungsveranstaltungen sowie eigenständige Forschungstätigkeit dienen Brustmann und seinem Team dabei als Werkzeuge des Qualitätsmanagements, die ISO-Zertifizierung ist eindrucksvolles Zeugnis der umfangreichen Bemühungen am Pathologie­institut des LK Baden-Mödling.

Vielfältiges Aufgabengebiet

Neben der Histologie und der Zytologie ist die Mikrobiologie und Resistenzbestimmung der dritte große Aufgabenbereich des Pathologen. Blut, Harn, Stuhl und sonstige Körperflüssigkeiten von Infizierten werden auf Bakterien und Pilze untersucht. Und dabei ist Schnelligkeit wieder besonders gefragt wie beispielsweise bei der Diagnose der Sepsis. Die Erreger müssen zu ihrer Vermehrung angezüchtet werden. Anschließend werden sie gegenüber verschiedenen Antibiotika bezüglich ihrer Resistenz getestet. Weiß man, womit man es zu tun hat, setzt man die Kulturen verschiedenen Antibiotika aus, um zu sehen, welches bestmöglich wirkt. Viele Erreger sind durch übermäßigen oder unvorsichtigen Einsatz von Antibiotika inzwischen gegen die gängigen Wirkstoffe resistent, sie zeigen sich davon unbeeindruckt. Mittels dieser Methoden lassen sich Resistenzen schnell bestimmen, um sofort mit einer gezielten, wirksamen Behandlung zu beginnen.
Die Obduktion stellt nur einen wesentlich kleinen Bereich dar. Die Indikation zur Obduktion erfolgt gemäß Krankenanstaltengesetz. Hier spielt wieder Qualitätssicherung eine große Rolle. Letztendlich hat ein Lerneffekt aus Obduktionen in der Geschichte der Medizin viel beigetragen. Arbeiten und forschen an den Grundlagen des Lebens – kein Wunder, dass Brustmann in seinem Beruf voll und ganz zufrieden ist. „Pathologie ist etwas für jeden naturwissenschaftlich interessierten Menschen“, ist er überzeugt. Es ist ein breites Spektrum an Methoden, Krankheitsbildern, Geräten und eine Vielzahl an Kollegen aus allen Fächern, mit denen man täglich zu tun hat. Es ist ein fordernder, abwechslungsreicher Beruf, der aber sicher auch der richtigen Einstellung bedarf. „Ich bin der Meinung, jeder Naturwissenschaftler sollte auch philosophisch reflektieren“, meint Brustmann, der in seinem Berufsalltag, genau wie die meisten seiner Kollegen, eben auch mit dem Tod konfrontiert ist. Und dennoch: Medizin und Pathologie wollen vor allem helfen, das Leben zu bewahren. Ausgleich zu seinem Alltag findet er in seinem starken Glauben, seiner Familie und seinen Hobbys. „Man muss den Tod als Teil der Gesamtexistenz sehen und verstehen. Ich habe eine pragmatische Einstellung zum Tod: Wenn ich nicht gehe, ist kein Platz für Kinder und Enkelkinder. Das ganze Leben funktioniert so.“ Ein gelassener Mann, der wie geschaffen wirkt für diesen Beruf.

Ausbildung zur Pathologin/zum Pathologen

Pathologinnen und Pathologen absolvieren nach abgeschlossener Matura erst einmal ein Studium der Humanmedizin (Mindestdauer: 12 Semester). Darauf folgt entweder der dreijährige Turnus, bei dem die Jungmediziner auf verschiedenen Stationen in Kliniken das praktische Rüstzeug erlernen, um ihren Beruf auszuüben, oder gleich die Facharztausbildung zum Pathologen. Die Ausbildung, die praktische und theoretische Teile beinhaltet, dauert mindestens sechs Jahre – vorgesehen sind vier Jahre Hauptfach und zwei Jahre Gegenfächer, um einen möglichst genauen Überblick zu erlangen.
Am Ende dieser Ausbildung steht eine kommissionelle Prüfung.